Brentano / Arnim /// DES KNABEN WUNDERHORN
Spinnerlied
Mündlich
Spinn, Mägdlein, spinn!
So wachsen dir die Sinn ;Wachsen dir gelbe Haar ,
Kommen dir die kluge Jahr!
Ehr, Mägdlein, ehr
Die alte Spinnkunst sehr;
Adam hackt und Eva spann,
Zeigen uns die Tugendbahn.
Lieb, Mägdlein, lieb
Der Hanna ihren Trieb;
Wie sie mit der Spindel kann
Nähren ihren blinden Mann.
Preis, Mägdlein, preis
Der Mutter Gottes Fleiß;
Diese heilge Himmelskron
Spann ein Röcklein ihrem Sohn.
Sing, Mägdlein, sing
Und sei fein guter Ding;
Fang dein Spinnen lustig an,
Mach ein frommes End daran.
Lern, Mägdlein, lern,
So hast du Glück und Stern;
lerne bei dem Spinnen fort
Gottesfurcht und Gotteswort.
Glaub, Mägdlein, glaub,
Dein Leben sei nur Staub;
Daß du kämmst so schnell ins Grab,
Als dir bricht der Faden ab.
Lob, Mägdlein, lob,
Dem Schöpfer halte Prob;
Daß dir Glaub und Hoffnung wachs
Wie dein Garn und wie dein Flachs.
Dank, Mägdlein, dank
Dem Herrn, daß du nicht krank,Daß du kannst fein oft und viel
Treiben dieses Rockenspiel.
Dank, Mägdlein, dank!
aus: Reclam/Romantik II:
ARNIM UND BRENTANO
Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
Diese berühmte Sammlung, das exemplarische Werk der Heidelberger Romantik, erschien bei Mohr und Zimmer
1806 in Heidelberg.Die deutsche lyrische » Volks«-Dichtung der letzten drei Jahrhunderte ist hier von den beiden FreunJen Arnirn und Brentano zusammengetragen worden, zum Teil überarbeitet, zum Teil von ihrem eigenen dichterischen Temperament überformt.
Es ging nicht um philologische Arbeit, sondern um ein praktisches Ziel. Das hat ihnen teilweise heftige Kritik von Voß und den Brüdern Grimm eingebracht, enthusiastisches Lob von Goethe, dem die Sammlung gewidmet ist.
Neben den eigentlichen Volksliedern, also den inhaltlich einfachen, gereimten, an eine Melodie gebundenen Versen, deren Verfasser unbekannt sind, ent- hält die Sammlung auch volkstümliche Lieder von Johann Christian Günther, Paul Gerhardt, Martin Opitz, Simon Dach, Friedrich von Spee bis Schubart. Wir finden Liebeslieder, Tanzreime, geistliche Lieder, Mundartgedichte, Romanzen und eine große Zahl von Situationsgedichten und Lebensregeln; Erfahrenes, Tradiertes und wieder Erfahrbares wird weitergereicht.
Entscheidend für diese Sammlung war der Einfluß Herders; er glaubte, in der Ossian-Dichtung Macphersons »Fragments of Ancient Poetry« 1760 und den »Reliques of Ancient English Poetry« von Thomas Percy die ursprünglich sinnliche Kraft von Volkspoesie entdeckt zu haben.
Herder wollte ferner eine Sammlung aller Quellen, die etwas vom Ursprung, vom echt Naiven andeuten. Die Romantiker bezogen sich dann - nationalliterarisch - nur auf deutsche Denkmäler.
In Arnims Nachwort »Von Volksliedern« wird die »Wunderhorn«-Sammlung der Gegenwart als Spiegel vorgehalten. Er greift kritisch einzelne Mißstände von Kultur und Gesellscvhaft auf (Selbstentleibung Deutschlands, Verwirtschaftung der Natur, Neutönerei, Absinken der Kultur, Konsumdenken).