LESE-/ANALYSE-PROTOKOLL:

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Autor/in: 

Bertolt Brecht

Titel:  

 

Die Bücherverbrennung[2]

 

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen

Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben

Ochsen gezwungen wurden. Karren mit Büchern

Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte

Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der

Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine

Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch

Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.

Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!

Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht

Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt

Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch:

Verbrennt mich!  

 

[2] Das Gedicht nimmt Bezug auf Oskar Maria Graf, der sich in dem Aufruf »Verbrennt mich« - gedruckt in der Wiener Arbeiterzeitung unmittelbar nach der Bücherverbrennung vom 10.05.1933 zu den verfolgten Autoren bekannte.  

 

  TEXT-FORMAT:

x

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Begründung:

 

Bearbeiter/in:

carolin

Weis

 

 

1.   W a s   t u t    das Lyrische Ich, wenn  es sagt, was es hier sagt?

·          Im Gedicht  insgesamt?

·          In jeder einzelnen Strophe?

 

Im Gegensatz zu anderen Gedichten tritt das lyrische Ich nicht als aktiv handelnde Person auf, sondern als beschreibender Zuschauer. Es beschreibt im 1. Abschnitt den Umstand der Bücherverbrennung in der Zeit einer Diktatur, vermutlich während der Zeit des Nationalsozialismus im Jahr 1933.

Im 2. Teil erwähnt es einen Exildichter, der nicht weiter bezeichnet wird. Damit wird zwischen dem Autor des Gedichts B. Brecht, das lyrische Ich und den Leser eine weitere Person – auch ein Dichter – eingefügt. Dieser steht als Beschreibender zwischen lyrischem Ich und Leser. Außerdem beschreibt das lyrische Ich die zunächst eigenartig erscheinende Reaktion des Dichters: Er, dessen Werke nicht verbrannt wurden/werden, protestiert dagegen, indem er einen Brief an das Regime verfasst, in dem er es auffordert, seine Werke und damit ihn (pars pro toto) zu verbrennen.

 

das von brecht erfundene lyrische ich dieses gedichtes tritt als bänkelsänger auf, der seinen lesern/zuhörern eine doppelte moritat in den blick rückt: die der bücherverbrennung und die eines anonym belassenen schriftstellers mit enem ungewöhnlichen protest...

- es überantwortet damit beide moritaten der moralischen beurteilung seiner leser/zuhörer

 

2.   Was   ist  sein   B e t r a c h t u n g s - G e g e n s t a n d ?

·          Im Gedicht  insgesamt?

·          In jeder einzelnen Strophe?

 

Was zunächst paradox erscheint, wird jedoch beim genaueren Überlegen logisch. Hier treten nämlich die beiden Kernaussagen des Gedichts in den Vordergrund: Auf der einen Seite ist der erste Betrachtungsgegenstand, die beginnende Gleichschaltung der Kultur und „Beseitigung“ ideologiefeindlicher Kunst und Künstler, wie es meist bei etablierenden Diktaturen ist, oder in diesem Fall speziell im Nationalsozialismus um 1933.

Zum anderen wird im zweiten Abschnitt deutlich, wie ein Künstler, der ein Gegner des Regimes ist, reagiert. Dabei wird die Stärke des Protestes gegen das Regime noch mehr dadurch hervorgehoben, dass der Dichter aus Sicht des Regimes gar kein Gegner ist und seine Werke deswegen nicht verbrannt werden.

Damit hat der vom lyrischen Ich beschriebene Dichter zwei Gründe für seinen Protest:

Einerseits seine allgemeine Abneigung gegen das Regime, aber auch die Tatsache, dass das von ihm so gehasste Regime in ihm einen Verbündeten sieht.

 

betrachtungsgegenstand des lyrischen ichs sind damit beide ungeheuerlichkeiten: die ungeheuerlichkeit der bücherverbrennung wie die die ungeheuerlichkeit, dass ein nicht- mitverbrannnt-werden für einen, der sich ebenfalls als regimegegner sieht, schlimmer sein kann als ein miteinbezogen-werden in eine derartige barbarei...

- betrachtungsgegenstand ist damit auch die frage nach der qualität eines werkes, das dem ns-vernrecherregime als offenbar nicht ´verbrennenswürdig´ erschien, obwohl es von einem ´verjagten dichter´ stammte: "Habe ich nicht / Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt / Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt!"   -   also von einem, in dessen werk sich offenbar vorwiegend unglaubwürdige wahrheiten fanden, sonst hätte man diese bücher ja verbrannt  -  -  dann wäre ein gutes werk ggf. nur eines, das man nicht auch völlig konträr zu seinem eigentlichen ´strich´ lesen könnte...?!

- betrachtungsgegnstand sind schließlich die dilemmata, in die gerät, wer der barbarei einer bücherverbrennung entgeht, damit aber in einer weise öffentlich positioniert wird, die:

- schweigend hinzunehmen, als zustimmung missdeutet werden kann, 

- der lautstark zu widersprechen, die solidarität mit den verbrannten, denen man sich verbunden fühlt, verlangt, 

- gegen die anzurennen nichts bleibt als ein ohnmächtiger protest 

- und die überdies als Qualitätsdefizit aller bisherigen literarischen Bemühungen kaum zu verkraften bleibt.

 

3.   W e l c h e   A u s s a g e n   trifft das lyrische Ich dabei bezüglich seines jeweiligen Betrachtungsgegenstandes -   Strophe für Strophe/Zeile für Zeile? 

-  Und:  W i e tut es das?

 

Hinsichtlich der Bücherverbrennung, die vom lyrischen Ich beschriebenen wird, sagt es aus, dass das Kriterium für die Verbrennung der Bücher ist, dass sie mit – aus der Sicht des Regimes – „schädlichem Wissen“ (Z.1) versehen sein müssen. Das bedeutet, dass sie der Ideologie des Regimes nicht entsprechen. Das „Regime“ (Z.1) lässt die Verbrennung der Bücher von Ochsen ausführen. Die Ochsen stellen eine Metapher für das Volk als Mitläufer dar, ebenso der Staatsapparat der Beamten. Damit entscheidet das Regime über Wahrheit und Lüge. Es bleibt den Staatbürgern nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden. Fraglich ist jedoch, inwieweit die Ochsen dazu gezwungen werden. Der Dichter der „einer der besten“ ist, wird aber nicht verbrannt. Damit geht es auch um die Qualität seiner Werke und die anscheinende „Uminterpretation“ seiner Texte. Die Frage ist, ob der Dichter für nicht wichtig genug gehalten wird, oder ob „seine Wahrheiten“ plötzlich zu den „Wahrheiten  des Regimes“ werden. Wahrscheinlich stimmt aber die zweite Annahme, weil der Dichter sich jetzt als „Lügner“ sieht, dessen Wahrheit nicht mehr erkennbar ist.

 

die ´öffentlichen´ bücherverbrennungsaktionen des ns-´regimes´ galten büchern "mit schädlichem Wissen"  -  ihr transport erfolgte mit "ochsen", die "gezwungen wurden": 

´schädlich´ freilich, das ist damit indirekt gesagt, könne ´wissen´ per definitionem nicht sein, allenfalls für den, der es unterdrückungshalber nicht zulassen wolle  -  ein regime aber , das wissen unterdrücken wolle, mache die dummheit zum programm  -  und das sogar in einer so demonstrativen weise, dass es sich für den buchtransport demonstrativ ´dummer´ tiere bediene...!

diese seien aber offenbar immer noch klüger einzuschätzen als ein so agierendes regime und seine anhänger:  denn die ochsen habe man ´zwingen´ müssen!

 

verjagt worden zu sein, aber nicht in die verbrennungen einbezogen, das bringe selbst den besten verjagten zwischen alle stühle:

- als zweifelsfreier regimekritiker sei er damit infrage gestellt - rückblickend wie bezüglich jeder von ihm angestrebten solidarisierung mit den unzähligen verfolgten des ihn übergehenden regimes

- jeder protest gegen die ´unverdiente´ nicht-gleichbehandlung könne nur zur grotestke geraten    (entspringe er nun dem perversen wunsch, einer barbarei mitunterworfen zu werden  - des eigenen ansehens wie der tief empfundenen solidarität mit den tatsächlich verbrannten wegen;    oder entspringe er gar dem illusionären versuch, seine gegner durch öffentliche selbstdenunziation zu einer nachträglichen verhaltenskorrektur bringen/ ihnen gar eine solche aufwertung seiner person ´befehlen´ zu wollen;    oder ranke er sich um die ohnmächtige hoffnung, irgend jemanden aufzurütteln gerade durch eine öffentliche antwortaktion auf ein ungerechtes übergangenwordensein)

 

selbst die "besten" ´unserer dichter´ können in verruf geraten dadurch, dass ihr werk ihren verfolgern keiner verfolgung wert zu sein scheint  -  schlimmeres könne einem regimekritischen dichter wohl kaum passieren

 

-  Und wie tut es das?

das lyrische ich erzählt hier mit einfachem zeigegestus wie ein bänkelsänger:  als es zur einen ungeheuerlichkeit kam, zog diese u.a. die folgende ungeheuerlichkeit nach sich  -  beide ungeheuerlichkeiten sind dabei mit informativem minimalismus zur sprache gebracht

die ausdrücklichen wertungen seitens des lyrischen ichs stecken bezüglich der ausgangsungeheuerlichkeit in den gerade in ihrer knappheit sprechenden rahmeninformationsangaben, die das lyrische ich macht

bezüglich des dichterverhaltens sind sie unausdrücklich, ergeben sich aus situation und tonfall von dessen einfach nur im kern zitierten offenem brief:  verständliche, aber ohnmächtigste hysterie übermittelt sich hier 

 

4.  Zu welcher   G e s a m t a u s s a g e   hinsichtlich dieses Betrachtungsgegenstandes schließen sich die Einzelaussagen?

 

 

// "inwiefern stürzen dabei die wandlung d´s zum verbrecherstaat und der von diesem angezielte weltkrieg die exilanten in spezifische erscheinungsformen von heimatlosigkeit und konfrontieren sie jeweils mit u.u. hochstrittigen wechselseitigen haltungsforderungen und schwierigsten moralfragen? "  

 

 

Die beiden Betrachtungsgegenstände lassen sich soweit zusammenfassen, als dass in beiden Fällen die Wahrheit zerstört wird. Durch die Bücherverbrennung wird die Geschichte einer Kulturnation und durch den Missbrauch einer Wahrheit ein Mensch zerstört. Dieser Mensch kann das Regime nur noch dazu auffordern, dass er und seine Werke verbrannt werden. Für den Dichter ist es noch schlimmer, dass seine Werke „fehlinterpretiert“ werden, als dass sie verbrannt werden. Der Leser wird dazu aufgefordert, sich gegen beide Formen der Tötung von Wahrheit zu wehren.

 

Erwähnenswert ist der Aufruf des Dichters „lasst mich nicht übrig!“. Damit ist zum einen gemeint, dass der Dichter nicht zusammen mit den Nazi Künstlern genannt werden möchte. Zum anderen wird aber auch die räumliche und geistige Heimatlosigkeit des Exilanten angesprochen. Dies zeigt sich auf verschiedene Arten: >???! z.B. für Heinrich Mann bricht spätestens mit der Machtübernahme der Nazis 1933 eine Welt zusammen. Aus dem Exil, Südfrankreich, muss er mit anschauen, wie seine Heimat zerstört wird. Vorher musste er mitansehen, wie seine Idee vom menschlichen Kommunismus von durch Stalin zerstört wurde. Seine geistige Leere wird in der neuen Monographie über Heinrich Mann deutlich. Sein Bruder Thomas Mann reagiert zögerlicher: seine Entscheidung gegen das System der Nazis findet erst im Exil in der Schweiz 1937 statt. In späteren Artikeln distanziert er sich deutlich von Hitler. Bis 1937 lässt er es jedoch zu, dass seine Werke auch von den Nazis gepriesen werden, im Gegensatz zum Dichter aus Brechts Gedicht. Der Protest von Mann findet also später statt. Doch reißen das Exil und der Krieg sowohl ihn als auch seinen Bruder in immer schwerere Konflikte, bis er schließlich einen Teil seiner Tagebücher verbrennt. An diesen Beispielen erkennt man, dass das Exil die Autoren neben finanziellen auch vor geistige Konflikte und Herausforderungen stellt.

 

die absurdität des einen  -  in diesem falle die absuduität von bücherverbrennungen, wie sie die nationalsozislistischen machthaber u.a. auch als ´zeitgemäße´ form der ´literaturkritik´ inszenierten -  ziehe weitere  absurditäten nach sich:

- sei  es doch noch weitaus absurder, die so inszenierte literaturkritik noch dadurch zu krönen, dass man die werke ausgewiesener regimegegner unter den anerkannten deutschen dichtern versehentlich bis arglistig eben gerade nicht mitverbrenne

// auf diese weise gelinge es, die maßstäbe für wissen, wahrheit und lüge noch gründlicher zu zerrütten als durch eindeutiges handeln

//denn es lasse sich alle bisherige kultur gerade durch böswillige unterscheidungen so durchschlagend mit füßen treten, dass nur noch die eigenen maßlosigkeiten geltung erhalten

dem da inszenierten absurditätsgefüge gegenüber gebe es seitens betroffener nur berechtigten unbändigen Zorn, aber keinen wirklichen aktionsspielraum

zu letzterem habe allenfalls der zugang, der sich von einem moritatenhaften geschehen wie dem hier vorgetragenen aufrütteln lasse, indem er die ihm seitens der machthaber untergejubelten maßstabsverwischungen wenigstens für sich nicht mitmache, damit die unkultur der bücherverbrenner nicht auch noch die erfasse und entzweie, die ihr gespür für die fundamentalen unterschiede zwischen solcher unkultur und wirklicher kultur lebendig halten und neu wirksam werden lassen wollen

von alldem ist ausdrücklich nichts gesagt  -  es ist sache des lesers/zuhörers, die problematik in dem zu erspüren, was das lyrische ich hier demonstrativ auf es hinweisend zur kenntnis bringt

 

 

es geht in diesen gedichtzeilen also um heimat in der kultur.  in der kultur der menschheit insgesamt wie in der eines landes im besonderen (in diesem falle deutschlands zur ns-zeit).

zuhause in welcher kultur auch immer ist nur, wer zumindest geistige gemeinschaft hat und (be-)hält mit denen, deren kulturelle aktivitäten zu einem identifizierbaren teil des öffentlichen bewusstseins geworden sind

sobald diese gemeinschaft durch politisierungen und diskriminierungen mit verfolgungscharkter aufgespalten wird, entstehen atomisierungsprozesse unter den verfolgten, denen durch solidarisierungsaktivitäten nur begrenzt zu begegnen ist  (aus vielerlei gründen, materiellen wohl nicht zuletzt).   denn von da an wird kulturelle identität an eindeutiger regimegegnerschaft festgemacht...

wo aber die aufspaltungsperfidie eines verbrecherregimes so weit geht wie im falle oskar maria grafs, auf dessen offenen brief vom mai 1933 an die nazis brechts lyrisches ich hier rekurriert, kommt so viel ganz persönliche wie interpersonale verunsicherung ins spiel, dass jede form der solidarisierung so groteske züge bekommt, dass die kulturgemeinschaft mit den fraglosen (weil ´verbrannten) regimegegnern allenfalls noch vordergründig zustande kommt

da entsteht für alle, die sich in zeiten allgemeiner bedrängnis auch und gerade über ihre regimegegnerschaft definiert haben, eine u.u. so tiefe form von kultureller heimatlosigkeit, dass ggf. nicht einmal mehr für wackeres einzelkämpfertum mehr die kraft bleibt...

...

 

Note: 7 P