STREIT ZWISCHEN GLÜCK UND INDUSTRIE
Kaufmännische Schätzung und kaufmännischer Erwerb der Dinge, wenn er allgemein wird, bringt auch kaufmännischen Glückswechsel über alle Dinge. Soll es keine Art des Besitzes weiter geben als den unmittelbar erworbnen, mit gemeiner Industrie erwuchert, will der Mensch die schöne Satzung der Natur oder der Zeit, da ein Teil des Besitzes ungebeten, wie ein reines Geschenk des Himmels auf den Besitzer kommt, welche Satzung dem unsteten Glück zu einer Art von Ableiter dient, nicht statuieren, -nun so muß das Glück woW, da man ihm den friedlichen und gesetzmäßigen Eintritt in die Staaten und Wohnungen der Menschen versagt, sich feindselig beweisen und mit anscht'inender Blindheit in die eigensinnige Ordnung der Dinge greifen; da doch im Grunde jene, welche alles Glück aus dem Staate
herauszuindustrieren unternehmen, die eigentlich Blinden sind.
In demselben Grade, als der Mensch dem Glücke zu gebieten und es zu tyrannisieren glaubt, in demselben Maße spielt mit ihm und tyrannisiert ihn das Glück. In keinem Zeitalter sprachen die Ökonomen und Staatswirte wohl mit größerer Zuversichtlichkeit und Behaglichkeit von der Weltherrschaft der Industrie als in dem unsrigen, wie ja die ganze Finanzkunst und dazu gehörige Wissenschaft vorgeblich erst jetzt ausgebildet worden ist. Die Anhänglichkeit am Hergebrachten und alles, was nur mit einigem Scheine für Aberglauben oder Vorurteil gelten konnte, wurde von diesen neuen Priestern der Industrie, als ein besondrer Feind des Menschenglücks verfolgt; nach ihren Ansichten kostet es der Menschheit nur einen kleinen Entschluß, klüger und listiger zu werden oder den Ratschlägen des Klügeren und Listigeren zu folgen, um mit der Natur und ihren feindseligen oder ungewissen Kräften für immer fertig zu werden. Die Pest ist längst beiseite gebracht; wo der Blitz hinfahren soll, kann der Mensch ihm zeigen und gebieten; welche Feuer- und Kuhpocken-Anstalten in Städten und auf dem platten Lande. Bald wird es auch nicht einmal mehr der Assekuranz bedürfen und keines innigen Aneinanderhaltens und gegenseitigen, liebevollen Beistandes der Menschen untereinander. .
Zugleich mit der Not, welche die Menschen zusammenbindet, wird auch die Liebe künstlich abgeleitet und abgewehrt, denn es ist besser, daß ein jeder für sich auf seine eigne Hand lebe und fertig werde. Weit auseinander bauen sie die ländlichen Wohnungen: Damit eine Feuersbrunst nicht um sich greifen könne, die Unglücklichen, löschen sie lieber auch jenes schönere Feuer der hilfreichen Liebe aus, welches sich im Beieinanderwohnen entzündet; damit jeder bequem und produktiv im Mittelpunkt seiner Grundstücke wohne, zerschneiden sie die natürlichen Bande der nachbarlichen Geselligkeit und zerstören alle die höhern Erzeugnisse, welche von diesem Bande abhängen. -Ja, sie bringen es endlich noch dahin, daß der einzelne in seinem Neste wirklich allein sitzt und Blitz und Pest und Flamme und Blattern und dem ganzen Heere der Naturkalamitäten trotzt und am Ende noch hochmütig lächelt über jene Helden in den Zeiten des Faustrechts, die ohne alle weitere Industrie- und Polizeianstalt, bloß durch die Kraft ihres Herzens ebenso einsam und noch viel trotziger lebten. Denn auch die Regierungen haben sich allgemach in dieses Evangelium der bkonomie und Industrie, wie es Novalis nennt, gefunden: Die Verbreitung der Ableitungen und Inokulationen, das Kommando deskleinen Krieges der Industrie mit der Natur, ist ihnen allzunahe ans Herz getreten.
Auch ich kann mir den ganzen Haushalt des Menschen als eine Industrie, den ganzen Staat als eine Polizeianstalt denken; aber dann muß es eine Industrie und eine Polizei sein, die nicht einzeln, abgerissen, nach Art der Krämer oder Bettelvögte zu Werke geht, die nicht über einen Pfenniggewinnst einen großen Kreditgewinnst fahren und die nicht, um einen Landstreicher zu fangen, zehn schlimmere laufen
läßt. Es gibt eine Industrie, eine Polizei en gros, die beständig, klug und kühn ihrem ganzen Gewinnst, ihrem ganzen Glück und ihrem ganzen Feinde in die Augen sieht; die, indem sie alles, auf menschliche Weise alles, das ihr Gebührende nämlich, erwerben will, zugleich alles und jedes einzelne verteidigt. Von dieser ist aber in unserer Welt wohl nur in wenigen, glücklicheren Staaten die Rede: Dem Strom des Schicksals ein Stückchen Alluvion nach dem andern abgewinnen, Reiserchen ausstecken unermÜdlich mit mühsamer Spitzfindigkeit, daß sich der Schlamm setze, solches verstehen sie; aber, wenn die Flut einmal hochgeht, dann fehlen die Dämme, weil das Herz, der ausus fehlt, der zu ihrer Konstruktion vonnöten und über den kleinen,
listigen Handel mit der großen Natur längst verlorengegangen ist.
Alle Verdienst-, Industrie-, Virtuositäten- und Talenten-Krämereien, von denen in neueren Zeiten so ungebührliches Aufsehn gemacht worden, sind Detail- Wirtschaft und können der Natur oder dem Glück, welche allenthalben im Großen und Ganzen operieren, nicht widerstehen. -Da es aber dem Menschen hauptsächlich um einen bewaffneten Frieden mit der Natur und dem Glücke zu tun ist, so muß er die Natur allenthalben in seinen Kalkül, in sein Interesse ziehn; er muß eine Allianz mit ihr schließen, um auf eine wirksame Art gegen sie streiten und seine menschliche Unabhängigkeit behaupten zu können I Er muß das Glück also anreden können : "Ich lasse dich hinein in meine Werke; ich lasse dich eine anscheinende Unregelmäßigkeit in meinen Kalkül bringen, weil ich weiß, daß dieser an allgemeiner und ewiger Richtigkeit gewinnt, was er an abgesonderter, augenblicklicher Präzision verliert; ich lasse die Familien, welche du einmal auszeichnest dadurch, daß du sie zuerst kommen, bei der GrÜndung des Staats zugegen sein ließest oder daß du ihren Unternehmungen besonderes Gedeihen gabst, in ihrer Auszeichnung bestehen, begehre von ihren gegenwärtigen Repräsentanten weder Verdienst, noch Industrie, noch Virtuosität oder Talente; ja, was mehr ist, ich erkenne die Glücksmenschen mit ihrem Glück an wie die Verdienstmenschen mit ihrem Verdienst. Mein Recht hat zwei Elemente: Gerechtigkeit gegen das Verdienst, um des Einzelnen, und Gerechtigkeit gegen das Glück, um des Ganzen willen. Ich verbinde mich mit dem Glück selbst, und so kann ich allen einzelnen Glücksfällen trotzen.
Das Glück muß wohl zufällig und die Natur willkürlich erscheinen, solange sie nicht in die menschliche Ordnung und Berechnung als integrierende Teile aufgenommen werden, solange man sie nicht mit Freiheit und Bewußtsein anerkennt, solange man glaubt, daß ihre Kräfte wie wilde Bestien exterminiert werden müßten oder daß es bei einem bloßen Unschädlichmachen sein Bewenden habe. Im kleinen begreifen das die sogenannten Staatswirte unsrer Zeit sehr wohl; sie alliieren sich mit dem Wasser, mit dem Feuer, mit allen Elementen, wenn es darauf ankommt, eineMühle zu treiben; aber wenn ein Staat sich bewegen soll und nun die ungeheuren,
von alles umfangender Größe, unsichtbaren Elemente ihren Beistand anbieten, dann meinen sie das Menschenrecht zu verletzen, wenn nicht alles Geschäft mit Menschenhänden verrichtet, wenn nicht aller Besitz von den Zeitgenossen unmittelbar der Natur abverdient wird. Die gewaltige, elementarische Kraft, den Tatensturm, welcher aus der Vorzeit des Staates herweht, den Vorteil der Beschleunigung, welchen das Drängen der vorangegangenen Generationen auf die gegenwärtige gewährt, brauchen sie nicht. So ist ihr Staat die sich selbst mahlende Mühle, von der Novalis spricht, die Bewegung der Mühle bloß scheinbar, denn wie möchte sie treiben, da sie nicht getrieben wird.