DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis
1820-1850 Biedermeier![]()
In den 20er Jahren des 19. Jhds. begann in Deutschland die Auseinandersetzung der deutschen Literatur mit dem eigentlich Neuen des Jahhunderts: mit Realismus und Materialismus - das Zeitalter des Idealismus (Klassik und Romantik) war zuende zwar hat die junge Generation zu einem Teil versucht, an dem als Vorbild erkannten Erbe festzuhalten, aber mit der Aufnahme und Fruchtbarmachung realistischer Elemente wurde der Abstand immer deutlicher ein Wille zur Kreisbildung spielte ebenfalls keine Rolle mehr stattdessen erstarkte der Wille zu einer individualistischen schlichten, genügsamen, bürgerlichen Kultur, deren Ziel die Erhöhung und Stilisierung ihrer Wirklichkeit war (... in der Klassik war zum letzten Mal der Hof kultureller Mittelpunkt gewesen... ... in der Romantik hatte der Adel noch einmal als erneuerte schöpferische Kraft Spielräume gewonnen...) ä wo jetzt durch die politische Restauration getragene adelige Schriftsteller eine Rolle spielen, fühlen sie den Zwiespalt ihres Standes mit der unaufhebbar bürgerlich gewordenen Zeit und suchen ihn manchmal durch die Annahme bürgerlicher Namen zu überbrücken (Lenau, Halm, Grün) bürgerliche Errungenschaft der Zeit ist zudem die Gründung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels 1825 und das Urheberschutzgesetz des Deutschen Bundes 1845 Nach der Revolutions- und Kriegszeit war das Bürgertum freilich enttäuscht und müde - in der Mehrheit nur bedingt unzufrieden mit dem Ergebnis des Wiener Kongresses: es gewährte zwar keine Sicherung individueller Rechte, aber das beruhigende Gefühl, wieder in einer festen Ordnung zu leben Zurückgezogenheit und Privatleben gelten alles - geordnet durch Ganzheiten wie Religion, Staat, Heimat, Familie die Möglichkeit einer Mitarbeit im Staate war ja durch die Wiener Schlußakte und die Karlsbader Beschlüsse beispielsweise verweigert - die preußischen Reformen von 1807-10 wwaren zurückgenommen, absolutistische Regierungsweisen waren an der Tagesordnung Orientierung für diese Haltung bot den Zeitgenossen die Philosophie Friedrich Hegels (1770-1831): er löste den romantischen Volksbegriff vom Staatsbegriff - der gewachsene Staat ist aus sich heraus sittlich, ein natürlicher Rechtsstaat, dem sich zu beugen und für den zu arbeiten Verpflichtung sei Während die Romantik sich häufig den Realiutäten des Lebens gegenüber bverschlossen oder sie im Fluge der Gedanken übersehen hatte, versuchte das Biedermeier eine Synthese: den Realidealismus Man wollte nicht reiner Nachzeichner der Vorgänge sein, die das 19. Jhd. immer mehr als von rationalen, kausalen, mechanischen, psychologischen oder politischen Gesetzen geprägt zeigten: die Ideale wurden bewahrt, aber der Gegensatz zur Wirklichkeit stark empfunden und zugegeben Die Anerkennung des sittlichen Ideals führte zu Resignation und Entsagung im realen Bezirk: Bändigung der Leidenschaften und dämonischen Kräfte (Stifter, Grillparzer, Drost, Mörike), Verzicht auf das große Leben, das Sichasuleben; stattdessen Schätzung des inneren Friedens, der Ordnung, des eingezogenen Glücks Thematisierung auch der Gefahren dieser Geisteshaltung: die Scheu vor der Tat, die Neigung zum Quietismus, zur Unterordnung, zum Weg des geringsten Widerstandes Die Begegnung mit der Realität spielte sich nur in der Enge, im Alltag ab Dort wurde die Realität als Kraftquelle bejaht, es wurde ihr nicht ausgewichen: Erfüllung der Pflicht, Genügsamkeit, Fleiß und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst und nicht um des Gewinns willen getan wurde, galten als vorbildlich Ideal biedermeierlicher Lebenserfüllung: im engen Bezirk fruchtbar zu wirken Stifters Ideal von der "Andacht zum Kleinen"... ... entsprachen auf geisteswissenschaftlichem Gebiet Jakob Grimms Ausspruch von der "Andacht zum Unbedeutenden"... und Rankes Mtheode, "aus dem Besonderen zum Allgemeinen aufzusteigen" es war die Epoche des "Sammelns und Hegens"
Die starken Kämpfe, die es kostete, von der idealistischen Sicht aus mit den Realitäten der Zeit fertig zu werden, machten aus den Dichtern der Epoche häufig Schwermütige, Fliehende, Verzweifelte, Hypochonder Lebensangst bildete den Untergrund - bei Lenau brach sie auch bis in sein Schaffen durch (vgl. Kiekegaard, dessen Philosophie in jenen Jahren entsteht); die Dichter waren übersensible Naturen, die vor jedem Anruf der Wirklichkeit mimosenhaft zurückschreckten und sich ihr doch immer wieder stellten; Lebensweise: oft in ländlicher Vereinzelung; Lenau starb im Wahnsinn, Raimund und Stifter durch Selbstmord, Mörike und Grillparzer waren beherrscht durch Hypochondrie und Verbitterung, die Droste ein Leben lang gequält von Krankheit und unerfüllbaren Lebenshoffnungen - die Philosophen der neuen Zeit (Strauß, Feuerbach, Schopenhauer) bedeuteten ihnen Gefährdung ihrer Lebenshaltung; Grundzug der Literatur: Heiterkeit auf dem Grunde der Schwermut - Heiterkeit ist hart erkämpfte Harmonisierung von Gegensätzen im Ausdruck: stark typisierend, unartistisch, jedoch empfindungsreich und vielgestaltig Ziel und Resultat: Volkstümlichkeit für Stifter ist Kunst "Arbeit an dem Himmlischen dieser Erde" - alles, was die Harmonie sprengt, das Dämonische, die großen Leidenschaften (Erotik, Heroentum, Exzentrizität, Schwärmerei), wurden nicht als schön und erhaben, sondern als schmerzlich und zerstörend empfunden Gefühl und Pantasie sind stark ausgeprägt - aber an konkrete Lebenserscheinungen gebunden; Humor aus der Liebe zum Unscheinbaren - eines der stärksten Mittel detailrealistischer Wirklichkeitserfassung bis hin zu schwereloser Anmut (Mörike, Raimund, Nestroy): denn in den Dingen, bes. in der Natur gingen Ideal und Wirklichkeit in eins auf; starkes Gespür für Stimmungen und das Ineinandergreifen von Sinneswahrnehmungen wie für das atmosphärische Eigenleben einer Epoche, realistische Freude an der Vergangenheit, bes. der engeren Heimat (Gotthelf...); (Bewahren des Überkommenen im Bewußtsein des Transitorischen der Erscheinungen und des notwendigen Verzichts Politisches erschien als vordergründig, einmalig, laut stattdessen Seismographie der Bewegungen und Gefährdungen der Zeit - manchmal aus nostalgischer Haltung heraus
viel verbreiteter als die wirklich dichterischen Leistungen der Zeit war ein erstmals breiter Strom von Trivialliteratur, der die Tendenzen der Epoche in flachster Weise aufgriff und popularisierte