DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

seit 1925  Verlorene und verbürgte Wirklichkeitwpe102.jpg (15470 Byte)


 

 

Um die Mitte der 20er Jahre hatte sich die Ekstatik des Expressionismus verbraucht - der Glaube an einen neuen Menschen erlosch

man suchte die Abstraktion erneut einer Realität anzunähern:

später Kafka, Thomas Mann, Döblin, Brecht, Remarque, Werfel ... (neue Sachlichkeit) - verbunden mit:

... Suche nach Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen der alten positivistischen Objektivität und der durch den Expressionismus gewonnenen Subjektivität... (expressiver Naturalismus)

... Interesse an Bezügen zum Außer- und Überwirklichen ... (magischer Realismus; den konsequenteren Weg vom Expressionismus zur Surrealismus ist die deutsche Literatur nur bedingt gegangen)

> betonte Nüchternheit und Distanzierung in der Sprache, Reprotagestil, Rückkehr zu historischen Stoffen, neue Simplizität in der Behandlung des Themas ´Landschaft´

 

Grundlage: ein neuer Wirklichkeitsbegriff

angerissen durch die neue Existentialphilosophie eines Heidegger und Jaspers ... das Sein erscheint als geschlossen oder nur punktuelle berührbar und nicht wirklich betretbar ... der Mensch ist vom Sein entfernt, in ein Nichts hinausgestoßen, den Dingen entfremdet ... (im 19. Jhd. hatte der Mensch seine metaphysische Sicherheit, seine Bindung an ein Transzendentales verloren...) > nun verliert er auch die Sicherheit seines eben erst gewonnenen realistisch physikalischen Weltbildes...

Einsteins Relativitättheorie ließ die seit alters sicher scheinenden Begriffe von Raum und Zeit unfest werden

Quantentheorie und Atomphysik ließen es in der Folge unmöglich scheinen, daß die Welt "mit den Anschauungen, die dem bisherigen naiven Weltbild entnommen sind,l vollkommen faßbar und verständlich sei" (Planck)

ä der die positivistische Epoche des späten 19. Jhds. bestimmende Determinismus wird überwunden: ... physikalische Gesetze erscheinen nicht mehr als absolut, sondern nur als statistisch formulierbar ... der Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung wird als durch den Zugriff der Methode veränderlich erkannt... ä "das naturwissenschaftliche Weltbild hört damit auf, ein eigentlich naturwissenschaftliches zu sein" (Heisenberg)

Freuds Psychoanalyse stieß in die Schichten des Unbewußten vor, legte die triebhaften Kräfte unter der moralisch-rationalen Tünche bloß und stützte mit seiner Traumdeutung (1900) das neue Raum- und Zeitgefühl

 

Verarbeitungsmöglichkeiten:

einerseits: in der schon von Nietzsche vertretenen Ästhetisierung des Lebens liegen:

 

Lyrik: nicht mehr die bevorzugte Stellung wie bei den Expressionisten; Vers wieder anerkannt; vielfach als Element in epischen oder dramatischen Formen genutzt; Verwendung kleiner schlichter Gebrauchsformen (Bauernspruch, Kalendervers, Kirchenlied, Song, Shanty, Sprechchor, Marsch-lied, Ballade)

 

auch Drama nicht mehr die Stellung wie im Expressionismus:

es blieb die Neigung zur offenen, reihenden Form (Vorbilder: Shakespeare, Sturm und Drang, Büchner) und die Erkenntnis, daß das Theater nicht Scheinwirklichkeit, sondern Deutung ist; volkstümliche Thematik und Form (Zuckmayer, Brecht); die Besinnung auf das Handwerkliche führte zur Anlehnung an ältere Gattungen (Parabelspiel, Mysterienspiel, Allegorie); Verwischung der Gattungsgrenzen zur Musik zum Tanz und zur Pantomime; Einbeziehung epischer Elemente: allwissender Erzähler eingeführt, kommentierende Sprucbänder, Songs und lyrisch gesteigerte Monologpartien, die die Rolle transzendieten (der Schauspieler verwandelt sich nicht restlos, er zeigt zwischendurch auf seine Rollenfigur und deren Umfeld und richtet Aufforderungen an die Zuschauer = Verfremdungs-Effekt zur Aufhebung der Illusion als Vorbdeingung für Erkenntnis und Aktionsbereitschaft auf Zuschauerseite)