DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1905/6  Hermann Hesse  /  UNTERM RAD15

 

       |  und:  

 

 

Kindlers neues Literaturlexikon

Roman von Hermann Hesse, 1904 vorabgedruckt in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹, erschienen 1906. - Wie R. Musils gleichzeitig erschienenes Erstlingswerk, die Erzählung Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, verbindet Hesses Roman autobiographische Reminiszenzen und Fiktion zu einer »Anleitung für Eltern, Vormünder und Lehrer«, so der Kritiker A. Eloesser 1906 sarkastisch in der ›Vossischen Zeitung‹, »wie man einen gesunden, begabten jungen Menschen am zweckmäßigsten zu Grunde richtet«. Wie Hesse rückblickend (Erinnerung an Hans, 1936) bekannte, gingen nicht nur eigene Erlebnisse in das Werk ein, über die auch die im Nachlaß aufgefundenen Zeugnisse Rechenschaft ablegen (Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert, 1966), sondern auch die katastrophalen Schulerfahrungen seines Bruders Hans, der wie der gleichnamige Protagonist des Romans später Selbstmord beging. Hans Giebenrath, der sensible Sohn eines ehrgeizigen Kleinbürgers, wird auf Betreiben seines Vaters von den Lehrern und Honoratioren seiner süddeutschen Kleinstadt als einziger Kandidat für das traditionelle württembergische »Landesexamen« ausgewählt. Die Vorbereitung hierauf zehrt die Freizeit des Kindes völlig auf und führt es an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs. Schließlich besteht Hans das Examen als Zweitbester, und damit steht ihm der Weg für ein kostenloses Lehrer- oder Theologiestudium im Klosterseminar Maulbronn offen, wo sich das Kind zu einem strebsamen Musterschüler entwickelt. In der Freundschaft mit dem frühreifen und phantasievollen Hermann Heilner, einem angehenden »Dichter«, der gegen die Klosterordnung anarchisch aufbegehrt, wird Hans zwar mit einer anderen Lebensform konfrontiert, entscheidet sich bei einem Konflikt Heilners mit dem Ephorus aber aus Angst zunächst gegen seinen Freund. Unter dem Eindruck des plötzlichen Todes eines Mitschülers kommt es jedoch zur Aussöhnung zwischen beiden. Der Einfluß Heilners und die einsetzende Pubertät lassen die Leistungen von Hans zunehmend sinken. Als der Ephorus beiden den Umgang miteinander verbieten will, flieht Heilner, wie einst der jugendliche Hermann Hesse, und wird aus dem Kloster ausgeschlossen: »Den leidenschaftlichen Knaben nahm später, nach mancherlei weiteren Geniestreichen und Verirrungen, das Leid des Lebens in eine strenge Zucht, und es ist, wenn nicht ein Held, so doch ein Mann aus ihm geworden.« Nunmehr vollkommen auf sich gestellt, bricht Hans schließlich zusammen und wird zur Erholung nach Hause entlassen. Zur Fortsetzung seiner Studien nicht fähig, wird Hans vom enttäuschten Vater in eine Mechanikerlehre gesteckt. Die Tristesse dieser Ausbildung und eine unglücklich verlaufende erste Liebesbeziehung lassen den Jugendlichen endgültig zerbrechen. Auf der Rückkehr von einem sonntäglichen Saufgelage mit anderen Lehrlingen stürzt er sich ins Wasser und ertrinkt. Hesse beschreibt aus persönlicher Anschauung heraus das Maulbronner Schülerleben, die Lehrlingszeit, das herbstliche Mosten und das träg-idyllische Leben einer schwäbischen Kleinstadt. Die spätromantische Grundstimmung, die Hesses frühes Werk vom Peter Camenzind (1904) bis zum Demian (1919) beherrscht, erhält jedoch seine ersten Brüche in diesem Werk mit seiner Anklage gegen das Schulsystem der Zeit, das schöpferischer Individualität keinen Raum läßt und autoritätshörige Untertanen heranzüchtet: »Ein Schulmeister hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse . . . denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner . . . Seine Pflicht und sein vom Staat überantworteter Beruf ist es, in dem jungen Knaben die rohen Kräfte und Begierden der Natur zu bändigen und auszurotten und an ihre Stelle stille, mäßige und staatlich anerkannte Ideale zu pflanzen.« Unübersehbar ist allerdings das Bestreben Hesses, die Leiden seines Bruders und seine persönlichen Erfahrungen zum Modellfall für das Schicksal der Jugend seiner Zeit zu stilisieren, wie insgesamt in diesem humanistisch-individualistisch motivierten Aufbegehren gegen die Nivellierungstendenzen der staatlichen Institutionen und die Zwänge der modernen Gesellschaft bereits ein Grundzug von Hesses Gesamtwerk deutlich wird. Obwohl Hesse für die Buchausgabe einige aggressive Formulierungen zurückgenommen und seine unversöhnliche Haltung etwas gemildert hatte (V. Michels bezeichnet den in der »Neuen Zürcher Zeitung« vorabgedruckten Text als »Urfassung«), führte das Werk bei seinem Erscheinen zu heftigen Protesten der württembergischen Lehrer, und der Abdruck des Textes im konservativen ›Merkur‹ wurde nach wenigen Folgen eingestellt, während die literarische Kritik den Roman begrüßte. Noch in jüngster Zeit gestand die Schriftstellerin G. Wohmann dem Werk Aktualität zu, als einem »heute wie damals, wie morgen und übermorgen gültigen kleinen Roman«, und hob hervor, sie habe ihre »eigenen stumpfsinnigen Nazimitläuferlehrer in Hans Giebenraths Peinigern wiedererkannt«. Dr. Günter Baumann

 

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   mh

 

Zitiert nach: Gesammelte Werke in 12 Bdn., Band 2, Frankfurt 1970
 


1.
Am Anfang wird das Milieu aus einer über den Dingen stehenden  Perspektive geschildert, die den Standpunkt eines "modern geschulten Beobachters" (S.8) einnimmt. "Das kleine Schwarzwaldnest" mit seinem "flachen Leben" (S.8) und den "warmgesessenen, wohlhabenden Bürgern" (S.9) bildet den Hintergrund, vor dem sich "der feine und abgesonderte" (S.8) Hans Giebenrath als "etwas Besonderes" (S.9) abhebt. Ich empfinde dieses Bild wie den Beginn eines Heimatfilmes, bei dem die Kamera zunächst nur das Milieu zeigt und man noch nicht so recht weiß, worauf das Ganze hinaus will.  Aber schon nach dieser Anfangsschilderung wechselt die Perspektive allmählich in die des Hans Giebenrath. Man kann das daran erkennen, dass sich der Text etwa ab Seite 12 ebenso gut in Ichform lesen lassen könnte, ohne den Sinn zu verändern.
Die folgenden Ereignisse sind fast ausschließlich aus dieser Perspektive der Haupterzählfigur dargestellt. Dabei hat der Leser immer das Gefühl, unmittelbar am Geschehen beteiligt zu sein. Man bekommt also den Eindruck, die Jugendlichen erzählten selbst über ihre Interessen und ihre Probleme.
Die Perspektive ist also immer unmittelbar am Geschehen und aus der Sicht der jeweils handelnden Person. Das wird besonders deutlich bei der Episode, in der die Flucht Heilners aus dem Kloster Maulbronn erzählt wird. Kurz zuvor unterhalten sich Giebenrath und Heilner über Heilners erste "Liebesabenteuer" (S.111f). Diese Unterhaltung ist ganz aus Giebenraths Perspektive geschrieben, wie man durch die Umwandlung in die Ich-Form leicht feststellen kann. Kurz danach aber, als über Heilners Flucht berichtet wird (S.114f), wechselt die Perspektive in Heilners Person, denn das hier geschilderte kann so von niemand anderem als Heilner selbst erlebt und erzählt werden (Ich-Probe!!).
All diese in der Erzählung dargestellten Probleme, Erlebnisse und Konflikte werden - mit wenigen Ausnahmen -  aus der Sicht und Perspektive der Jugendlichen selbst dargestellt. Dadurch bekommt der Leser einen unmittelbaren Eindruck von den Interessen der Jugendlichen, wie sie selbst diese Situationen empfinden und erfahren,  und welche Möglichkeiten sie haben, mit ihren Problemen fertig zu werden.
Erst am Schluss der Erzählung (S.175ff), als sich Giebenrath mit dem Lied "O du lieber Augustin" (S.175) selbst aus dem Geschehen verabschiedet, wechselt die Perspektive wieder zurück in die Anfangssituation. Die Kameraführung (um
diesen Begriff wieder aufzugreifen) schwenkt zurück ins Milieu, zeigt den Vater, den toten Giebenrath im Fluss, zeigt seine Beerdigung, und entfernt sich dann "sehnlich in die Weite" (S:178).       







2.
An einem Tiefpunkt von Giebenraths Lebens, als er mit dem Gedanken spielte, Selbstmord zu begehen, wird erzählt, wie er "seinen Traumwegen im Kinderlande...folgte" (S:127). Dabei wird sein Elternhaus beschrieben als "die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenartigen Gassen" (S.127). Die eine war die "längste, breiteste und vornehmste der Stadt" und die andere war "kurz, schmal und elend" (S.128). Dieses Bild veranschaulicht, wie sich vor allem in seiner Kindheit zwei verschiedene  gesellschaftliche Schichten auf sein Leben einwirkten: die "Vornehmheit" der einen Strasse in der "lauter gute, solide Altbürger" wohnten, und "Armut, Laster und Krankheit" (S.128f) der anderen Strasse, wo die armen Leute wohnten. Bezeichnenderweise gehörte Giebenraths Haus, obwohl es an beiden Gassen lag, zu der Strasse, in der auch die Oberschicht wohnte.
Damit ist Giebenraths Herkunft und Bestimmung ausgedrückt, denn sein Vater fühlte sich eindeutig der "bürgerlichen Wohlanständigkeit" verpflichtet. "Er schimpfte ärmere Leute Hungerleider, reichere Leute Protzen" (S.7). Der Weg seines
Sohnes sollte dem Anspruch dieser Strasse entsprechen und möglichst ins Zentrum des Städtchens, zum Marktplatz führen, wo "Kirche Oberamt, Gericht, Rathaus und Dekanat standen und in ihrer reinlichen Würde durchaus einen städtisch noblen Eindruck machten" (S.128). Jedes Abweichen von diesem vorgegebenen Weg wäre Verrat an der eigenen Herkunft und soziale Schande.
Als Giebenrath nach dem Landexamen in die große Welt hinaus kommt, muss er feststellen, dass dort ganz andere Maßstäbe herrschen. Hatte er sich bisher zu den "Vornehmen" zählen dürfen, so muss er nun feststellen, dass die Jugendlichen, denen er nun im Seminar in Maulbronn gegenübersteht, teilweise aus noch besseren Häusern kommen: "mancher Professor und höherer Beamte" (S.61) hatte seinen Sohn ins Seminar geschickt. Er muss lernen "die Städter von den Bauernsöhnen und die Wohlhabenden von den Armen zu unterscheiden" (S.61). Diese Unterschiede prägen auch das Verhalten der Jugendlichen im Umgang miteinander und bestimmen ihre Rangordnung in der Gruppe.
Nach seinem Versagen im Seminar, als er in seinem "blauem Schlosseranzug" (S.158) durch das Städtchen läuft, wird Giebenraths sozialer Abstieg sichtbar. Zwei frühere Schulkameraden, die ihrer einfachen gesellschaftlichen Laufbahn
gefolgt sind und Kaufmannsstifte wurden, bezeichnen ihn nun spöttisch "Landexamensschlosser" (S.163) und machen dadurch seinen Abstieg in die untere gesellschaftliche Schicht deutlich.   
             
 


3.
Wenn man den Roman "Unterm Rad"  mit  Hermann Hesses Lebensgeschichte vergleicht,  kann man feststellen, dass der Autor viele Ereignisse seiner eigenen Jugendzeit in diesem Roman verarbeitet hat. Damit kann auch klar angegeben
werden, in welchem historischen Kontext die hier geschilderten Jugenderlebnisse sich ereignen. Es ist die Zeit um 1890 bis 1900 , die Zeit des Wilhelminischen Kaiserreichs .
Das Kleinbürgertum mit seinem "Respekt vor Gott und der Obrigkeit" (S.7) bestimmte das gesellschaftliche Leben und setzte "die Grenzen des formell Erlaubten" (S.7) fest.
Das Schulsystem war streng gegliedert in höhere und niedere Schuleinrichtungen. Die Volksschule wurde als Armeleuteschule bezeichnet. Der Besuch einer höheren Schule war mit enormen Kosten verbunden (Fahrt, Unterkunft, Ausstattung und Schulgeld), deshalb konnten sich nur die Wohlhabenden den Besuch einer höheren Schule (Gymnasium) leisten. Der im Roman geschilderte Fall zeigt jedoch eine Ausnahme: um begabten Jugendlichen auch aus ärmeren Schichten den
Zugang zur höheren Bildung zu ermöglichen, wurde beispielsweise in Württemberg der Weg über das Landexamen und über das protestantische Seminar im ehemaligen Kloster Maulbronn kostenlos angeboten.
Erziehungsziel war vor allem Respekt gegenüber der Obrigkeit und Einübung protestantischer Frömmigkeit und Bibelgelehrsamkeit, aber auch preußische Militärdisziplin. In einem Brief an seine Eltern vom 11. Oktober 1891 aus
Maulbronn schreibt Hermann Hesse: "Im Turnen kann man nicht am Leben bleiben, wenn man allen Befehlen folgt. Da müsste man fast die ganze Stunde feststehen. Wenn dann der Lehrer in ohnmächtigen Zorn den Boden mit seinen Füssen bearbeitet
und hoch empört ruft: Sie sollen zum Militär kommen! Sie sollte man auf Staatskosten schlauchen für ihr ewiges Phlegma! Dann schwankt die ganze Linie vor Lachen." (Hesse; Kindheit und Jugend vor 1900, Band1, Frankfurt 1966, S.120).





4.
Es gibt zwei markante Personenkonstellationen, die für den Gang der Erzählung wichtig sind. Zum einen ist es das Elternhaus, hier, da die Mutter schon früh verstorben ist, allein durch den Vater vertreten, und die Lehrer und Pfarrer des Städtchens. All diese Personen, erkennen die Begabung des jungen Giebenrath und setzten hohe Erwartungen und Ansprüche in ihn, sie alle "kannten ... keinen höheren Ehrgeiz als den, ihre Söhne womöglich studieren und Beamte werden zu lassen." (S.9). Diese Erwartungen wirkten sich zunächst förderlich und anregend auf den Ehrgeiz des jungen Giebenrath aus, so dass er nicht nur
der beste Schüler des Städtchens war, sondern auch ohne Probleme mit Unterstützung dieser Personen das "Landexamen" schaffte und den Weg hinaus in  die Welt der Bildung und des Wissens gehen konnte. Einen Weg, "auf welchem [er] dem
Staate die empfangenen Wohltaten heimbezahlen" (S.9) sollte.
 Zum anderen ist es die Beziehung zum Schuhmacher Flaig, einem väterlichem Freund und Ratgeber, "bei dem er früher zuweilen eine Abendstunde verbracht hatte" (S.14) und von dem er dort wohl manchen Rat und manche Lebensweisheit
bekommen hat. Dieser Schuhmacher versuchte Giebenrath als Ausgleich gegenüber den überzogenen Leistungserwartungen seiner Eltern und Erzieher die Gewissheit mitzugeben, dass "so ein Examen doch nur etwas Äußerliches und Zufälliges
sei. Durchzufallen sei keine Schande, das könne dem Besten passieren und falls es ihm so gehen sollte, möge er bedenken, dass Gott mit jeder Seele seine besonderen Absichten habe und sie eigene Wege führe." (S.14f). Nach dem Rat dieses "wohlmeinenden Führers" (S.15) kam es also eher darauf an, dass ein junger Mensch seinen eigenen Weg ins Leben sucht und findet.

Diese beiden Personenkonstellationen sind wie Wegweiser durch sein Leben, an denen er sich immer dann zu orientieren sucht, wenn es gilt, Probleme und Konflikte zu lösen. Das wird sehr schön deutlich in Giebenraths Seminarzeit im
Kloster Maulbronn.
Zunächst einmal folgt er dem durch die Eltern und Lehrer vorgegebenen Weg als fleißiger und gewissenhafter Schüler, und es sieht ganz so aus, als ob er diesen Weg auch mit Erfolg weiter und zuende gehen würde, wie es von ihm erwartet wurde.
Das ändert sich aber durch die Freundschaft mit Heilner. Hier gerät Giebenrath in eine neue Personenkonstellation, die ihm einen neuen Weg zeigt: es ist der Weg "versuchsweise eigene Bahnen zu wandeln" (S.66), der Weg, auf den ihn der Schuster Flaig schon zuhause hingewiesen hatte. Zwischen den Seminaristen Heilner und Giebenrath entsteht eine schwärmerische Jungenfreundschaft, in der der "Dichter und Schöngeist" (S.66)  Heilner den völlig unerfahrenen Freund in eine nicht nur geistige, sondern auch körperliche Beziehung hineinzieht. In der es ihm geht "wie jungen Verliebten: Er fühlte sich großer
Heldentaten fähig, nicht aber der täglichen langweiligen und kleinlichen Arbeit." (S.101). Im Versuch zwischen diesen beiden Möglichkeiten die Richtige oder wenigstens einen Ausgleich zu finden, verliert er die Orientierung und gerät "unters
Rad". Er fühlt sich weder den Leistungsanforderungen der Lehrer gewachsen, noch gelingt es ihm, den "genialen Leichtsinn auf seine Fahne zu schreiben" (S.70), wie es sein Freund Heilner tat.  Sein Freund Heilner flieht aus dem Internat, Giebenrath wird psychisch krank, er wird vom Seminar zunächst beurlaubt und kehrt in sein Heimatstädtchen  zurück.

Hier wird er von fast allen wie ein Versager behandelt. Seine Lehrer und Erzieher, die einst so große Erwartungen in ihn gesetzt hatten, zeigen kein Interesse mehr an ihm. "Er war kein Gefäß mehr, in das man allerlei hineinstopfen konnte, kein Acker für vielerlei Samen mehr; es lohnte sich nicht mehr Zeit und Sorgfalt an ihn zu wenden" (S.123). Sein Vater empfindet sein Versagen als Schande."Alle diese ihrer Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend von Ephorus bis auf den Papa Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein Hindernis ihrer Wünsche, etwas Verstocktes und Träges, das man zwingen und mit Gewalt auf gute Wege zurückbringen müsse." (S.117). Stattdessen lässt er sich ziellos herumtreiben und spielt mit Selbstmordgedanken.
Es bieten sich ihm zwei neue Möglichkeiten, wieder Boden unter die Füße zu bekommen und auf "gute Wege" zurückzukehren. Der Schuhmacher Flaig lädt ihn bei einem Herbstfest zur Mithilfe beim Mosten ein und macht ihn dabei mit seiner Nichte Emma bekannt. Dieses Mädchen versucht eine einfache körperliche Liebesbeziehung zu ihm anzubandeln. Doch der in solchen Dingen völlig unerfahrene und durch seine Erfahrung mit Heilner verängstigte Giebenrat wird mit dieser Situation nicht fertig, zumal er feststellen muss,  dass Emma plötzlich abgereist ist, ohne sich von ihm zu verabschieden. 
Als zweite Möglichkeit besorgt ihm sein Vater eine Lehrstelle als Mechaniker in einem Betrieb des Städtchens. Dort arbeitet er zwar auch einen Tag, er fühlt sich jedoch von der Situation völlig überfordert und lässt sich gleich am nächsten Tag von seinen Arbeitskollegen zum Trinken verleiten. Aus diesem Alkoholrausch heraus findet er nur noch einen Ausweg: den Tod. Ob es Selbstmord oder ein Unfall war, lässt Hermann Hesse offen. Bei der Beerdigung stehen beide Parteien am Grab: Vater und Lehrer sowie Schuhmacher Flaig. Während die Lehrer nur ihr eigenes Pech bedauern, das man oft gerade mit den Besten habe
(S.117) gibt Schuhmacher Flaig zumindest ansatzweise zu, "vielleicht auch mancherlei an dem Buben versäumt zu haben" (S.178).     

    


5.
Begegnungen: Begegnungen sind für Jugendliche immer von großer Bedeutung, weil sie dem Jugendlichen, der seinen Weg ins Leben sucht,  Orientierung geben und Vorbilder sein können. Allerdings können Begegnungen auch dazu führen, dass der Jugendliche auf Wege gezwungen oder verführt wird, die er gar nicht gehen will.

Lehrer und Pfarrer: Wegen der früh erkennbaren Begabung wird der junge Giebenrath von seinem Vater in die Obhut ehrgeiziger Pädagogen gegeben.
In seinem Heimatstädtchen sind das der Rektor und die Lehrer der örtlichen Schule sowie der Pfarrer der Gemeinde, die ihn aufs Landexamen vorbereiten sollen. Sie erwarten von dem Jugendlichen, dass er die Ehre der Stadt nach außen
trägt und  nach erfolgreicher Ausbildung die in ihn investierte Arbeit als wohlsituierter Bürger wieder dem Städtchen zurückgibt.   
In Maulbronn sind es die Lehrer und Erzieher des Schulinternats. Sie erwarten von dem jungen Menschen Fleiß und Gehorsam und dass er die klassische Laufbahn eines schwäbischen Theologen einschlägt.

Schuhmacher Flaig: In ihm findet Giebenrath schon als Kind einen  väterlichen Freund, der ihm als Pietist einen neuen Horizont eröffnete. Die wichtigste Begegnung mit ihm findet kurz vor Giebenraths Abreise ins Landexamen statt.
Dabei versucht der Schuhmacher ihm zu vermitteln, dass Lernen und Prüfungen machen nicht alles sei im Leben, sondern es auch noch andere Wege gebe. Später, nach dem Scheitern seiner Ausbildung, begegnet Giebenrath dem Schuster noch einmal. Jetzt behandelt der Schuhmacher ihn wie einen normalen Jugendlichen, indem er ihn zur Mithilfe beim Mosten einlädt und ihn mit seiner Nichte bekannt macht.

Seminaristen in Maulbronn: Giebenrath, der in der Enge des kleinen Städtchens als Einzelgänger aufgewachsen ist, begegnet in seinen Kameraden zum ersten Mal der Vielfalt unterschiedlicher Herkunft sowohl in sozialer als auch regionaler Hinsicht. Für ihn als Jugendlichen bedeutet dies eine Erweiterung seines Horizonts. Außerdem lernt er verschiedene Charaktertypen kennen und mit ihnen umzugehen.  

Heilner: Eine besondere Beziehung bedeutet für ihn die Begegnung mit seinem Kameraden Heilner. Dieser ist ein künstlerisch begabter, vom eigenen Genie überzeugter, frühreifer junger Mann, der auf den unerfahrenen Giebenrath eine große Faszination ausübt. Allerdings ist die Beziehung sehr einseitig, denn Heilner benutzt Giebenrath als willkommenen Zuhörer bei seinen poetischen und erotischen Phantasien. Giebenrath sucht Orientierung und Freundschaft bei Heilner, wird aber durch dessen Vergehen gegen die Seminardisziplin und die darauf folgende Entlassung schwer enttäuscht. (siehe Verletzungen)

Emma: Die erste Liebesbeziehung ist für einen Jugendlichen immer prägend.
Emma, die Nichte des Schuhmachers Flaig, ist nicht nur älter, sondern auch erfahrener als Giebenrath. Deshalb überfordert ihn die Begegnung mit ihr, weil das Mädchen ihm viel zu schnell körperlich nahe kommt. Hätte er die Zeit gehabt, auf ihre Liebeswerbung nach und nach zu reagieren, hätte er vielleicht wertvolle Erfahrungen sammeln können. So aber war das Mädchen durch ihre unerwartete Abreise plötzlich verschwunden und Giebenrath hatte keine Möglichkeit, mit dieser Situation fertig zu werden.

Arbeitskollegen: Ähnlich wie bei den Begegnungen mit den Kameraden im Seminar lernt er auch in der Werkstatt durch seine Arbeitskollegen neue Charaktere und Verhaltensmuster kennen. Hier allerdings steht er trotz seiner Bildung unerfahren und ungeschickt da und kann erst durch das Dabeisein bei ihren Saufereien Anschluss finden. Dieser typisch jugendliche Gruppenzwang bewirkt bei ihm zunächst blindes Mitmachen, dann aber, als er betrunken ist, Abscheu und Entsetzen vor sich selbst. Dies ist ebenfalls eine typisch jugendliche Reaktion.


Verletzungen: Verletzungen, die ein Jugendlicher erfährt, sind immer gefährlich, denn sie hinterlassen Spuren, die Angst machen, die entmutigen, und die seelisch nur schwer zu verarbeiten sind. In dem hier besprochenen Roman sind es vor allem die Verletzungen, die der junge Giebenrath erfährt, die ihn, weil sie nicht aufgearbeitet werden konnten, "unters Rad" bringen. Zwei seiner oben erläuterten Begegnungen führten zu solchen Verletzungen:
Zum einen die Freundschaft zu Seminaristen Heilner. Der frühreife Heilner verstrickte Giebenrath in eine sehr enge Freundesbeziehung mit einem hohen Anspruch von Ehre und Vertrauen. Heilner selbst hat dieses Vertrauen Giebenraths
zweimal missbraucht, als er ihn küsste und als er von ihm Solidarität trotz seines Vergehens verlangte und bekam.
Zum anderen die Geschichte mit Emma: Nicht die Liebesbeziehung mit dem Mädchen führte zu der Verletzung, sondern die Art und Weise, wie der Schuhmacher Flaig diese eingefädelt und abrupt beendet hat. Auch hier wurde das Vertrauen des Jugendlichen erst gewonnen, dann aber auf eine Art und Weise enttäuscht, mit der der unerfahrene junge Giebenrath nicht fertig werden konnte.


Erlebnisse: Dadurch, dass fast alle Ereignisse dieser Geschichte aus Begegnungen bestehen, kommen hier Erlebnisse zur Kennzeichnung der dargestellten Jugend kaum vor. Das einzige Erlebnis des jungen Giebenrath, das mir aufgefallen ist, war seine Flucht in die Einsamkeit der Natur. Dort beim Angeln erlebt er "einen schwachen Abglanz der ehemaligen Knabenseligkeit" und erinnert sich an verschiedene Kindheitserlebnisse. Zugleich sind aber schon diese Erinnerungen verbunden mit Selbstmordphantasien.


Belastungen: Belastungen können den Jugendlichen die Kraft, Erfahrung und Stärke geben, die sie für ihr späteres Leben brauchen. Allerdings sollte für den Jugendlichen der Sinn dieser Belastungen immer ersichtlich sein.
Eine Belastung war für den jungen Giebenrath vielleicht seine schon früh erkennbare besondere Begabung, so war er den Hoffnungsträger der Stadt, die ihre Erwartungen auf eine große Karriere in ihn setzte. Daraus folgte der Eifer seiner Lehrer und Pfarrer, die aus ihm einen Studierten machen wollten. "Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt." (S.9) Mit dieser Belastung wurde er ins Leben hinaus geschickt.  Zunächst hat er sich diesen Belastungen willig unterzogen und ihren Sinn
angenommen und akzeptiert. Durch die Begegnungen mit Heilner und dem Schuster Flaig (siehe Begegnungen) und durch die von ihnen zugefügten Verletzungen und Enttäuschungen hat er den Glauben an den Sinn dieser Belastungen verloren.
Deshalb konnte er auch in der Werkstatt den Belastungen, die dort auf ihn zukamen nicht standhalten. 

 
Erfahrungen: Erfahrungen muss man machen, um etwas zu lernen im Leben.
Dieses Lernen aus Erfahrungen ist etwas Anderes als das mechanische Lernen in der Schule. Erfahrungen muss man immer selber machen. Man muss lernen, sie zu einzuordnen, sie untereinander in Beziehung zu setzten und wichtige von unwichtigen zu unterscheiden. Und man muss lernen, welche Bedeutung Sie haben fürs Leben.
Hans Giebenrath wuchs als Kind mit der Erfahrung auf, etwas Besonderes zu sein und ohne Anstrengung alles erreichen zu können. So sah er sich zunächst in der Rolle des Musterschülers. Doch im Seminar in Maulbronn machte er neue Erfahrungen: Kameradschaft und Konkurrenz, Freundschaft und Enttäuschung erweitern seinen Horizont. Schließlich muss er erfahren, dass er auch versagen kann, dass er den geforderten Ansprüchen nicht gewachsen ist.
Als schließlich mit Emma die Erfahrung der Sexualität dazukommt und mit den Arbeitskollegen die Erfahrung des Alkoholrauschs, schafft er es nicht mehr, all diese Erfahrungen zu verarbeiten und ihre Bedeutung zu erkennen. Auch von
den Erwachsenen bekommt er keine Hilfe: das Bild einer zustörten Jugend.

Wünsche und Vorstellungen: Wünsche und Vorstellungen sind eine wichtige Motivationskraft für die Jugend, sich auf den Weg zu begeben, in der Hoffnung, dass sie eines Tages in Erfüllung gehen.  Im Hermann Hesses Roman "Unterm Rad" ist an keiner Stelle davon die Rede, welche Wünsche und Vorstellung die Hauptfigur hat. Als Kind und Heranwachsender lebt er ganz nach den Wünschen  und Vorstellungen seiner Erzieher, im Seminar ordnet er sich den Wünschen seines Freundes Heilner unter, und in der Beziehung zu Emma ist sie diejenige, die jede Initiative ergreift. Und in der Naturszene beim Angeln sind es Erinnerungen, Phantasien und Sehnsüchte, denen er sich hingibt.  
         



6.
Nach der Lektüre dieses Romans stellte ich mir die Frage, was eigentlich die Ursache dafür ist, dass Giebenrath gescheitert ist d.h., dass er "unters Rad" kam. "Unterm Rad" bedeutet doch eigentlich, so wie es das Sprichwort "unter die Räder kommen" auch besagt, einer Gefahr nicht standhalten zu können und ihr zu erliegen. Welcher Gefahr war Giebenrath also ausgesetzt? Und warum ist er ihr unterlegen?
Zunächst sieht es so aus, als ob es der übergroße Druck und die hohen Erwartungen seines Vaters und seiner Erzieher waren, denen er nicht stand halten konnte. Er hatte keine Wahl, dem einen eigenen Lebensentwurf entgegenzusetzen oder ihn zumindest auszuprobieren. Ich finde, es ist für einen Jugendlichen sehr wichtig, dass er eine oder mehrere Möglichkeiten bekommt, eigene Wünsche und Vorstellungen auszuprobieren und zu entwickeln. Wenn man keine Chance ekommt, aus seinen Fehlern zu lernen, kann man auch nicht Lernen sich zu verbessern. Wenn aber schon alle Ziele vorgegeben sind und jede Abweichung davon als Fehler bestraft wird, dann ist es fast unmöglich, seinen eigenen Weg zu finden. Giebenrath war in seiner Jugend genau in dieser Situation: Er wurde auf Grund seiner früh sichtbaren  Begabung und durch die Erwartungen seines Vaters, seinen Sohn "studieren oder Beamter werden zu lassen" (S.9), schon früh in diese Bahn gezwungen, während seine gleichaltrigen Kameraden einfache Handwerker oder Händler wurden, und so eher eine Chance hatten, einen Beruf zu
finden, der ihren Interessen und Begabungen entspricht. Am Ende des Romans, als sie Giebenrath als Arbeitskollegen und Zechkameraden begegnen, vermitteln sie den Eindruck dass sie ihren persönlichen Weg gefunden haben. Warum ist es ihm
nicht gelungen, sich in dieser doch für ihn recht anspruchslosen Welt zurechtzufinden?
Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass er sich mit dieser Welt nicht identifizieren konnte, da er seit seiner Kindheit das Gefühl haben musste, etwas Besonderes zu sein: "Es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischen er den Anderen herumlief." (S.8). Dieses Gefühl, anders zu sein als die Anderen, wirkte sich auf seinen sozialen Umgang so aus, dass er eher Einzelgänger blieb und sich nicht an den Abenteuern und Spielen der gewöhnlichen Jugend beteiligte. Selbst bei seinen Kindheitsausflügen zum "Falken" war er eher Zuschauer als Beteiligter. Deshalb war er auch offen für den Einfluss des
Schuhmachers Flaig, der zu ihm einmal gesagt hatte, dass "Gott mit jeder Seele seine besonderen Absichten habe" (S.14f). Besonders aber musste die Begegnung mit Heilner die Gewissheit in Giebenrath bestärken, etwas Besonderes, das
"Talent oder Genie" (S.8) zu sein, auf das sein Heimatstädtchen schon seit Jahrhunderten gewartet hatte (S.8).
Jugendliche brauchen solche Vorbilder, die ihnen den Weg weisen, an denen sie sich orientieren können, die ihnen auch zeigen, dass sie noch viel zu lernen haben im Leben. Waren Flaig und Heilner solche Vorbilder?
Heilner konnte auf Grund seiner Frühreife Giebenrath zwar einige Dinge vormachen. Aber die Bedingungslosigkeit, die er in der Freundschaft forderte, bis hin zum Kuss unter Jungen, überforderte Giebenrath, und als Heilner sein geniehaftes Eigenleben so stark übertrieb, dass er von der Schule verwiesen wurde, da blieb Giebenrath alleingelassen zurück und hatte keine Möglichkeit, diese starken Erlebnisse und Erfahrungen zu verarbeiten. Wer hätte verstehen sollen, was mit ihm passiert war? In Heilner konnte er sein Vorbild nicht finden und wurde enttäuscht zurückgelassen.
Der Schuhmacher Flaig ist die andere Figur, die für ihn als Vorbild in Frage kommt. In der Szene, als er Giebenrath zum Mosten einlädt, scheint die Geschichte einen Lauf zu nehmen, die auf eine Lösung hindeutet. Zum ersten Mal sieht es so aus, als ob Giebenrath sich irgendwo integrieren könnte und Anschluss finden könnte bei Menschen, mit denen er gern zusammen ist. Besonders die Begegnung mit Emma gibt Anlass zu neuer Hoffnung. Diese Begegnung ist  offensichtlich von Flaig in die Wege geleitet und entwickelt sich auch zu einer kleinen Liebesaffäre. Aber ähnlich, wie bei der Beziehung zu Heilner ist Giebenrath auch hier mit der Situation völlig überfordert und findet sich nach der überraschenden Abreise Emmas hilflos und allein mit seinen verwirrenden Gefühlen. Und Flaig? Hätte er sich um den verwirrten Jungen kümmern sollen? Immerhin wusste er doch schon vorher, dass seine Nichte Emma bald abreist und Giebenrath, wenn er sich in sie verliebt hatte, in Seelennot kommen musste. Warum hat er sich nicht besser um ihn gekümmert, wenn er schon diese Beziehung eingefädelt hat.
Wer also hat  Hans Giebenrat "unters Rad" gebracht? Der Schuhmacher Flaig gibt in der Schlussszene nach der Beerdigung die Antwort: Sowohl die biederen Philister mit ihren hochgesteckten Erwartungen, als auch die wohlmeinenden Freunde, die sich, wenn die Freundschaft ihre Bewährung fordert, aus der Verantwortung ziehen. Und damit meint er, wie er zugibt auch sich selbst.
Für mich ist dieser Roman ein Appell an all diejenigen, die die Verantwortung dafür haben, für die Jugend Vorbilder und Führungskräfte zu sein. Diese Leute sollten sich die Geschichte des hier dargestellten Jugendlichen zu Herzen nehmen und ihre eigene Position und Aufgabe daraufhin anschauen, ob sie nicht auch die Fehler machen, die die Jugendlichen "unters Rad" bringen können.