STÜCKREZEPTION:
Joachim Johannsen: Sieben Thesen zu »Kabale und Liebe«
1. Schiller zeigt hoffnungsvolle junge Leute in einer Zeit großer Hoffnungslosigkeit. Der Adel ist unfähig, die Gesellschaft zu regieren und ihr eine Perspektive zu geben. Das Bürgertum entwickelt Selbstbewußtsein, aber es hat noch nicht die Macht in den deutschen Kleinstaaten.
2. Luise Miller und Major von Walter setzen alle Kraft und Hoffnungen in ihre Liebe zu einander. Ihr gemeinsamer Aufschwung bringt ihnen kurzes Glück und läßt sie auf die Grenzen stoßen, die der Verwirklichung des einzelnen im aufgeklärten Absolutismus gesetzt waren. Die Liebenden reagieren verschieden: Ferdinand ist bereit, die Schranken seines Standes zu durchbrechen; Luise als Mädchen und bürgerliches Mädchen kann und will sich diese Selbständigkeit nicht nehmen. Sie widersetzt sich den Fluchtplänen Ferdinands.
3. Der Sekretär Wurm gehört ebenfalls zu den Liebenden in diesem Stück: Sein Mittel zum Glück wird die Kabale, als er feststellt, daß der Major ihn ausstach bei dem Mädel seiner Wahl. Sein Aufstieg Richtung Hof hat ihn heimatlos gemacht; sein Einstieg in die Intrige macht ihn kurz erfolgreich. Zu spät bemerkt er, daß sein Anschlag auf die Luise Millerin sich gegen ihn selbst richtet.
4. Lady Milford will ihre adligen Privilegien nutzen, um ihre Bedürfnisse nach Liebe und Menschlichkeit durchzusetzen. Eine Heirat mit dem Major von Walter soll ihr Leben als Kurtisane beenden. Ferdinand lehnt ab. Die Enttäuschung überwindet die Lady erst in der Begegnung mit dem Bürgermädchen: Luises vermeintlicher großzügiger Verzicht bewegt sie zum Aufbruch aus dem Sumpf von Politik und Korruption. Sie als einzige und einzelne überschreitet Grenzen zu einem Ungewissen aber neuen Leben.
5. Adel und Bürgertum verhindern die Verbindung von Ferdinand und Luise. Gewaltsam reißen sie die Liebenden auseinander: der Präsident, weil ihm die Affäre nicht in die politische Karriere paßt; Vater Miller, weil er Leben und Moral der (Klein-)Bürger abgrenzen will gegen Despotismus und Korruption des Adels.
6. Schiller zeigt neben den äußeren Hindernissen die inneren. In solch barbarischer Zeit haben die Verliebten in sich selber Schwierigkeiten, eine Liebe zu entwickeln, die den Partner auch erkennt. Ferdinands Bekenntnisse gehen oft über Luise hinweg: Luise reklamiert Ferdinand erst fürs Leben im Jenseits. Beide sind so sehr Kinder ihrer Zeit, daß sie die Vernichtung ihrer Liebe und ihres Lebens selber besorgen.
7. Was zu diesem Liebestod führt, können wir nicht abtun als Krankheit der Jugend. Ferdinands Sturm und Drang zielt gegen die Väter, die Verhinderer seines Glücks. Schillers Stück richtet sich gegen die verkommene Gesellschaftsform, die ihren Mitgliedern das Leben (und Sterben!) verbietet. Ferdinands Protest ist nicht in der Lage, konkrete Pläne für eine neue Gesellschaft zu entwerfen. Schillers Stück - wenige Jahre vor der Französischen Revolution - sagt, wie notwendig es ist, Utopien zu entwickeln. Das totale Scheitern menschlicher Ansprüche zeigend, behauptet es deren Richtigkeit und Berechtigung.
Joachim Johannsen: Sieben Thesen zu >Kabale und Liebe<. In :Programmheft zur Düsseldorfer Inszenierung, 1977.
a4s, http://www.kabale-und-liebe.de/wertungen.html,
Gothaische gelehrte
Zeitungen,
Drey und
vierzigstes Stück;
den neun und zwanzigsten May, 1784.
Bey Carl Wilhelm Ettinger.
Man[n]heim.
Kabale und Liebe, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen, von Friedr.
Schiller. In der Schwanischen Buchhandlung, 1784.8. 167 Seiten. (10 gl.). Dieses
ist das dritte Trauerspiel, womit Hr. Schiller, der sich jetzt als
Theaterdichter bey der Mannheimer Schauspielgesellschaft aufhält, die deutsche
Bühne bereichert. Aus seinen zwey ersten Stücken, die Räuber und die Verschwörung
des Fiesko zu Genua, kennt man bereits seine Manier, kennt ihn als Maler
schrecklicher Scenen, und Schöpfer Sheakespearscher Gedanken, und so findet man
ihn auch hier. Zwar möchte vielleicht die Prädilection einiger Leser für
seine vorigen Stücke (es geht mit den Schriften öfters, wie mit der Liebe
gegen Freunde und Mädchen, wo die erste ebenfalls die stärkste zu seyn
pflegt,) dieses jenen etwas nachsetzen. Aber es hat würklich herrliche Scenen,
und die Charaktere sind vortrefflich durchgeführt. Sollte der Präsident und
der Hofmarschall, jener zu abscheulich, und letzterer für ein Trauerspiel zu
komisch scheinen, so erwäge man, daß die Charaktere auf der Schaubühne etwas
übertrieben seyn müssen, und daß man, wie Leßing einmal sagte, auch im
Trauerspiel lachen dürfe. Glücklicher Weise werden durch unsre neuen
Original-Trauerspiele die sogenannten hohen Tragödien, worin die Helden auf
Stelzen gehen, und in Sentenzen sprechen, bald ganz von unsren Bühnen verdrängt
werden. Von einem der berühmtesten davon, (Voltärs Mahomed,) sagte Leßing, es
gleiche einer umgekehrten Tapete.
Die beiden Rezensionen von Karl Philipp Moritz (1757-1793):
Königl.
privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung.
87stes Stück.
Dienstags, den 20. Julius 1784.
Kabale und Liebe, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen, von
Friedrich Schiller. In Wahrheit wieder einmal ein Produkt, was unsern Zeiten -
Schande macht! Mit welcher Stirn kann ein Mensch doch solchen Unsinn schreiben
und drucken lassen, und wie muß es in dessen Kopf und Herz aussehen, der solche
Geburten seines Geistes mit Wohlgefallen betrachten kann! - Doch wir wollen
nicht deklamieren. Wer 167 Seiten vol eckelhafter Wiederholungen gotteslästerlicher
Ausrücke, wo ein Geck um ein dummes affektirtes Mädchen mit der Vorsicht
rechtet, und voll krassen pöbelhaften Witzes, oder unverständlichen
Galimathias, durchlesen kann und mag - der prüfe selbst. So schreiben heißt
Geschmack und gar gesunde Kritik mit Füßen treten; und darinn hat denn der
Verfasser diesmal sich selbst übertroffen. Aus einigen Scenen hätte was werden
können, aber alles was dieser Verfasser angreift, wird unter seinen Händen zu
Schaum und Blase. - Kostet in der Voßischen Buchhandlung allhier 10 Gr.
Königl.
privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung.
107tes Stück.
Sonnabends, den 4. September 1784.
Noch etwas über das Schiller'sche Trauerspiel: Kabale und Liebe.
Da ich höre, daß man hin und wieder mit meinem Urtheil über Kabale und
Liebe unzufrieden ist, so glaube ich dem Publikum die Achtung schuldig zu
seyn, von dem, was ich behauptet habe, den Beweis zu geben, welcher mir denn
freylich eben nicht schwer fallen wird. Der Inhalt des Stücks ist kurz dieser:
ein Präsident will seinen Sohn an die Mätresse seines Fürsten verkuppeln, um
dadurch seinen Einfluß bey Hofe zu erhalten, das ist die Kabale. Der
Sohn des Präsidenten hat sich in eine Geigerstochter vergafft, das ist die Liebe.
Zuletzt vergiftet er sich zugleich mit dieser Geigerstochter, das ist dann die
vollständige Tragödige. Der Präsident ist ein Ungeheuer, von dem die
Menschheit zurück bebt; dem sein eigener Sohn ins Angesicht sagen muß: er müsse
den Vater wie den Kuppler verfluchen - es sey ein leichtfertiges Schelmenstück
von ihm, daß er ihm das Leben gegeben, wenn er ihm seine Ehre rauben wolle - es
sey besser, gar nicht gebohren zu seyn, als den Missethaten eines solchen Vaters
zur Ausrede zu dienen - er entsage dem Erbe, das ihn an einen abscheulichen
Vater erinnere. - Auf diese und ähnliche Reden seines Sohnes antwortet der
Vater: »höre junger Mensch, bringe mich nicht auf!« oder:»in aller
Welt, wo bringst du das Maul her, Junge?« u.s.w - ein gar artiger Dialog
zwischen Vater und Sohn! - Freylich mußte der Sohn so reden, wenn der Vater so
handelt. Aber was sollen dergleichen Ungeheuer, wie z.B. der abscheuliche Franz
Moor in den Räubern, und dieser Präsident auf dem Schauplatz? da man überhaupt
gar nicht erfährt, wie diese Menschen so geworden sind. Wozu nützt es denn,
die Einbildungskraft mit solchen Bildern anzufüllen, wodurch wahrlich weder der
Verstand noch das Herz gebessert wird? Doch gehen wir weiter. Der Geiger ist der
Mahler im Hausvater, aber in der Schiller'schen Manier dargestellt, der ihn
im Zorn seiner Frau vor den Hintern stoßen, und ihn im Affekt, da sie sagt:
»der Herzog verlange ihn vielleicht in's Orchestor«, antworten läßt:»Orchestor!
- ja, wo du Kupplerin den Diskant wirst heulen, und mein blauer Hinterer den
Kontrebaß vorstellen wird - Gott im Himmel!« Es ist ekelhaft, in solchem
Schiller'schen Wust zu wühlen, aber man muß sich nun einmal schon
durcharbeiten. - Die Frau des Geigers ist ein äußerst niederträchtiges, pöbelhaftes
Weib, die ihrem Mann zu Gemüthe führt, »wie manchen schönen Groschen ihr
die Präsenter« des Liebhabers ihrer Tochter schon verschafft! - und der
Geiger ist durchaus ein pöbelhafter ungezogener Kerl, der beym Anblick einer
Summe Goldes, das ihm von dem Liebhaber seiner Tochter angeboten wird, ausruft: »ins
Henkers Namen - um Gottes Christi willen - Gold!« - und als er es empfängt:
»nun will ich Numero fünf Dreykönig rauchen, und wenn ich wieder auf dem
drey Batzen Platze sitze, soll mich der Teufel hohlen«, und zu seiner Frau
sagt er: »du blaues Donnermaul!« und indem er zu ihr von seiner Tochter
spricht: »gieb Du Acht, wenn Du aus jedem Aug' ein Astloch stecktest, und
vor jedem Blutstropfen Schildwache ständest, er wird sie Dir auf der Nase
beschwatzen, dem Mädel eines hinsetzen, und führt sich ab, und das Mädel ist
verschimpfiert auf ihr Lebenlang, bleibt sitzen, oder hats Handwerk verschmeckt,
treibt's fort - Jesus Christus!« So geht's denn alle Augenblick, wenn
unmittelbar vorher vom Hintern und Huren und dergleichen
saubern Sachen die Rede ist: Gott im Himmel! Jesus Christus! Gott erbarme
dich! u.s.w. und denn spricht dieser Mensch auf einmal wieder, als ob er aus
den Romanen, die seine Tochter liest, zuweilen einen ganzen Perioden
aufgeschnappt hätte - so sagt er z.B. zu seiner Tochter, die ihm eine Stelle
aus einem Roman vorgebetet hat: »Theures – herrliches Kind – nimm meinen
alten mürben Kopf – nimm alles - alles - u.s.w.« Doch, ich hätte viel
zu thun, wenn ich alle die Widersprüche und den Unsinn in den Schillerschen
Charakteren herausheben wollte, er schwimmt schon auf der Oberfläche, ich darf
ja nur abschöpfen. - Louise, die Heldin des Stücks, ist die Tochter
dieses saubren Paares, von denen sie freilich eine gar feine Erziehung muß
genossen haben, und die denn ihr Liebhaber durch Lektüre gebildet hat.
Die Reden und das Benehmen dieser Tochter machen denn einen sonderbaren Kontrast
mit den Reden und Betragen ihrer Eltern. Diese Eltern müssen freylich
erstaunen, wenn sie auf einmal sagt:»Der Himmel und Ferdinand reißen an
meiner blutenden Seele!« und bald nachher, »verzeih er mir, mein Vater
- ich will ja nur an ihn denken - dies bischen Leben - dürft' ich es hinhauchen
in ein leises, schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! - dies Blümchen
Jugend - wäre es ein Veilchen, und er trete darauf, und es durfte bescheiden
unter ihm sterben.« Ist das Sprache der Natur? ist es nicht, als ob sie das
alles aus einem Romane herbetete? Und in dem Tone geht es nun so fort, und um
eine solche affektirte Zierpuppe will ihr Liebhaber rasend werden. - »Er
wird nicht wissen«, sagt sie zu ihrem Vater, »daß Ferdinand mein ist,
mir geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden - als ich ihn das
erstemal sah, froher jagten alle Pulse, jede Wallung sprach, jeder Athem
lispelte: er ist's!« u.s.w. Wie rednerisch! Ist das Sprache des Herzens und
der Natur? - Die lerne Herr Schiller erst von elenden zusammengestoppelten
Phrasen und auswendig gelernter Büchersprache unterscheiden, und dann schreibe
er Trauerspiele! - Und gegen dies Mädchen, das sich ihr Liebhaber Ferdinand
selbst so zugestutzt hat, wird derselbe nun für Liebe toll: denn toll muß er
seyn, sonst könnte er nicht zu ihr sagen: »Laß Hindernisse, wie Gebirge
zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen, und darüber hin in
Louisens Arme fliegen.« Welche Raserey! Seit wann fliegt man denn über die
Treppen? und wenn er doch einmal fliegen wollte, so dürfte er ja nur gleich über
die Berge fliegen. - Herr Schiller will freylich auch fliegen, das merkt
man an allem wohl, aber es geht ihm, wie jenem großen Vogel in Lessings
Fabel, welcher laut ausrief: Schaut her, ich will fliegen, ja fliegen will ich!
und dann mit ausgebreiteten Flügeln immer an der Erde hinschoß, die sein Fuß
berührte. - Der Ferdinand ist nun vollens ein unausstehlicher Mensch, der immer
das Maul erschrocken voll nimmt, und doch am Ende nur, wie ein Geck handelt. -
Herr Schiller denkt wohl, es sey erhaben, und stark gesprochen, und erschüttre
Mark und Bein, wenn er seinen Ferdinand zu Louisen sagen läßt: »ich will frey
wie ein Mann wählen, daß diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe
hinaufschwindeln! Der Augenblick, der diese zwo Hände trennt, zerreißt den
Faden zwischen mir und der Schöpfung! - Deine Fußtapfe in wilden sandigten Wüsten
ist mir interessanter, als das Münster in meiner Heimath;« und zum
Hofmarschall: »Wie er da steht dem sechsten Schöpfungstage zum Schimpf, als ob
ihn ein Tübinger Buchhändler dem Allmächtigen nachgedruckt hätte. - Schade für
die Unze Gehirn, die so schlecht in diesem Schädel wuchert - einen Pavian hätte
sie vollends zum Menschen geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft
macht!« - worauf denn der Hofmarschall sagt: »Gott Lob, er wird witzig!« -
und nachher, da Ferdinand Louisen untreu glaubt: ach! du wußtest nicht, dass du
mir alles warst – alles! es ist ein armes verächtliches Wort, aber die
Ewigkeit hat Mühe es zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin.«
Und da er sich vorgenommen hat, sie zu ermorden, »wenn ihr Vater nun da steht,
und sein erstarrter Blick die entvölkerte Unendlichkeit fruchtlos durchwandert
– ich will dich nicht zur Ruhe stellen, Gott, Schöpfer! – aber warum dein
Gift in so schönen Gefäßen, - Alles so schön (an ihr) – bey Gott! Als wäre
die Welt nur entstanden, den Schöpfer für dieses Meisterstück in Laune zu
setzen! und nur in der Seele sollte sich Gott vergriffen haben« und was Louise
darauf für eine Armseligkeit sagt: »des frevelhaften Eigensinns! eh er sich
eine Uebereilung gestände, greift er lieber den Himmel an« - und nachher
Ferdinand wieder: am Tage unsers ersten Kusses u.s.w. hüpften goldene
Jahrtausende, wie Bräute, vor unserer Seele vorbey u.s.w. – Wenn nun Herr
Schiller glaubt, dass dies starke Sprache sey, und Mark und Bein erschüttere,
so irrt er sich gar gewaltig, es ist fader Unsinn, der ein miltleidiges
Achselzucken über dergleichen Ausdrücke verursacht, die bey dem Verfasser
einen Bruch von Vernunft befürchten lassen. – Sobald der Ferdinand anfängt,
vernünftiger zu reden, schmückt sich auch der Verfasser mit fremden Federn,
und schreibt die ganze letzte schaudervolle Scene zwischen dem Othello und der
Desdemona aus dem Shakespere aus, aber freylich auch in der
Schiller’schen Manier: »sie soll daran!« drückt sich z.B. Ferdinand
auf gut henkermäßig aus. Das übrige alles, mit der Lüge, womit sie nicht
aus der Welt fahren soll, und dass er noch für ihre Seele Sorge trägt
u.s.w. ist fast wörtlich aus dem Shakespear, der sich sein ganzes Stück
hindurch so viel Mühe giebt, es wahrscheinlicher zu machen, dass Othello
seine geliebt Desdemona aus Eifersucht ermordet, und diesen Stoff daher auch
reich genug findet, um ein ganzes Stück davon zu schreiben. – Dergleichen ist
aber bei den höheren Talenten des Hrn. Schiller nur Kleinigkeit, der das
alles durch ein paar Scenen zu bewirken weiß: denn erst gegen das Ende des Stücks
fängt sich Ferdinands Eifersucht aus einer höchst unwahrscheinlichen Ursach
an, u. schließt sich gleich mit der Vergiftung, wobey er denn so einfältig
ist, sich selbst mit zu vergiften, da er doch seine theure Louise mit völliger
Ueberzeugung für weiter nichts als eine Metze hält. Bey der Entdeckung ihrer
Unschuld hätt’ er es thun sollen, aber freylich muß Hr. Schiller dergleichen
Sachen wohl besser verstehen, als Shakespear! – Zu Anfang des fünften Akts
erzählt Louise ihrem Vater, dass sie sich um’s Leben bringen, und wie sie’s
machen will - wem das ein Ernst ist, der pflegt eben nicht vorher so viel davon
zu sprechen. – Was muß die Lady Milford von der Louise denken, wenn diese zu
ihr sagt: »warum mahnen sie mich aufs neue an mein Glück? wenn selbst die
Gottheit dem Blick der Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr
oberster Seraph vor seiner Verfinsterung zurück schaure u.s.w., welcher
Galimathias! und nachher: gönnen Sie mir eine Blindheit, die mich allein mit
meinem Loos versöhnt – fühlt sich doch das Insekt in einem Tropfen Wassers
so selig, als wär’ es ein Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm
Weltmeer erzählt, worin Flotten und Wallfische spielen!« - Hr. Schiller muß
wohl ganz eigne Insekten kennen, denen sich so etwas erzählen lässt.- Aber die
Lady Milford selbst spricht in einem viel zu preciösen Tone für eine Mätresse,
und deklamirt viel zu viel von Tugend, sonst wären die Scenen, worin sie
hervorsticht, diejenigen, woraus gewiß etwas hätte werden können, wenn nicht
alles, was Hr. Schiller anrührt, unter seinen Händen zu Schaum und Blase würde.
– Der Hofmarschall eines deutschen Fürsten ist ebenfalls ein Charakter, der
freylich noch zu wenig von unsren dramatischen Dichtern gebraucht, aber hier
viel zu kras gezeichnet ist, indem man nicht den Hofmarschall, sondern bloß den
Verfasser, der sich über ihn lustig macht, zu hören glaubt. – Die Geschichte
der Milford hätte allein Stoff genug zu einem sehr interessanten Drama
hergegeben, aber freylich ist es leichter, viele sonderbare fürchterliche
Geschichten zusammen zu häufen, als eine einzige mühsam zu erarbeiten. –
Eine vortrefliche Moral äußert der Held des Stücks, da er zu Louisen sagt,
indem er mit ihr entfliehen will: »ich werde Geld auf meinen Vater heben! –
es ist erlaubt einen Räuber zu plündern, sind seine Schätze nicht Blutgeld
des Vaterlandes?« So ungefähr denkt auch Carl Moor in den Räubern – und
doch scheinen dies die Lieblingscharaktere des Verfassers zu seyn , die er gewiß
mit Wohlgefallen betrachten muß, sonst würde er sie ja nicht erschaffen haben.
– Ob nun solch Geschöpf aber seinem Kopf und Herzen Ehre machen, das mag ihm
sein eigenes Gewissen sagen! – Ferdinand sagt auch einmal zu seinem Vater, da
ihm dieser seine Louise entreißen will: »Vater, Sie machen ein beißendes
Pasquill auf die Gottheit, die sich so übel auf ihre Leute verstand, und aus
vollkommnen Henkersknechten schlechte Minister macht!« - wie kraß! – Das
Rechten mit der Gottheit, das im Moment des höchsten Schmerzeswirklich etwas fürchterliches
erhabenes und pathetisches hat, wird unsinnig und abgeschmackt, wenn es so oft
wiederholt wird, wie in diesem Stücke, wo es eine elende Zuflucht des
Verfassers ist, der wenigsten durch das Grässliche unser Gefühl betäuben
will, da es ihm an der Kunst, das Herz zu rühren, gänzlich fehlt – so läßt
er nun seinen Held bei jeder verliebten Grille, die er sich in den Kopf setzt,
ausrufen: -- Doch ich bin endlich einmal müde, mehr Unsinn abzuschreiben. Bloß
der Unwille darüber, dass ein Mensch das Publikum durch falschen Schimmer
blendet, ihm Staub in die Augen streuet, und auf solche Weise den Beyfall zu
erschleichen sucht, den sich ein Lessing und andre mit allen ihren Talenten, und
dem eifrigsten Kunstfleiß kaum zu erwerben vermochte, konnte zu dieser
ekelhaften Beschäftigung anspornen. – Nun sey es aber genung; ich wasche
meine Hände von diesem Schillerschen Schmutze, und werde mich wohl hüten, mich
je wieder damit zu befassen.