DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis 

1890-1920   Gegenströmungenwpe102.jpg (15470 Byte)


 

 

ab 1890-1920 literarische Strömungen aus dem Gegensatz zu konsequentem Naturalismus ebenso wie zur gesamten realistischen Entwicklung des 19. Jhds. - Rückgriffe auf das idealistische Zeitalter: zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur Seele, zu Mystik und Mythus

Entwicklung eines stark symbolistischen Zuges (unter franz. Einfluß)

die innerhalb dieser Gegenströmungen geübte Kritik am zeitgenössischen Bürgertum kam nicht aus materailistischen, also ökonomischen Denkansätzen wie bei den Naturalisten: man richtete sich gegen dessen philiströse und amusische Gesinnung

anstelle des kritischen Optimismus der Naturalisten trat neuerlich ein pessimistischer Grundzug: Lebensmüdigkeit, Verherrlichung des Todes, Glaubenssehnsucht - man fühlte sich als Erben einer sterbenden Kultur... ...verstand das eigene Bemühen aber als kulturelle Erneuerungsbewegung - durch Absonderung einzelner oder von kleinen Kreisen mit dem Ziel der Verinnerlichung, der Pflege des Geschmacks und der Anknüpfung an die kulturellen Leistungen der Vergangenheit

Langbehn, Huch, Ernst, Lienhard, Dehmel George, Hesse, Hoffmannsthal Thomas Mann, Morgenstern, Münchhausen, Rilke, Schnitzler, Scholz, Wassermann Wedekind, Stefan Zweig

... und: der Kulturpessimismus Friedrich Nietzsches (1844-1900)

kennzeichnend für diese Kulturkritik: Nietzsches Wort von der "Niederlage, ja Exstripation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches"

der Mensch, der zeitgenössische Bürger ist - laut Nietzsche - etwas, das überwunden werden muß > es gelte, einen Übermenschen zu schaffen, der zwar Mitleid im christlich-moralischen Sinne nicht kenne, dessen Schöpfertum aber zugleich Güte sei - als Grundlage für Herrschaft und Rangordnungen unter den Menschen, die sich künftig am Kulturwert der Menschen zu bemessen hätten

 

Diskussion der Kunstform:

Aufgabe der Einbettung ins Milieu, das "Straßenkleid der Wahrheit" und die "Despotie der toten Dinge" sollten verschwinden - stattdessen: "Rückkehr zum lebendigen Menschen", Aufspüren des "Einzug(s) des auswärtigen Lebens in den inneren Geist"

Dichten als Formung des Wortes, als bewußte, sich stetig verfeinernde Leistung - Vermeidung des Gebrauchs jeder vorgeprägten Sprache - Suche nahc neuen Symbolen, die mehr leisteten als die vorhandenen - Bevorzugung des Verses in Lyrik und Dramatik wie im wiederbelebten Versepos

Abzielen auf Reizwirkung - "keine Erfindung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen, keine Betrachtung, sondern Darstellung, keine Unterhaltung, sondern Eindruck" (George) - laut Hoffmannsthal hat der Dichter "die Leidenschaft, alles, was da ist, in ein Verhältnis zu bringen... Ein Harmonisieren der Welt, die er in sich trägt" - Erneuerung der Forderung nach Synästhesie

Standpunkt des l´art pour l´art

Wo menschliche Schönheit gerühmt wurde, war es seltener die Schönheit der Stärke, als vielmehr die Schönheit der zarten und interessanten, weil nicht gewöhnlichen Schwäche - unter Einschluß dionysischer und orgiastischer Elemente, eines Strebens nach Mythisierung - zwiespältige Gestalten, halbe Helden, Zwischentöne der Stimmung, gebrochene Farben

 

Der Standpunkt einer extrem in sich selbst begrenzten künstlerischen Wirkung konnte nur von sehr jungen, noch mit der eigenen Entwicklung kämpfenden Menschen und/oder von einer Epoche aufrecht erhalten werden, die äußerlich so befriedet schien wie die wilhelminische... ... Rilke, George, Hofmannsthal haben schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jhds den l´art- pour- l´art- Standpunkt verlassen und der Dichtung neben ästhetischen ethische und religiöse Aufgaben zugewiesen

 

Bevorzugte Gattung: Lyrik (George, Rilke) - Kennzeichen: Preziösität

der Roman behielt vom Naturalismus die mikroskopische Genauigkeit, den sogenannten Sekundenstil bei, war jedoch auf der anderen Seite verschleiernd, andeutend, lyrisch zerfließend - Hauptaugenmerk auf die differenzierte Darstellung von Seelenzuständen bei zurücktretender äußerer Handlung; diese wurde sprunghaft, durchbrochen durch eine zweite Wirklichkeit von Träumen und Gesichten; die Umweltschilderung blieb oft ganz verschwommen (Thomas Mann gelang die Verschmelzung des Neuen mit der realistischen Erzähltradition); Stilisierung der Alltagssprache bis hin zu rhythmischer Prosa

In der Dramatik wurde ein Zerfließen der Architektonik in Gefühle und Stimmungen wichtig unter Aufnahme lyrischer und epischer Elemente - die Grenzen zu anderen Gattungen wurden unscharf; Einakter, Dialog, Stimmungsbild herrschten vor; der Vers wurde vorherrschend, die Sprache gewann an Schönheit und Melodie, die eingehenden szenischen Bemerkungen verschwanden (Hoffmansthal und später Hauptmann); ... anders der Neoklassiker Paul Ernst: Strukturerneuerungsbemühungen - Bemühungen um den neuerlich kämpfenden Helden zwischen zwei tragischen Notwendigkeiten

 

literarische Zentren: Berlin, Wien, München