DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis  17./18. Jhd.  BAROCK

bilbit.jpg (2293 Byte)... Epochen-Kenntnisse angewandt auf GRYPHIUS´gedicht ´ES IST ALLES EITEL´:


 

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Lösungsbeispiel für die Aufgabe:

zeige insbesondere am beispiel dieses grypius-gedichtes aus dem 17.jhd.., worum es deutschen dichtern zur zeit der überwindung des glaubenskriegs- und grossmächtebildungs-zeitalters durch den absolutismus ging

 

Es funktioniert natürlich nur sehr bedingt, sich an einem kleinen Textbeispiel ein Bild von der Barock-Dichtung in Deutschland machen zu wollen.

 

Dennoch lassen sich ein paar Aspekte herausarbeiten.

 

Das hier zur näheren Analyse vorgelegte Textbeispiel stammt aus dem 17. Jhd., gehört also kulturgeschichtlich in die Epoche von Barock und gegenreformatorisch sich aufbauendem Absolutismus.

Es ist damit Ausfluß der Erfahrungen leidgeprüfter Glaubenskriegsgenerationen (Deutschland hat in den Wirren des 30jährigen Krieges ein Drittel seiner Bevölkerung eingebüßt und seine alte wirtschafts- und europapolitische Zentralstellung radikal verloren), und es ist Ausfluß der Erfahrungen von Menschen, die den Rationalismus in der überbordernden Repräsentationsorientiertheit ihrer neuen absolutistischen Fürsten ebenso bewundern wie als ein Stück weit zumindest auch als verfehlt erleben.

 

Immer noch nämlich gehören Politik und Religion aufs Engste zusammen. Aber ihr Bündnis ist bereits theoretisch in sich widersprüchlich geworden:

Was für die Untertanen als religiös vermittelter Moral- und als staatlich verordneter und ganz vom Herrscher verfügter Organisations-Kodex gilt...

... läßt den Herrscher als von allen Gesellschaftskräften und –Anforderungen losgelösten Repräsentanten Gottes außen vor. Er braucht sich ganz im Sinne der Machiavellischen Analysen an keine Moral zu halten. Seine gottgegebene Zentralaufgabe ist der Aufbau einer machtvollen Ordnung, die die Triebe der Menschen und die zeitbedingt sich herausbildenden strukturellen Veränderungen kanalisiert – im Sinne Gottes ---?

 

---: das eben ist unter anderem die Frage all jener, die kulturell mit zu tragen und mit zu entwickeln, zu füllen suchen - bürgerliche Künstler und Gelehrte zumeist -, was ihnen eine zeitgemäße Antwort auf die Erfahrung des homo homini lupus der Glaubenskriegsjahre zu sein scheint...

... und sie dann doch wieder und wieder in Zweifel stürzt!

Denn diese Antwort ist bombastisch in ihren weltversessenen Ausdrucksmitteln, ihrer Prunkliebe, ihren manipulativen Beherrschungszielen, verliebt in alle Formen rationaler Kontrolliertheit und Ausgearbeitetheit ...

(-im literarischen Bereich ablesbar an der Bildung von gelehrten Sprachgesellschaften wie an einer Menge gattungstheoretischer Arbeiten, denen alles an durchrationalisierter Normierung liegt; ...)

...und die Theorien, aus denen heraus dieser Bombast entsteht, sind zugleich solche tiefer Weltverachtung und Skepsis allem schönen, aber letztlich nichtswürdigen Schein gegenüber.

 

 

Gryphius´gedicht "es ist alles eitel" vedeutlicht ganz typische elemente der genannten barocken skepsis:

 

In harten Antithesen läßt der Autor ein melancholisch-resigniertes lyrisches Ich über alle möglichen Formen von Weltversessenheit und deren Unsinnigkeit räsonieren sowie beklagen, daß das Eigentliche - die Betrachtung des Ewigen, Gottes und der Weltgesetze nämlich - vorderhand kaum im Blick sei: "Noch will..." (Z....)

 

Er tut dies unter Nutzung der strengen Formgesetze der Sonettform als der durchgebildetsten aller Gedichtformen...

... im Rahmen zweier mehrfach in sich antithetisch verschränkter Vierzeiler-Strophen, deren zweite bereits eine erste Synthese enthält ("Nichts ist..."(Z...)) zunächst, ...

... an die sich die den Gedankengang weiter synthetisierenden beiden Abschluß-Dreizeiler fügen: mit einleitend auf den Menschen bezogener Zusammenfassung, neuerlich antithetisch gebauter rhetorischer Frage und rhetorisch-klagender Einordnungsaufzählung - als Vorspiel zur Schluß-Synthese aus allem zuvor Genannten.

 

Auf diese Weise wird ein kunstvoller Beweisführungsgedankengang für die Titelthese geboten. Er besteht aus den folgenden Großschritten:

Weltversessenheit sei eitel, denn sie stürze alle in einen selbstgefälligen Taumel von Einreißen zu Aufbauen zu Einreißen zu...

...

Ja, Weltversessenheit, Selbstgefälligkeit, Eitelkeit produzierten Vergänglichkeit regelrecht - letztere sei damit das zentrale, und wohl ewige Weltgesetz schlechthin, dem selbst die sich nur langsam verändernde unbelebte Natur unterworfen sei

...

Weltversessenheit entspringe dem Wahn, die Früchte eitlen Tuns könnten die Zeiten überdauern, den einzelnen Menschen der Vergänglichkeit entreißen, weil wir sie, solange wir sie hätten, so sehr schätzten und genössen

...

Nichts von all den Früchten eitlen Tuns lasse sich jedoch über die Zeiten hinweg finden, alles verschwinde letztlich spurlos - sei damit "schlechte Nichtigkeit" - angesichts des ewigen Gottes und der ewigen Vergänglichkeit, der seine Schöpfung unterliege: ´Betrachtung´, nicht Aktionismus sei die Haltung, um die es gegen den eitlen Strom der Zeit zu gehen habe!

...

 

 

Besonderer ästhetischer Effekt ist hier selbstredend, daß Gryphius und sein hier erfundenes lyrisches Ich genau in dem stecken bleiben, was sie ebenso wortreich wie kunstvoll beklagen:

formend sind sie bemüht, das in der Betrachtung gewonnene Wissen vor dem Vergessen zu bewahren und damit nicht minder sich selbst.

Sie spielen mit der Spannung, die sie fühlen, vermögen sie aber gerade nicht zugunsten des nur vage erkannten und ersehnten ganz Anderen zu lösen.

 

Das Durchdenken gefühlter und erkannter Zusammenhänge zielt auf Verallgemeinerbares. Um seine Formulierung geht es, so regelhaft und damit rational als möglich, nicht um individuellen Gefühlsausdruck. Um Allgemeinheit auch, die auch politische Skepsis thematisiert, aber weder allein, noch zuvorderst.