DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis 

1910-1925   Expressionismuswpe102.jpg (15470 Byte)


 

 

ab 1910 etwa meldete sich die Generation der zwischen 1875 und 1895 Geborenen literarisch äußerst effektvoll zu Wort: expressiv - expressionistisch

diese neue literarische Bewegung entwickelte sich aus einer ästhetisch-philosophisch orientierten zu einer politisch betonten - Wasserscheide dieser Entwicklung war der 1. Weltkrieg (1914-18)

die frühen Expressionisten litten unter der Verlogenheit, der Sinnlosigkeit und dem Chaos des modernen Lebens

sie verwarfen das gesamte positivistische (auf das Sammeln von positiv belegtem Erfahrungswissen gerichtete wissenschaftsorientierte) Weltbild des 19. Jhds.: Natur im Sinne der Naturalisten, Realismus, Logik, Kausalität und Psychologie wurden abgelehnt

antistaatliche wie antibürgerliche, antitechnizistische Haltung

stattdessen: Entfesselung des Individuums, der Disharmonie und Anarchie in der Welt und im menschlichen Gefühlsleben, der Vertrautheit mit dem Tode

Unter dem Eindruck des Weltkrieges berstärkten sich all diese Absagen, es entstanden aber auch Gedanken an eine allgemeine Besserung:

die Forderung nach menschlicher Wahrhaftigkeit wurde nun mit der des Kampfes gegen den Krieg verknüpft - der Pazifismus rückte ins Zentrum der expressionistischen Gedankenwelt: der wahrhaftige Mensch hatte den überkommenen Patriotismus in sich zu überwinden, das Verbrecherische des Krieges zu erkennen und statt national menschheitlich zu denken

man wollte (wieder) durchstoßen vom individuellen, privaten, einmaligen Erleben und Erleiden zum Leiden der Menschheit - unter dem Versuch, die gegen wärtigen Ereignisse ins Mythische zu erweitern; dieser Ansatz tendierte am Ende zu einer sozialistischen Grundhaltung

also: Kampfansage an die an der Versklavung der Welt schuldigen Mächte: Mechanisierung und Industrialisierung, Kapitalismus und Militarismus, Gewalt in jeder Gestalt - unter Gegenübersetzung der Leitworte: Sozialismus, Kommunismus, Pazifismus, Anarchismus

 

Suche nach dem Unmittelbaren - angeregt durch die Kunst sog. primitiver Völker und die Welt des Kindes

Besinnung auf das Barock seiner den eigenen Leiden verwandten Leiden wegen und den Transzendentalismus der Gotik: man versuchte die Lebensangst und die religiöse Ekstase jener Zeiten wiederzuerleben (während der Impresionismus sich mit einem ästhetischen Vergangenheitsinteresse begnügte

Anreger: Bergson, Klages, Spengler, Strindberg, Dostojewski, Tolstoj Whitman

 

Kunstauffassung:

das innere Erlebnis wurde über das äußere Leben gestellt: Sein und Wesen sollten erfaßt werden, nicht: Wirklichkeit, Schein, Stimmung Gefühl

  • Pinthus:

  • "in der Kunst (geschieht) der Verwirklichungsprozeß nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen (...), (...) es gilt, der inneren Wirklichkeit durch die Mittel des Geistes zur Verwirklichung zu verhelfen";

    "der Geist löst nicht, zerfließend, sich selbst auf, sondern, sich verdichtend, löst er die Welt auf, um sie, erlösend, neu zu schaffen"

  • Schreyer:

  • "Daher ist alles Wissen und jede Bildung und alles Können belanglos für die Gestaltung des Kunstwerkes"

     

Dichter sollten Künder sein, Menschen mit Gesichten, die sie zum Ausdruck bringen müssen - so ausdrucksstark wie möglich im Wege rhythmischen (alogischen) Schaffens - ohne Rücksicht auf die Grammatik