DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

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In der zweiten Hälfte des 18. Jhds hat das moderne Bürgertum mit seinem Individualismus und seinem Willen zur Originalität die Idee des Stils als Ausdruck einer bewußten und gewollten geistigen Gemeinschaft aufgehoben.

Stil ist seither eine Sache geistigen Eigentums und Ausdruck eines neuen - bürgerlichen - Lebensgefühls, einer neuen - bürgerlichen - Moral, eines neuen - bürgerlichen - Geschmacks.

 

Hintergrund: die infolge frühkapitalistischer Wirtschaftsformen und absolutistischer Wirtschaftsförderungs- und Beamtenstaatsbildungs-Politik gewachsene gesellschaftliche Bedeutung des Bürgertums mit entsprechenden Bildungsbedürfnissen. Das neue bürgerliche Lesepublikum ist dankbarer Adressat für eine sich nun ausbreitende Zeitschriftenliteratur und den Aufbau eines Bibliothekswesens.

Folglich wird politisches und privates Mäzenatentum allmählich durch Verlage ersetzt.

Kunst wird eine Sache des freien Marktes , das literarische Produkt wird zur Ware; Kriterium: Verkäuflichkeit - deren Anreiz: Originalität!

Das gewachsene Kunstpublikum bedarf nun zu seiner Orientierung des neuen Berufsstandes der Kritiker, die nun in einen Diskurs der Wertmaßstäbe eintreten und ein kulturgeschichtlich neues Phänomen, die öffentliche Meinung zu bilden und zu repräsentieren beginnen.

 

 

Entsprechend emanzipiert sich der bürgerliche Geschmack vom Diktat des alten aristokratisch bestimmten Kulturverständnisses. Konkurrenz ist das Stichwort der Zeit - Konkurrenz zwischen Bürger und Bürger, Konkurrenz zwischen Bürgertum und Adel.

Eine Gegenkultur zur klassizistischen, auf Normativität und Allgemeingültigkeit gerichteten Weltanschauung der Aristokratie wird gesucht und gefunden:

Affektbetontheit statt der traditionellen Distanziertheit des Autors zu seinen Figuren und zu seinen Lesern, Aufgabe eines streng intellektualistischen Standpunktes der Welt gegenüber ist das Gebot der Stunde.

Autoren treten jetzt an, um subjektive Gefühlsprobleme auszudrücken, die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen und die Leser zu unmittelbaren Zeugen intimer Seelen- und Gewissenskämpfe zu machen.

Sie protestieren gegen die Normativität des absolutistischen Despotsimus ebenso ...

wie gegen jene Mechanisierungs-, Entpersönlichungs- und Nivellierungstendenzen, die sich mit Theorie und Praxis einer mehr und mehr sich selbst zu überlassenden bzw. bereits überlassenen Wirtschaft herauszubilden beginnen

Es geht um die Auflösung formaler Bindungen zugunsten einer Vertiefung der Sensibilität - eine Sprache der Empfindsamkeit wird entwickelt: Wahrheit gilt mehr als Gefälligkeit, Lebensfülle mehr als Klarheit, Kraft und Rhythmus mehr als glatte Gliederung. Die Sprache soll aus dem Schriftdeutschen erlöst werden - ein forcierter Kraftstil verschmäht vollständige Sätze, häuft Ausrufe und Exaltationen: ein Explosivstil entsteht, meist als Prosa oder in neuen Versformen (Knittel, freie Rhythmen)

Der Kulturoptimismus der Aufklärung wird durch einen Kulturpessimismus abgelöst und durch einen ersatzweise entwickelten Naturoptimismus und Naturidealismus kontrapunktiert: Dem gebildeten Kulturmenschen wird der Naturmensch als etwas Höheres entgegengestellt. Die Dichter des Sturm und Drang sympathisieren mit unschuldigen Kindern, naiven Frauen, der Landbevölkerung, Handwerkern, Kleinbürgern, den ersten Menschen, den Griechen Homers, den alten Germanen und mit urwüchsigen Kraftgestalten.

Ein entschiedenes Gefühl für den Wert alles Wirklichen, also Endlichen, wird ebenso gepflegt wie das entgegengesetzte Gefühl für die innerliche Unendlichkeit der Natur und des Lebens, vor der alle Endlichkeiten zunichte werden

Erstrebt wird eine natürliche Gesellschaftsordnung für den natürlichen Menschen - mit Raum für dessen genialischen Tatendrang, statt eines ´tintenkleksenden Säkulums´.

 

die Erzähl- oder Dramenfiguren fliehen aus strenger Vernünftigkeit und Bewußtheit in unverantwortliche Emotionalität

aus Kultur und Zivilisation in einen unverbindlichen Naturzustand

 

Das neue Lebensgefühl vergöttlicht die Natur (Pantheismus), während die Aufklärung sie naturwissenschaftlich entgöttert hatte. Das Leben gilt als ruheloser Wandel der Formen. Natur wird anders als früher als Offenbarung sittlicher, nach menschlichen Moralbegriffen waltender Mächte erlebt und begriffen - als ein großartiges Schauspiel bzw. Drama, das die Wendungen des menschlichen Schicksals ins Große überträgt. Folglich nimmt die Natur in der Dichtung einen viel größeren Raum ein als früher.

Für Herder Ist die Bibel nicht mehr der einzige authentische Kommentar des in der Welt versteckten Gottes, sondern nur Poesie - wie umgekehrt alle Poesie Bibel, sprich: Ausruck des Göttlichen ist. Religion und Dichtung haben die Bestimmung, den Menschen zur reinen Humanität zu führen. Kunst ist damit nicht mehr Mittel zu einem Zweck, sondern Offenbarung. Hamann erklärte, die dichterische Sprache sei Naturlaut, das ahnende Gemüt und die bilderschaffende Phantasie seien göttliche Kräfte. Die neue Kunstauffassung ist symbolisch-genialisch: nicht mehr der Genußwert ist entscheidend, sondern der Symbolwert, nicht die Zweckhaftigkeit, sondern die Ursprünglichkeit

Geniale Dichtung ist den Zeitgenossen Erlebnisdichtung.

Das Genie ist der begnadete Nacheiferer, nicht Nachahmer Gottes (Symbol: Prometheus).

Das Genie schafft nicht aus der theoretischen Einsicht in die Kunstgesetze, sondern aus seiner Intuition heraus

als Dichter ist es selbst gesetzgebende Instanz, traditionelle Gattungsgrenzen sind ihr gegenüber hinfällig: Geniedichtung gilt als Naturdichtung.

 

Literarisch steht das Theater im Zentrum des Interesses der Stürmer und Dränger. Es gilt als moralische Anstalt, über die sich der Aufruf zur Änderung der sittlichen und sozialen Zustände wie nirgends sonst multiplizieren und zum unmittelbaren Gesprächsgegenstand machen ließ.

Zahllose theoretische Schriften zu Rolle und Bedeutung des Theaters wie auch entsprechende Reflexionspassagen in einzelnen literarischen Werken selbst verdeutlichen dieses Interesse.

Hauptthema der Dramendichtung ist der Konflikt zwischen dem Naturmenschen und der bestehenden Kultur. Dieser Konflikt tritt vorwiegend auf als:

Kampf um die politische Freiheit (Schiller, Kabale, Fiesco)

Freiheitskampf gegen die Gesellschaft (Goethe, Götz; Schiller, Räuber; Klinger, Zwillinge; Leisewitz, Julius)

Kampf um die Freiheit der Liebe gegen die Beschränkung durch den Standesunterschied (Schiller, Kabale)

als Darstellung der Problematik gesellschaftlicher Geschechtsmoral (Lenz, Soldaten; das Kindsmörderin-Motiv bei Goethe, Wagner, Müller)

als Freigeisterei der Leidenschaft und der Ehe (Goethe, Stelle, Clavigo; Klinger, Weib, Grinaldo)

Kampf um die metaphysische Freiheit gegen die christliche Kirche (Goethe, Faust) für eine natürliche Religion und sittliche Weltordnung (Schiller, Räuber)