DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis
1786-1832 Klassik![]()
- Begriffsbedeutungen:
- allgemein: u.a. auf intellektuellem Gebiet Mustergültiges
- epochenspezifisch: Gipfel der seit der Renaissance wirkenden antikisierenden Kunstauffassung der Jahrzehnte um die Wende zum 19. Jhd.:
/ Dichtung ist gerichtet auf geschlossene Form, Vollendung, kreisend um das Streben nach der Statik des in sich ruhenden guten und schönen Menschen (=Ausbildung reinster Menschlichkeit im Dienst der gesamten Menschheit auf der Basis der Übereinstimmung von Gemüt und Verstand
/ KULTUR im Sinne von Sittlichkeit (Gutes, Wahres und Schönes) gilt als die allem Politischen wie Kirchlich-Religiösen übergeordnete Macht, an der sich der einzelne in freier Selbstbestimmung im Sinne seiner Selbstvollendung orientieren kann - ausgesöhnt mit der Gesellschaft und ihrer Satzung reiner Menschlichkeit zustrebend
/ NATUR erscheint als großartig geordnetes Reich ohne Willkür und Gewalt, als weltganzes Gegenüber des Menschen, das dieser beseelend be- und erlebt im Gefühl einer Einheit, in der alle Disharmonien aufgehoben sind
> Goethe: Natur-Idealismus
- der Dichter müsse in der individuellen Gestalt den Typus erkennen lassen und dem Typus durch die individuelle Gestalt Leben verleihen
> Schiller: Vernunft-Idealismus
- Natur als ein vom göttlichen Geist durchseeltes, teleologisch durchwirktes Ganzes
- keine moralische Handlung und Haltung ohne Schönheit und Anmut (schöne Seele): der physische und der moralische Zustand des Menschen befänden sich in freiem Spiel miteinander. Das Wesen der Schönheit sei Harmonie zwischen sinnlichem Trieb und dem Gesetz der Vernunft
- stimmten Pflicht und Neigung nicht miteinander überein, so trete mit der Überwindung der Neigung die Erhabenheit des Menschen, seine Würde hervor
- die Harmonie zwischen beidem sei einmal in der Natur vorhanden gewesen, die Kultur habe sie gespalten, um sie durchgearbeitet so wieder herzustellen, daß sie dem Menschen neuerlich Natur werden könne. Diese Kulturleistung entstehe im Wege der ´ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechtes´. In ihrem Dienste bedürfe es des ´sentimentalischen´ Dichters, der um die verloren gegangene Einheit mit der Natur ringe
- Tragödiendichtung als Suche nach dem gigantischen Schicksal, das nicht bedeutend für den Verlauf der Geschichte zu sein brauchte, aber etwas zur Erkenntnis des Lebens beitrug: menshliche Freiheit, Charakter und Schicksal, Schuld und Läuterung; die zweckwidrige Opferung des Lebens werde zweckmäßig, wenn sie in moralischer Absicht geschehe, denn das Leben sei nur wichtig als Mittel zur Sittlichkeit. In der Prüfung des Todes entfalte der Mensch die Kraft zur Gegenwirkung gegen das Schicksal
// philosophische Grundlegung: Kant
"Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille."
Dieser Wille kennzeichne den Menschen als Vernunftwesen. Er laute in Form des ´kategorischen Imperativs´(aus der ´Kritik der reinen Vernunft´): "Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." Und er sei (aus der ´Kritik der praktischen Vernunft´) den Postulaten ´Gott, Freiheit, Unsterblichkeit´zugeordnet.
Und: dieser Wille vermittle sich nicht zuletzt ästhetisch. Schönes erwecke uninteressiertes Wohlgefallen. Erhabenes vermittle die Idee des Unendlichen. Beides stehe im Dienste und sei Ausdruck von Humanität als allgemeinem Teilnehmungsgefühl und innigster allgemein aufnehmbarer Mitteilungsgabe (unerreicht realisiert bei den Griechen)
- KLASSISCHES KUNSTIDEAL:
- Bändigung, Formung, Normung
- meist versgebunden (vorherrschend Jambus) in den Dramen, Suche nach allgemeingültigen Formulierungen im Dienst von Analyse und Sentenzbildung
- deutliche Herausarbeitung der dramaturgischen Grundlinien, Sparsamkeit bei Personen, Szenen und realistischen Details
- im Roman: neue biologische Betrachtungsweise - die Lehre vom Organismus als Grundlage des hochklassischen Bildungsideals (Bildungs- und Entwicklungs-Romane)