DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis  1720-1785  AUFKLÄRUNG

bilbit.jpg (2293 Byte)... Epochen-Kenntnisse angewandt auf LESSINGS ´RINGPARABEL´ aus ´Nathan der Weise´:


 

 

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Lösungsbeispiel für die Aufgabe:

zeige insbesondere am beispiel der ´ringparabel´aus lessings drama "nathan der weise", worum es deutschen dichtern zur zeit der aufklärung - im 18. Jhd. also - ging

 

 

Es funktioniert natürlich nur sehr bedingt, sich an einem kleinen Textbeispiel ein Bild von der Aufklärungs-Dichtung in Deutschland machen zu wollen.

 

Dennoch lassen sich ein paar Aspekte herausarbeiten.

 

 

Das hier zur näheren Analyse vorgelegte Textbeispiel stammt aus dem 18. Jhd., gehört also kulturgeschichtlich in die Epoche wachsender Kritik an der engen Zweckrationalität und Willkür des Absolutismus.

Es ist damit Ausfluß der Erfahrung, daß Konzept und u.a. konzept-bedingt veränderte Realität in eine Spannung zueinander geraten sind, in der es für allzu viele mehr und mehr allzu eng wird, so daß grundlegende Umstrukturierungen unausweichlich werden.

 

Wieder einmal steht damit die zeitgenössische Literatur vor der Aufgabe, Theorie zu er- und verarbeiten - eine Theorie der Kritik, die vorgetragen werden muß und eine Theorie dessen, was an die Stelle des funktionsuntüchtig gewordenen Alten zu treten hätte.

Die Volks-Sprache (anstelle der tradierten Universalsparche Latein), derer sie sich bei der Verfolgung dieser Unterfangen bedienen kann, ist dank der Sprachgesellschaftsarbeit der Barockzeit mittlerweile in Wortschatz und Grammatik so ausgearbeitet, und der Fundus literarischer Formen ist bis in die Antike zurück so sorgfältig und regelorientiert durchforstet, daß die Literaten des 18. Jhds. ein bis dahin nicht gekanntes Ausdrucks- und Gestaltungsspektrum zur Verfügung haben.

Neben vielen didaktisch ambitionierten fiktionalen Kleinformen wie Fabel und Parabel entsteht jetzt auch eine ungebrochen weltorientierte Dramenliteratur von hohem Niveau und erheblicher Wirkungsgeschichte.

Lessings Dramen markieren deren erste Aufgipfelung.

Sie spielen dabei auf höchst selbstbewußte Weise mit den eben erst erarbeiteten barocken poetologischen Regelwerken und entwickeln sie im Sinne einer Weltsicht fort, die ganz auf die umfassende Einsichtsfähigkeit - also d i e Vernunft - des Menschen setzt (nicht auf deren zweckorientiert verengte Spielarten!).

Diese Vernunft erschließt dem mündig gewordenen, sich und andere aufklärenden einzelnen ebenso die Welt wie das eigenen Selbst bzw. das Du und das Wir. Denn alles ist und alle sind Teil jenes Wunderwerks der kosmisch-kreativen Vernunft Gottes, als das die Mehrzahl der Aufklärungsdenker Welt und Mensch nun begreift.

... der Vernunft eines Gottes, dessen Allmacht in ihren Augen nicht dadurch erfahrbar zu werden vermag, daß dieser Gott etwa mit seinen eigenen Naturgesetzen beliebig spielte - im Zorn oder auf flehentliches Bitten der Menschen hin, wie es das tradierte ´theistische´ Gottesbild vermittelt hatte

... der Vernunft eines Gottes vielmehr, dessen Allmacht in seiner Fähigket zu einem Wurf lag, der sein inneres Entfaltungs- und Vervollkommnungsprogramm so in sich trug, daß es keiner weiteren Korrektureingriffe von göttlicher Seite mehr bedurfte. - Damit war das auf Einsehbarkeit gegründete ´deistische´ Gottesbild der Aufklärung geboren - für alle die, die daran festhielten, daß die innere Wahrheit und Gesetzlichkeit der Welt außerhalb von ihr einen Ursprungs- und Kristallisationsort umfassendster und perspektivisch ungebrochener Natur haben müsse.

 

 

  

lessings drama "nathan der weise" bewegt sich mit seinem literarischen kernstück, der ´ringparabel´, just im zentrum des aufklärerischen vernunftglaubens:

 

Das Stück spielt zur Kreuzzugszeit in Jerusalem, im 11./12. Jhd. also, und setzt sich damit eine der unvernünftigsten Aktionsketten der europäischen Geschichte zur Durchleuchtung vor.

Die hier zur näheren Analyse vorgelegte Ringparabel ist zentraler Teil einer Antwort, die der Jude Nathan, vor den kurdisch-islamischen Sultan Saladin gerufen und von diesem nach der wahren Religion befragt, dem mächtigen Fragesteller mit größter Vorsicht im Zentrum des Stückes gibt.

Nathan wählt nicht von ungefähr eine fiktional aufbereitete Antwortform - die nackte Quintessenz erscheint ihm ohne einleuchtende Vermittlung zu sperrig und auch zu schwer erinnerbar...

Parabolisch spiegelt er das vom Sultan aufgeworfene Problem in einen Erzählzusammenhang hinein, den er um die Scheitelgleichung: drei Religionen – drei Ringe baut.

Religionen seien Erbstücke wie Schmuckstücke zum Beispiel, Erbgeschichten wiesen Gesetzlichkeiten auf, die man leicht übersehe, wenn man nicht mit Hilfe von Analogieschlüssen genauer hinschaue:

So die Belehrungs- und Antwort-Strategie, die Nathan seinem Gesprächspartner Schritt für Schritt im Verfolg des Erzählens und Erläuterns enthüllt.

Und so einer von vielen vielversprechenden Wegen zur Erkenntnisgewinnung via Vernunfteinsatz, wie ihn namentlich auch Dramen-Literatur beispielhaft vorführen wollte.

 

Der von Nathan entfaltete Erzählzusammenhang ist also ein Erbzusammenhang.

Ein Erblasser empfindet eines Tages seinen 3 Söhnen gegenüber die traditionelle anerbenrechtliche Weitergabe des Familienbesitzes und der Clanregentschaft als lieblos und ungerecht und entscheidet sich für eine unausgesprochene Realteilungslösung. Als Erbe ist traditionell der Sohn kenntlich, dem der Vater jenen Ring vermacht, mit dem sich in längerer Kette bereits alle Clanführer schmückten - hatte dieser Ring doch überdies "die geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug".

Die Vervielfältigung der Ringe wird also zur Herzensangelegenheit des Erblassers. Der damit verbundene Streit um die materiellen Realien des Erbes tritt für ihn dabei offenbar hinter dem Wunsch zurück, alle gleich geliebten Söhne gleichermaßen mit der Kraft auszustatten, die ihm selbst vermutlich das Wertvollste an seiner Position im Familienclan gewesen war.

Aber dieser Streit ist durch das gewählte und für alle vorerst unklar bleibende Verfahren natürlich vorprogrammiert. Und unausweichlicherweise ist es ein Streit um die Erweislichkeit des rechten Ringes.

Diesen Streit setzt der erzählende Nathan ausdrücklich mit dem Streit um die Erweislichkeit der rechten Religion gleich.

In "ihren Gründen", ihren Wurzeln wie Begründungen also, gebe es zwischen allen drei großen monotheistischen Religionen keinen Unterschied: kein Gläubiger könne sich auf etwas anderes berufen als auf das Wort seiner Väter. Und niemandem als ihnen könne er mehr vertrauen.

Andere Echtheitsbeweise gewönnen sich die Anhänger einer Religion allein dadurch, daß sie vertrauensvoll, innerlich frei und voller Liebe deren Kraft an den Tag brächten - - wie die Erben der 3 Ringe, ein jeder "die Kraft des Steins in seinem Ring" ...

 

Saladin wird nach diesen Analogiebildungen unmittelbar klar, daß allein Freundschaft und keinesfalls Krieg die Echtheit und den Wahrheitsgehalt einer Religion unter Beweis stellen kann. Und überschwenglich bittet er seinen jüdischen Gesprächspartner um die seine.

  

 

Lessing geht es bei der kritischen Auflösung unsinniger Religions- und Kulturstreitigkeiten damit noch um weit mehr als um bloße Toleranz, die Bereitschaft also, Fremdes auszuhalten, obwohl es einen so oder so stört.

Religion ist für ihn ein Phänomen, dessen innerer Wahrheit sich mit Hilfe der Vernunft auf die Spur kommen läßt.

Und sie ist ihm ein Phänomen, dessen denkbar wertvolle Kraft darin bestehen könnte, wie die Ringe in Nathans Parabel "vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht (sie) trug" - wenn denn ihre Anhänger sich endlich auf diese Kraft besännen, statt unsinnig brutal und leidvoll mit einander zu rivalisieren.

Von hier aus könnte, ja müßte Religion Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen sein, ihren noch so verschiedenen Varianten brüderlich zugetan, also Grundlage eines alle Engherzigkeiten und Begrenztheiten in Gesellschafts-Chauvinismen eines Tages überwindenden Weltbürgertums - dessen politisch-theoretische Grundlegung die natur- und staats-rechts-theoritischen Reflexionen der Zeitgenossen lieferten...