DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis 1767-1785 STURM + DRANG
... Epochen-Kenntnisse angewandt auf GOETHES Gedicht ´PROMETHEUS´:
Lösungsbeispiel für die Aufgabe:
zeige insbesondere am beispiel des goethe-gedichtes "prometheus", worum es deutschen dichtern zur zeit des sturm und drang - in den 70/80er jahren des 18. Jhds. also - ging
Es funktioniert natürlich nur sehr bedingt, sich an einem kleinen Textbeispiel ein Bild von der Aufklärungs-Dichtung in Deutschland machen zu wollen.
Dennoch lassen sich ein paar Aspekte herausarbeiten.
Das hier zur näheren Analyse vorgelegte Textbeispiel stammt aus dem späten 18. Jhd., gehört also kulturgeschichtlich in die Epoche, in der das europäische Bürgertum - in Ablösung des traditionell tonangebenden Adels - mehr oder minder selbstbewußt eine eigene kulturelle und politische Dominanz anstrebte - in Deutschland freilich nicht wie in Frankreich auf revolutionärem Wege.
Der geistige Horizont dieses Kulturanspruchs hatte zunächst in den in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem entwickelten Denkansätzen und Theorien der europäischen Aufklärung bestanden.
In deren Zentrum: die Überzeugung, daß der Mensch viel weniger auf seine Grenzen als auf seine Möglichkeiten hin betrachtet werden müsse - letztere lägen in seiner natürlichen Vernunftbegabtheit, die es endlich freizusetzen gelte.
Sowohl die traditionelle Theologie als auch die traditionelle politische Theorie dächten den Menschen vorwiegend von seinen Grenzen her und hielten ihn dadurch je länger je mehr in Fesseln.
Das müsse ein notfalls revolutionär herbeizuführendes Ende finden.
In deren Zentrum des weiteren: die Überzeugung, daß Vernünftigkeit, also wechselseitige Einseh- und Erkennbarkeit, die zentralste Eigenschaft des gesamten Kosmos darstelle -
niemand für seine Selbst- und Welterkenntnis also zuvorderst darauf angewiesen sei, sich vorwiegend oder gar ausschließlich an Traditionen zu orientieren
jeder vielmehr dazu fähig sei, seine eigene Vernunft (Einsichtsfähigkeit) und Vernünftigkeit (sein auf Einsehbarkeit durch alles Übrige hin Angelegt-Sein) in einen mündigen Dialog mit der inneren Vernunft/Vernünftigkeit der Welt um ihn herum zu bringen...
...und so in wachsendem Umfang Irrtümer abzubauen und zu vermeiden (= Fortschrittsglaube)
weshalb systematische Naturbetrachtung insbesondere zur wichtigsten aller Wissensquellen gemacht werden müsse... (Forcierung der Naturwissenschaften)Entdeckung und Entwicklung des Naturrechts in der politischen Theorie (statt des tradierten göttlichen)
...und die Sammlung systematisch erworbenen Wissens folglich ins Zentrum der kulturellen Bemühungen der Gebildeten zu rücken habe... (Enzyklopädisten)... was es erforderlich mache, namentlich die Verstandeskräfte des Menschen zu hochkontrolliertem Einsatz zu bringen - allenthalben also Rationalität zum obersten Qualitätskriterium zu machen (vgl. Descartes: "Ich denke, also bin ich")
Entsprechend gedanken-, wissens- und regelorientiert hatte sich dann auch die fiktionale Literatur der Aufklärungszeit (1720-50) präsentiert. Und entsprechend regelhafte Züge hatte auch das gesellschaftliche Leben der Zeit angenommen... ... - noch unterstützt dadurch, daß das wirtschaftlich immer stärkere und nun auch kulturell und politisch auf mehr Einfluß drängende europäische Bürgertum der Zeit (Frühindustrialisierung in England!!) sich von gesteigerter Regelhaftigkeit in seiner Lebenspraxis von zwei ganz unterschiedlichen Wurzeln her viel versprach:
Wurzel 1: Man wollte den Adel seiner Dominanzrolle entheben und ihn beerben - suchte ihn also nachzuahmen dort, wo dieser gesellschaftlich zu beeindrucken wußte: im Bereich der äußeren Umgangsformen namentlich, was bis heute bezeichnenderweise ´Höflichkeit´ heißt
Wurzel 2: Man wollte und mußte zugleich seine Eigenständigkeit und Andersartigkeit unter Beweis stellen, damit glaubwürdig blieb, daß man eine andere Kultur wollte als die bisherige. Das war überall dort möglich und ein Leichtes, wo der Adel sich willkürlichster Regellosigkeiten vor allem auch nach unten schuldig gemacht hatte und machte - im Bereich eher zügelloser Sexualmoral nämlich.
Von letzterer waren Bürgertöchter nicht nur aufs Negativste betroffen (Kindsmordproblematik).
Ein vergleichbares Verhalten der Bürgerlichen untereinander wäre weder zu finanzieren gewesen, noch hätte es die unerläßliche Kreditwürdigkeit insbesondere der unternehmerisch Tätigen unter den Bürgerlichen erhalten.
Also bildet dieses Bürgertum noch ein spezifisches zusätzliches Regelgefüge für seine Lebenspraxis aus: eine rigide Sexualmoral
Für viele Zeitgenossen der zweiten Jahrhunderthälfte wird die so entwickelte Rationtialitäts-Gerichtetheit der zur Führung drängenden bürgerlichen Gesellschaftkreise - mit ansteckender Rückwirkung auf den Adel der Zeit - zu eng... ... zumal sie dem einzelnen eine innere Gratwanderung zwischen Individualitätsentfaltung und Einordnung abverlangt, die je länger je weniger auszuhalten ist:
Wer mit seiner Vernunftbegabtheit wuchern soll und will, muß seine Individualität entdecken, sie pflegen und ins Spiel bringen.
Wo dergleichen dauerhaft über den vorrangigen oder gar möglichst ausschließlichen Einsatz der Verstandeskräfte erreicht werden soll, stößt es unausweichlich über kurz oder lang an schmerzhafte Grenzen.
Die Grenzen vorwiegend verstandesgeführter Individualitätsentfaltung werden nun in der zweiten Jahrhunderthälfte zum herausragenden Thema namentlich auch der Literatur. Neben die rigide bürgerliche Sexualmoral tritt eine auf die besondere Erlebnisintensität familiär-intimer menschlicher Beziehungen setzende und diese zum Ideal erhebende Freundschafts- und Familien-Moral. An beiden manifestiert sich der Ständekonflikt noch-absolutistischer Verhältnisse und verweist wie durch ein Brennglas ebenso sehr auf alte wie auf neue Probleme...
Diese Entwicklung hat überdies zu tun mit den sich verändernden Produktionsbedingungen für Kunst und Literatur in jenen Jahren:
Je mehr der Absolutismus in eine namentlich auch wirtschaftliche Funktionskrise gerät, desto intensiver greift ein wachsendes Stück Marktorientierung in allen Wirtschaftsbereichen.
Je stärker das Bürgertum Kulturträger sein will, desto weniger können u.a. Literaturproduzenten auf Mäzene rechnen - desto mehr müssen sie so zu schreiben trachten, daß sich unter ihren potentiellen Lesern als außergewöhnlich herumspricht, was sie produziert haben: Originalität und Außerordentlichkeit sind also anzuzielen. Und wer verfügte mehr über beides als ein Genie, besser noch ein "Original-Genie"?
Und was wäre ein solches?
Selbstredend einer, der die Konventionen auf möglichst originelle Weise bricht und faszinierend Anderes an deren Stelle zu setzen weiß ...
... - und da bietet es sich zeitbedingt schlüssigerweise nun einmal an, statt auf Verstandeskräfte auf Gefühlskräfte zu setzen, von denen überdies jeder weiß, daß es keine Verstandeskraft ohne die sie bewegenden Gefühlskräfte geben würde.
Auch einer, der die Frage nach den Quellen seiner Genialität möglichst überzeugend beantworten muß - und deshalb Metaphysik und Religion auf geeignete Antwortmöglichkeiten hin neu durchdenkt:
Einer also, der sich Autorität gewinnt dadurch, daß er z.B. Menschliches und Göttliches nicht mehr in den alten Trennungen denkt, keine unüberbrückbaren Ungleichartigkeit mehr anerkennt zwischen Schöpfer und Geschöpf:
Einer der folglich Schöpfer und Schöpfung in eins setzt und den Glauben entwickelt, alles sei auf seine Weise göttlich (=Pantheismus)...
... - der Mensch, und unter den Menschen das künstlerische Genie, am meisten.
Der - geniale - Mensch vor allem habe deshalb die Möglichkeit wie die Aufgabe, diese Göttlichkeit mit allem und allen Übrigen zu kommunizieren, so individuell und so spontan-kraftvoll als möglich.
Man meint und scheint mit dieser neuen Orientierung auf die Gefühlskräfte wie auf die göttliche Genialität des Menschen - ebenso marktbedingt beiläufig, wie inhaltlich unerläßlich - endlich beim Eigentlichen angelangt zu sein:
bei einem gegenüber der Aufklärung weiterentwickelten Vernunftbegriff, ...
...der verengte Berechenbarkeiten nicht mehr zu einem letztlich leblosen ("kastrierten") Fetisch erhebt,
...sondern stattdessen setzt auf:
die intuitiven Kräfte des Subjekts, wirksam in seinem nicht zuletzt spontanen Fühlen und Denken, ja selbst in den Affekten, sofern diese den inneren Dialog zwischen Fühlen und Denken mit wichtigen Impulsen versehen.
Und dies als Ausdruck wiedergewonnener Natürlichkeit und Energie und als Katalysator einer zur vollen Vernunft gelangenden Individualität.
eines der sturm-und-drang-gedichte des jungen goethe liest sich fast wie ein brennglas der eben entwickelten umorientierung: "Prometheus"
Der junge Autor bedient sich der griechischen Mythologie, um seiner These von der Göttlichkeit und damit schöpferschen Genialität des Menschen einen ebenso unverfänglichen wie großartigen Ausdruck zu verleihen. Und er siedelt das in diesem Gedichttext zur Aussprache drängende lyrische Ich im griechischen Götterhimmel an:
als Prometheus, einer der titanischen Vettern des Zeus überwirft es sich mit diesem und seinem Anspruch als Gott und Herrscher des Olymp, die Menschen zu überragen,...
... und hält Zeus eine flammende Schmäh- und Abgrenzungs-Rede, in der es sich mit den Menschen ´solidarisiert´.
In 8 unregelmäßigen Strophen und in freien Rhythmen weist dieses prometheische Ich den Göttlichkeitsanspruch seines Vetters Zeus einleitend ausdrücklich und hochfahrend in seine Schranken: Denn nichts auf Erden Geschaffenes sei sein Werk, so die Begründung noch in der ersten Strophe.
Die Angewiesenheit der Götter auf die Verehrung törichter "Kinder und Bettler" sei "kümmerlich", so das die zweite Strophe füllende nächste Argument.
Er selbst habe einst kindlich an eine bedrängsniswendende Hierarchie in der Götterwelt geglaubt, lautet die weitere Verdeutlichung der hier vorgetragenen Position in der dritten Gedichtstrophe.
Hilfe von oben habe es jedoch nicht gegeben - alles Erreichte sei alleinige Frucht des eigenen Herzens und seiner Energie gewesen, das freilich von seiner Kraft in jungen Jahren kaum etwas gewußt habe.
Wieso also bestehe Anlaß für Respekt, wo doch keine Leistung zu erkennen sei?, lautet dann die provokative Fragentrias der fünften Strophe.
An sie schließt sich der rhetorisch-fragende Verweis auf "Zeit" und "Schicksal" als den einzig verehrungswürdigen Kräften im Kosmos.
Und auch in Strophe sieben arbeitet der hier vorgeführte Prometheus des 18. Jahrhunderts noch einmal mit einer rhetorischen Frage: sie gilt dem Eingeständnis der eigenen Begrenztheit ebenso wie dem Verweis darauf, daß Begrenztheit kein Grund sei, sich nach jener schalen Art von Göttlichkeit zu sehnen, die Zeus für sich beanspruche.
Das höchste, wenn auch begrenzte Glück sei es demgegenüber, das hervorzubringen, was man hervorbringen könne, mit diesem zu kommunizieren und nicht verehrungsgestimmt danach zu fragen, ob es noch göttlichere Lebensformen gebe als die eigenen.
Und was bringt dieser Prometheus des 18. Jhds. hervor? "Menschen nach (seinem) Bilde, ein Geschlecht, (...) ihm gleich" (Z.50ff), weil ebenfalls begrenzt - aber Wesen, ausgestattet mit der ganzen Spanne lebendigen Fühlens: "leiden", " weinen", "genießen", sich "freuen" (Z.53ff). Und nicht Wesen wie der hier geschmähte Zeus, die sich auf ihre Möglichkeiten Unzutreffendes einbildeten, weshalb ihm das prometheische Ich dieser Zeilen einleitend gleich den verächtlichen Rat an den Kopf wirft: "übe Knaben gleich,/Der Disteln köpft,/ An Eichen dich und Bergeshöhn!" (Z.3ff).
Mensch zu sein mit aller Begrenztheit ist also diesem unbotmäßigen Prometheus des 18. Jhds. - einem Titanengott der griechischen Welt- und Götterhimmel-Entstehungsmythen immerhin - das Höchste, das Heiligste und damit das um nichts minder, ja sogar eigentlich Göttliche:
weil voller Schaffenskraft ("meine Hütte, die du nicht gebaut" (Z....))
und voller Erfindungsgeist ("meinen Herd, um dessen Glut du mich beneidest" (Z...)),
voll eines "heilig glühend(en) Herz(ens)" (Z...), ...
voller Entwicklungsmöglichkeiten ("hat mich nicht zum Manne geschmiedet"(Z...)),
voller "Knabenmorgenblütenträume" mit immerhin teilweisen Reifungsmöglichkeiten
und voll Gestaltungswillen wie -kraft ("und forme Menschen nach meinem Bilde", also der ganzen Spannweite menschlichen Fühlens und Vollbringens im Medium ihres heilig glühenden Herzens fähig und ihrer selbst bewußt "wie ich" (Z...)).
Keiner der griechischen Götter kann für den Prometheus des 18. Jhds da mithalten. Vielleicht auch der christliche nicht? Vermutlich! Um ihn geht es ja im Wege sinniger Verkleidungen!
Wo das "heilig glühend Herz" als der Ort in der Schöpfung begriffen werde, in dem Fühlen und Denken zu ungeahnter Kraftentfaltung im Durchdringen seiner selbst wie des Ganzen zusammenflössen, Vollbringen, ja Vollendung (vgl. Z. 33) ermöglichend ... ...da werde spürbar, daß es nichts Göttlicheres gebe als diese Durchdringungskraft ... ... - so also die These des Prometheus-Gedichtes.
Eine derartige Durchdringungskraft aus der Glut des Herzens heraus macht den Gedanken an den großen seiner Schöpfung gegenüberstehenden Weltengott ebenso überflüssig wie dessen olympische Alternativen. Diese Durchdringungskraft macht stattdessen konsequenterweise die Schöpfung selbst aus. Damit sind nicht nur Schöpfer und Schöpfung ein und dasselbe, vielmehr geschieht Schöpfung täglich neu:
Denn im Vollzug der wechselseitigen Durchdringungskraft alles Existierenden schafft insbesondere auch der Mensch Welt,...
... indem er dem, was sein Herz als den hochenergetischen Kristallisationspunkt und Katalysator seiner Vernunftbegabtheit bewegt, Ausdruck verleiht - sprachlichen sogar zuvorderst.
Die Welt besteht also aus lauter Objekt-Subjekt gewordener Subjektivität.
Das aber unterhöhlt am Ende ihre Greifbarkeit und ihre Kommunizierbarkeit.
Mit Vorstellungen, wie sie in Goethes Prometheus-Gedicht greifbar gemacht sind, treten die Dichter des Sturm und Drang einen Höhenflug an, der seinesgleichen sucht!
Dieser Höhenflug ist ebenso bewegend wie hochgradig illusionär bis hin zur Tödlichkeit.
Das Prometheus-Gedicht liefert ihn noch ungebrochen.
Andere Sturm-und-Drang-Werke des jungen Goethe namentlich auch arbeiten ihn bereits in seinen problematischen Zügen durch (Werther, Urfaust).