Schleiermacher

 

MONOLOG ÜBER DIE SELBSTPRÜFUNG

 

Es scheuen die Menschen, in sich selbst zu sehn, und knechtisch erzittern viele, wenn sie endlich länger nicht der Frage ausweichen können, was sie getan, was sie geworden, wer sie sind. Ängstlich ist ihnen das Geschäft und ungewiß der Ausgang. Sie meinen, leichter könne ein Mensch den andern kennen als sich selbst; sie glauben, mit würdiger Bescheidenheit zu handeln, wenn sie nach der strengsten Untersuchung sich noch den Irrtum in der Rechnung vorbehalt n. Doch ist es nur der Wille, der den Menschen vor sich selbst verbirgt; das Urteil kann nicht irren, wenn er anders den Blick nur wirklich auf sich wendet. Aber das ist es, was sie weder können noch mögen. Es halten das Leben und die Welt sie ganz gebunden und absichtlich das Auge beschränkt; um ja nichts anderes wahrzunehmen, erblicken sie in ihnen nur den losen gauklerischen Widerschein von sich. Den andern kann ich nur aus seinen Taten kennen, denn ich schaue sein inneres Handeln niemals an. Was eigentlich er wollte, kann ich unmittelbar nie wissen; nur die Taten vergleiche ich unter sich und schließe daraus unsicher zurück, worauf die Handlung wohl in ihm gerichtet war und welcher Geist ihn trieb. O Schande, wer sich selbst nur wie der Fremde den Fremden betrachtet! wer von seinem inneren Handeln nichts weiß und wunder wie klug sich dünkt, indem er nur den letzten aufs äußere Tun gerichteten Entschluß belauscht, mit dem Gefühl, das ihn begleitet, mit dem Begriff, der ihm unmittelbar voranging, ihn zusammenstellt! Wie will er je den andern oder sich erkennen? Was kann die schwankende Vermutung leiten beim Schluß vom Äußern auf das Innere dem, der auf keinen entschiedenen Fall, auf nichts unmittelbar Gewisses baut ? Das sichere Vorgefühl des Irrtums erzeugt die Bangigkeit; die dunkle Ahndung, daß er selbstverschuldet sei, beengt das Herz; und unstet schweifen die Gedanken aus Furcht vor jenem kleinen Anteil des Selbstbewußtseins, den sie herabgewürdigt zum Zuchtmeister bei sich tragen und ungern öfters hören müssen.

Wohl haben sie Ursache zu besorgen, wenn sie redlich das innere Tun, das ihrem Leben zum Grunde lag, erforschten, sie möchten oft die Menschheit nicht darin erkennen und das Gewissen, dieses Bewußtsein der Menschheit, schwer verletzt sehn ; denn wer sein letztes Handeln nicht betrachtet hat, kann auch nicht Bürgschaft leisten, ob er beim nächsten noch bedenkt, daß er ihr angehöre und ihrer wert sich zeigt. Den Faden des Selbstbewußtseins hat er einmal zerrissen, hat sich einmal nur der Vorstellung und dem Gefühl ergeben, das er mit dem Tiere teilt : Wie kann er wissen, ob er nicht in plumpe Tierheit ist hinabgestürzt ? Die Menschheit in sich zu betrachten und, wenn man einmal sie gefunden, nie den Blick von ihr zu verwenden, ist das einzige sichere Mittel, von ihrem heiligen Boden nie sich zu verirren. Dies ist die innige und notwendige, nur Toren und Menschen trägen Sinnes unerklärte und geheimnisvolle Verbindung zwischen Tun und Schauen. Ein wahrhaft menschlich Handeln erzeugt das klare Bewußtsein der Menschheit in mir, und dies Bewußtsein läßt kein anderes als der Menschheit würdiges Handeln zu. Wer sich zu dieser Klarheit nie erheben kann, den treibt vergeblich dunkle Ahndung nur umher; vergebens wird er erzogen und gewöhnt und sinnt sich tausend Künsteleien aus und faßt Entschlüsse, um sich gewaltsam in die Menschheit wieder hineinzudrängen: Es öffnen  sich die heiligen Schranken nicht, er bleibt auf ungeweihtem Boden und kann nicht der gereizten Gottheit Verfolgungen entgehen und dem schmählichen Gefühle der Verbannung aus dem Vaterlande. Eitler Tand ist's immer und leeres Beginnen, im Reich der Freiheit Regeln geben und Versuche machen. Ein einziger freier Entschluß gehört dazu, ein Mensch zu sein: Wer den einmal gefaßt, wirds immer bleiben; wer aufhört, es zu sein, ist's nie gewesen.

Mit stolzer Freude denk ich noch der Zeit, da ich die Menschheit fand und wußte, daß ich nie mehr sie verlieren würde. Von innen kam die hohe Offenbarung, durch keine Tugendlehren und kein System der Weisen hervorgebracht: Das lange Suchen, dem nicht dies, nicht jenes genügen wollten, krönte ein heller Augenblick; es löste die dunkeln Zweifel die Freiheit durch die Tat. Ich darf es sagen, daß ich nie seitdem mich selbst verlassen. Was sie Gewissen nennen, kenne ich nicht mehr; es straft mich kein Gefühl, es braucht mich keines zu mahnen. Auch strebe ich nicht seitdem nach der und jener Tugend und freue mich besonders dieser oder jener Handlung wie jene, denen nur im flüchtigen Leben einzeln und bisweilen ein zweifelhaftes Zeugnis der Vernunft erscheint. In stiller Ruhe, in wechselloser Einfalt führe ich ununterbrochen das Bewußtsein der ganzen Menschheit in mir. Gern und leichten Herzens sehe ich oft mein Handeln im Zusammenhang und sicher, daß ich nirgend etwas, was die Menschheit verleugnen müßte, finden werde. Wenn dies das einzige wäre, was ich von mir fordere: wie lange könnte ich mich zur Ruhe begeben und vollendet das Ende suchen I Denn unerschüttert fest steht die Gewißheit; und strafwürdige Feigheit, die mein Sinn nicht kennt, scheint mir's, wenn ich von langer Lebenszeit erst vollere Bestätigung erwarten und bange zweifeln wollte, ob nicht doch etwas sich ereignen könnte, was imstande wäre, mich hinabzustürzen von der Höhe der Vernunft zur Tierheit. Aber Zweifel sind auch mir noch mitgegeben: Es ist ein anderes und höheres Ziel mir aufgegangen, als jenes erreicht war, und bald stärker, bald schwächer es im Auge habend, weiß nicht immer die Selbstbetrachtung, auf welchem Wege ich mich nähere und auf welchem Punkte ich stehe, und schwankt im Urteil. Doch wird es sicherer und bestätigt sich mehr, je öfter ich wiederkehre zur alten Untersuchung. Wäre aber auch Gewißheit mir noch so fern, ich wollte doch nur schweigend suchen und nicht klagen; denn stärker als der Zweifel ist die Freude, gefunden zu haben, was ich suchen soll, und dem gemeinen Wahn entronnen zu sein, der viele der Besseren zeitlebens täuscht und sie verhindert, zur rechten Höhe der Menschheit sich emporzuschwingen. Lange genügte es auch mir, nur die Vernunft gefunden zu haben, und die Gleichheit des einen Daseins als das einzige und Höchste anbetend, glaubte ich, es gebe nur ein Rechtes für jeden Fall, es müsse das Handeln in allen dasselbe sein und nur weil jedem seine eigene Lage, sein eigener Ort gegeben sei, unterscheide sich einer vom andern. Nur in der Mannigfaltigkeit der äußern Taten offenbare sich verschieden die Menschheit; der Mensch, der einzelne sei nicht ein eigentümlich gebildet Wesen, sondern nur ein Element und überall derselbe.

So treibt's der Mensch! Wenn er, die unwürdige Einzelheit des sinnlichen, tierischen Lebens verschmähend, das Bewußtsein der allgemeinen Menschheit gewinnt und vor der Pflicht sich niederwirft, vermag er nicht sogleich auch zu der höheren Eigenheit der Bildung und der Sittlichkeit emporzudringen und die Natur, die sich die Freiheit selbst erwählt, zu schauen und zu verstehn. In unbestimmter Mitte schwebend erhalten sich die meisten und stellen wirklich nur im rohen Element die Menschheit dar, bloß weil sie den Gedanken des eigenen höheren Daseins nicht gefaßt. Mich hat er ergrüfen. Es beruhigte mich nicht das Gefühl der Freiheit allein; unnütz schien mir die Persönlichkeit und die Einheit des fließenden vergänglichen Bewußtseins in mir und drängte mich, etwas Höheres, Sittliches zu suchen, dessen Bedeutung sie wäre. Es genügte mir nicht, die Menschheit in ungebildeten rohen Massen anzuschaun, welche, innerlich sich völlig gleich, nur äußerlich durch Reibung und Berührung vorübergehende flüchtige Phänomene bilden.

So ist mir aufgegangen, was jetzt meine höchste Anschauung ist; es ist mir klar geworden, daß jeder Mensch auf eigne Art die Menschheit darstellen soll, in einer eignen Mischung ihrer Elemente, damit auf jede Weise sie sich offenbare und wirklich werde in der Fülle der Unendlichkeit alles, was aus ihrem Schoße hervorgehen kann.