DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis
1880-1900 Naturalismus![]()
Um 1880 wurde besonders von der Literaturkritik eine konsequente Befolgung der realistisch-materialistischen Erkenntnisse der Zeit gefordertEs war die Blütezeit des Wilhelminischen Zeitalters und des Imperialismus. Der erbarmungslose Konkurrenzkampf im Zeichen des Manchestertums (ungebremster Wirtschaftsliberalismus) beschleunigte die Verarmmung weiter Schichten, die sozialen Gegensätze verschärften sich. Die Technisierung prägte das Bild der Großstädte. Die soziale Frage wurde zu einem Hauptproblem der Innenpolitik (Sozialistengesetz und Sozialgesetzgebung) Die von Bismarck eingeleitete schutzzöllnerische Wirtschaftspolitik sicherte zwar die deutsche Wirtschaft, besonders die Landwirtschaft, vor fremden Konkurrenten, beschleunigte aber noch das Anwachsen des Kapitals in den Händen der Unternehmer und in weiten Kreisen des BürgertumsDie um die Jahrhundertmitte gefundenen Erkenntnisse kamen erst ab 1880 voll zur Wirkung: Darwins Abstammungslehre begründete mit dem Glauben an die steigende Durchsetzung der vorteilhaften Eigenschaften die Hoffnung auf eine Aufwärtsentwicklung des Menschengeschlechts... ... aber sie war auch Anlaß für eine platt mißverständliche Übersetzung ins Soziale: Leben sei Kampf ums Dasein, ums Überleben, in dem sich der Stärkere mit naturgesetzlicher Notwendigkeit durchsetze, aus der ein Recht des Stärkeren abzuleiten sei - sog. ´Sozialdarwinismus´ Spener und Mill lehrten, daß auch dir moralischen Vorstellungen sich auf ererbte Erfahrungen gründen - auf die des Nützlichen: gut sei, was der Selbsterhaltung des einzelnen und der Gruppe diene, schlecht, was sie schädige - der Wert oder Unwert der Handlungen hänge von den Folgen für die Gesellschaft ab - Ziel: das größte Glück der größten Zahl (Utilitarismus) ...unter den Wissenschaften hätten nur die Naturwissenschaften und die ihnen verwandte Soziologie Geltung (positives Erfahrungswissen > Wissenschaftspositivismus mit Strahlwirkung auch auf die Entwicklung der Geisteswissenschaften, bes. der Geschichtswissenschaft) - auch die psychischen Äußerungen des Menschen seien eine Funktion des körperlichen Mechanismus; die geistige Welt funktioniere wie die körperliche nach Kausalgesetzen Summe dieser Philosophie war: entschiedenste Loslösung vom Transzendenten: nur die Erde und das kurze Leben auf ihr sind dem Menschen gegeben die Sinne und Triebe, allenfalls der Intellekt, der aus Nützlichkeitserwägungen handeln kann, regieren den Menschen - er ist eingespannt in einen naturgesetzlichen ´determinierten´ Ablauf der Dinge, es gibt keine Willensfreiheit der Staat des Imperialismus erschien als Unterdrücker des Individuums, vor allem aber der unteren Klassen > als Held der Entwicklung galt nicht mehr der einzelne, sondern seine Gruppe, die Klasse (Marx´Einfluß) - der Individualismus geht auf in einem sozialen Willen, der der Gemeinschaft dient; die Klasse befreit den Menschen aus der Passivität und läßt ihn handeln, wandelt seinen privaten Pessimismus in altruistischen Optimismus literarische Einflüsse aus dem Ausland: Balzac, Flaubert, Maupassant, Goncourt, Zola, Turgenjew, Tolstoj, Dostojewski, Brandes, Kielland... Strindberg, Ibsen in diesem Sinne sollte die Kunst revolutioniert werden:
Arno Holz: "Unsere Welt ist nicht mehr klassisch, unsere Welt ist nicht romantisch, unsere Welt ist nur modern"
"Kunst = Natur - X"
die Mordernität dieser Welt machte man in ihrer Natürlichkeit aus - moderne Literatur hatte diese Natürlichkeit wiederzugeben > die Reportage bekam dichterischen Rang
der Mensch als Produkt seines Milieus schien am ehesten am Durchschnittsmenschen erkennbar
interessant wurde der passive Held, der unentschlossene, schwankende Charakter
Natürliches im Gefühlsbereich hieß: die Liebe in ihrer Abhängigkeit vom Trieb zu zeigen - unter Einbezug des Perversen, Unschönen, Unsittlichen
stattdessen sogar häufig eine einseitige Bevorzugung des Häßlichen und Niederen: Kranke, Geistesgestörte, Alkoholiker, die Dirne wurden beliebte Handlungsträger (als man die Liebesszene in ´Vor Sonnenaufgang´ zu poetisch fand, antwortete Hauptmann bezeichnenderweise: "Was kann ich dafür, daß die Natur auch schön ist?" das Milieu wurde um so interessanter, je mehr es am Rande oder außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft lag die genauere Erfassung der zu schildernden Wirklichkeit verlangte die Präzision der schriftstellerischen Technik: je mehr der Dichter mit seinen Geschöpfen in ihrem Milieu zu stehen suchte und sich der Deutung enthielt (personales, perspektivisches Erzählen), desto mehr wurde seine Leistung zur ´wissenschaftlichen´ Beobachtung (Zettelkastenmethode) Intuition und Inspiration wurden verdächtig, ebenso das Geniale stattdessen: Schulung der Sensitivität ("Nervenkünstler": Gestik, Mimik, Sprache wurden ausdifferenziert > entsprechende Verfeinerung der Darstellungsmittel) ... bevorzugte Gattung zunächst: der psychologische Roman (voller Erzählungen , Skizzen, Studien, Naturschilderungen) ... dann das Drama (Holz, Schlaf und Hauptmann):
Arno Holz: "Das Drama hat vor allem Charaktere zu zeichnen, die Handlung ist nur Mittel"
Merkmale: Figur des Räsonneurs, geringe Personenzahl (durchschnittlich 5), Rückkehr zur ´natürlichen´ Einheit von Zeit und Ort; analytische Technik (Aufdeckung eines zurückliegenden Verbrechens, unabwendbare Annäherung der Katastrophe - Dialog mit gefährlichem Doppelsinn; keine Standesklausel mehr, bevorzugt unterste Schichten
... in der Lyrik Pathos, Schönheitsdrang, Mystik ausgeschlossen; Themen: Technik, Großstadt und ihre Menschen (erstmals); formal eher traditionell an den Vormärz anknüpfend - avantgardistisch hier nur Holz: wollte auf "jede Musik durch Worte als Selbstzweck" verzichten, weder Reim, noch Strophen, noch freie Rhythmen, sondern: notwendige Rhythmen, die vom Stoff her sich der Prosa nähern mußten (> Expressionismus)
Richtschnur: Umgangssprache (Dialekt, abgebrochene Sätze, grammatische Fehler)
Ziel: Aufklärung, Erziehung, ändernde Gestaltung der Zukunft
der größte Teil der Naturalisten bekannte sich zum Sozialismus - betonte die Unsicherheit und Unbürgerlichkeit seiner Lebensform als Außenseiter der Gesellschaft, darin dem Proletarier verwandt
Zentren: München und Berlin, wo sich viele kleine Gruppen bildeten