DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis  15./16. Jhd.  RENAISSANCE / REFORMATION / HUMANISMUS /

bilbit.jpg (2293 Byte)... Epochen-Kenntnisse angewandt auf den Ausschnitt aus SACHS´ ´EIN DIALOGUS´ und das ´LIED DER AUGSBURGER WEBERGESELLEN IM WINTER´:


 

 

       

 

 

 

 

Lösungsbeispiel für die Aufgabe:

zeige insbesondere am beispiel dieser beiden dichtungsbeispiele aus dem frühen 16. jhd., worum es deutschen dichtern zur Renaissance- und reformationszeit ging

 

 

Es funktioniert natürlich nur sehr bedingt, sich an einem zwei kleinen Textbeispielen ein Bild von der Dichtung der frühen Neuzeit in Deutschland machen zu wollen.

 

Dennoch lassen sich ein paar Aspekte herausarbeiten.

 

 

Die hier zur näheren Analyse vorgelegten Textbeispiele stammen aus dem 16. Jhd., gehören also in die deutsche Reformationszeit.

Sie sind damit Ausfluß der vielfältigen Neuanfänge und Verwerfungen jener Jahre.

Verwerfungen im alten Universalismus-Modell einer kaiser- und papst-geführten abendländischen Christenheit

durch das Riesenreich der in ihrem spanischen Herrschaftsbereich die Kolonialpolitik entdeckenden und in Gang bringenden Habsburger

durch die aufstrebenden im 100jährigen Krieg zusammengeschmiedeten neuen Nationalstaaten England und Frankreich als gleichsam äußere Gegenkräfte zum alten politischen Universalismus - begleitet im Innern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von einem wachsenden Unabhängigkeitsstreben der Einzelfürsten von ihrem Kaiser, der inneren Territorialisierung des Reiches also

durch einen lange nicht gekannten Druck des von den Arabern an die Türken gegangenen islamischen Kulturkreises, der den Kaiser zu ständigen Abwehrkämpfen im Osten zwingt

Spannungen im Gesellschaftsgefüge

infolge von Frühkapitalismus und Territorialstaatsbildung, geronnen zum einen in Machiavellis Analysen und Ratschlägen an die Fürsten seiner Zeit, zum anderen in Bauernerhebungen wie dem Deutschen Bauernkrieg 1524/26

infolge der revolutionären Kulturtechnik des Buchdrucks – begleitet vom ein erstes Stück weit ständekritischen Bildungsideal der Humanisten und Renaissancekünstler:

Neue Formen der Massenbeeinflussung durch eine sich mit den Reformations- und Bauernkriegsstreitigkeiten immer stärker ausbreitende Streitschriften- Flugblatt-, Kalendergeschichten- und Volksbücher-Literatur entstehen – in frühneuhochdeutschem Sprachgewand und unter dem Einfluß von Luthers wegweisender hochsprach-bildender Schöpfung: der Bibel-übersetzung

infolge eines neuen, entschieden welt-zugewandteren Denkens auf allen Ebenen,

das zum einen auch und gerade einer kritischen Betrachtung der Rolle der Kirche und ihres Papsttums galt und sowohl in glaubenstheoretische als auch in religionspolitische Auseinandersetzungen mündete

das zum anderen den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Mißständen der Zeit galt – also Anprangerungen und Reformideen hervorbrachte

das schließlich den Stellenwert und Lebensauftrag des einzelnen in der Welt ins Zentrum seiner kritischen Fragen rückte und Gebildetheit, Gelehrsamkeit und Eigenständigkeit als edelste Form gottgefälligen Menschentums propagierte

 

 

All diese Verwerfungen, Spannungen und Gegen- wie Neuentwürfe dessen, worum es von nun an zu gehen hätte, beschäftigen die, die sich nun nicht mehr nur an Adelshöfen oder in Klöstern, sondern auch in Bürgerkreisen an die Produktion schriftlich verbreiteter Literatur machen.

Anders als im Bereich der bildenden Künste, deren Auftraggeberschaft sich in jener Zeit vervielfacht, sind Form und Stil für die Literaten der Zeit freilich eher von nachgeordneter Bedeutung. Theoriebildung zur Neuorientierung verlangt mehr Gelehrsamkeit als Sprach- und Erfindungskunst von auch sinnlich erlebbaren Texten. Und in den Auseinandersetzungen der Zeit interessiert das Wort zuvorderst als Waffe und Ideenträger.

 

 

Die vorliegenden Textbeispiele aus dem Bereich der sogenannten Meistersinger-Literatur sind Zeugnisse ausgesprochen stadtbürgerlicher Literaturproduktion, wie sie - bereits im 15. Jhd. nebenberuflich und unentgeldlich praktiziert - zum Ausdruck des gewachsenen Selbstbewußtseins vor allem der Zunftbürger geworden war.

Im 16. Jhd., aus dem sie stammen, kommen starke sozialkritische Töne in diesen Bereich der frühneuzeitlichen deutschen Literaturproduktion.

 

Andere Texte der Reformationszeit, in anderen Gesellschaftskreisen entstanden, verfolgen mehr entweder reformpolitische oder glaubenstheoretische, dann auch religions- und bekenntnis-politische und natürlich nicht zuletzt bildungs-ethische Ziele. Lyrisch sind sie eigentlich vorwiegend im Bereich der neu entstehenden Gattung des protestantischen Kirchenliedes. Erzählt wird häufig revueartig, in Brief- und Streitgesprächs-Form, pädagogisierend und satirisch aus der Narrenperspektive. Im Bereich der Dramatik löst das Schuldrama immer noch vorwiegend religiösen Inhalts die alten liturgischen Jahreskreisspiele ab.

 

 

Zu den hier vorliegenden Textbeispielen:

 

Das erste stammt von Hans Sachs, dem berühmtesten Mitglied der Nürnberger Meistersinger- und Schuhmacherzunft (1494-1576). Es ist ein Ausschnitt aus einem der zeittypischen literarischen Streitgespräche und trägt auch einen entsprechenden Titel: "Ein Dialogus" .

In dieser Titelformulierung ist der lateinische Begriff für (Streit-)Gespräch noch nicht einmal in der eingedeutschten Version verwendet, deutliches Zeichen für die erst allmähliche Nationalisierung der europäischen Literaturen – weg vom universellen Latein als immer noch halbdominanter Kultursprache.

 

Streitgesprächspartner sind ein Gebildeter, an seinem Namen Romanus erkennbar, und ein offenbar belehrungsbereiter Stadtbürger mit auftragsbezogenen Erfahrungen im Umgang mit "arbeyter(n) vnd stückwercker(n)" namens Reichenberger. Romanus hat den ausführlich die Dinge benennenden, analysierenden und wertend-einordnenden Part. Reichenberger beschränkt sich auf Kurzeinwände und Zustimmung.

 

Gesprächsgegenstand ist die in den Augen von Romanus materiell elende und unwürdige Lage verlegerisch in Auftrag genommener Heimarbeiter und Stückwerker der Zeit.

Im einzelnen prangert er seinem Gesprächspartner gegenüber folgendes an:

...

 

Und er stellt die Praxis der "kauffherren vnd verleger()" mit Hilfe von genau nachvollziehbar angegebenen Bibelzitaten kritisch moralisierend infrage. Er nennt diese Praxis damit indirekt eine sündige, weil presserische Vorteilsnahme, ebenso unbrüderlich wie der Mord!

...

 

Dem von Reichenberger eingewandten unangemessenen Stolz der Heimarbeiter und unzünftigen Stückwerker hält Romanus dessen Wirkungslosigkeit angesichts der wechselhaften Markt- und Witterungslagen entgegen. Denn die Lohnpolitik der presserischen Auftraggeber dieser die Hungerleiderei nicht überwinden könnenden Menschen nehme keinerlei Rücksicht auf Auskömmlichkeitskriterien.

...

 

Und wieder, und diesmal noch forcierter ins Spiel gebracht, soll die Religion Fehlentwicklungen korrigieren helfen – diesmal nicht über das Zitieren von biblischen Forderungen, sondern im Wege einer unmittelbaren Anrufung Gottes, diesen wie sein Gegenüber daran erinnernd, daß Gott einer sei, der das Wehklagen seiner Kinder höre und abstrafe, wie einst an den Ägyptern:

...

 

 

Damit hat Romanus seinen eher ungebildeten Gesprächspartner da, wo er ihn haben will: bei einer Umbildung seiner bisherigen Urteile aufgrund überzeugender Neu-Belehrung in dem, was Christ-Sein heißen müßte. Reichenberger kann plötzlich wieder empfinden, was auch früher schon einmal klar war und weiß nun wieder genau, als wie unchristlich die von Romanus kritisierte Kaufherrenpraxis verurteilt werden muß:

...

 

 

Das zweite textbeispiel hat keinen ausdrücklich genannten Individualautor. Es gibt ein zeitgenössisches sechstrophiges Gesellenlied wieder, wie es in den Handwerker- und Meistersingerzünften des frühen 16. Jhds. entstanden ist - bzw. auf den gemeinsamen Wanderschaftszügen all der Handwerker, für die der Meisterstatus lange Jahre, oft lebenslang in weiter Ferne blieb.

 

Sein Gegenstand ist ein als Ich-Aussage, also lyrisch, angelegter Erfahrungsbericht davon, wie es Gesellen bei Augsburger Meistern und deren Frauen im Besonderen zu ergehen pflegt: wenig erhebend nämlich, weshalb es gelte, wenigstens zeitweise die engen Spielräume möglichst gut zu nutzen.

Im einzelnen finden sich folgende Praktiken der Meister kritisch besungen:

...

Darin spiegeln sich die Rechtslage spätmittelalterlich-frühneuzeitlicher Gesellen und auch die handwerklichen Produktionsverhältnisse wie folgt:

...

 

Verlogenheit und Willkür scheinen so sehr an der Tagesordnung, daß man sich unter den Gesellen zwar darüber verständigt, wie übel den meisten da mitgespielt wird, und auch darüber, daß man die Meister im Sommer zu immerhin ein wenig mehr Leistung geneigt findet und diese dann auch fordern oder eben gehen kann ("...") - aber eine grundlegende Lagebesserung ist offenbar so wenig in Sicht, daß jede Art von Kampfaufruf in solchen Liedtexten ausgespart bleibt.

Auch ist die Lage von Zunftgesellen ja keineswegs der von Heimarbeitern und Stückwerkern vergleichbar. Sie ist zwar häufig genug unerquicklich, aber auskömmlich. Das erklärt den nicht entschieden aufgebrachten, sondern eher spöttischen Ton dieses Liedtextes. - Um Belehrung und Haltungskorrekturen geht es in diesem Fallbeispiel also eher indirekt. Um Analyse schon gar nicht. Einfach nur um ein Stück Alltagsbewältigung.

 

 

Mit diesen Befunden ist deutlich, daß im Bereich der Meistersingerliteratur von Aufbrüchen zu Neuem damals nicht wirklich die Rede ist. Vom Reagieren auf sich zeitgenössisch verschlimmernde Lebensverhältnisse dagegen eine ganze Menge - zwischen ernsthafter Ermahnung und Spott.

 

Literarische Zeugnisse aus den anderen oben genannten Literaturfeldern der Zeit unterscheiden sich von den hier beleuchteten Befunden selbstredend so oder so. Das bedarf dann im einzelnen genauerer Betrachtung...