DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1977  Elias Canetti  /  GERETTETE ZUNGE4

 

    

 

 

Kindlers neues Literaturlexikon

Erster Band der dreiteiligen Autobiographie von Elias Canetti, erschienen 1977. Die weiteren Bände, Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931 und Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937 erschienen 1980 bzw. 1985. - Die von Canetti in seinem achten Lebensjahrzehnt verfaßte Autobiographie trägt alle Merkmale eines »klassischen « Alterswerkes an sich: die Erinnerungen, die von der Darstellung seiner in Rustschuk verbrachten Kindheit (1905-1911) bis zu seiner Etablierung als Schriftsteller im Wien der Zwischenkriegszeit reichen, verwirklichen in ihrer Balance von Intimität und Distanz, in Tektonik und teleologischer Perspektive die Einheit von Schreiben und Leben, von geistiger Universalität und künstlerischer Gestaltung. Canettis Schreibweise ist geprägt von einer - für die zeitgenössische Literatur durchaus untypischen - Wertschätzung der »integralen Erinnerung« ohne Selbstanalyse, ideologische Fixierung oder Provokation; sein gegenständliches Erzählen wurzelt vielmehr in einem humanen Ethos, das die Würde des Individuums und dessen Ausbildung in der Begegnung mit dem anderen in den Mittelpunkt stellt, und verfolgt auf dieser Grundlage den Gründungsmythos der eigenen Dichterexistenz. Canetti orientiert sich dabei am Kanon jener bereits in der Körper- und Seelenlehre der Antike aufgestellten Welterfassungsmittel Sprache, Gehör- und Gesichtssinn, deren Ausbildung mit der ins Metaphorische zielenden Titelgebung der drei Bände angesprochen wird, und die für die Entwicklung zum bewußten Erleben und damit der eigenen Identität stehen. Der erste Teil der Autobiographie, Die gerettete Zunge, beschränkt sich in der Darstellung auf die prägenden Kindheitserfahrungen und schlägt dabei gleichzeitig den Grundakkord der wesentlichsten Themen von Canettis Gesamtwerk an: Die Erinnerung setzt ein mit einem Bild der Angst, jenem traumatischen Erlebnis des Zweijährigen, dem der Liebhaber des Kindermädchens mit dem Herausschneiden der Zunge droht, damit das heimliche Verhältnis nicht bekannt werde. Der Knabe schweigt, er »rettet seine Zunge« und damit seinen kostbarsten Besitz; denn von Anfang an ist das Kind fasziniert von Sprache und Schrift: Hineingeboren in das altertümliche Spanisch der exilierten sephardischen Juden, wächst Canetti im orientalischen Milieu einer bulgarischen Provinzstadt auf, wird vertraut mit der Bildungssprache Französisch und erlernt als Sechsjähriger, nach der Übersiedlung der Familie, in Manchester Englisch. Nach dem plötzlichen Tod des geliebten, erst einunddreißigjährigen Vaters wird der älteste Sohn in die Rolle des männlichen Familienoberhaupts hineingedrängt, die ein quälendes Abhängigkeitsverhältnis zur Mutter mit sich bringt. Der engen Bindung an sie verdankt der Knabe aber auch seine wesentlichsten Bildungserlebnisse, sie öffnet ihm in gemeinsamer Lektüre die Welt der Literatur, von ihr erlernt er die von den Eltern gleichsam zelebrierte deutsche Sprache, die er als seine eigentliche, »spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache« ansieht. Ein weiteres Grundthema ist eng mit diesem Prozeß der Sprachfindung des Kindes verbunden, nämlich das »Urverbot« des Großvaters, nicht zu töten, gegeben aus Anlaß eines Mordanschlages des fünfjährigen Elias auf seine Cousine, die ihm den Einblick in ihre Schulhefte verweigert und ihn solcherart aus dem »Zauberreich« der Schrift auszuschließen versucht hatte. Auch der Tod des Vaters, der zeitlich zusammenfällt mit dem Beginn des Balkankrieges und damit der Herrschaft von Macht, Massengehorsam und Tod, verschmilzt in der kindlichen Psyche mit dem Glauben an die lebenserhaltende Magie der Sprache; durch das Erzählen von Geschichten kämpft das phantasiebegabte Kind gegen den Einbruch von Krankheit, Krieg und Vernichtung in seine Welt an. Im Rückblick auf die Geschichte seiner Sprachfindung manifestiert sich für Canetti seine Bestimmung zum Dichter. Der Schulung seines Gehörs gelten Conellis Erinnerungen im zweiten Band, Die Fackel im Ohr: der Bericht setzt ein mit den letzten Schuljahren Canettis in Frankfurt am Main, wohin die Mutter den bislang in der geschützten Idylle eines Züricher Pensionates aufgewachsenen Jüngling - der sich in Briefen bereits als »in spe poeta clarus« unterzeichnet - schickt, um ihn mit der bitteren sozialen Realität Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg zu konfrontieren. Nach dem Abitur entscheidet sich Canetti zwar für ein naturwissenschaftliches Studium an der Wiener Universität, das er 1929 auch abschließt, doch werden die Jahre von 1921 bis 1931 zur zweiten wesentlichen Etappe seiner literarischen Entwicklung: Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund von Inflation, der Ermordung Rathenaus, dem Arbeiteraufstand in Wien und der Blüte des kulturellen Lebens in Berlin am Ende der zwanziger Jahre entfaltet sich der innere Weg des Erzählers zum Schriftsteller; der Titel Die Fackel im Ohr spielt dabei ambivalent auf Canettis jahrelange Faszination durch Karl Kraus an, zu dessen Vorträgen ihn seine spätere Frau Veza mitgenommen hatte; Kraus' sprachkritisches Bewußtsein und seine satirische Technik, Figuren aus ihrem Sprachverhalten heraus zu charakterisieren, schlagen den literarisch ambitionierten Zuhörer in Bann, die Fixierung Canettis auf sein Idol verhindert aber gleichzeitig jahrelang eine persönliche Auseinandersetzung mit der Umwelt. Stationen auf dem Weg dahin sind dann in Berlin die Begegnungen mit Isaac Babel, der Canetti ansteckt mit seiner Neugier, »Menschen zu erlernen«, und der Zeichner George Grosz, dessen scharf umrissene, satirische Charakterstudien sich in den prägnanten Figuren vor allem der Dramen Canettis wiederfinden lassen. Am Ende des Bandes hat sich die Genese zum Schriftsteller vollzogen: eingebettet in die Erinnerung an die Gespräche mit Thomas Marek, einem Gelähmten, der Canetti das Hören, die aufmerksame Zuwendung zum Nächsten als notwendige Ergänzung zur Sprachbeherrschung lehrt, ist die Darstellung der Konzeption eines auf acht Bände projektierten Romanzyklus, einer »Comédie Humaine an Irren«, aus der 1930/31 der Roman Die Blendung hervorgeht. Der geschärfte Sinn für die Einzigartigkeit des Individuums verleiht dem dritten Band Das Augenspiel seinen besonderen Charakter; Canetti berichtet hier über den Beginn seiner Dichterlaufbahn in Wien: nach der zermürbenden Arbeit an seinem Roman erfährt der junge Schriftsteller in der kathartischen Lektüre von Büchners Woyzeck und Lenz eine wesentliche Orientierungshilfe zur Fortsetzung seines eigenen Weges. Nicht das moralische Verdikt, das Karl Kraus mit der »Peitsche« des Satirikers fällt, sondern die »Selbstanprangerung« der Figuren bei gleichzeitiger Distanz des Autors werden nunmehr für die Schreibhaltung Canettis verbindlich. Um Resonanz auf seinen erst 1935 publizierten Roman zu finden, rezitiert er in kleinen, elitären Wiener Gesellschaftszirkeln aus seinen Werken - der Blendung und den 1932 und 1934 entstandenen Dramen Hochzeit und Komödie der Eitelkeit. In einer Reihe von prägnanten Charakterporträts schildert Canetti seine Begegnungen mit Größen der Wiener Kultur der dreißiger Jahre, insbesondere mit Hermann Broch, Robert Musil, Fritz Wotruba, Alma und Anna Mahler, Franz Werfel, Alban Berg und Hermann Scherchen. Den tiefsten Eindruck auf Canetti macht allerdings ein damals wie heute beinahe Unbekannter, ein Mann von hoher geistiger Integrität, der für ihn zur moralisch-intellektuellen Instanz wird und die endgültige Lösung von Karl Kraus bewirkt: Es ist dies der Gelehrte Dr. Sonne, ein ständiger Gast im Wiener Café Museum, der unter dem Pseudonym Abraham ben Yitzchak mit nur 11 Gedichten zum Begründer der neuhebräischen Dichtung wurde. In der Schilderung dieses Menschen, der zum Symbol für Canettis Glauben an Bildung und Humanität wird, und in der Erinnerung an die letzte Begegnung mit der sterbenden Mutter in Paris gelingt dem Autobiographen auf exemplarische Art und Weise sein programmatisches Unterfangen der Rettung geliebter Menschen vor dem Tod, indem sie in die Literatur Eingang finden: »Menschen durch Worte am Leben erhalten - ist das nicht beinahe schon so, wie sie durch Worte erschaffen?« Der zeitgeschichtliche Hintergrund - die Ereignisse des Februar 1934 in Österreich, die Dollfuß-Ära, der Spanische Bürgerkrieg - bleibt in der Darstellung peripher, Canetti erlebt seine Zeit im »Augenspiel« mit den Mitmenschen, im Erfassen ihrer Physiognomie und ihres Habitus schult sich der Blick des Dichters, erkennt er die Zeichen der Zeit. Was in allen drei Bänden der Lebensbeschreibung solcherart individualhistorisch als Bildungsweg geschildert wird, nämlich die Schärfung der Sinne in ständiger Auseinandersetzung mit den Menschen, gibt zugleich Auskunft über die Funktion, die Canetti der Literatur zuweist, und findet den entsprechenden Niederschlag in der Faktur der Autobiographie: Canettis »erinnerndes Eingedenken« (B. Witte) entwickelt sich aus der Spannung von Authentizität und Fiktion, der Autor beschreibt in den Charakterporträts anderer sich selbst, findet aus der Begegnung mit den anderen seine eigene Identität und erfindet dabei sein Werk; alle Texte Canettis sind »auf gleichzeitig distanzierte und intime Weise autobiographisch« (D. Barnouw). Mit dieser Literarisierung seines Lebens behauptet sich Canettis Individualismus nicht nur gegen die Grunderfahrung einer auseinanderfallenden Wirklichkeit, die durch Krieg und Massenwahn ihre Signatur erhält, sondern auch gegen die des Todes: »Das Werk Canettis ist im ganzen nicht nur eine Materialsammlung all der Schlechtigkeit, die im Gefolge der archaischen Raub- und Freßbedürfnisse, der Machtgelüste von Menschen bis heute in die Welt gesetzt wurde, vielmehr ist diese Materialsammlung von Anfang an als eine beeindruckende Dokumentation gegen den Tod angelegt. Der Kampf gegen die Mächtigen, gegen jede Form von Macht unter den Menschen und gegen die Gewalt im Leben, hat im Grunde nur eine Stoßrichtung: gegen den Tod« (E. Piel). Dr. Cornelia Fischer

 

 

 

gk d 12/2  -   die schüler/innen haben die nebenstehenden buchanalysefragen bearbeitet > ergibt 2/3 ihrer note;    -   sie bewerten überdies via auslosung die arbeitsergebnisse eines mitschülers /einer mitschülerin > die benotung der qualität dieser bewertung ergibt das letzte drittel ihrer zusätzlichen schriftlichen note in 12/2

AUTOR/IN:   rt

 

 

Zum Autor:

 

Elias Canetti wurde 1905 in Rustschuk / Bulgarien geboren, 1911 zog seine Familie nach England und 1913, nach dem Tod des Vaters, nach Wien. Hier studierte Canetti bis 1929 Naturwissenschaften und promovierte in Philosophie. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahre 1994 als freier Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht. 1981 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Zu seinen herausragenden Werken zählt neben dem Roman Die Blendung seine Autobiographie, die in den Bänden Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel erschien, sowie seine gesammelten Aufzeichnungen aus den Jahren 1942 bis 1993, die in den Bänden Die Provinz des Menschen, Das Geheimherz der Uhr, Die Fliegenpein, Nachträge aus Hampstead und Aufzeichnungen 1992-1993 vorliegen.    

 

 

 

 

1.

Elias Canetti stellt seine Jugend in einem autobiographischem Bericht dar.Man findet sich als Leser in seinen Blickwinkel und in seinen Gedanken wieder.Er spielt in seinem Buch die Hauptrolle und gibt uns die Möglichkeit einen Einblick in seine Welt als kleines Kind zu werfen.

 

Er berichtet jeweils über die Etappen seines Lebens,die ihn besonders geprägt haben.Die Gegenstände dieser Berichte sind,um sie zu verallgemeinern,schlicht die Erfahrungen die er einerseits mit seiner Bildung ,anderseits mit seiner Umgebung macht.Er besitzt schon früh als kleines Kind die Motivation Bücher zu lesen und darüber zu diskutieren.Sein Vater schenkt ihm schon als er in die erste Klasse kam,Romane und Dramen,die für Kinder umgeschrieben worden waren.Nachdem sein Vater stirbt und Elias Canetti noch zwei jüngere Geschwister hat,rutscht er automatisch in die Rolle eines älteren.Er sieht seine Verantwortung als schnellen Heranwachsenden und will ihr auch nachgehen,doch er verfängt sich in dem Glauben,dass er dies nur durch seine Bücher(Bildung) erreichen kann.

Diesen naiven Gedanken bekommt er auch fast jeden Abend von seiner Mutter bestätigt.An den abendlichen Diskussionsrunden mit ihm über Bücher,die er ließt,redet sie zu ihm,wie mit einem Erwachsenem.Zumindest hater dieses Gefühl.

 

Seine Liebe zu Büchern,die in diesem Buch eine große Rolle spielen,wird durch die vielen Reisen und Umzügen berkräftigt.Er hat nicht viel außer seine Bücher.Er hat nie die Möglichkeit Freundschaften zu schließen,die länger andauern,wie z.B eine Freundschaft fürs Leben.Damit ist auch klar,warum seine Familie und vor allem seine Bildung wichtiger sind,als seine ständig wechselnden Freundeskreise.

 

Er beginnt langsam seine Bücher,die er ließt,auf seine Außenwelt zu übertragen.Er verbindet viele Begegnungen auf Anhieb mit Personen aus seinen Büchern und malt sich schon von vornherein ein Bild von der Person aus.Ohne die Personen zu kennen bekommen sie schon von vornherein Sympathiepunkte oder meistens einen negativen Stellenwert.Im fallen Eigenarten von Menschen besonders schnell und deutlich auf und er verleiht ihnen einen Charakter(wie bei Geschichten aus Büchern).

 

Im Buch beschreibt er einen „zurückgebliebenen  Entwicklungsgang“.Er denkt,dass man die Reife,die er versucht anzustreben,auf seine Weise erlangen kann.Somit ist er in Wirklichkeit noch zu früh um erwachsen zu werden.Er ist unsicher wie er die Rolle seines Vaters vertreten soll und versteckt seine Unsicherheit in seiner angeeigneten Bildung.Mit 16 Jahren hat er immer noch die Absicht alles,was man lernen kann,zu lernen.

Ein weiteres Beispiel um die Atmosphäre des Buches zu fühlen:

-Elias Canetti,mitllerweile in der Pubertät,hat von seinen damaligen gleichaltrigen Freunden gehört,wie ein Kind entsteht.Das was aus den Munden der Freunde kam war schon sehr aufgeklärt.Doch Elias wollte es nicht für war haben.Er wollte es nicht glauben,weil er das schrecklich fand.Er wollte es auch nicht glauben,weil es in keinem seiner,bis damals gelesenen Bücher,stand.

Dieses Beispiel zeigt wieder deutlich das Verhältnis zwischen dem Erwachsen-werden-wollen und dem geistigen und körperlichem Zustand des Elias Canetti,um welches es in dieser Autobiographie geht.

 

2.

Die Familie von Elias Canetti kommt aus Rutshuk,eine kleine Stadt in Bulgarien.Die Eltern heißen Mathilde und Jaque Canetti.Sie kamen wie viele spanische Juden von spanien nach Bulgarien.Sie leben dort in einer Gemeinschaft mit anderen Spaniolen(Juden aus Spanien).Seine Mutter meinte irgendeinmal,dass die Spaniolen die besten Juden waren, denn sie hätten Charakter.Der Großvater(Vater des Vaters) ist ein reicher und angesehener Kaufmann,denn man sehr schäzt und respektiert.

Die Mutter ist eine Enkelin des angesehenen jüdischen Historikers und Aufklärers Abraham ben Israel Rosanes.Sie legt viel Wertauf Charakter und Bildung,wodurch sie sehr interlektuell scheint.Sie und Eias Vater waren in ihrer Studentenzeit in Wien und hatten sich dort kennengelernt.Sie lieben beide das Theater und waren auch früher am Burgtheater in Wien tätig.Der Vater wollte schon immer ein Künstler werden und stand in seiner Jugend dauernd im Streit mit seinem Vater,der ihm verboten hatte Geige zu spielen.

 

Sie gehören,wie in dieser Zeit üblich,als wohlhabende,interlektuellen und aufgeklärten jüdische Familie zur höheren Klasse der Gesellschaft.

 

Diese Tatsache hat natürlich auch Einfluss auf die Jugend des Elias Canetti.Ihm wird schon früh klar gemacht,dass er später einmal das machen soll,was er machen will.Vorallem sein Vater,der einen Vater hat,der ihn bevormundet hatte,legt viel Wert auf solch eine Art der Erziehung.Das passt auch gut ins Bild der Mutter,die als aufgeklärte Mutter viel Wert auf die Freiheit des Menschen legt.

 

Außerdem stehen ihm durch diese Klassenangehörigkeit viele Wege offen.Er wird zunächst nie Probleme haben,da er finanziell durch seinen Onkel und seinen Großvater abgesichert ist und keine Scheuklappenerziehung hat.

 

Doch die Hauptfigur trägt auch Schäden von dieser gesellschaftlichen Situation mit.Dadurch,dass die Familie fast immer unter sich bleibt,hat Elias Canetti keinen Zugang zur

Außenwelt.Mit Außenwelt meine ich die Gesellschaft anderer Schichten oder Kreisen.Es ist wohl verständlich,dass man sobald man in einem anderen Land ist und man zu einer anderen Klasse gehört es schwerer ist Kontakt mit Unbekannten aufzunehemen.

 

Die gesellschaftliche Stellung seiner Familie und besonders die Bildung seiner Mutter hat auch einen großen Einfluß auf ihn.Seine Mutter bringt ihn dazu,dass er viele Sprachen lernt:Latein,Englisch,Deutsch,Französisch.Dadurch hat er einen großen Vorteil gegenüber anderen,was er sicher später mal merken wird.

 

3.

Da das Buch über mehrere Jahre hinweg berichtet,ist es schwer eine Epoche fest zu machen.

Die Jugend der Erzählfigur reicht von der Zeit als Europa gerade anfing auf zu blühen(Wien,Theater,Epoche der Ärzte) bis zur Nachkriegszeit.

 

Elias macht sich wenig Gedanken über seine Zeit.Außer,dass er in der Zeit des ersten Weltkrieg die Einsicht bekommt,dass Kreig schlecht ist,weil viele Menschen dort ihr Leben lassen,erfährt der Leser nicht soviel über zeitgebundene Gedanken der Erzählfigur.

 

Der Grund wieso die Familie Canetti Bulgarien verlässt,ist weil Mitteleuropa und vor allem England zu dieser Zeit aufblühten.Als aufgeklärte Menschen sahen sie in Bulgarien kein glückliches Leben und zogen nach England.

 

Gegen Ende des ersten Weltkrieges herscht in wien eine Not.Keiner kann sich mehr nötigstes leisten.Dieser finanzielle Missstand wirkt sich auch auf die zu dieser Zeit noch in Wien lebenden  und Canettis aus.Da der Vater schon tot ist,ist es für die Mutter schwer noch mit dem Haushalt zurechtzukommen.Die Konsequenz ist,dass sie krank wird und in eine Kur geht.Sie schickt ihren Sohn in die Schweiz,wo derdann in einer Pension als jüngster aufgenommen wird.

 

4.

Die Personen,die in dem Buch auftauchen,sind unterschiedlich wichtig im Bezug auf den Entwicklungsgang der Hauptfigur.Sicherlich spielt die Mutter die wichtigste Rolle.Eigentlich ist sie durch das ganze Buch hindurch der größte und wichtigste Bezugspunkt der Erzählfigur.

 

Da sie nach dem Tod ihres Mannes jemanden braucht,der ihr zunächst als Hilfe(sie wird nach dem Tod ihres Mannes depressiv und krank)beisteht aber später auch als Diskussions- und Lebenspartner seine Rolle erfüllt.

Nach dem Tod spielt Mathilde lange Zeit mit Selbstmordgedanken und es fehlt nicht viel ,da hätte sie sich umgebracht.Nachts beginnt sie immer zu weinen und Elias weiß genau was das bedeutet,nämlich,dass sie wieder schwach wird und sich vom Fenster stürzen will.Er lenkt sie dann solange ab und tröstet sie bis sie sich wieder schlafen legt.Dies beweißt wieder die Überlastung der Verpflichtung ein Erwachsen zu werden der Erzählfigur.

Sie bleibt eigentlich die einzige Person die wirklich tiefgehend mit im redet.Das sieht man auch wenn die Diskussionsabende mit ihm betrachtet.Elias Canetti ist förmlich davon süchtig und gefesselt.

Als Kontrast dazu:Er trifft sich nur mit seinem Freund und spielt mit ihm,weil er die Backen seiner Mutter so mag und er sich jedes Mal darauf freut sie zu sehen.

 

Der Vater ist ein sehr netter,offener und musikalischer Typ.Er war es der ihn dazu motiviert hat zu lesen.Er kam ,als Elias noch recht jung war,damals mit einem Buch nach Hause und schenkte es ihm.Elias war begeistert und fing gleich an es zu lesen.Morgens ist er dann immer in das Bett des Vaters reingekrochen und hat ihm dann erzählt,was in dem Buch vorkam.

Sein Vater gab ihm das Gefühl das er erwachsen ist,denn er diskutierte immer offen und ehrlich zu ihm.

Das ist auch der Grund,wieso er an dem Tag vor seinem Tod mit Elias in den Park gegangen ist und ihm gesagt hat,dass er sich selbst aussuchen soll,was er später mal werden wolle.

 

Seine Freunde,die er immer mal in der Schule kennenlernt spielen nur eine untergeordnete Rolle.Er hat in wirklichkeit keinen Freund,weil er gar kein Interesse an einer wahren Freundschaft hat.Jugendliche in seinem Alter sind ihm nicht so wichtig,wie seine Mutter,zu der er eine deutlich tiefgehendere Beziehung hat.Außerdem hat er schon neben seinen Schulaufgaben wenig zeit für seine Bücher,wie soll er dann noch Zeit für andere haben.Somit beeinflussen auch Jugendliche in seinem Alter nicht seinen Entwicklungsgang.

 

Wirklich ausschlaggebend für die den Entwicklungsgang der Erzählfigur ist eigentlich nur das Verhalten und die Situation der Mutter.

 

5.

Elias hat schon früh den Wunsch das Lesen zu lernen.Als er noch in Bulgarien ist,in Rutshuk, spielt er jeden Tag mit seiner Cousine Lauricia.Die beiden sind unzertrennlich und spielen Tag für Tag „Verstecken“.Jedoch kommt sie schon bald in die Schule und lernt das Lesen.Elias wartet tag für tag jeden Mittag,bis sie nach hause kommt,damit er mit ihr spielen kann.Doch sie verliert allmählich das Interesse an ihm.Dafür interessiert er sich jetzt noch mehr für sie.Er ist ganz fasziniert von den vielen Buchstaben und will auch mal in ihre Hefte rein schauen,doch sie lässt ihn nicht.Sie fühlt nämlich,das sie jetzt was besseres zu sein scheint und quält Elias derartig,bis der sie dann umbringen will.Dieses Erlebnis ist gleichzeitig mit dem Wunsch,das Lesen zu lernen,verbunden.

Ein weiteres Erlebnis hat Elias Canetti als er im Alter eines kleinen Jungen war.Eines nachts wacht er auf und merkt,dass alle anderen auch wach sind.Der Grund ist,dass ein Komet über die Erde fliegt,und droht auf die Erde einzuschlagen.Die ganze Familie ist in Aufruhr und steht draußen auf dem Hof.Elias,der das alles noch gar nicht versteht,ist aber vom Komet beeindruckt.Er spührt keine Angst,gegenüber dem Kometen,der,bei einem Einschlag,tausende Menschen umbringen würde.Dieses Erlebnis hat bei Elias ein unbeschreibliches Bild hinterlassen,indem er es in seiner Autobiographie als ein,noch heute,aufwärmendes Gefühl näherungsweise beschreibt.

Dieses Erlebnis hat aber auch eine konkrete Wirkung auf seine Jugend.Zuvor hatte er immer Alpträume,die von bösen Wölfen handelten,die er aber seit seinem Komet-Erlebnis nie mehr haben wird.

 

Seine schrecklichste Erfahrung in seiner Jugend muss er jedoch durch den Tod seines Vaters machen.In seiner Autobiographie erhält der Leser aber nur ein kleinen Einblich auf seine Gefühle.Es kann ja auch sein,dass sich Elias auch in Wirklichkeit nicht so viele Gedanken um den Tod seines Vaters gemacht hat.An dem Tag,andem sein Vater plötzlich in der Küche einen Schlaganfall bekommt und daraufhin stirbt,rastet die Mutter voll Panik aus und rennt schreiend im ganzen das Haus rum.Elias dagegen,der von den Nachbarn an dem Tag aufgenommen wird,weil man befürchtet,dass er den Zustand seiner Mutter nicht verkraften würde,spielt im Garten mit dem Sohn der Nachbarn.Nur langsam begreift er,dass ihn sein Vater jetzt für immer verlassen hat.

Diese Erfahrung hat natürlich auch seine Folgen.Um mich nicht zu wiederholen,weise ich noch einmal auf seine neue Rolle,der Mann im Haus,hin.Das dies erhebliche Auswirkung auf seinen Entwicklungsgang hat,betone ich noch einmal.

 

Eine wichtige Begegnung,finde ich,ist die mit dem Herrn Dozent.Er ist ein bekannter Arzt,in Wien ansässig.Währen den Perioden der Schwächeanfälle der Mutter ist es er,der sich um sie kümmert.Er ist auch bei jeder Kur der Mutter dabei und entwickelt langsam eine Liebe zu ihr.Die Mutter jedoch sieht ihn nur als einen Arzt und Freund,was Elias dennoch beunruihgt.

Er sieht eine Bedrohung im Arzt und glaubt,dass er ihr nur schlechtes will.Natürlich ist diese Annahme unberchtigt und völlig sinnlos,da die Beziehung(Freundschaft) zwischen der Mutter und dem Herrn Dozent absolut in Ordnung ist.Für beide Seiten.Sie reden zusammen über Bücher,vor allem über Strindberg und genießen die Geselligkeit auf dem Balkon beim Tee.

Jedesmal wenn der Herr Dozent zum Tee eingeladen ist,bringt er Elias ein Buch mit.Es sind schöne Bücher,Elias auch gefallen,jedoch nimmt er nie ein Buch,das von Herrn Dozenten mitgebracht wird,zur Hand und wirft sie in eine Ecke.Er observiert sie permanent bei jedem Besuch des Herrn Dozenten und wünscht sich vom ganzen Herzen,dass er vom Balkon fällt und stirbt.Und das nur weil er glaubt,dass der Herr Dozent ihr schaden könne.

Mit anderen Worten:Er ist in seiner Rolle als jemand,der weiß was für seine Mutter am besten ist,so verbissen,dass er versucht keinen,egal wer,an die Mutter zu lassen.Er glaubt,auf grund seinem Wissen,alles zu durchschauen.

Wie ich weiter oben schon gesagt habe:Er macht sich von anfang an ein Bild von Menschen,ohne sie zuvor kennen zulernen.Anstatt die Erfahrung zu machen,ihn zu fragen wer er ist,was er macht,stützt e sich von vornherein auf sein Wissen,auf Geschichten und auf Charaktere und vermeidet den Weg der Erfahrung.

 

Die wichtigste Erfahrung macht er aber zwangsläufig,als er sich mit 16 Jahren im wichtigsten Gespräch seines Lebens mit seiner Mutter wiederfindet.Sie wirft sich selber vor Elias verwöhnt zu haben.Die finanzielle Lage spielt aber in dieser Hinsicht eine untergeordnete Rolle.Sie meint,dass sie ihm die dieBildung und das Wissen so nah,gebracht hat,dass er nur noch von und für sein Wissen lebt und nicht mit den täglichen und,nur durch Erfahrung erfahrbarem,Alltag.Diese Verwöhnung hätte bei ihm bewirkt,dass er nie gelernt hat sich im Alltag zurecht zu finden.Er musste sich nie mit anderen herumschlagen und kam auch nie in eine brenzliche Situation.Sie wirft imvor,kein wirklicher Mensch zu sein,weil er nie gelernt hat sich wirklich Gedanken über Dinge zu machen,sondern bevorzugte lieber das,was in Büchern steht,zu übernehemen und wiederzugeben.Sein Wissen hätte ihn aus der Realität rausgezogen und ihm das Leben zu leicht gemacht.Er würde sich nur das nehmen was er will und verachten,was ihm nicht liegt.

Er spührt,dass sie recht hat und er im Unrecht ist.

Langsam kam im die Einsicht,dass er mit seinem allein mit seinemWissen,in der Pension,abgeschieden von den ganzen Städten,in denen der Alltag nicht einfach war,verblöden würde.Sie zog mit ihm um nach Deutschland,weg vom Paradies(Pension),in dem er sich um nichts kümmern musste und glaubte,nur durch sein Wissen,ein Mensch zu werden und zu leben.

 

Das Buch endet mit den folgenden Sätzen:

 

Die einzig vollkommenen Jahre,das Paradies in Zürich,waren zu Ende.Es ist aber wahr,dass ich andere Dinge erfuhr als die,die ich im Paradies kannte.Es ist wahr,dass ich,wie der früheste Mensch,durch die Vertreibung aus dem Paradies erst enstand.

 

6.

Elias Canetti ist im meinen Augen ein Opfer der Familienverhältnisse und der sozialen Situation,die bewirkt haben,dass er sich von der Außenwelt abgewendet hat und sich an seinem Wissen festhält.In unserer Zeit ist solch ein Entwicklungsgang eines Jugendlichen auch denkbar.Man denke nur an Jugendliche,deren Eltern nie für sie da sind,weil sie ganztags beschäftigt sind.Auch sie bauen sich dann ihre eigene Welt auf und es ist meistens schwer sie wieder in die Realität zurück zu holen.In manchen Fällen,bei denen Jugendliche schon älter sind,ist es auch fast schon unmöglich,sie zu retten.Elias Canetti hatte noch grade Glück,glaube ich.Durch das energische Gespräch der Mutter und die Zwangsumsiedlung in eine Stadt in Deutschland wurde er auf den rechten Pfad geleitet.Man müsste auch heute mehr auf das Verhalten und die Situation der Jugendlichen achten,da es vor allem in der Pubertät vorkommen kann,dass sie ihre Denk-und Verhaltensweisen extrem ändern können.

 

Die zweit Einsicht,die ich aus dem Buch gewonnen habe,ist die,dass das Wissen alleine nicht genügt.Man muss viele Dinge am eigenem Leibe erfahren,um sie wirklich verstehen zu können.Außerdem ist,finde ich,schlimm wenn man nur Sachen aus Büchern oder Medien wiedergibt,ohne darüber einen Gedanken verschwendet zu haben.Diese Leute werden dann später merken und einsehen,dass sie in Wirklichkeit keine eigene Meinung haben und nicht bewusst leben.Denn ein Mensch ist erst dann ein Mensch wenn er anfängt selbst zu denken.