Novalis
Hymnen an die Nacht
Hinüber wall ich,
Und jede Pein
Wird einst ein Stachel
Der Wollust sein.
Noch wenig Zeiten,
So bin ich los
Und liege trunken
Der Lieb im Schoß.
Unendliches Leben
Wogt mächtig in mir,
Ich schaue von oben
Herunter nach dir.
An jenem Hügel
Verlischt dein Glanz -
Ein Schatten bringet
Den kühlenden Kranz.
0! sauge, Geliebter,
Gewaltig mich an,
Daß ich entschlummern
Und lieben kann.
Ich fühle des TodesVerjüngende Flut,
Zu Balsam und Äther
Verwandelt mein Blut -
Ich lebe bei Tage
Voll Glauben und Mut
Und sterbe die Nächte
In heiliger Glut.
Das furchtbar zu den frohen Tischen trat
Und das Gemüt in wilde Schrecken hüllte.
Hier wußten selbst die Götter keinen Rat,
Der die beklommne Brust mit Trost erfüllte.
Geheimnisvoll war dieses Unholds Pfad,
Des Wut kein Flehn und keine Gabe stillte;
Es war der Tod, der dieses Lustgelag
Mit Angst und Schmerz und Tränen unterbrach.
Auf ewig nun von allem abgeschieden,
Was hier das Herz in süßer Wollust regt,
Getrennt von den Geliebten, die hienieden
Vergebne Sehnsucht, langes Weh bewegt,
Schien matter Traum dem Toten nur beschieden,
Ohnmächtges Ringen nur ihm auferlegt.
Zerbrochen war die Woge des Genusses
Am Felsen des unendlichen Verdrusses.
Mit kühnem Geist und hoher Sinnenglut
Verschönte sich der Mensch die grause Larve,
Ein sanfter Jüngling löscht das Licht und ruht -
Sanft wird das Ende, wie ein Wehn der Harfe.
Erinnrung schmilzt in kühler Schattenflut,
So sang das Lied dem traurigen Bedarfe-
Doch unenträtselt blieb die ewge Nacht,
Das ernste Zeichen einer femen Macht.
Gehoben ist der Stein -
Die Menschheit ist erstanden -
Wir alle bleiben dein
Und fühlen keine Banden.
Der herbste Kummer fleucht
Vor deiner goldnen Schale,
Wenn Erd und leben weicht
Im letzten Abendmahle.
Zur Hochzeit ruft der Tod -
Die Lampen brennen helle -
Die Jungfraun sind zur Stelle -
Um Öl ist keine Not -
Erklänge doch die Ferne
Von deinem Zuge schon,
Und ruften uns die Sterne
Mit Menschenzung und Ton.
Nach dir, Maria, heben
Schon tausend Herzen sich.
In diesem Schattenleben
Verlangten sie nur dich.
Sie hoffen zu genesen
Mit ahndungsvoller Lust -
Drückst du sie, heilges Wesen,
An deine treue Brust.
So manche, die sich glühend
In bittrer Qual verzehrt
Und dieser Welt entfliehend
Nach dir sich hingekehrt;
Die hilfreich uns erschienen
In mancher Not und Pein -
Wir kommen nun zu ihnen,
Um ewig da zu sein.
Nun weint an keinem Grabe,
Für Schmerz, wer liebend glaubt.
Der Liebe süße Habe
Wird keinem nicht geraubt -
Die Sehnsucht ihm zu lindern,
Begeistert ihn die Nacht -
Von treuen Himmelskindern
Wird ihm sein Herz bewacht.
Getrost, das leben schreitet
Zum ewgen leben hin;
Von innrer Glut geweitet,
Verklärt sich unser Sinn.
Die Sternwelt wird zerfließen
Zum goldnen Lebenswein,
Wir werden sie genießen
Und lichte Sterne sein.
Die Lieb ist frei gegeben
Und keine Trennung mehr.
Es wogt das volle leben
Wie ein unendlich Meer.
Nur eine Nacht der Wonne -
Ein ewiges Gedicht -
Und unser aller Sonne
Ist Gottes Angesicht.
aus: Reclam/ Romantik II
Die »Hymnen an die Nacht« sind 1800 im »Athenäum« erschienen.
Sie bestehen aus sechs Hymnen und sind Novalis' einziges fertiggestelltes Werk.
Es gab dafür wohl einen biographisch begründeten Anlaß: den frühen Tod seiner jungen Braut Sophie von Kühn.
Doch geht dieses große freirhythmische Poem weit über diesen Vorwurf hinaus, ist, wie die Forschung heute weiß, »Ergebnis eines langen und diffizilen Denkprozesses« (Gerhard Schulz).
Das Thema: Im Bild der Nacht wird die Oberwindung des Todes als »hoher Raum« gesucht. In einer Vision gibt die Geliebte Hinweis auf das Jenseits, mit dem auch eine Verbindung durch den heiligen Schlaf möglich wird. Schließlich wird in Christus das Neue, Höhere erkannt. Er wird als Oberwinder des Tages gefeiert.
Werner Kohlschmidt nannte die Hymnen »undogmatische, protestantische Mystik mit starker Affinität zum Katholizismus«.