zum autor:  günter grass

 

 

aus:  rororo-monographie

 

1927  Geburt am 16. Oktober 1927 im Danziger Vorort Langfuhr. Die Eltern führen eine Kolonialwarenhandlung

1937  Eintritt ins Gymnasium Conradinum

1944-1945  Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienst, Kriegsdienst als Panzerschütze. Nach leichter Verwundung amerikanische Kriegsgefangenschaft

1947  Nach Arbeit bei Bauern an verschiedenen Orten und in einem Kalibergwerk Beginn einer Steinmetzlehre in Düsseldorf

1948-1952  Studium der Bildhauerei und Graph1ik bei Sepp Mages und Otto Pankok an der Kunstakademie Düsseldorf. Reisen in Frankreich und Italien

1953  Übersiedlung nach Berlin. Studium an der Hochschule für Bildende Künste als Schüler Karl Hartungs

1954  Eheschließung mit der Schweizer Ballettstudentin Anna Schwarz.

1955  Teilnahme an einem Lyrikwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks, dritter Preis: Erste Lesung in der Gruppe 47, erste Veröffentlichung in «Akzente»

1956  Übersiedlung nach Paris. Die Vorzüge der Windhühner

1957  Hochwasser in Frankfurt uraufgeführt. Geburt der Zwillinge Franz und Raoul

1958  Im Frühjahr Reise nach Polen. Förderpreis des Kulturkreises im BDI. Nach Lesung aus Die Blechtrommel Preis der Gruppe 47 bei Tagung in Großholzleute/Allgäu. Onkel, Onkel in Köln uraufgeführt

1959  Die Blechtrommel. Verweigerung des von der Jury zuerkannten Bremer Literaturpreises durch den Senat der Stadt

1960  Rückkehr von Paris nach West-Berlin. Gleisdreieck

1961  Katz und Maus .In Berlin Die bösen Köche uraufgeführt. Geburt der Tochter Laura. Begegnung mit Willy Brandt und Beginn des Engagements für die SPD

1963  Hundejahre. Berufung an die Berliner Akademie der Künste

1965  Erste große Wahlkampfreise für die SPD. Georg-Büchner-Preis. Rede Über das Selbstverständliche. Geburt des Sohnes Bruno

1966  Die Plebejer proben den Aufstand in Berlin uraufgeführt. Reisen in die USA, die CSSR und nach Ungarn

1967  Ausgefragt. Wahlkampf in Schleswig-Holstein und Berlin. Über meinen Lehrer Döblin

1968  Fontane-Preis

1969  Davor in Berlin uraufgeführt. Örtlich betäubt. Verschiedene Wahlkampfreisen

1972  Aus demTagebuch einer Schnecke. Teilnahme am Bundestagswahlkampf

1974  Gesammelte Gedichte. Der Bürger und seine Stimme. Geburt der Tochter Helene

1975  Reise nach Indien

1976  Ehrendoktortitel der Harvard University. Mit Heinrich Böll und Carola Stern Gründung der Zeitschrift L'76

1977  Der Butt. Premio Internationale Mondello, Palermo

1978  Denkzettel. Stiftung des Alfred-Döblin-Preises. Premio Letterario Viareggio. Scheidung von Anna Grass

1979  Das Treffen in Telgte. Eheschließung mit der Organistin Ute Grunert. Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff verfilmt

1980  Aufsätze zur Literatur. Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus

1982  Feltrinelli-Preis., Rom

1983  Präsident der Berliner Akademie der Künste

1984  Widerstand lernen

1986  Die Rättin. Aufbruch nach Calcutta. Ende der Tätigkeit als Präsident der Berliner Akademie der Künste

1987  Zehnbändige Werkausgabe. Lesereise mit Günter «Baby» Sommer aus Dresden, Schlagzeug und Perkussion: Lyrik und Prosa seit Die Blechtrommel

1988  Zunge zeigen. Leonhard-Frank-Ring der Stadt Würzburg

1989  Austritt aus der Berliner Akademie der Künste. Rede vor dem Club of Rome

1990  Lesung des Romans Die Blechtrommel im Deutschen Theater, Göttingen. Ehrendoktor der Universität Pozna´n

1991  Tonbandkassetten-Edition der Göttinger Blechtrommel-Lesung. Vier Jahrzehnte, Ein Werkstattbericht. Gegen die verstreichende Zeit, Reden, Aufsätze, Reden 1989-1991

1992  Unkenrufe: Rede vom Verlust; über den Niedergang der politischen Kultur im geeinten Deutschland

1995  Ein weites Feld

1999  Mein Jahrhundert. Nobelpreis für Literatur

 

 

 

 

grass:   selbstaussagen

 

 

»Sehen Sie [. ..], ich komme von der bildenden Kunst her. Für mich gibt es verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten, das Zeichnen, die Bildhauerei. Beim Schreiben sehe ich das Endergebnis nicht voraus. Der Arbeitsprozeß ist für mich ein Abenteuer. Ich versudle, während der Arbeit zu lernen, Klarheit über historische, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu gewinnen. Durch ihr Eigenleben fordern die Figuren ihr Recht, sie verteidigen sich gegen den Autor, sie dulden keine Gewaltanwendung. Sie sperren sich gegen flache Absichten, sie zwingen den Autor zum Dialog mit ihnen.«

(Zu Geno Hartlaub. Sonntagsblatt, Harnburg, 1. 1. 1967. Zitiert nach Loschütz, S. 213)

 

 

»Er habe sich die Wahl seiner Stoffe, sagt Günter Grass, bewußt auf eine enge kleinbürgerliche Welt mit vielgestaltigen Figuren, Aktionen und Handlungen beschränkt. Im Laufe der Arbeit an seinen Romanen habe sich gezeigt, dass weite Bereiche, die man gewöhnlich für unpolitisch hält, in Wirklichkeit von der Politik sehr abhängig sind, so zum Beispiel der ´Mief´ der kleinbürgerlichen Enge mit den falschen Idyllen der Familienfeiern usw ., dem unausrottbaren Sicherheitsbedürfnis, der falschen Vorstellung von Größe, der Gleichsetzung von sozialem Aufstieg und allgemeinem Fortschritt. [ ...] Besonders in- Deutschland haben die Arbeiter den Hang zum Kleinbürgertum mit seinen Verwaschenheiten, seiner Hybris und seinen allgemein bekannten Eigenschaften, die im privaten Bereich liebenswert sein können, aber gefährlich oder grotesk werden, wenn dies Kleinbürgertum die politische Führung ergreift. [. ..] Ich bin auf Oberfläche angewiesen, [. ..] im gehe vom Betastbaren, Fühlbaren, Riechbaren aus."

(Zu Geno Hartlaub. Sonntagsblatt, Harnburg, 1. 1. 1967. Zitiert nad1 Losd1ütz, S. 212 u. 214)

 

 

»Alle drei Ich-Erzähler in allen drei Büchern [ „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“, „Hundejahre“] schreiben aus Schuld heraus: aus verdrängter Schuld, aus ironisierter Schuld, im Fall Matern, aus pathetischem Schuldverlangen, einem Schuldbedürfnis heraus - das ist das erste Gemeinsame. Das zweite Gemeinsame sind Ort und Zeit. Und das dritte Gemeinsame, in den Büchern natürlich unterschiedlich stark, ist die Erweiterung des Wirklichkeitsverständnisses: das Einbeziehen der Phantasie, der Einbildungskraft, des Wechsels zwischen Sichtbarem und Erfindbarem. Dann kommt noch ein Viertes hinzu, das vielleicht am Anfang privat gemeint war, aber auch in der Auswirkung - und im glaube schon, daß Bücher Auswirkung haben - Gewicht haben könnte, was aber sicher nicht literarisch von Gewicht ist : daß im erst einmal für mim versucht habe, ein Stück endgültig verlorene Heimat, aus politischen, geschichtlichen Gründen verlorene Heimat, festzuhalten. Denn es ist etwas anderes, ob jemand drei Bücher über Danzig schreibt, das weg ist, als Danzig weg ist - das heutige Danzig hat einen ganz anderen Bezug, ein ganz anderes Herkommen -, oder ob jemand ein dreibändiges Erzählwerk über Regensburg schreibt, um eine andere historische Stadt zu nennen. Das hat, wie ich auch erst hinterher von vielen Lesern erfahren habe, Lesern, die nicht unmittelbar aus Danzig, die aber aus ähnlichen Gebieten kommen, die verloren sind, mit dazu beigetragen, diese drei Bücher zu Lesestoff zu machen, weil das, was in Danzig-Langfuhr und was mit Danzig-Langfuhr passierte, auch für Breslau und für Vororte von Breslau zutreffen könnte und für Königsberg oder für Stettin. [. ..] Mir ist nur aufgefallen, daß - jetzt immerhin mit zehn Jahren Distanz - in der Bundesrepublik so gut wie überhaupt keine Versuche unternommen worden sind (wobei es eine Fülle von Literatur zu allen drei Büchern gibt), diese drei Bücher >Blechltrommel<, >Katz und Maus< und >Hundejahre< als eine Einheit zu sehen; wohl aber im Ausland. Und ich habe mir eigentlich immer gewünscht, daß man das einmal im Zusammenhang sieht.«

(Zu Heinz Ludwig Arnold, 1970. In: Text + Kritik 111.. S. 10 f. u. 6)

 

 

»Eine Erziehung zum Staat hin halte im für katastrophal. [. ..] Für mich ist die Gesellschaft etwas, was im Fluß ist, was immer neu definiert werden muß, was auch nicht zu einem Endzustand zu bringen ist. Was sicher gleich geblieben ist [. ..], ist diese schreckliche deutsche Unart, an das auch im Ernst zu glauben, was man mit Ernst betreibt: zu glauben, daß sich durch Pädagogik, durch ein richtiges Schulmodell nahezu alles regeln und lösen und damit auch der berühmte paradiesische Endzustand einer Gesellschaft erreichen lasse. Im meine, Voraussetzung für jemanden, der ein guter Lehrer werden will, ist, daß er nicht an die Möglichkeiten der Pädagogik glaubt. Es besteht kein Anlaß, einen Menschen in der Schule für sein ganzes Leben zu prägen. Weder die negativen Komplexe einer hinterwäldlerischen Erziehung noch positive Erscheinungen einer Reformpädagogik können einem Menschen behilflich sein, wenn er den Rest seines Lebens nur noch als das herumläuft, was die Schule aus ihm gemacht hat. [. ..]“

(Zu Hayo Matthiesen, DIE ZEIT, 31.10.1975)