Brentano


Einsam will ich untergehn
Keiner soll mein Leiden wissen,
Wird der Stern, den ich gesehn
Von dem Himmel mir gerissen
Will ich einsam untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste,
Wenn der Stern, den ich gesehn
Mich zum letzten Male grüßte
Will ich einsam untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide,
Giebt der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht weiter das Geleite
Will ich einsam untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen.

Einsam will ich untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen,
Will der Stern, den ich gesehn
Nicht mehr auf mich niederschauen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Sklave an der Kette.

Einsam will ich untergehn
Wie der Sklave an der Kette,
Scheint der Stern, den ich gesehn
Nicht mehr auf mein Domenbette
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode,
Ist der Stern, den ich gesehn
Mir nicht mehr ein Friedensbote
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren.

Einsam will ich untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren-
Wird der Stern, den ich gesehn
Jemals weg von mir sich kehren,
Will ich einsam untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen.

Einsam will ich untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen,
Soll den Stern, den ich gesehn
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Herz in deinem Herzen.


 

 

aus:  Reclam/Romantik II

Die Stichworte für Brentanos Lyrik sind Zauber, Musikalität, Synästhesie, Artistik. 

Brentanos Lyrik geht oft (wie seine Märchen) von volkstümlichen Quellen und Formen aus. Die Arbeit an der " Wunderhorn«-Sammlung ist mit entscheidend für die Gestaltung dieser ungemein vielfältigen lyrischen Darbietungsformen. 

lm volksliedhaften Gedicht wird das scheinbar unmittelbare Erlebnis durch eine sehr kunstvolle Virtuosität erreicht, die vor allem in einer großen Sprachmusikalität gründet. 

 

So ist das Gedicht »Abendständchen« ein eindringliches Beispiel für romantische Synästhesie: Flötenklänge, Brunnenrauschen, Farben in der Nacht verwandeln und verklären sich zu einer neuen sensitiv empfundenen Erfahrung. 

Im Gedicht "Nachtigall« wird das Thema - in der ersten Zeile durch die Substantive Sehnsucht, Schwermut, Wehmut angedeutet - durch eine Fülle von Reimpaaren, umarmenden Reimen, Endreimen, Binnenreimen, Schlagreimen, Assonanzen und Alliterationen zum Klingen gebracht. 

Der "Liebeswiderspruch« wird so sinnfällig in Sehnsucht, Lust und Liebe zu einem disparaten Lebensgefühl vereint. Diese Art von innerer Schmerzdarstellung ist lyrisch-artistisch; allerdings nicht zu verwechseln mit dem subjektiven Leid Brentanos. Es geht ihm um eine poetische Existenz, die ohne den anderen Menschen gelebt wurde, mit dem er sein persönliches Leid hätte teilen können.


In "Sprich aus der Ferne« wird der Gegensatz zum Volkslied deutlich: Was dort schon durch die Naturphänomene Poesie wird - Rose, Mond, Abend -, ist hier Chiffre für eine Seelenlage. Die Auflösung der Seele wird durch die Natur nur vorbereitet, die Distanz zwischen sprechendem Ich und Natur ist aufgehoben, bzw. ob das Ich oder die Natur spricht, ist nicht auszumachen. Brentano spielt also mit der unbestimmten Nähe der Dinge, in der Natur und Individuum sich nicht trennen lassen.


" Wenn der lahme Weber träumt, er webe« -ein artistisches Gedicht, das durch sein virtuoses Verfahren vom volksliedhaft Romantischen wegführt. Thema ist der Traum als Möglichkeit des Lebens. Die genannten Figuren des Gedichts sind im Traum "Träumer und Geträumte« (Enzensberger), sind ihr Subjekt und Objekt zugleich, solange nicht die Wahrheit erscheint, das bedeutet, solange das Gedicht den Traum sagen kann.


Mit dem Gedicht "Auf dem Rhein« hat Brentano vielleichtden überragendsten Romanzentypus geschaffen: Die Traumvision des Fischers im Kahn gewinnt ihren eigentlichen Reiz aus der gelungenen Mischung von Volkstümlichkeit und persönlicher künstlerischer Virtuosität, aus einerseits ganz konkreter Gegenständlichkeit und andererseits lyrisch-märchenhafter Verwandlung des Handlungsablaufs. Wenn in der hier abgedruckten Fassung in den beiden Schlußversen der Dichter die Fischermaske fallen läßt und das lyrische Subjekt selbst hervortritt, entpuppt sich die Romanze auch als modernes Liebesgedicht.


»Die Romanzen vom Rosenkranz« gelten als Beispiel von Brentanos Werdegang, da sie ihn lange begleitet haben (zwischen 1803 und 1812); sie sind der spanischen Romanze nachgebildet, die durch A. W. Schlegel in Deutschland bekannt wurde; Quartette aus vierfüßigen trochäischen Versen geformt, in der zweiten und vierten Zeile Reime oder Assonanzen, die durch das ganze Gedicht laufen. Bei Brentano finden sich viele Abwandlungen. Thema: »Eine Reihe von romantischen Fabeln, in welchen sich eine schwere, alte Erbsünde mit der Entstehung des Rosenkranzes löst« ( Brentano in einem Briefan Philipp Otto Runge). Die Romanzen der drei Rosen Rosablanca, Rosadora, Rosarosa laufen zunächst getrennt, sind aber eng miteinander verknüpft, so daß sie Kranz und Rosen bilden. An den drei Schwestern wird die Versuchung durch die Erbsünde demonstriert. Die Sündhaftigkeit wird aber ausschließlich als geschlechtliche Lust verstanden. Es ist ein apokryph religiöses Gedicht, zum Teil erotisch, zum Teil andachtsvoll, mit wenigen klaren Handlungsvorgängen und überwiegend lyrischer Gestaltung. Die
Form erscheint überaus artifiziell und gehört zu dem ganz eigenwilligen Neuen, was Brentano und damit romantische
Dichtung hervorgebracht hat.