aus wissen.de:
Henrik STEFFENS, Mineraloge und Naturphilosoph norwegischer Herkunft, * 2. 5. 1773 Stavanger, † 13. 2. 1845 Berlin; Schüler und Mitarbeiter Schellings; schrieb u. a. „Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft” 1806 und die Autobiografie „Was ich erlebte” 10 Bände 1840 ff.
aus kirchenlexikon:
STEFFENS, Heinrich (Henrik), * 2. Mai 1773 Stavanger/Norwegen, -† 13. Februar 1845 Berlin, bedeutender Naturphilosoph, stark verbunden mit Schelling. - H.S. war Sohn eines deutschen Chirurgen. Den Quellen gemäß war der Vater ein begabter Mann, der aber in seinen Handlungen durch den Alkoholgenuß stark eingeschränkt wurde. Die fromme Mutter war der eigentliche Halt der Familie. Durch die Ehe- und Geburtsprobleme war ihre Gesundheit stark geschwächt. Sie gebar eine Reihe von Kindern. Nur vier Jungen und zwei Mädchen erreichten das Erwachsenenalter. H.S. war sicherlich das aufgeschlossenste Kind unter seinen Geschwistern aber keineswegs schön. So wurde er kaum beachtet. Von diesem Faktum her ist das Verschlossene und Grüblerische in H.S.' Wesen zu verstehen. Mit vier Jahren konnte er lesen und erwarb bei Bekannten der Familie große Bewunderung, als er der Mutter lange Predigten fehlerlos vorlas. Der geheime Wunsch der Mutter war es, daß ihr Henrik Theologie studieren sollte. Vorerst aber wurde das Jahr 1779 zum wichtigen Wendepunkt: Der Vater wurde zum Regimentschirurgen in Helsingör/Dänemark ernannt. Das brachte den Umzug aus dem unwirtlichen Norden mit sich. Mit Rückerinnerung an seine norwegische Heimat wollte der junge H.S. sich der Geologie zu diesem Zeitpunkt widmen. Das wurde wichtig für seine spätere Laufbahn. Durch Rousseau beeinflußt suchte der Vater den Kindern eine harte, natürliche Erziehung angedeihen zu lassen. Leider züchtigte er seine Kinder oft, was bei H.S. und seinen Geschwistern starke Depressionen hervorrief. H.S. litt auch sehr unter den althergebrachten Erziehungsmethoden in der Schule. Die äußeren Zwangsmittel der Prügelstrafe wurden auch später beim Besuch der Lateinschule alltäglich. In seiner Biographie berichtete H.s.: »Sie peitschten mich aus dem Paradiese meiner Kindheit heraus«. 1784 erfolgte, bedingt durch die Versetzung des Vaters, der Umzug nach Roskilde, was auch für den jungen H. eine Verbesserung in jeder Hinsicht darstellte. Hier konnte er seine Naturbetrachtungen ausbauen. Bei den pubertären Depressionen brachten ihm jene Rückhalt und Trost. 1787 kam dann der Umzug nach Kopenhagen. Nach der Gymnasialzeit studierte H. an der Universität Kopenhagen 1790/91 Naturwissenschaften. Den ursprünglichen Plan, Theologie zu studieren, hatte er aufgegeben. Eine weitere Studienzeit folgte in Kiel. Dazu kamen Reisen nach Norwegen und Deutschland, um sich in die Botanik und Zoologie zu vertiefen. Nachdem er an der Universität Kiel seinen Doktorgrad über mineralogische Studien erworben hatte, konnte er dort von 1796-1798 als Privatdozent wirken. Hier stieß er auch zuerst auf die Philosophie von Friedrich Wilhelm Josef von Schelling (1775-1854). Im Sommer 1798 reiste H.S. mit finanzieller Unterstützung der dänischen Regierung nach Jena. Diese Reise und der Deutschlandaufenthalt gehörten zur glücklichsten Zeit seines Lebens. In Jena weilte er bis Frühjahr 1799. Hier lernte er Schelling persönlich kennen, mit dem ihm eine lebenslange Freundschaft verband. Dazu machte er Besuche bei Goethe, A. Schlegel, bei dem Arzt C.W. Hufeland und dem katholischen Religionsphilosophen F. v. Baader. Später stieß er noch auf Friedrich Schlegel und konnte bei der Weiterreise die Kollegien von Novalis in Freiberg/Sachsen über Berg- und Hüttenwesen hören. Diese Persönlichkeiten wurden ihm Inbegriff der Freiheit des Individuums innerhalb der deutschen Geisteswelt. Daher verteidigte er auch den Philosophen J.G. Fichte (1762.1814), den er in Jena ebenfalls zu seinen Bekannten zählte, im Atheismusstreit. Beeinflußt durch F.H. Jacobis (1743-1819) »Briefe über die Lehre Spinozas« und durch den ihm befreundeten Schelling mit seinen Werken »Ideen zur Philosophie der Natur« (1797) und »Von der Weltseele« (1798), schuf nun H. ein Denksystem. Seine nahezu visionären Gedanken brachen sich zuerst Bahn in dem Werk »Beiträge zur inneren Naturgeschichte der Erde« (1801), das er Goethe widmete. Schellings Gesamtschau von Religion, Kunst und Naturphilosophie schlugen sich hier nieder. H.S.s Philosophie hatte dann auch für die spätere Zeit den Grundgedanken einer großen Einheit von Natur und Geschichte. Wenn das gesamte Leben im historischen Prozeß und dem Ablauf der Naturgeschichte zu sehen ist, dann gibt es einen Zusammenklang. Hinter den beiden Strömungen steht die Schöpfungskraft Gottes. Das ergibt eine Synthese von Naturphilosophie und Metaphysik. Gottes Absicht kann im Ablauf der schaffenden Natur verfolgt werden. Der Schaffenprozeß innerhalb der Natur geht stufenmäßig vor sich: vom anorganischen Prozeß hin zur aktiven freien Persönlichkeit des Menschen. 1802 kehrte H.S. nach Kopenhagen zurück, innerlich bereits zum »Deutschen« geworden. Ab 11. November 1802 hielt er dann seine berühmten philosophischen Vorlesungen in Elers' Kollegium, deren Einleitung mit neun Einzelvorlesungen zur geplanten Gesamtreihe großen Einfluß auf die junge Geisteselite Dänemarks ausübte. Die Verbindung von Naturphilosophie und Kunstbetrachtung verhalf der Romantik in Dänemark zum Durchbruch. Der junge Dichter Oehlenschläger saß zu seinen Füßen. Später übten die Vorlesungen nachhaltige Wirkungskraft aus auf Grundtvig, dem Begründer des Volkshochschulgedankens, und auf Sibbern, den Lehrer S. Kierkegaards. Seit diesem Wirken in Dänemarks Hauptstadt verband ihn auch eine tiefe Freundschaft mit J.P. Mynster, dem späteren Bischof von Seeland und Konfirmator Kierkegaards. H.S. legte in Kopenhagen wert auf die Herausarbeitung der archetypischen Wirkungsströme für die Philosophie und romantische Kunstbetrachtung. Die Natur wird »ein großes symbolisches Gedicht«. In der siebenten Vorlesung führt er polemisch aus: »Ich will beweisen, daß die Naturforscher, solange sie hartnäckig die Empirie für die einzige Grundlage ihrer Wissenschaft ansehen, nicht zur höheren Idee vordringen können, mit der die Totalität und nicht das Einzelne zuerst gesetzt wird.« (Einleitung zu philosophischen Vorlesungen, dän. Ausgabe in Gyldendals Trane-Klassikere Nr. 23, 1968, 90). Neben den Beziehungen zu Oehlenschläger, der zum Kopf der dänischen Romantik zu zählen ist, suchte H.S. erfolgreich den Kontakt mit dem Naturwissenschaftler H.C. Oersted und dessen Kreis. Von Kopenhagen aus unternahm er dann eine geognostische Reise durch Seeland, Südschweden, Holstein und Mecklenburg. 1804 wurde H.S. Professor an der Universität Halle. Vorher vermählte er sich am 4. September 1803 mit Hanna Reichardt in Halle. Sie war die Tochter des bekannten Komponisten. Am ersten Jahrestag der Hochzeit traf das junge Paar in Halle ein und bezog eine große Wohnung, die der Schwiegervater Reichardt für H.S. gemietet hatte. Als Professor der »Naturwissenschaft« hielt H.S. Vorlesungen über Mineralogie und bemühte sich darum, eine mineralogische Sammlung aufzubauen. Da er auch Vorlesungen über Naturphilosophie abhielt, blieb es nicht aus, daß die fünf Philosophieprofessoren der Universität den Neukömmling mit seiner neuen Lehre angriffen. Außerdem war es für sie ärgerlich, daß er Ausländer war. Einen wirklichen Bundesgenossen fand H.S. hingegen in dem Theologen Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher (1768-1834). Schleiermacher war der Romantik zugetan. Die beiden Männer verstanden sich sehr gut. 1806 schrieb H.S. seine »Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft«. Im selben Jahr gab es die katastrophale Niederlage Preußens durch Napoleon, der die Universität schließen ließ. Nun zogen in der äußerlich notvollen Lage die beiden Freunde zusammen. Geistig war es eine reiche Zeit. 1811 wurde H.S. nach Breslau berufen. Als politischer Gegner Napoleons nahm er 1813 an den Freiheitskriegen teil. Er wurde Seconde-Leutnant und war bis zur ersten Einnahme von Paris in Blüchers Hauptquartier. Er erhielt die hohe Auszeichnung »Ritter des Eisernem Kreuzes«. Nach Breslau zurückgekehrt, bekam H.S. Schwierigkeiten, die in seiner Gesamtansicht der Menscheitsentwicklung lagen. Die Studentenschaft sah mit großem Mißtrauen und berechtigter Angst vor neuer Unfreiheit der »Heiligen Allianz« der gekrönten Herrscher Europas entgegen. Sie pochte weiter auf die individuelle Freiheit, verklärte ihre Ideale mit mittelalterlich-romantischen Motiven und, wie H.S. meinte, auch mit einer falsch verstandenen Deutschtümelei. Um nochmals auf die allgemeinen Ursprünge von Menschheit und Kultur hinzuweisen, ihre verschiedenen Entwicklungströme, schrieb er ein zweibändiges Werk, das 1817 herauskam: »Die gegenwärtige Zeit und wie sie geworden«. Noch deutlicher wurde seine Skepsis, die dann in Polemik umschlug, gegenüber der Turnbewegung Jahns. Gegen die Einseitigkeit dort wollte H.S. eine allseitige Bildung der Jugend. Eine vollkommene Leibesübungsbewegung führte seiner Meinung nach nicht zum Ziel einer wirklichen geistig-leiblichen Durchbildung. Ein vaterländisches Pathos in der Turnbewegung würde zusätzlich negativ wirken. Solche Gedanken, ausgesprochen in »Die Caricaturen des Heiligsten« (1819/21) und vorher in »Turnziel Sendschreiben an den Herrn Professor Kayssler und die Turnfreunde« (1818), wirkten auf die Turnbewegung ganz mißverständlich und führten zu Angriffen gegen H.S. Dieser gab nicht nach und hielt nun die Jahnsche Bewegung für schädlich. Das führte zur Isolierung. Niemand ergriff Partei für ihn. Der preußische Agendenstreit tat ein übriges, um den Naturphilosophen nicht zur Ruhe kommen zu lassen: Er wurde Altlutheraner und dadurch neuen Angriffen ausgesetzt. In zwei Schriften verteidigte er seinen Standpunkt: »Von der falschen Theologie und dem wahren Glauben« (1823) und »Wie ich wieder Lutheraner wurde und was mir das Luthertum ist. Eine Confession« (1831). 1824 machte H.S. eine große Skandinavienreise. In der Universitätsstadt Uppsala ehrte ihn der schwedische Dichterfürst Gustaf Geijer. Die freundliche Aufnahme in Oslo führte zu dem Buch: »Der norwegische Storthing« (1824). In Kopenhagen konnte er alte Freundschaften erneuern. Mit seinem Vetter N.F.S. Grundtvig führte er klärende Gespräche. Gestärkt kam er nach Breslau zurück. Hier schrieb er einen Teil seiner Romane, die heute vergessen sind. Damals erfreute sich das Werk »Die Familien Walseth und Leith« (1827) großer Beliebtheit. Zum Vorbild mancher Frauenfigur nahm H.S. seine Tochter Klara, zu der er ein gutes Verhältnis hatte. Durch die langen Bemühungen des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. bekam H.S. die ersehnte Professur an der Berliner Universität. Durch die Berufung im Jahre 1832 wollte die preußische Regierung die Bindung H.S. an die Altlutheraner in Breslau lösen und damit deren Einfluß schmälern. April 1832 hielt H.S. seine Antrittsvorlesung. Zwar herrschte im geistigen Berlin nunmehr die Bewegung des »Jungen Deutschland«, aber der Naturphilosoph H.S. hatte immer noch ein überfülltes Auditorium. 1839 gab er seine »Christliche Religionsphilosophie« heraus. Er verstarb 1845 hochgeehrt in Berlin. Seine Erinnerungen in zehn Bänden »Was ich erlebte« (1840 1844) sind eine Fundgrube für die Forschung. Zur Erinnerung an H.S. und Würdigung seiner Leistung ist der H.S. Preis gestiftet worden. Er wird jährlich durch die Christian-Albrechts-Universität in Kiel zusammen mit dem H.S. Studienstipendium (Stiftung FVS Amburg) verliehen.