DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE © gabriele weis

 READER: jugend als literarisches thema des 20., 19. + 18.jhds...

 


 

 

1954  Heinrich Böll  /  HAUS OHNE HÜTER9

 

    

 

 

Kindlers neues Literaturlexikon

Roman von Heinrich Böll, erschienen 1954. - Die Handlung, die zu Anfang der fünfziger Jahre in einer rheinischen Stadt spielt, wird aus der von Abschnitt zu Abschnitt wechselnden Sicht und dem Bewußtsein von fünf Personen erzählt, für deren Handeln und Denken die Tatsache bestimmend ist, daß die Männer der Familien im Krieg gefallen sind und nun die Ehefrauen ohne Ehemann weiterleben und die Söhne ohne Vater aufwachsen müssen. Die aus dieser für die Nachkriegszeit typischen Situation sich ergebenden Konflikte zeigt der Autor an zwei Familien aus verschiedenen sozialen Schichten und an Menschen verschiedener Altersstufen, den beiden zwölfjährigen Schulfreunden Heinrich und Martin und deren Müttern. Heinrich Brielachs Lage ist deprimierend: seine Mutter führt nach dem Kriege eine Reihe von »Onkel-Ehen«, d. h., sie lebt mit immer wieder anderen Männern zusammen, läßt eine Abtreibung vornehmen und bekommt später ein uneheliches Kind. Heinrich, dem die Verwaltung des schmalen Haushaltsgeldes übertragen ist und der auch noch seine kleine Stiefschwester Wilma beaufsichtigen muß, kommt viel zu früh mit den Problemen der Erwachsenen in Berührung und leidet zudem sehr unter dem Urteil, das die Umwelt über den Lebenswandel seiner Mutter fällt. Was ihn von seinem Freund Martin trennt, ist »das Geld«: Heinrich muß nachrechnen, ob sein »Onkel« Leo auch genug in die Haushaltskasse legt und ob seine Mutter sich eine teure Zahnprothese leisten kann. Martin hingegen ist in dieser Hinsicht verwöhnt: er ist der Sohn Nella Bachs, der aus reichem Haus stammenden Witwe eines berühmten Dichters. Doch auch er wird durch seine Mutter beunruhigt, deren Dasein zwischen hysterischer Nervosität, Tagträumen, religiösen Stimmungen und resignierter Langeweile verläuft. Die durch die Vaterlosigkeit hervorgerufene Orientierungslosigkeit Heinrichs und Martins in der moralisch wie materiell zerrütteten Nachkriegszeit wird noch verstärkt durch die Turbulenzen der beginnenden Pubertät. Im Mittelpunkt der Gedanken von Heinrich und Martin stehen der Charakter und die Lebensführung ihrer Mütter; im Zusammenhang damit fallen den Jungen immer wieder die Katechismus-Formulierungen »unschamhaft« und »unmoralisch« ein (diese beiden Wörter erscheinen im Text groß geschrieben, um anzudeuten, wie sehr sie das Denken der Jungen beherrschen). Am Ende des Buches wird der durch den Tod der Ehemänner verursachte moralische und menschliche Verfall der beiden Frauen, unter dem die Söhne leiden, noch einmal besonders deutlich: Frau Brielach zieht in das Haus eines neuen Liebhabers, wo Heinrichs Leben fortan weniger belastet und vielleicht materiell gesicherter verlaufen wird; Martins Mutter ist inzwischen so gleichgültig geworden, daß sie kaum Haß empfinden kann, als sie den ehemaligen Offizier Gäseler kennenlernt, der im Krieg ihren Mann aus Dummheit und Sadismus auf ein aussichtsloses Spähtruppunternehmen schickte und so an seinem Tod schuldig wurde. Albert Muchow, dem einstigen Freund ihres Mannes, bleibt es überlassen, dem inzwischen zum Literaten, zum »flinkhändigen Schwindler« gewordenen Gäseler wenigstens durch einige Faustschläge klarzumachen, daß sein niederträchtiges Verhalten im Krieg nicht vergeben und vergessen ist. Auf die psychischen Regungen der beiden Jungen, ihr dauerndes Verfolgtsein von Gedanken an »die Vereinigung« ihrer Mütter mit fremden Männern und an das (unanständige) »Wort, das die zum Bäcker gesagt hatte«, konzentriert sich das eigentliche Interesse des Romans. Die gelegentlich etwas schematisch wirkende Zeichnung der Erwachsenen dürfte mit Bölls Absicht, diese zu typisieren, zusammenhängen; insbesondere die Frauen sollen als Repräsentanten der durch den Krieg aus der Bahn geworfenen Generationen erscheinen. Schärfere Charakterzeichnungen und präzisere Formulierungen gelingen dem Autor bei der Schilderung des Kulturbetriebs und des Tagungsrummels, in den Nella sich als »Witwe des Dichters« hineinziehen läßt. Hier findet Böll Gelegenheit zu satirischen Ausfällen gegen die Kulturindustrie und gegen jene bemühte Aufgeschlossenheit für die moderne Literatur, die zum Beispiel Pater Willibrord, den väterlichen Freund Nellas, zum Anhören von Vorträgen über das Thema »Was haben wir von der Lyrik der Gegenwart zu erwarten?« veranlaßt. Böll führte mit diesem Roman seine Bestandsaufnahme der bundesdeutschen Restauration fort, wie sie bereits in Und sagte kein einziges Wort (1953) angelegt war. Die Affinität zur kleinbürgerlichen Lebenswirklichkeit prägt sein weiteres Werk ebenso wie die hier erstmals konsequent durchgeführte, mehrschichtige Erzähltechnik, die das Ensemble der Figuren gruppiert in jene, die zugunsten wirtschaftlichen Erfolgs und der eigenen Karriere die NS-Vergangenheit umstandslos verdrängen, und jene, die, von der Erinnerung gebannt, sich mit der Restauration, der neuen »alten« Ordnung nicht abfinden können - zugleich ohne Chance, eine vertrauensfähige Alternative zum Bestehen zu entwickeln. Prof. Dr. Jörg Drews/KLL