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LESE-/ANALYSE-PROTOKOLL: . |
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Autor/in: Bertolt Brecht |
Titel:
Schlechte
Zeit für Lyrik Ich
weiß doch: nur der Glückliche Ist
beliebt. Seine Stimme Hört
man gern. Sein Gesicht ist schön. Der
verkrüppelte Baum im Hof Zeigt
auf den schlechten Boden, aber Die
Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel Doch
mit Recht. Die
grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes Sehe
ich nicht. Von allem Sehe
ich nur der Fischer rissiges Garnnetz. Warum
rede ich nur davon Daß
die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht? Die
Brüste der Mädchen Sind
warm wie ehedem. In
meinem Lied ein Reim Käme
mir fast vor wie Übermut. In
mir streiten sich Die
Begeisterung über den blühenden Apfelbaum Und
das Entsetzen über die Reden des Anstreichers. Aber
nur das zweite Drängt
mich zum Schreibtisch. |
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TEXT-FORMAT: |
x . Begründung: |
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Bearbeiter/in: |
max |
Weis |
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1.
W a s t
u t das Lyrische Ich, wenn es
sagt, was es hier sagt? ·
Im Gedicht insgesamt? ·
In jeder einzelnen Strophe? |
Das lyrische ich spricht zu sich selbst > es führt eine Art Monolog
Das lyrische Ich hebt die politische und soziale Unordnung, die es in den 30er Jahren gab, als auch das Gedicht verfasst wurde, hervor.
Strophe 1: Das lyrische ich entwickelt ein Bild des Glücklichen. Der Glückliche ist beliebt. Strophe 2: Im Gegensatz zur ersten Strophe bringt das lyrische Ich nun einen negativen Gedanken ein. Das lyrische Ich schließt daraus, dass der Boden schlecht ist, auch ein verkrüppelter Baum entstehen muss. Der Unglückliche ist nicht beliebt. Strophe3+4: Das lyrische Ich stellt das Bild der sozialen Realität in den Mittelpunkt. Das lyrische Ich registriert die Dinge, die es sieht sehr wohl, aber kann sie nicht allein und isoliert betrachten und sich auch nicht mit ihrer scheinbar zeitlosen Allgemeingültigkeit („wie ehedem“) zufrieden geben. Stattdessen kommt die soziale Realität zur Sprache, die konkreten Lebensverhältnisse der einfachen Menschen („Fischer“, „Häuslerin“) drängen sich dem lyrischen Ich auf, das nach den Ursachen („Warum“), ihrer Erscheinung („gekrümmt“) und Lebensumstände („rissig“) fragt. Der politische Kontext wird angesprochen, denn es geht um die Not des Menschen in dieser schlechten Zeit („rissiges Garnnetz“) Strophe 5: Das lyrische Ich möchte in seinem Gedicht kein Reim einbringen, weil es unpassend wäre. Angesichts der Not in der Welt will das lyrische Ich keine schönen Gedichte schreiben. Strophe 6: Das lyrische Ich führt die Person Hitlers ein. Das lyrische ich bringt verschlüsselt die Welt, in der Unordnung und Unzufriedenheit herrscht, zur Sprache. Dadurch, dass das lyrische Ich Adolf Hitler („der Anstreicher“) erwähnt, kommt etwas Licht in das Motiv des lyrischen Ichs. Es steht in einem Zwiespalt bzw. vor einem inneren Streit mit sich selbst („In mir streiten sich“). Das lyrische Ich könnte ja den Leser von der harten Realität ablenken, indem es ein fröhliches Gedicht schreibt, aber genau das tut es nicht. Es will den Leser nicht ablenken.
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das lyrische ich gibt
sich hier rechenschaft darüber,
warum für ´glück´, ´schönheit´ (str.1), ´grüne boote und lustige segel (str.3), ´die warmen brüste der mädchen´ (str.4), für ´reime´(str.5) und ´die begeisterung über den blühenden apfelbaum´(str.6) in seinem schreiben ("drängt mich zum schreibtisch" (letzte gedichtzeile)) kein platz mehr ist - also: "schlechte zeit für Lyrik" herrscht (übershrift), deren üblich-beliebte (´nur das gedicht des glücklichen ist schön´(str.1) gegenstände es vermittels der angeführten stichworte skizziert und das lyrische ich beleuchtet dieses ´warum´ - dieses besteht: im bedenken dessen, woran sein blick nun statt an den traditionell ´schönen´ lyrischen gegenständen hängen bleibe: - an einem verkrüppelten baum beispielsweise und dem, was von den ursachen seiner verkrüppelung sichtbar wird (str.2) - an den rissigen netzen der fischer und an den gekrümmten rücken bereits 40jähriger häuslerinnen (str.4) und: im emfinden eines diesen wahrnehmungen entsprechenden motivationsverlustes/einer motivationsverschiebung "nur" "das entsetzen über die reden des anstreichers ... drängt mich zum schreibtisch" (str.6) |
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2. Was ist
sein B
e t r a c h t u n g s - G e g e n s t a n d ? ·
Im Gedicht insgesamt? ·
In jeder einzelnen Strophe? |
Betrachtungsgegenstand des lyrischen Ichs im Gedicht insgesamt ist die schwierige Zeit, die zur Zeit der Entstehung, in Deutschland und Europa gab.
Strophe 1: Der Glückliche, beliebte. Strophe 2: Der Unglückliche, unbeliebte. Den verkrüppelten Baum. Strophe 3+4: Die individuelle Not der Menschen und das Schöne was es nicht sieht. Strophe 5: Der Reim. Strophe 6: Der Innere Konflikt des lyrischen Ichs, ob es nun mit Reim schreiben soll oder nicht. Es entscheidet sich wegen Hitler gegen den Reim.
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Betrachtungsgegenstand
des lyrischen ichs diesen brecht-gedichtes sind die ungünstig
veränderten produktions- und rezeptionsbedingungen, mit denen es
lyrik in politisch bedrängenden zeiten - wo leute wie der
´anstreicher´hitler gehör finden - zu tun bekommen kann:
1. veränderte bedingung: was es den lyriker in solchen zeiten zu artikulieren drängt (eben allerlei problem-wahrnehmungen zuvorderst), das verfehlt die bedürfnisse des lesepublikums (´nur das gedicht des glücklichen ist schön´(str.1) 2. veränderte bedingung: sein handwerkszeug - der reim etwa (str.5) - erscheint ihm selbst als zu spielerisch-unverbindlich 3 veränderte bedingung: schließlich ist sein "entsetzen" sein hauptschreib-antrieb geworden, statt der es sonst bewegenden "begeisterung" (str.6)
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3. W e l c h e A u s s a g e n trifft das lyrische Ich dabei bezüglich seines jeweiligen Betrachtungsgegenstandes - Strophe für Strophe/Zeile für Zeile? - Und: W
i e tut es das? |
Strophe
1: Das lyrische Ich beschreibt die schöne Stimme und das schöne
Gesicht des Glücklichen. Genau das macht ihn auch beliebt, seine Ästhetik. Strophe
2: Hier ist von einem verkrüppelten Baum die Rede und nicht von einem
Menschen. Der Baum ist hässlich und wird dafür beschimpft. Genau das
Gegenteil zur 1. Strophe. Das lyrische Ich weist in den ersten beiden
Strophen auf das Schöne und Gute hin und in der zweiten Strophe auf
das Hässliche und Schlechte. Auch wenn einmal von einem Menschen und
einmal von einem Baum die Rede ist. Strophe
3+4: Wie in Strophe 1 und 2 spricht das lyrische Ich erst wieder von
dem Positiven und dann in einem längeren Vers über das Negative. Es
will das Gute nicht sehen, aber das Schlechte sieht es umso genauer
und deutlicher. Es trifft damit die Aussage, dass in seinem Blickfeld
oder seiner Umgebung das Schlechte, also die Not der Menschen,
dominiert. Strophe
5: Das lyrische ich will keinen Reim in seinen Gedicht/Lied anwenden,
es wäre nicht passend bzw. übertrieben Strophe
6: Das lyrische Ich sagt aus, dass es erstens den „Anstreicher“
nicht mag und überhaupt nicht respektiert, als was Hitler darstellen
will. Zweitens ist das lyrische Ich so empört, dass es nur von den
entsetzlichen Reden des Führers zum Dichten inspiriert wird, aber
nicht von der Schönheit der Natur („blühende Apfelbaum“). Die
Betrachtung der einzelnen Strophen halte ich hier nicht für sinnvoll
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Und: W
i e tut es das? Das Gedicht hat überhaupt keine Struktur, so wie man das gewohnt ist. Die Verse sind eher nach dem Sinn zustande gekommen. Wie schon erwähnt hat das Gedicht keinen Reim und wirkt dadurch sehr trist. Es lassen sich viele Gegensatzpaare erkennen, etwa: schön/glücklich - verkrüppelt/hässlich/schlecht beliebt/hört man gern – schimpfen Begeisterung – Entsetzen Durch diese Wortwahl entsteht ein Hin-und-Hergerissen, wie es in der letzten Strophe dann auch zu Wort kommt.
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zwischen glück,
beliebtheit, angenehmer stimme und schönheit existiere zwar ein
fragloser zusammenhang;
und verkrüppelung habe zwar in der regel externe ursachen, gelte aber zurecht unmittelbar als schimpflich und hässlich: aber dieses wissen bewahre keineswegs davor, nun eben vorwiegend schimpfliches, hässliches, kaputtes und gebeugtes wahrzunehmen - statt bunter bilder, warmer zärtlichkeiten, übermütiger reime, innerer begeisterung wo und solange etwas so entsetzlich sei wie die reden des ´anstreichers´ hitler, sei für die traditionell dem schönen zugewandten schreibmotive kein raum
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Und: W
i e tut es das?
das lyrische ich setzt hier ein gerüst von ich-aussagen: "ich weiß doch", "die...boote sehe ich nicht", "von allem sehe ich nur", "warum rede ich nur davon", "ein reimkäme mir fast vor", "in mir streiten sich", "nur das zweite drängt mich"... ...eine reihe von allgemeinen aussagen zu ästhetischen ("nur... ist schön"), natürlich-ökologischen ("schimpfen ihn einen krüppel doch mit recht"), soziologisch-politischen (´rissige fischernetze´; ´die vierzigjährige gekrümmtehäuslerin´), kommunikativen (´wärme brüste wie ehedem´) und psychischen ("begeisterung über den blühenden apfelbaum / und das entsetzen über die reden des anstreichers") wahrheiten
das lyrische ich liefert also eine selbstreflexion mit umfassend antithetischer ´ja-aber-struktur´ als argumentative verdeutlichung der titel-these seines gedichtes "schlechte zeit für lyrik" ... |
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4. Zu welcher G e s a m t a u s s a g e hinsichtlich dieses Betrachtungsgegenstandes schließen sich die Einzelaussagen?
// "inwiefern stürzen dabei die wandlung d´s zum verbrecherstaat und der von diesem angezielte weltkrieg die exilanten in spezifische erscheinungsformen von heimatlosigkeit und konfrontieren sie jeweils mit u.u. hochstrittigen wechselseitigen haltungsforderungen und schwierigsten moralfragen? " |
Das lyrische Ich erwähnt zwar die Ursachen für die Verkrüppelung, aber begnügt sich nicht mit der Opferrolle. Wie die letzte Strophe zu verstehen gibt, soll man sich seinen umgebenden Umständen zur Wehr setzen, denn wer das nicht macht zieht mit Recht die Kritik der Vorübergehenden auf sich. Auch wenn die nicht immer die wahren Gründe eines Schicksals kennen. Das lyrische Ich sagt aus, dass man es die Pflicht eines jeden Individuums ist sich gegen hindernde Umstände und Lebensbedingungen zur Wehr zu setzen. Wenn man nun die Zeitgeschehnisse zum Zeitpunkt der Entsehung des Gedichts betrachtet, macht das Ganze sogar Sinn, wohl als Aufforderung an das deutsche Volk und die Welt sich gegen das Regime zu wehren.
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lyrik, erst
recht traditionell am schönen orientierte lyrik, jenseits jeweils
aktueller zeitumstände könne es nicht geben
entweder sie bringe zur sprache, was an hässlichem, kaputtem, unsinnig früh gebeugtem, gar auf verbrecherische weltherrschaft gerichtetem die gegenwart dominiere, oder sie habe kein wirkungsfeld als aktuelle dichtungsgattung, jedenfalls nicht in den zeiten des ´anstreichers´
das lyrische ich apostrophiert hier also einen verlust von zuhause-sein im schönen und diesem besonders zugeordneten dichtungsformen es apostrophiert überdies einen verlust einer offenbar persönlich bevoruzugten rolle, nämlich der des lyrikers, der sich nun entweder anderen gattungen zuwenden muss oder aber an einer umdefinition und entsprechenden umbildung dessen arbeiten muss, was lyrische texte zu transportieren vermögen
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| Note: 9 P | ||