DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1774  Johann Wolfgang Goethe  /  DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS24

 

Den ersten Bestseller der neueren deutschen Literatur schrieb Goethe mit seinem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers". Goethe verarbeitet darin eigene Erlebnisse mit Charlotte Buff, aber auch die biographischen Reflexe seines Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem aus seiner Zeit in Wetzlar.
Der sensible Werther begibt sich in eine idyllische Landschaft und unters einfache Volk, um möglichst ungehindert [ Zitat ] sein Ich entfalten zu können. Er erlebt die Natur [ Zitat ], indem er sie aus seinen eigenen Empfindungen heraus beseelt. Vor einem Ball lernt er Lotte kennen und liebt sie leidenschaftlich [ Paradigmenszene ], obwohl er weiß, dass sie schon an den strebsam - nüchternen Albert vergeben ist. Als der Verlobte auftaucht, muss er erkennen, dass ihm Lotte versagt bleibt. Da stürzt er vom höchsten Glücksgefühl in tiefste Verzweiflung. Seine Lage wird unerträglich. Werther nimmt eine Stelle in einer Gesandtschaft an, doch Adelsdünkel und Engstirnigkeit drängen ihn aus dem Amt. Er kehrt zur inzwischen verheirateten Lotte zurück. als er die Ausweglosigkeit seiner Lage erkennt, erschießt er sich.
Der absolute Geltungsanspruch von Werthers Gefühl ist unvereinbar mit den Institutionen der Gesellschaft (Ehe, Beamtenberuf...). Es ist seine Tragik, dass ihn seine Empfindungsfülle zerstört, dass sein unbedingter Freiheitswille ihn in den Tod treibt. Der Schwärmer, der aus der Ichseligkeit seiner Empfindungen in die Leere hinabstürzt, wirkt als Protestfigur gegen die enge Ständegesellschaft.
Auf kirchlicher Seite entfachte der "Werther" einen Proteststurm. Die junge Generation hingegen fühlte sich verstanden und nahm den Roman begeistert auf. Ein Werther - Fieber brach aus, Werther - Mode wurde getragen, begleitet von einer Selbstmordwelle im Wertherstil [ Zitat] .
Um die Unbedingtheit seiner Gefühle zum Ausdruck zu bringen, richtet die Hauptfigur Werther einseitig Briefe an seinen Freund Wilhelm, in denen er sich unmittelbar mitteilt. Die Gattung des Briefromans verliert hier ihren dialogischen Charakter, da angemessene Antworten nicht mehr vorstellbar sind. Um so intensiver erfasst der Leser das Geschehen aus der Perspektive der Zentralfigur.
Eine ungewöhnliche Rezeption erfuhr Goethes Roman nach zweihundert Jahren: 1972 erschien Plenzdorfs Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W." Der Autor übernahm das Handlungsmuster, um das Lebensgefühl der jungen DDR - Generation zu formulieren. Edgar Wibeau, der junge Werther in Bluejeans, verwendet Zitate aus dem "Old Werther", um sich seiner Befindlichkeit mit Hilfe vorformulierter Sätze zu vergewissern.

http://www.zum.de/Faecher/D/Saar/gym/werthepr.htm