Wilhelm Heinrich Wackenroder

DER MENSCH ALS GESCHÖPF IN DER WELT DER ORDNUNGEN

 


In vorigen Zeiten war es Sitte, das Leben als ein schönes Handwerk oder Gewerbe zu betrachten, zu welchem sich alle Menschen bekennen. Gott ward für den Werkmeister angesehen, die Taufe für den Lehrbrief, unser Wallen auf Erden für die Wanderschaft. Die Religion aber war den Menschen das schöne Erklärungsbuch, wodurch sie das Leben erst recht verstehen und einsehen lernten, wozu es da sei und nach welchen Gesetzen und Regeln sie die Arbeit des Lebens am leichtesten und sichersten vollführen könnten. Ohne Religion schien das Leben ihnen nur einwildes, wüstes Spiel, ein Hin- und Herschießen mit Weberspulen, woraus kein Gewebe wird. Die Religion war bei allen großen und geringen Vorfällen beständig ihr Stab und ihre Stütze; sie legte ihnen in jede sonst geringgeachtete Begebenheit einen tiefen Sinn; sie war ihnen eine Wundertinktur, worin sie alle Dinge der Welt auflösen konnten; sie verbreitete ihnen ein mildes, gleichförmiges, harmonisches Licht über alle verworrenen Schicksale ihres Daseins -ein Geschenk, welches wohl das kostbarste für sterbliche Wesen genannt werden mag. Ihr sanfter Firnis brach der grellen Farbe wilder Ausgelassenheit die scharfe Spitze ab, aber er warf auch über die trockne, schwarze Erdfarbe des Unglücks einen glänzenden Schimmer.
So führten die Menschen die Stunden ihres Lebens langsam und bedächtig, Schritt vor Schritt und immer im Bewußtsein der guten Gegenwart fort. Jeder Augenblick war ihnen wert und wichtig; sie trieben die Arbeit des Lebens treu und emsig und hielten sie rein von Fehlern, weil sie es nicht über ihr Gewissen bringen konnten, ein so löbliches und ehrenvolles Gewerbe, das ihnen zugeteilt war, durch ruchlosen Leichtsinn zu schänden. Sie taten das Rechte nicht um eines Lohns willen, sondern bloß aus dem nie erlöschenden Gefühle der Dankbarkeit gegen denjenigen, welcher allein die Kunst verstanden, die ersten Fäden ihres Daseins an das unhaltbare Nichts anzuzetteln.
-Am Ende, da der große Werkmeister sie von der Werkstatt rief, gaben sie, aufgelöst in heilige Gedanken, sich und ihr ganzes Tagewerk mit fröhlicher Rührung Ihm in die Hände. Nun wurden die Personalia des Verblichenen als eine kurze Chronik aufgesetzt, oder vor den weinenden Verwandten am Sarge ward eine Leichenrede gehalten, welche ursprünglich die Bedeutung eines Zeugnisses von der treu und redlich vollendeten Lebensarbeit hatte und der Jugend zum Vorbilde diente. Der unbekannte Gott im Himmel aber wandte das vollendete Tagewerk alsdann zu seinem großen, geheimnisvollen Zwecke an: Denn aus allen den Millionen von der Erde abscheidenden Leben baut Er, jenseit jenes blauen Firmaments, eine neue, glänzendere Welt, näher um seinen Thron herum, wo jedes Gute seinen Platz finden wird. -
So waren die Menschen in vorigen frommen Zeiten beschaffen. Warum muß ich sagen: sie waren? Warum -wenn ein sterbliches Wesen also fragen darf.- \varum hast Du die Welt entarten lassen, allgütiger Himmel ? Wehe den törichten neuen Weisen, welche aus innerer Armut und Krankheit des Geistes die Menschenwelt als einen nichtswürdigen Insektenhaufen ansehen und durch die Betrachtung der Kürze und Vergänglichkeit der tausend wimmelnden Leben auf dieser Erde zu einem trägen, mürrischen Trübsinn oder zu frecher Verzweiflung sich verleiten lassen, worin sie das höchste Ziel zu erschwingen glauben, wenn sie ihr Leben als eine leere Hülse mutwillig zu zerdrücken und zerquetschen streben. Wer so das Leben verachtet, der verachtet alle Tugend und Vollkommenheit, wovon der Mensch Begriff hat und deren Schaubühne und übungsplatz allein das Leben ist. -Ein großer Unterschied ist es, ob man sein Gewerbe selbst verachtet oder ob man bescheiden seine Arbeit gering anschlägt, sein Gewerbe aber liebt, ja bloß zu eigner Freude zu treiben scheint. -Freilich sind wir nur Tropfen im Ozean; freilich tanzen wir alle, ein wimmelnder Reigen, nach kurzem Dasein dem Tode in die Arme: Allein unser Geist übersteigt doch die engen Schranken, in ihm wohnen ja die unnennbaren, uns selber unbegreiflichen Kräfte, welche den Himmel und die ganze Erde, welche Zeit und Ewigkeit in den engen Raum zwischen Geburt und Grab zu verpflanzen fähig sind. -Unser Leben ist eine leichte Brücke, von einem dunkeln Lande zum andern hinübergeschlagen: Solange wir darauf gehen,
sehen wir das ganze himmlische Firmament im Wasser sich spiegeln. In jenen Zeiten unsrer deutschen Vorfahren aber -denn vorzüglich auf den stillen, ernsten Charakter unsrer vaterländischen Nation ist jene Schilderung gegründet -, als die Menschen bei aller Fröhlichkeit doch fromm, ernsthaft und langsam das Turmgebäude des Lebens aus aufeinandergesetzten Stunden und Tagen aufbauten: welche unter den damaligen Menschen können unsrer zurücksehenden Einbildungskraft wohl ein herrlicheres und werteres Bild darbieten als die Künstler, die also lebten ? Denn ihnen mußte ja ihre Kunst -denn auch diese trieben sie nicht vornehm als Liebhaberei und um der Langenweile willen (wie jetzt zu geschehen pflegt), sondern mit emsigem Fleiße, wie ein Handwerk -sie mußte ihnen- ohne daß sie es selber wußten, ein geheimnisvolles Sinnbild ihres Lebens sein. Ja, beides, ihre Kunst und ihr Leben, war bei ihnen in ein Werk eines Gusses zusammengeschmolzen, und in dieser innigen, stärkenden Vereinigung ging ihr Dasein einen desto festeren und sicherern Gang durch die flüchtige umgebende Welt hindurch. In ruhiger, bescheidener Stille, ohne viel scharfsinnige Worte, malten oder bildeten
sie ihre Menschenfiguren und gaben ihnen treulich dieselbe Natur, die das geheimnisvoll-wunderbare lebendige Original ihnen zeigte: Und ebenso bildeten sie ihr Leben ganz folgsam nach den vortrefflichen Himmelslehren der Religion. Sie dachten aber keineswegs an spitzfindige Fragen, warum der Menschenkörper gerade so und nicht anders gestaltet sei oder zu welchem Zwecke sie ihn nachahmten, und ebensowenig konnte es ihnen einfallen, nach dem Grunde zu fragen, warum die Religion da sei, oder nach der Bestimmung, wozu sie selber geschaffen wären. Nirgends fanden sie Zweifel und Rätsel; sie verrichteten ihre Handlungen, wie sie ihnen natürlich und notwendig erschienen, und fügten ihre Lebenszeit ganz unbefangen aus lauter richtigen, regelrechten Handlungen zusammen, ebenso wie sie an ihren gemalten Figuren die gehörigen Knochen und Muskeln, woraus der menschliche Körper nun einmal gebaut ist, aneinandersetzten.