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Definition  

Die Novelle benennt als Gattung der Erzählprosa einen Prosatext kleineren bis mittleren Umfangs. Wesentliche Merkmale sind formale Geschlossenheit, thematische Konzentration und straffe Handlungsführung.

Historische Eingrenzung  

Johann Wolfgang von Goethe nannte die Novelle "eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit". Damit forderte er eine gewisse Wahrheit oder zumindest Wahrscheinlichkeit und zugleich das Überraschende, Erstaunliche, das die Geschichte wert macht, erzählt zu werden. Falls man die Definition Goethes als normativ begreift, grenzt sich die Novelle also durch sowohl realistische als auch außergewöhnliche Inhalte vom Oberbegriff "Erzählung" ab.

Eine engere Eingrenzung nahm Paul Heyse vor. In seiner Einleitung zum Deutschen Novellenschatz (1871) erläuterte er seine "Falkentheorie", nach der die Novelle ein "Dingsymbol" verwenden, "nur einen einzigen Konflikt" schildern und sich auf einen klaren Wendepunkt konzentrieren solle, von dem aus die weitere Entwicklung zwangsläufig erfolgt. Mit der Konzentration auf das Wesentliche geht eine klare Szeneneinteilung einher, die die Novelle strukturell eher dem Dramas ähneln lässt als den ausschweifenden erzählerischen Möglichkeiten des Romans. Der unerwartete und doch folgerichtige Wendepunkt ist dabei vergleichbar mit der Peripethie des Dramas.

Der Prototyp der Novelle  

Als "Vater" der Novelle gilt der italienische Dichter Giovanni Boccaccio. Sein Werk Decamerone (um 1350) ist eine Sammlung von 100 Erzählungen, die durch eine Rahmenhandlung miteinander verknüpft werden: Eine Gruppe von zehn jungen Adeligen flieht vor der Pest auf das Land. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie sich zehn Tage lang zu jeweils festgelegten Themen Geschichten, darunter auch jene neunte Geschichte des fünften Tages, in der es im Vorspann heißt: "Federico degli Alberighi liebt, ohne geliebt zu werden, und verschwendet in ritterlichem Aufwande sein ganzes Vermögen, so daß ihm nur noch ein Falke bleibt; den setzt er, da er sonst nichts hat, seiner Dame, die zu ihm gekommen ist, als Speise vor." Seit Paul Heyse ist dieser "Falke" als so genanntes "Dingsymbol" für innerliche Vorgänge (in diesem Fall: Liebe), Leitmotiv und Manifestation des überraschenden Wendepunkts normbildend für die Novelle geworden.

Die Entwicklung der Novelle  

Nach den - analog zum Decamerone - zyklisch strukturierten Canterbury Tales (Ende 14. Jahrhundert) von Geoffrey Chaucer, den anonymen französischen Cent nouvelles nouvelles (um 1460) und Marguerite des Navarres' Heptameron (1559) setzte der Spanier Miguel de Cervantes mit seinen Novelas ejemplares (Exemplarische Novellen, 1613) durch den Verzicht auf eine Rahmenhandlung einen neuen Akzent. Seine so genannten "Charakternovellen" stehen im Gegensatz zu den "Handlungsnovellen" Boccaccios; die realistischen Gesellschaftsschilderungen hatten starken Einfluss auf die deutsche Novellenliteratur der Romantik und des Realismus.

In Deutschland setzt die Entwicklung der Novelle mit Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) ein, ebenfalls ein Zyklus, dessen Rahmenhandlung zugleich eine ausführliche kunsttheoretische Abhandlung über die Gattung darstellt. Wie im Decamerone ist hier die Erzählperspektive doppelt abgestuft: Neben dem Erzähler des ganzen Werks vermitteln verschiedene Erzähler die einzelnen Geschichten aus ihrer Perspektive. Danach entstanden nur noch vereinzelt Novellenzyklen (als der letzte große gilt Gottfried Kellers Sinngedicht, 1881), denn ab 1800 tritt die Einzelnovelle immer stärker in den Vordergrund.

Goethe selbst (Novelle, 1828) und Heinrich von Kleist (Die Marquise von O..., Der Findling, Das Erdbeben von Chili) sind die großen Meister einer Gattung, in der sich das novellistische Ereignis vor allem als gesellschaftlicher Skandal darstellt. In der Romantik blühte die Form der Erzählung mit Autoren wie Ludwig Tieck, Achim von Arnim, Clemens Brentano, E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff einerseits auf, andererseits verwischten sich mit der Einbeziehung märchenhafter und fantastischer Elemente die Grenzen zur Erzählung immer mehr. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Zeit des Biedermeier und des Realismus, gilt als künstlerischer Höhepunkt der Novelle. Annette von Droste-Hülshoff, Jeremias Gotthelf, Franz Grillparzer, Eduard Mörike, Adalbert Stifter widmeten sich dieser Gattung ebenso wie Gottfried Keller (Novellensammlung: Die Leute von Seldwyla, 1856 und 1874), Theodor Storm und Conrad Ferdinand Meyer.

Die Gattung als Thema  

Mit Gerhart Hauptmanns "novellistischer Studie" Bahnwärter Thiel (1888) beginnt eine Entwicklung, in der die strengen Konstruktionsprinzipien der Novelle immer wieder thematisiert und zunehmend durchbrochen werden. Neben vielen deutschen Autoren wie Thomas und Heinrich Mann, Arthur Schnitzler oder Alfred Döblin bis zu Günter Grass und Martin Walser widmete sich vor allem Stefan Zweig noch einmal explizit der Gattung: Seine Schachnovelle (1941) beschreibt die Konfrontation zweier genialer Schachspieler an Bord eines Passagierdampfers und erfüllt formal alle Merkmale der klassischen Novellentheorie Goethes. Wenn man heute die Novelle von der Erzählung abgrenzen will, gelten vor allem die Konzentration auf einen Geschehensablauf und die Vermeidung von retardierenden (=verzögernden) Momenten als Kriterien.

 

 

NOVELLISTISCHES AN ´KATZ UND MAUS´:

  

 

Die unerhörte Begebenheit:

Ein in unerhörter  Frühreife gefangener Mensch verschwindet am Ende einer Kette scheiternder Kompensationsmühen

 

 

Dingsymbol:

das Ritterkreuz   -    als illusorischer Katalysator auf dem zwangsläufig scheiternden Weg Mahlkes von der Frühreife zum Mann-Sein

 

-  zahllose Ersatzwörter: Bonbon, Apparat, Artikel, Ding, Dingslamdei, Orden, Gegenteil einer Zwiebel, Metall, Magnet, galvanisierter Vierklee, des guten alten Schinkel Ausgeburt, das Ichsprechesnichtaus (dtv19977, S.146)

 

 

Strenges Erzählen auf Wendepunkte hin:

1.        Mahlke erkennt im Ritterkreuz das gesuchte Mittel zu seiner Erlösung

2.       Mahlke erkennt, dass ihm durch das Ritterkreuz keine Erlösung zuteil werden kann

 

 

Doppelt abgestufte Erzählerperspektive:

Ich aber, der ich Deine Maus einer und allen Katzen in den Blick brachte, muß nun schreiben. Selbst wären wir beide erfunden, ich müßte dennoch. Der uns erfand, von berufswegen, zwingt mich, wieder und wie der Deinen Adamsapfel in die Hand zu nehmen, ihn an jeden Ort zuführen, der ihn siegen oder verlieren sah; und so lasse ich am Anfang die Maus über dem Schraubenzieher hüpfen, werfe ein Volk vollgefressene Seemöwen hoch über Mahlkes Scheitel in den sprunghaften Nordost, nenne das Wetter sommerlich und anhaltend schön, vermute, daß es sich bei dem Wrack um ein ehemaliges Boot der Czaika-Klasse handelt, gebe der Ostsee die Farbe dickglasiger Seltersflaschen, lasse nun, da der Ort der Handlung südöstlich der Ansteuerungstonne Neufahrwasser festgelegt ist, Mahlkes Haut, auf der immer noch Wasser in Rinnsalen abläuft, feinkörnig bis graupelig werden;...(dtv19977, S.6)

 

 

Konzentration auf einen Konflikt:

Mahlkes auf den Tabubruch setzenden  Umgang mit dem Ritterkreuz

 

 

Dramatische Struktur:

formale Konzentration, Geschehen im Vordergrund, Strukturierung in Szenen

 

I:               Exposition (Ort, Zeit, Personen, Milieu, Konflikt)

II -VI:          Steigende Handlung mit erregenden Moment in V (Rede 1. Ritterkreuzträger)

VII:            Höhepunkt und Peripetie: Diebstahl des Ritterkreuzes

VIII-XII:       Fallende Handlung (Aussicht auf Vortrag in der Aula, wird verweigert)

XIII:          Katastrophe (Mahlke verschwindet)

 

 

 

Traditionelle Novelle:

idealistische Zielsetzung einer Progression durch Läuterung –geradlinige Entwicklung durch eine Krise zum Besseren in einer letztlich stimmigen Welt

 

Katz und Maus:

Zunehmende Verstrickung, Scheitern, Regression des Helden in einer nicht stimmigen Welt -Handlungsoberfläche, mit der der Erzähler Pilenz zu strukturieren versucht, ist vorläufig, provisorisch