aus: Reclam/ Romantik II

III. Lyrik. Darstellung des Gemüts


Auf die Frage, wie es zu einer spezifisch romantischen Lyrik gekommen ist, gibt es zwei grundsätzliche Antworten: 

1. die herausragende Leistung der Heidelberger Romantiker, die Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« von Arnim und Brentano, hatte einen außerliterarischen Grund: Die nationale Romantik wollte, wie Arnim in seinem Nachwort bemerkt, das Alte-Echte bewußt machen, den Volksgeist, der sIch im Lied durch die ]ahrhunderte bewahrt hat, wieder lebendig werden lassen. 

2. Nahezu alle Autoren der Romantik haben Gedichte geschrieben; ihre Gedichte sind aber nicht ursächlich als selbständige Gebilde zu betrachten, sondern sind - wie bei der Behandlung des Romans klargeworden ist - als Einlagen in den Romanen verwendet worden. 

Dafür gibt es wiederum zwei Begründungen: Die meisten Romanhelden führen eine poetische Existenz, und wann immer es ihnen gefällt, jubilieren und singen sie, drücken je nach Stimmung Freude oder Schmerz im lyrischen Gedicht aus. Der Roman ist aber auch die universelle Gattung, in der sich alle Formen der Poesie vereinen. 

Darum scheint die Lyrik zunächst etwas Abgeleitetes zu sein und nicht die Selbständigkeit zu besitzen wie in anderen Epochen.


Primär haben sich die romantischen Dichter auch nicht als Lyriker verstanden. 

Dennoch gibt es zwei, deren Gedichte als wesentlicher Teil ihres Gesamtwerks verstanden werden müssen und die durch ihre Gedichte - über deren Stellenwert in den Romanen hinaus - als überragende Lyriker ausgewiesen sind: 

 Brentano und Eichendorff. 

Brentano mit den volksliedhaften Gedichten und Romanzen im Umkreis der Rheinromantik und den hochartistischen Gedichten der Spätzeit sowie den Hunderte von Strophen umfassenden  »Romanzen vom Rosenkranz«. 

Der Hochromantiker Eichendorff hat sogar (wie übrigens noch später auch Tieck) seine Gedichte - die Gattung also wieder akzeptierend - in einem Lyrikband (1837) unter Gruppentitel wie »Wanderlieder«, »Sängerleben«, »Zeitlieder«, »Frühling und Liebe«, »Totenopfer«, »Geistliche Gedichte«, »Romanzen« geordnet.

 


Eine Sonderstellung nimmt Novalis' großes Gedicht von der Todesüberwindung »Hymnen an die Nacht«, der philosophischen Gedankenlyrik zugehörend, ein. 

Es ist gegenrationalistisch, entscheidet sich für das Dunkle und Geheimnisvolle (Werner Kohlschmidt). Die romantische Lyrik sonst setzt einen bestimmten Volksliedbegriff voraus, von Herder her aufgenommen, zunächst in der »Wunderhorn«-Sammlung praktiziert: 

das Leichte, Einfache, Volksliedhafte soll natürliche Gefühle, Stimmungen so wiedergeben, daß sie sich im Gedicht unmittelbar wieder ans Gefühl des Menschen wenden und nicht literarische Bildung zum Verständnis voraussetzen. 

 

Sowenig einerseits das Volkslied »Volksdichtung« ist, muß andererseits die Lyrik der Romantik, wie Hermann August Korff sie genannt hat, als »Kunst-Volkslied« bezeichnet werden. 

Diese Lyrik des Gemüts ist bei aller Schlichtheit bewußt künstlerisch-artistischen Ursprungs. Daß hier mittels Lyrik Themen wie Ferne, Sehnsucht, Wandern, Liebe angeschlagen werden, die nicht naiv so vorgegeben sind, sondern im Bruch zur Realität entstanden und nur im Vorgang des Gedichteten da sind, sollte dabei nicht übersehen werden. 

Novalis hatte von »Gemüterregungskunst« gesprochen. Soweit romantische Lyrik von dieser Definition
her zu begreifen ist, gibt es für sie auch kaum Außerlyrisches, auf das sich das Gedicht beziehen könnte.