Brentano


Sprich aus der Ferne


Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!


Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stilleuchtender Funken
Die Nacht um die schattichte Stirne flicht :

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis' durch die Ferne
Bis zu mir hin.


Wenn des Mondes stilllindernde Tränen
lösen der Nächte verborgenes Weh,
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.


Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt :

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.


Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

 

 

aus:  Reclam/Romantik II

Die Stichworte für Brentanos Lyrik sind Zauber, Musikalität, Synästhesie, Artistik. 

Brentanos Lyrik geht oft (wie seine Märchen) von volkstümlichen Quellen und Formen aus. Die Arbeit an der " Wunderhorn«-Sammlung ist mit entscheidend für die Gestaltung dieser ungemein vielfältigen lyrischen Darbietungsformen. 

lm volksliedhaften Gedicht wird das scheinbar unmittelbare Erlebnis durch eine sehr kunstvolle Virtuosität erreicht, die vor allem in einer großen Sprachmusikalität gründet. 

 

So ist das Gedicht »Abendständchen« ein eindringliches Beispiel für romantische Synästhesie: Flötenklänge, Brunnenrauschen, Farben in der Nacht verwandeln und verklären sich zu einer neuen sensitiv empfundenen Erfahrung. 

Im Gedicht "Nachtigall« wird das Thema - in der ersten Zeile durch die Substantive Sehnsucht, Schwermut, Wehmut angedeutet - durch eine Fülle von Reimpaaren, umarmenden Reimen, Endreimen, Binnenreimen, Schlagreimen, Assonanzen und Alliterationen zum Klingen gebracht. 

Der "Liebeswiderspruch« wird so sinnfällig in Sehnsucht, Lust und Liebe zu einem disparaten Lebensgefühl vereint. Diese Art von innerer Schmerzdarstellung ist lyrisch-artistisch; allerdings nicht zu verwechseln mit dem subjektiven Leid Brentanos. Es geht ihm um eine poetische Existenz, die ohne den anderen Menschen gelebt wurde, mit dem er sein persönliches Leid hätte teilen können.


In "Sprich aus der Ferne« wird der Gegensatz zum Volkslied deutlich: Was dort schon durch die Naturphänomene Poesie wird - Rose, Mond, Abend -, ist hier Chiffre für eine Seelenlage. Die Auflösung der Seele wird durch die Natur nur vorbereitet, die Distanz zwischen sprechendem Ich und Natur ist aufgehoben, bzw. ob das Ich oder die Natur spricht, ist nicht auszumachen. Brentano spielt also mit der unbestimmten Nähe der Dinge, in der Natur und Individuum sich nicht trennen lassen.


" Wenn der lahme Weber träumt, er webe« -ein artistisches Gedicht, das durch sein virtuoses Verfahren vom volksliedhaft Romantischen wegführt. Thema ist der Traum als Möglichkeit des Lebens. Die genannten Figuren des Gedichts sind im Traum "Träumer und Geträumte« (Enzensberger), sind ihr Subjekt und Objekt zugleich, solange nicht die Wahrheit erscheint, das bedeutet, solange das Gedicht den Traum sagen kann.


Mit dem Gedicht "Auf dem Rhein« hat Brentano vielleichtden überragendsten Romanzentypus geschaffen: Die Traumvision des Fischers im Kahn gewinnt ihren eigentlichen Reiz aus der gelungenen Mischung von Volkstümlichkeit und persönlicher künstlerischer Virtuosität, aus einerseits ganz konkreter Gegenständlichkeit und andererseits lyrisch-märchenhafter Verwandlung des Handlungsablaufs. Wenn in der hier abgedruckten Fassung in den beiden Schlußversen der Dichter die Fischermaske fallen läßt und das lyrische Subjekt selbst hervortritt, entpuppt sich die Romanze auch als modernes Liebesgedicht.


»Die Romanzen vom Rosenkranz« gelten als Beispiel von Brentanos Werdegang, da sie ihn lange begleitet haben (zwischen 1803 und 1812); sie sind der spanischen Romanze nachgebildet, die durch A. W. Schlegel in Deutschland bekannt wurde; Quartette aus vierfüßigen trochäischen Versen geformt, in der zweiten und vierten Zeile Reime oder Assonanzen, die durch das ganze Gedicht laufen. Bei Brentano finden sich viele Abwandlungen. Thema: »Eine Reihe von romantischen Fabeln, in welchen sich eine schwere, alte Erbsünde mit der Entstehung des Rosenkranzes löst« ( Brentano in einem Briefan Philipp Otto Runge). Die Romanzen der drei Rosen Rosablanca, Rosadora, Rosarosa laufen zunächst getrennt, sind aber eng miteinander verknüpft, so daß sie Kranz und Rosen bilden. An den drei Schwestern wird die Versuchung durch die Erbsünde demonstriert. Die Sündhaftigkeit wird aber ausschließlich als geschlechtliche Lust verstanden. Es ist ein apokryph religiöses Gedicht, zum Teil erotisch, zum Teil andachtsvoll, mit wenigen klaren Handlungsvorgängen und überwiegend lyrischer Gestaltung. Die
Form erscheint überaus artifiziell und gehört zu dem ganz eigenwilligen Neuen, was Brentano und damit romantische
Dichtung hervorgebracht hat.