DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis  500-1500  MITTELALTER

bilbit.jpg (2293 Byte)... Epochen-Kenntnisse angewandt auf HERN REINMARS ´KEIN LIEBENDER SOLL´:


 

 

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Lösungsbeispiel für die Aufgabe:

zeige insbesondere am beispiel dieses minneliedes, worum es deutschen dichtern im mittelalter ging

 

 

Es funktioniert natürlich nur sehr bedingt, sich an einem einzigen Gedichtbeispiel ein Bild von einem ganzen Epochenkomplex, wie ihn 1000 Jahre Mittelalter darstellen, machen zu wollen.

 

Dennoch lassen sich ein paar Aspekte herausarbeiten.

 

 

Das hier zur näheren Analyse vorgelegte Textbeispiel stammt aus dem 12. Jhd., gehört also ins Hochmittelalter, die Zeit von Investiturstreit und Kreuzzügen.

Es ist damit Ausfluß der hoch entwickelten höfischen Ritterkultur jener Jahre. Dessen Basis bildete ein blühendes Feudalsystem, gestützt auf ein grundherrschaftlich organisiertes Vasallenwesen und einen stadtherrschaftlich geförderten Selbstorganisationsbereich des gewerbetreibenden Bürgertums.

Haupthervorbringungen dieser Ritterkultur im literarischen Bereich: höfisches Epos und Minnesang.

 

 

Der vorliegende Liedtext aus dem Bereich des Minnesangs war Element der Geselligkeitskultur der adligen Ritterhöfe der Zeit.

Sein namentlich als ´Her Reinmar´ bekannter Autor ist anders als seine nichthöfischen Vorgänger kein fahrender Sänger, sondern ein hofansässiger Ministerialer, also ein neuadeliger Dienstmann eines größeren Grundherrn, Teil von dessen Rittergefolge, aber eher mit Verwaltungsaufgaben betraut, mit noch erst bescheidenem eigenem Grundherrschaftsbesitz und häufig Noch-Junggeselle.

Alter und neuer Adel formieren sich in dieser Zeit wachsender Wirtschafts- und Expansionsmöglichkeiten zu einer gesellschaftlichen Kraft mit eigenen kulturellen Ambitionen - halb geistlichen auch, aber halb weltlichen darüber hinaus - neben der traditionellen Klosterkultur, die das frühe Mittelalter geprägt hatte.

Und sie tun es in Auseinandersetzung mit den Lebenserfordernissen, denen sie sich gegenübersehen und die sie zu gestalten haben:

Zu diesen Lebenserfordernissen gehörte die vergleichweise häufige Abwesenheit des Burgherrn und seines z.T. verheirateten burgsässigen Gefolges auf Kampf- oder gar Kreuzfahrt bei zurückbleibender kleinerer Schutztruppe für Burg und Familienanhang.

Zu diesen Erfordernissen gehörte die Entwicklung von Umgangsformen, die die namentlich im Bereich der Geschlechterbeziehungen unausbleiblichen Konflikte überschaubar hielten. (anders als im frühen Mittelalter, wo es ein vergleichbar umfängliches Hofleben noch nicht gegeben hatte und auch noch nicht jene ´interhöfische´ Turnierkultur, die sich mit dem entwickelten Rittertum des Hochmittelalters ausgebreitet hatte.

Hier liegen wichtige Wurzeln der nun im 12. Jhd. ausgeprägten kulturellen Ambitioniertheit des hochmittelalterlichen Adels.

 

 

Wo immer sich freilich kulturelle Ambitionen ausbreiten, spielen Veredelungs-Ideale eine Rolle:

Während das höfische Epos Bilder vom tugendhaften Kämpfer entwickelt und im Streit mit allerlei Widrigkeiten durchspielt...

...beschäftigt sich der Minnesang mit dem, was tugendhaftes Mann- bzw. Frau-Sein bedeuten könnte und sollte.

 

 

Das Lied Reinmars gibt in Letzteres einigen Einblick:

 

Es hat einen ausgesprochen selbst-reflektorischen Charakter - freilich in Form öffentlich gemachter Selbstreflexion:

Über 7 Strophen hinweg gibt hier einer nach außen gewendet ("Kein Liebender soll bei mir irgendeinen Rat suchen"(Z.1)) Auskunft über seine "Liebesnot" (Z.27), die erst ein Ende haben könne, wenn er zu lieben aufhöre: "Mir schadet nichts als meine Beständigkeit"(Z.36) schließt der Sänger seine Mitteilungen an die Hofgesellschaft.

Sein Lied ist damit Klage.

Der Sänger kämpft jedoch ausdrücklich damit, es nicht in eine Anklage an die abgleiten zu lassen, die sein Werben nicht erhört ("meine Erfolglosigkeit"(Z.23):

"Ich würde euch die höchste Not klagen -/Nur daß ich von Frauen nicht übel reden kann" (Z6f). "Besser" sei "ein Weh im Herzen,/als daß ich von Frauen schlecht rede" (Z.13f). "Ich bin töricht, daß ich...klage /Und ihr irgendeine Schuld dran geben will." (Z.30f).

 

Die öffentlich gemachte Selbstreflexion Reinmars dreht sich um die Ideale im Beziehungsgefüge der Hofgesellschaften des Hochmittelalters:

Sie beginnen für den Sänger des vorliegenden Minneliedes mit der Fähigkeit zu intensivem Fühlen

"Nun glaub ich nicht, daß jemand größeres Unglück hat / als ich..." (Z3f)

bei gleichzeitig gelingender Hochgestimmtheit

"...als ich, den man doch so fröhlich dabei sieht." (Z.4).

"Von Frauen übel" zu "reden", sei ihm unmöglich, die eigenen Wünsche zu benennen, sei "große Untreue" (Z.7-9)

Frauen seien "mit vollem Recht untadelig"(Z.14) zu nennen, wenngleich verwunderlich:

"Ei, wie sie manche Laune und seltsame Sitten / Heimlich im Herzen tragen!" 8Z.17f) - jene, gerne umworben zu werden, sich aber um ihrer Untadeligkeit willen nicht minder gerne zu versagen. (Z.15ff)

Auf die - unkörperliche - Huld der Frauen komme es allein an. Zu erlangen sei sie durch lobende Dienstbarkeit:

"Wer ihre Huld haben will, / der sei in ihrer Nähe und lobe sie. / Das tat ich immer: nun kann mir das leider nicht helfen." (Z.19f)

Das Problem dabei: "sie ohne ihren Willen im Herzen" zu tragen (Z.32). Es bedeute – willentliches - "mühsam leben".

Aber gerade darauf komme es an: "nun muß ich es so bleiben lassen", selbst wenn die Angebetete ihm doch noch mehr zuwenden sollte als ihre Abstand haltende Huld (Z.34f).

"Mir schadet nichts als meine Beständigkeit." (Z.36) lautet der Schluß dieser öffentlichen Selbstreflexion: beständig zu sein in einer mehr als nur verehrenden Liebe bedeutete dann ein Schaden-Nehmen der eigenen Seele, wenn diese Liebe erwidert würde...

 

 

Tugendhaftes Mann- und Frau-Sein ist hier also zum Gegenstand gesellig-unterhaltender Konventionssicherung gemacht.

Dabei geht es sowohl um die Tabuisierung ehebrecherischen Verhaltens und damit um die Sicherung des inneren Friedens der hochmittelalterlichen Hofgesellschaften. Als auch um ein verfeinertes Menschentum im Bereich der aristokratisch-exklusiven Ritterschaft der Zeit.

Nicht nur die körperlichen, auch die seelischen Kräfte bedurften intensiver Schulung, wenn der Umgang der Standesgenossen miteinander im weltlichen Rahmen das spiegeln sollte, was die Klosterkultur des Frühmittelalters im geistlichen Bereich als die Horizonte der universitas christianorum erarbeitet hatte.

Das Mittel der Wahl zur Schulung dieser wie jener Kräfte war im Horizont des Mittelalters die Askese, die Enthaltung, die Entsagung, der Verzicht gegenüber allem, was dem jeweiligen Tugendziel entgegenstand.

 

Das Tugendziel des Minnesangs war die Gewinnung seelischer Bewegtheit als Lohn der Selbstzucht im Bereich des Geschlechtstriebes.

Und es bestand in der Erweiterung des männlichen Horizontes um die Reflexe des weiblichen und deren aneignender Verarbeitung.

Nur über sie sah sich der Ritter als Kämpfer zu jenen Tugenden befähigt, die ihm das hochmittelalterliche Ritterideal abverlangte: maze durch zuht (Erziehung wie Selbstzucht), hoher muot (seelisches Hochgestimmtsein), froide (heitere Lebenshaltung, sich selbst und den Widerständen des Lebens abgerungen), ere dem Kampfgegener gegenüber, triuwe oder staete dem Waffengefährten gegenüber, milte dem Untergebenen gegenüber.

Deshalb das Gesellschaftsspiel in Sängerwettstreiten ausgetragener Frauenminne, das innere Bewegtheit erzeugt gerade dadurch, daß es sich der Spannung zwischen dem Ideal unkörperlicher Minne und der Sehnsucht nach sexueller Erfüllung aussetzt und diese Spannung thematisiert - wie eben beispielsweise in Hern Reinmars Gedicht.