Brentano / Arnim /// DES KNABEN WUNDERHORN
Laß rauschen, Lieb, laß rauschen!
Mündlich
Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Im hört ein Mägdlein klagen,
Sie hätt ihr Lieb verlorn.
Laß rauschen, Lieb, laß rauschen,
Ich acht nicht, wie es geht,
Im tät mein Lieb vertauschen
In Veilchen und im Klee.
Du hast ein Mägdlein worben
In Veilchen und im Klee,
So steh ich hier alleine,
Tut meinem Herzen weh.
Im hör ein Hirschlein rauschen,
Wohl rauschen durch den Wald,
Im hör mein Lieb sich klagen,
Die Lieb verrauscht so bald.
Laß rauschen, Lieb, laß rauschen,
Ich weiß nicht, wie mir wird,
Die Bächlein immer rauschen,
Und keines sich verirrt.
aus: Reclam/Romantik II:
ARNIM UND BRENTANO
Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
Diese berühmte Sammlung, das exemplarische Werk der Heidelberger Romantik, erschien bei Mohr und Zimmer
1806 in Heidelberg.Die deutsche lyrische » Volks«-Dichtung der letzten drei Jahrhunderte ist hier von den beiden FreunJen Arnirn und Brentano zusammengetragen worden, zum Teil überarbeitet, zum Teil von ihrem eigenen dichterischen Temperament überformt.
Es ging nicht um philologische Arbeit, sondern um ein praktisches Ziel. Das hat ihnen teilweise heftige Kritik von Voß und den Brüdern Grimm eingebracht, enthusiastisches Lob von Goethe, dem die Sammlung gewidmet ist.
Neben den eigentlichen Volksliedern, also den inhaltlich einfachen, gereimten, an eine Melodie gebundenen Versen, deren Verfasser unbekannt sind, ent- hält die Sammlung auch volkstümliche Lieder von Johann Christian Günther, Paul Gerhardt, Martin Opitz, Simon Dach, Friedrich von Spee bis Schubart. Wir finden Liebeslieder, Tanzreime, geistliche Lieder, Mundartgedichte, Romanzen und eine große Zahl von Situationsgedichten und Lebensregeln; Erfahrenes, Tradiertes und wieder Erfahrbares wird weitergereicht.
Entscheidend für diese Sammlung war der Einfluß Herders; er glaubte, in der Ossian-Dichtung Macphersons »Fragments of Ancient Poetry« 1760 und den »Reliques of Ancient English Poetry« von Thomas Percy die ursprünglich sinnliche Kraft von Volkspoesie entdeckt zu haben.
Herder wollte ferner eine Sammlung aller Quellen, die etwas vom Ursprung, vom echt N aiven andeuten. Die Romantiker bezogen sich dann - nationalliterarisch - nur auf deutsche Denkmäler.
In Arnims Nachwort »Von Volksliedern« wird die »Wunderhorn«-Sammlung der Gegenwart als Spiegel vorgehalten. Er greift kritisch einzelne Mißstände von Kultur und Gesellscvhaft auf (Selbstentleibung Deutschlands, Verwirtschaftung der Natur, Neutönerei, Absinken der Kultur, Konsumdenken).