DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis
1850-1890 Realismus![]()
Prägend für diese neue Literaturepoche waren besonders 2 Erfahrungsbereiche: die gescheiterte Revolution von 1848 mit ihren gravierenden Desillusionierungseffekten und deren Folgeentwicklung in das Bismarckzeitalter eines neuen deutschen Kaiserreichs hinein, dessen Anschauungen und Maßnahmen den geistig und künstlerisch führenden Zeitgenossen als keine Lösungen von Bestand erschienen... ... die Haltung der Realisten ihrer Zeit gegenüber war deshalb kühl, abwartend, bisweilen resignierend der große Aufschwung der Naturwissenschaften mit der schnellen Entwicklung der Technik im Kontext der nun verstärkt einsetzenden Industrialisierung Deutschlands mit ihren sozialen Folgen Proudhon: "Eigentum ist Diebstahl", 1840 Marx: ´Kommunistisches Manifest´: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!", 1848 Darwin: ´Über den Ursprung der Arten duch natürliche Zuchtwahl´, 1859 Huxley: ´Über die Stellung des Menschen in der Natur´, 1863 ä der einzelne wird als Objekt größerer naturgegebener Kräfte erkannt - auch die seelischen Regungen erscheinen als mechanische, kausalen Gesetzen unterworfene Funktionen = materialistische Weltanschauung Schopenhauer: ´Die Welt als Wille und Vorstellung´, 1819die Welt wird gedacht als Äußerung einer unvernünftigen und blinden Kraft - in ihr leben, heißt leiden
die begierde- und wunschlose Wendung ins Nichts (Nirwana) hebe das Leiden auf - eine Vorbereitung dazu bedeute schon das Mitleid, das die Schranken der Individualität durchbreche > Möglichkeit, sich dem Kausalzwang der materialistischen Weltanschauung durch geistige Flucht zu entziehen
Literarische Einflüsse: Balzac, Stendhal, Flaubert, Dickens, Dumaskünsterlische Zielsetzung der Realisten: die faßbare Welt unparteiisch beobschten und schildern Verzicht auf Metaphysik Verzicht auf Gefühl und Meinung des Dichters selbst - Basis: Glaube an eine klare Scheidung von Subjekt- und Objektsphäre: die Wirklichkeit sollte an sich gezeigt werden, gut und böse, schön und häßlich, gr0ß und klein galten als gleich schildernswert der realistische Dichter will nicht klüger sein als das Leben - gegen jede die Wirklichkeit verfälschende Tendenz, jedes Pathos und alles Heroische stattdessen: gelassene Welthaftigkeit, Verzicht auf alle Ideologie, Anerkennung der verschiedensten individuellen und kollektiven Substanzen Voraussetzung: Kenntnis und Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, bei historischen Stoffen auch der vergangenen; das Milieu diente dazu, den Menschen in seiner Spannung zur Umwelt zu zeigen wichtige Themen: die soziale Frage, das Staatswesen, der Gemeinschaftsgedanke Mittelpunkt dieser Dichtung: der Mensch - auf dem Erfahrungswege sucht man das Wesen der seelischen Funktionen und Beziehungen zum Leib zu ergründen - die gesamte wirkliche Welt erscheint von der menschlichen Seele her erreichbar - der ohne Prätention auftretende Mensch galt als natürlich, dem Menschlichen am nächsten ... ... Bildung erschien nicht mehr als wichtiges Element der Menschenformung, sondern als künstlich, lebensfern... ... stattdessen schärfte sich der Blick für die soziale Lage
Im Leben wird eine Macht gesehen, der die menschlichen Vorstellungen von Schuld und Unschuld fremd sind und der der Mensch ausgeliefert ist
Tragik: der schuldlose Kampf mit den Mächten der Umwelt und der eigenen menschlichen (ererbten) Begrenztheit - das Leben, die Gesellschaft schreitet über die tragisch verwickelten Individuen ebenso hinweg wie über die komisch-anmaßenden
Entsagung und Resignation werden neurelich zum Grundzug der Dichtung - illusionsloser als im Biedermeier
Humor wird in noch weiterem Maße als im Biedermeier zur Waffe gegen die Bedrohung des Daseins: verstehendes Achselzucken, Nicht-Parteierfreifen
Der Mensch steht im Kampf mit den materiellen Kräften - einem dem Individuum auch erkennbar von vorn herein gegen ihn entschiedenen Kampf -, zu dem er sich jedoch verpflichtet fühlt ... die Bindung an das klassische Sittengesetz wird also noch aufrechterhalten - eine Art letztes Gefecht des bürgerlichen Humanismus
An der besonderen Erkenntnis - und Gestaltungskraft des Poetischen und damit des Dichters wird bei alldem entschieden festgehalten:
Theodor Fontane:
"Ich erkenne in dem Heranziehen eines exakten Berichts einen ungeheuerlichen Literaturfortschritt, der uns auf einen Schlag aus dem öden Geschwätz zurückliegender Jahrzehnte befreit hat, wo von mittleren und mitunter auch von guten Schriftsellern ständig aus der Tiefe des sittlichen Bewußtseins heraus´ Dinge geschrieben wurden, die sie nie gesehen hatten...!
"... all dies bedeutet... nur erst den Schritt zum Besseren. Will dieser Schritt auch shcon Ziel sein, soll die Berichterstattung die Krönung des Gebäudes, statt das Fundament sein, oder wenn es hoch kommt, seine Rustika, so hört alle Kunst auf und der Polizeibericht wird der Weisheit letzter Schluß"
Kriterieum sei: "...daß zwischen dem erlebten und erdichteten Leben kein Unterschied ist als der jener Intensität, Klarheit, Übersichtlichkeit und Abrundung un infolge davon jener Gefühlsintensität, die die verklärende Aufgabe der Kunst ist."
"...Realismus ... ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst; er ist, wenn man uns diese scherzhafte Wendung verzeiht, eine Ínteressenvertretung´auf seine Art. Er umpfängt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste... Denn alles das ist wirklich. Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese; er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre. Er schließt nichts aus als die Lüge, das Forcierte, das Nebelhafte, das Abgestorbene..."
den "verklärenden Schönheitsschleier... érst schaffen´, ist gar nicht nötig; die Schönheit ist da, man muß nur ein Auge dafür haben oder es wenigstens nicht absichtlich verschließen. Der echte Realismus wird auch immer schönheitsvoll sein; denn das Schöne, Gott sei Dank, gehört dem Leben geradesogut an wie das Häßliche, vielleicht ist es noch nicht einmal erwiesen, daß das Häßliche präponderiert."
Die Dichtung des Realismus ist fast ausschließlich episch (Novelle, Dorfgeschichte, Roman (Bildungs-(Raabe, Der Hungerpastor, Keller, Der grüne Heinrich), historischer-, Gesellschafts-Roman (Fontane))
Nur Hebbel gelang die Weiterführund des deutschen Dramas, bes. des Bürgerlichen Trauerspiels (´Maria Magdalena´) - das Milieu wird zum Motor des Stücks (später Hinwendung zu bekannten historischen und mythischen Stofen)
Die Reserve der Realisten gegenüber ihrer Zeit war nicht bedingt durch das Festhalten an der Tradition, sondern aus dem Gefühl, ihre Gegenwart bereits hinter sich gelassen zu haben
Ihrem Publikum war ihr Realismus noch zu hart
Dabei unterscheidet das Gfesthalten an der Perspektive des einzelnen das deutsche Erzählen von der europäischen Entwicklung - der Bereich des aktuellen sozialen Kollektivs (Proletariat - Bürgertum) bleibt weitgehend ausgespart