deutsche literaturgeschichte1767-1785  Sturm und Drang/ ©gabriele weis


Werkmaterialien


:  friedrich schiller /

 ´KABALE UND LIEBE´

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kto  5112346  blz 67250020  gabrieleweis@web.de 


 

designer: Mieczyslaw Gorowski
title: Intryga i milosc / Kabal and Love


 

http://www.landestheater-tuebingen.de/03_04/stuecke/kabale.html :

PROGRAMMHEFT:

Bei seinen Musikstunden verliebt sich Major Ferdinand von Walter in Luise, die Tochter des Geigers Miller. Seine Liebe ist so groß, dass Ferdinand sich über die Standesschranken hinwegsetzen und Luise heiraten will. Doch Ferdinands Vater, Präsident am Hof des Fürsten, hat anderes im Sinn. Er will seinen Sohn an Lady Milford, die Mätresse des Fürsten, verheiraten, um ihn ins Zentrum der Macht zu manövrieren. Ferdinand widersetzt sich und rebelliert damit nicht nur gegen diese Heirat, sondern gegen eine Welt, in der das Streben nach Macht mit der moralischen Integrität bezahlt wird.
Er plant, die Favoritin des Fürsten mit seiner moralischen Geringschätzung ihrer Person zu brüskieren und somit die Heiratspläne zunichte zu machen. Zu seinem Erstaunen trifft er nicht auf die sittenlose Hofintrigantin, mit der er gerechnet hat, sondern auf eine Frau, die ihre Nähe zum Fürsten dazu benutzt, sich für das Volk einzusetzen. Aber Ferdinand hält an seiner Liebe zu Luise fest, bis eine heimtückische Intrige ihn an Luises Treue zweifeln lässt.
Der Titel KABALE UND LIEBE stammt von dem Schauspieler und bedeutenden Theaterleiter Iffland. Schiller selbst hatte sein Stück schlicht LUISE MILLERIN genannt. Er kennzeichnete mit dieser Benennung das, worauf es ihm ankam: weniger die theaterwirksamen Intrigen der höfischen Gesellschaft, als vor allem die tragische Vernichtung des Bürgermädchens Luise, die eine Repräsentantin bürgerlicher Unschuld ist. Schillers Trauerspiel wurde zum ersten großen sozialen deutschen Drama. Es ist eine Anklage gegen die Willkür und Tyrannei eines Absolutismus, der die elementaren Rechte der Menschen völlig missachtet.
UA 13. April 1784, Großmannsche Truppe Frankfurt a. M.

Landestheater Tübingen 2003/04

 

aus:  http://www.borgmistelbach.ac.at/artikel/104.html :

PROGRAMMHEFT:

Ein Skandalstück wie bei der Uraufführung im Jahre 1784 ist Schillers Sturm & Drang-Drama, ein Jugenddrama im doppelten Sinn, schon sehr lange nicht mehr. Auch die Gesellschaftskritik funktioniert heute nicht mehr so einfach. Dennoch birgt „Kabale und Liebe“ immer noch verborgenen Sprengstoff. Anders als andere große Liebestragödien, etwa „Romeo und Julia“, macht dieses Drama nicht traurig, sondern wütend.
Vielleicht liegt es daran, dass Luises und Ferdinands Tod bar jeder Romantik ist, bar jeder Versöhnlichkeit, bar jeden Sinns sogar; die Gesellschaft, die ihn verursacht hat, wird er nicht ändern. Die beiden sind und bleiben nichts als zwei Opfer mehr; dem letzten Eifersuchtsmord im Lokalteil sind sie näher als den großen Liebenden der Mythen.

Vielleicht liegt es aber auch daran: „Kabale und Liebe“ ist nicht nur, wie der Titel behauptet, ein Stück um Liebe und Intrigen, es ist ein Stück über Macht, über den gnadenlosen Kampf um Macht. Der wird auf allen Ebenen ausgetragen: Neben der Macht der politisch Mächtigen steht im Privaten die Macht der Väter und im Intimen die Macht der Männer. Wo immer Macht in Frage gestellt wird oder scheint, wird sie – auch von den anscheinend Machtlosen – wütend verteidigt bis zur Zerstörung und Selbstzerstörung. Unter der überschaubaren Oberfläche – hie Machtstreben und Gewissenlosigkeit, dort Liebe, Anstand und Idealismus – mit ihren heißen Konflikten verbirgt sich in Schillers Tragödie eine vereiste Welt, in der Macht alle Beziehungen definiert.


Nach mehr als 20 Jahren wieder am Volkstheater Wien 2003/04

 

aus:  http://www.mannheim.nationaltheater.de/goto/veranstaltung/3333/7 :

PROGRAMMHEFT:

Pathos – Provokation – Empfindsamkeit. Schlagworte, die „Kabale und Liebe“ umreißen können. Es geht um Liebe und Glaube, um Intrige und Tod. Luise und Ferdinand, im festen Glauben an das Überleben der Liebe, werden getrieben – in den Zwiespalt, die Lüge, den Widerstand und schließlich bis zum Äußersten. Ob als Abrechnung mit dem Absolutismus, als Tragödie einer absoluten Liebe oder als Auseinandersetzung mit der Religion betrachtet: Es bleiben zwei Menschen, die einen schrecklichen Kampf führen. Einen Kampf um ihren Glauben an die Liebe, an ihr Weltgefüge, an Gott und an sich selbst. Die Sakralisierung der Liebe – heute, in einer Zeit der orientierungslosen Sinnsuche, der Heiligsprechung des Profanen, ist Schillers Stück von einer erstaunlichen Brisanz.

Pathos – Provokation – Empfindsamkeit. Schlagworte, die genauso gut die Arbeit Michael Thalheimers beschreiben können. Er ist ein Regisseur, der auf der Suche nach dem, was ihn an einem Stück interessiert, zu einer verblüffenden Verdichtung kommt. Seine Arbeiten zeugen von einer ganz eigenen Poesie, die durch Radikalität, Leichtigkeit und Musikalität geprägt ist. Auf der Suche nach einer Utopie inmitten einer Welt der Ungewissheit, nach einem Glauben inmitten des scheinbaren Glaubensvakuum begegnet Michael Thalheimer Schillers bürgerlichem Trauerspiel.

Thalia Theater Hamburg 2002/03

 

 

aus:  http://www.mannheim.nationaltheater.de/goto/veranstaltung/3330/7 :

PROGRAMMHEFT:

 

„Ein entsetzliches Schicksal hat die Sprache unserer Herzen verwirrt“, sagt Louise ihrem geliebten Ferdinand, als dieses entsetzliche Schicksal sich bereits zu erfüllen beginnt. Nur der Tod bleibt den beiden - obgleich Louise doch noch rechtzeitig die kluge und richtige Analyse der sich abzeichnenden Katastrophe formuliert hat. Aber das hilft weder ihr noch Ferdinand, noch einem der anderen in diese düstere Geschichte verstrickten Menschen. So wie das Sprechen grundsätzlich keinem mehr helfen kann: weder in der Liebe noch in der Kabale. Alle bemühen sich ständig darum, sich dem anderen begreiflich zu machen. Sie reden und reden, und sie beherrschen die Sprache wirklich großartig. Trotzdem - irgendwann reden sie sich alle um Kopf und Kragen: das schwärmende Liebespaar, der hofschlaue Walter, der ehrgeizige Wurm, die leidenschaftliche Milford, auch Louises Vater, der glaubt, seine Tochter überreden zu können. Doch die Sprache versagt - oder sind es die Menschen, die sich ihrer so geübt bedienen und dabei so gekonnt aneinander vorbeireden und -leben?

In der tief empfundenen Sehnsucht nach einer „schönen neuen Welt“ jenseits der als zynisch und gewalttätig erlebten Realität, dem Glauben daran, sie in der Liebe erschaffen zu können, und dem naiven, überschwänglichen und zuletzt verzweifelten Bemühen, sie sich herbeizureden - gemeinsam und aneinander vorbei - beschreibt Schiller eine Wirklichkeitserfahrung, die uns Heutigen verblüffend vertraut ist.

Bayrisches Staatsschauspiel München 2002/03

 


 

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Literatur/eine_ganz_alltaegliche_geschichte.htm :

             SLANGVERSION:

Eine ganz alltägliche Geschichte 

An einer Berliner Oberschule soll kürzlich etwas seltsames vorgefallen sein. Deutschlehrer Klein, ein ruhiger, seriöser Mensch, betritt den Raum. Wie immer. Die 10b sitzt lässig in den Bänken. Auch wie immer. Herr Klein beginnt: "Leute, ich weiß zwar, dass ihr keinen Bock auf Deutsch habt, aber ich will euch heute eine irre Story erzählen, die vor 200 Jahren gelaufen ist.

Spannt eure Lauscher auf. 

Ferdinand von Walther, ein adliger Typ, ist spitz wie`n Rettich auf Luise, eine Sonne von einer Frau aus dem Bürgertum. Luise steht auch auf ihren Queenbody. Zu ihrem Standesunterschied meinen die beiden, das muss man ja nicht so verbissen sehen. Doch ihre Alten sagen: "Mit high life läuft hier nichts." Und sein Vater geht ihm laufend auf die Ketten, dass er `ne andere heiße Braut nehmen soll. Für die ist die Sache schon gebongt, denn sie fährt total auf Ferdinand ab. Doch er meint:  "Die Platte brauchst du gar nicht erst aufzulegen."

Inzwischen sind die Schüler leicht beunruhigt. Ich denk mir wächst `ne Feder", flüstert Marion, "wie spricht denn Herr Klein heute?" "Das halt ich ja im Kopf nicht aus, hat er sich vielleicht `n Knorpel angefeuchtet?" denkt Olaf.

Herr Klein kommt zum Ende des Dramas. "Ferdinand flippt vor Eifersucht total aus, weil so ein Dreher ihm `ne verschärfte Lüge aufgetischt hat. Mit einer Giftpulle schleicht Ferdinand zu seiner Luise, lüpft eiskalt einen und dreht auch Luise einen an: "Hau rein, Süße!"

Doch die Sache geht voll nach hinten los. Sterbend gesteht Luise:" Oh, Mann, was dir der Typ geflüstert hat, kannste vergessen!" Doch zu spät. Der Junge klappt ab. Als sein alter Herr um Verzeihung anhaut, meint Ferdinand erst: "Geh mir vom Acker!" Doch dann haucht er: "Normale Sache" und reicht seinem Vater die Flosse.

Es klingelt. Wie aus einem Alptraum erwacht die 10b. Bedächtig wie immer räumt Herr Klein ordentlich seine Aktentasche ein und verabschiedet sich mit folgenden Worten: "Das war Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, ganz mit euren Worten wiedergegeben.

 


 

aus:  http://www.cdrnet.net/kb/data/DE_Schiller.asp  :

 

Christoph Rüegg /  Historischer und autobiographischer Hintergrund

Parallele zum Fürstentum Württemberg

Das Fürstentum Württemberg wurde während der Regierungszeit des Herzogs Karl Eugen (1745-1793) zum typischen Beispiel absolutistischer Machtausübung und eines damit verbundenen Repräsentationsstils. Der Hofstaat des Herzogs umfasste etwa 2000 Personen. Ging der Herzog auf Reisen, begleiteten ihn 700 Personen und 600 Pferde. Große Festveranstaltungen der Aristokratie verschlangen bis zu 400 000 Gulden.

Bei der Geldbeschaffung war Karl Eugen nicht skrupulös. Seit dem Siebenjährigen Krieg war es in Deutschland nicht ungewöhnlich, junge Männer als „freiwillige“ Soldaten an ausländische Herrscher zu verleihen oder zu verkaufen. In der Kammerdiener-Szene des Buches thematisiert Schiller diese menschenverachtende Politik der Geldbeschaffung. Im Jahr 1776 versuchte auch der Herzog von Württemberg 3000 Soldaten an England zu „liefern“, damit sie im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die aufständischen Kolonien eingesetzt werden können. Aus dem Handel wurde allerdings nichts, weil Württemberg mittlerweile schon so verarmt war, dass es nicht im Stande war, die 3000 Mann angemessen auszurüsten.

Auch das Mätressenwesen, das in „Kabale und Liebe“ dargestellt wird, konnte man am württembergischen Hof eingehend studieren. Herzog Karl Eugens „Favoritin“ war zunächst die Venezianierin Katharina Bonafini, die 1771 dem Herzog einen Knaben gebar und daraufhin an einen Rittmeister von Poeltzig verheiratet wurde. Seit etwa 1780 war Franziska von Leutrum, Reichsgräfin von Hohenheim, die Mätresse des Herzogs, der nebenbei auch verheiratet war. Man sagt Franziska von Leutrum einen günstigen Einfluss auf Karl Eugen nach. Sie soll das Vorbild für die Gestaltung der Lady Milford gewesen sein.

… in Friedrich Schillers Kontext

Der 1759 in Marbach (Württemberg) geborene Friedrich Schiller verspürte schon als Jugendlicher die Folgen absolutistischer Herrschaft und schrankenloser fürstlicher Machtpolitik. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste er 1773 die Ludwigsburger Lateinschule verlassen und auf der herzoglichen Militärakademie zunächst Jura, dann Medizin studieren. 1780 schloss er das Studium ab und wurde Regimentsarzt. Seine heftige Abneigung gegen die Willkür des gesellschaftlichen Establishments zeigte sich schon in Schillers erstem Drama „Die Räuber“. Die Hauptfigur Karl Moor ist dort nicht nur mit seinem Vater zerstritten, sondern generell von der ihn umgebenden Gesellschaft angewidert.

Als Schiller 1782 heimlich nach Mannheim reiste, um bei der Aufführung der „Räuber“ dabei sein zu können, beantwortete der Herzog diese unerlaubte Reise mit generellem Schreibverbot, worauf Schiller über Mannheim nach Thüringen floh. Er versuchte nun als freier Schriftsteller zu leben, schrieb zunächst sein zweites, nicht sonderlich erfolgreiches Stück „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ (UA 1783) und kurze Zeit später „Kabale und Liebe“ (1784, ursprünglicher Titel: „Luise Millerin“).

 

...+++  http://www.cdrnet.net/default.asp Rüegg  - anderes:

Deutsch
:. Epochenübersicht
:. Bertold Brecht - Das Leben des Galilei
:. Heinrich von Kleist - Die Marquise von O...
:. Johann Wolfgang Goethe - Faust
:. Ephraim Lessing - Emilia Galotti
:. Friedrich Schiller - Kabale und Liebe
:. E.T.A. Hoffmann - Der Sandmann
:. Gerhart Hauptmann - Vor Sonnenaufgang
:. Franz Kafka - Die Verwandlung
:. Robert Schneider - Schlafes Bruder

 


 

aus:  http://www.fortunecity.de/lindenpark/goethe/1/kabale.htm :

Benedikt Wahler /FRIEDRICH SCHILLER
Kabale und Liebe
 Eine Literarische Charakteristik
 
 

Schon früh macht Schiller Erfahrungen mit den Zwängen, die in einem Staat absolutis- tischer Prägung herrschen. Er wächst im kleinen süddeutschen Herzogtum Württemberg auf, in dem Herzog Karl-Eugen eine absolutistische Herrschaft par excellence ausübt.
Schon mit vierzehn Jahren wird Friedrich Schiller auf dessen Befehl aus der Obhut seiner Eltern entzogen und muß fortan die Karlsschule besuchen, auf der der Her-zog sich fleis sige und willfährige Beamten zur Verwaltung seines Staates heran-ziehen will. An persön liche Freiheit und Individualität ist an dieser Bildungsan-stalt nicht zu denken. Hier ist für einen sich auflehnenden Geist, wie den jungen Schiller kein Platz, und schon in seinem ersten Werk, „Die Räuber“, bringt er seine Kritik an den Zwängen zum Ausdruck. 
Dort ist Schiller auch in der Nähe des herzoglichen Hofes und erlebt so den dort herrschenden Prunk und die Verschwendungssucht der höfischen Gesellschaft, die in krassem Gegen satz zur einfachen Lebensweise des Volkes steht. Diese Eindrücke bilden einen maßgeblichen Hintergrund, für die Kritik Schillers am Leben bei Hofe, wie sie sich in „Kabale und Liebe“ darstellt.
 

In dem Drama „Kabale und Liebe“, erzählt Friedrich Schiller von der Liebe der Musi-ker tochter Luise Miller und des Adeligen Ferdinand von Walter, die durch äußere Umstände und Intrigen zerstört wird.

Luise, die einzige Tochter des Musikus Miller, verliebt sich in Ferdinand von Walter, den Sohn des Präsidenten. Dieser kann jedoch eine ernsthafte Beziehung seines Sohnes zu einer Bürgerlichen nicht dulden und hat darüber hinaus die Absicht, ihn mit Lady Milford, der Mätresse des Fürsten zu verheiraten, um seinen eigenen Einfluß bei Hofe zu vergrössern.
Als er merkt, daß Ferdinand nicht bereit ist, seine Geliebte fallen zu lassen, spinnt der Prä sident, gemeinsam mit seinem Sekretär Wurm eine Intrige um deren Ver-bindung zu lösen.
Luise wird, unter Strafandrohung für ihren Vater, gezwungen, einen Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb zu verfassen. Der Brief wird dem jungen von Walter unterge-schoben, der außer sich gerät und die Echtheit der Liebe Luises zu bezweifeln be-ginnt.

Er stellt sie zur Rede, doch Luise kann ihm, um ihren Vater nicht zu gefährden, nicht verraten, unter welchen Umständen der Brief entstanden ist. An der vermeintlichen Untreue von Luise verzweifelnd, sinnt er auf Rache für den Betrug und beschließt Luise und sich selbst durch Gift zu töten. Im Todeskampf verrät sie Ferdinand schließlich die Intrige seines Vaters, die ihnen beiden das Leben kostet.
 

Wie schon zuvor in „Die Räuber“, so bringt Friedrich Schiller auch in „Kabale und Liebe“ eines der Hauptthemen der Epoche des Sturm und Drang, die Kritik an der höfischen Gesellschaft im Absolutismus, zur Sprache. Anhand der verschiedenen Protagonisten bei Hofe, stellt er die Verfehlungen des Adels dar.
 

Lady Milford hat zwar als Geliebte des Fürsten einen festen und einflußreichen Platz bei Hofe inne, steht jedoch noch relativ wenig im Dunstkreis der Fehler des Adels im Absolutismus. Sie hat sich ein Gefühl für Gerechtigkeit und Verantwor-tung bewahrt. Schon seit ihrer Ankunft am Hof des Fürsten, machte sie ihren Einfluß auf den Herr-scher geltend um die Not im Lande etwas zu lindern, „dem Tyrannen die Zügel“ abzu-nehmen (S. 36/24).
Sie berichtet Ferdinand, sie „habe Kerker gesprengt - habe Todesurteile zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt“ (S. 36/31ff). Als sie in der Kammerdienerszene (S. 29ff) vom schrecklichen Soldatenhandel erfährt, den der Fürst unternimmt, um seine teure Hofhaltung und damit auch ihren Unterhalt zu finan-zieren, ist sie über ihre Blindheit erschrocken. Sie entschließt sich, den Angehörigen derer, die wegen ihr und ihresgleichen in die Ferne ziehen müssen, durch die Heraus-gabe ihrer Reichtümer zu helfen.
Und nun kann sie es, als „guter Geist bei Hofe“ nicht mehr länger am Ort dieser Unter- drückung aushalten, noch dazu als „Tochter des freiesten Volkes unter dem Himmel“ (S. 33/40f). Ein aufrichtiger Mensch muß also inmitten der katastrophalen Verhältnisse am Hofe eines absolutistischen Herrschers scheitern! Die regierende Oberschicht in der damaligen Zeit ist also für Schiller durchweg moralisch durchgefallen.

Wichtiger jedoch noch für die Kritik an den oberen Zehntausend des Absolutismus, ist die Figur der Lady Milford aber in Hinsicht auf das, an den Fürstenhöfen weitverbrei-tete Mätressenwesen. In Manier orientalischer Sultane hielten sich die Herrscher von „Gottes Gnaden“ ganze Harems. Wenn wundert´s da, wenn die Haushaltskassen der Herrscherhäuser Europas einem Faß ohne Boden glichen? Das Volk wurde ausge-preßt, damit der „Landesvater“ seine Mätressen mit kostspieligen Geschenken, ja eigenen Palästen verwöhnen konnte. Mancherorts hatten die Gespielinnen des Fürsten sogar größeren Einfluß auf ihn, als seine klügsten Berater. Sie „tändelten mit dem furchtbaren Zepter und das Volk blutete unter ihren Launen“ (S. 36/20f), das heißt, ein wenig überspitzt, paßte einer der Frauen des Fürsten die Nase eines Untertanen nicht, so konnte das zu dessen Ver hängnis werden. Am deutlichsten wird dies wohl am Beispiel der Madame Pompadour, die die Politik Ludwigs XV. maßgeblich be-stimmte. 
Und für jeden, wie Schiller, nach Freiheit strebenden Menschen mußte es eine Unge-heuerlichkeit sein, daß sein Schicksal nicht nur von den Launen eines Gott als einzige Legitimation vorweisenden Fürsten, sondern überdies von denen seiner Huren ab-hängt. Der sowieso schon vorhandenen Willkürherrschaft der „Stellvertreter Gottes“, war also noch eine weitere, unberechenbare Komponente zur Seite gestellt.
 

Wenngleich auch Ferdinand relativ unbescholten ist, im Hinblick auf persönliche Schuld für die Zustände im Lande, so ist doch auch seine Figur für die Kritik an einem Mißstand in den Zeiten absolutistischer Herrschaft wichtig. Denn auch wenn man als Leser weiß, daß Ferdinand ernsthafte Absichten Luise gegenüber hegt, so steht er doch für das, was er in den Augen des Musikus Miller und des Präsidenten zunächst ist: ein Adeliger, der sich zum Zeitvertreib eine bürgerliche Geliebte halten will. 
Wie aus den Aussagen Millers in der 1. Szene des 1. Aktes und denen des Präsiden-ten zu Beginn der 5. Szene des 1. Aktes hervorgeht, scheint es zu Schillers Zeit eine weitverbreitete Beschäftigung für die Adeligen gewesen zu sein, sich ein Mädchen aus dem Volk zur Geliebten zu nehmen. Auch Ferdinands Vater mag zuerst „nimmer-mehr“ an ein „ernsthaftes Attachement“ (S. 16/10f) glauben, er sieht es als ein Austo-ben seines Sohnes an, und meint er spiegle Luise, „der Närrin solide Absichten“ nur vor (S. 16/30f). Als ein „zärtlicher Vater“ (S. 18/10), ist er gerne bereit, seinen Sohn zu unterstützen, daß dieser „Geschmack“ (S. 16/30) findet und lernt, wie er handeln muß, damit „ihn die Damen nicht hassen werden“ (S. 16/27f). Von Walter Senior hofft, daß ein „gesunder Enkel“ (S. 16/35) aus dieser „Farce“ (S. 16/34) hervorgehe, der die Manneskraft seines Sohnes unter Beweis stellen würde und wäre bereit, „die Skorta-tionsstrafe für seine Dirne“ (S. 17/1f) zu bezahlen. 
Eine mit dem bürgerlichen Ehrgefühl, dem Leitfaden der Aufklärung und des Sturm und Drang, nicht zu vereinbarende Angelegenheit, wie ein uneheliches Kind, wäre also für den moralisch verkommenen Adel eine Nebensächlichkeit. Schiller prangert diese Zustände zusammen mit den „Hülsen des Standes“ (S. 13/25) an, die selbst in einem Fall von wahrer Liebe, wie er in „Kabale und Liebe“ vorliegt, eine Heirat unmöglich machen.
Schon von Anfang an erkennt Miller, seine „Tochter ist zu schlecht zu Dero Herrn
Sohnes Frau“ (S. 7/40). Der Adel duldet keine Bürgerlichen in seinen Kreisen, es sei denn als „Dero Herrn Sohnes Hure“ (S. 8/1). Das hat freilich nichts mit der Gleichheit aller Menschen von Natur aus zu tun und ist somit ein Angriffspunkt für Schillers Kritik.

Schiller gebraucht Ferdinand überdies als eine weitere Instanz zur Legitimation seiner Vorwürfe gegen das festgefahrene Gesellschaftssystem. Denn wenn sogar ein Major von adeliger Herkunft harsche Kritik an den absolutistischen Zuständen formuliert, müssen die Argumente als noch berechtigter erscheinen. Er stellt es selbst in Frage, „ob mein Adelsbrief älter ist, als der Riß zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gültiger, als die Handschrift des Himmels in Luises Augen“ (S. 15/9ff).
Er bezichtigt seines Vaters des „Landeswucher“ (S. 17/14) und distanziert sich von dessen „Frevel“ und Missetat“ (S. 21/27ff). Das „um den Thron herum“ Gekrieche (S. 22/8) ist ihm zuwider und mit den Einsichten in die Taten der „Hoheit eines Herrschers (S. 22/25) ist er sich bewußt, daß diese nur „Tränen, Flüche und Verzweiflung“ (S. 22/ 25f) über die Untertanen bringen. Die ganze Verachtung ge-gen die herrschende Obrigkeit faßt er zusammen und schleudert sie seinem Vater entgegen. Denn im Ab-solutismus wurden „aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister“ (S. 47/ 24f) gemacht. Wie könnte man besser die Kritik an der Unterdrückung und Ausbeu-tung des Volkes durch den Adel zum Ausdruck bringen?
 

Bei der Figur des Hofmarschalls von Kalb setzt Schiller auf andere Mittel, um die höfische Gesellschaft zu diskreditieren. Mit seinem gekünstelten Gehabe, der Affek-tation und seinem unnatürlichen Pomp stellt er geradezu eine Karikatur der Hofschran-zen im Dunstkreis des Fürsten dar. 
Allein schon die Vorstellung des Bildes, das er abgibt , mit seinem „reichen, aber
geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert à la Hérisson“, dem „großem Gekreische“ und dem „Bisam-geruch“ (alles S. 19/13ff), den er verbreitet! Da werden diese ganzen Figuren lächer-lich gemacht, die immer darauf aus sind, im Gefolge des Fürsten eine gute Figur zu machen, um in dessen Gunst höher zu steigen. Das größte vorzustellende Unglück für diese, ja, Witzfigur ist es, wenn „der Gassenkot über und über an die Beinkleider spritzt“ (S. 19/35f), wo er doch noch vor „Seiner Durchleucht das Wetter verkündigen“ (S. 19/ 24) muß! Sein größtes Glück scheint zu sein, „zwanzig Minuten und eine halbe“ (S. 20/11f) mit dem Fürsten palavern zu dürfen.
Wie Lady Milford es sagt, die allseits sich ereifernden Hofdiener, die Knappen des Barock, sie sind nichts weiter als „Sklaven eines einzigen Marionettendrahtes“ (S. 26/ 30f), dessen Puppenspieler der Fürst ist. Zu diesem Personenkreis ist auch der Sek-retär Wurm zu zählen, der allzeit dienstbeflissen mit seinem Herren intrigiert.

Des Weiteren zeigt Schiller mit dem Hofmarschall von Kalb, als Organisator dieser Dinge, die Mißstände der Verprassung der Steuergelder auf. So litten die meisten absolutistischen Fürstenhöfen an notorischem Geldmangel. Das lag nicht etwa daran, daß die Bevölkerung nicht genug erwirtschaftet hätte, sondern, daran, daß man Geld für kostspielige Vergnügungen aller Art für die Gäste des Herrschers verschwendete. Angestellte, wie der Hofmarschall, waren den ganzen Tag damit beschäftigt „dringen-de Geschäfte“, wie „Küchenzettel - Visitenbillets“ - die Arrangements für eine „Schlit-tenfahrt“ (alles S. 19/ 20ff) zu erledigen.
Während das Volk also hart arbeitete, um seine „von Gott eingesetzten Führer“ zu ernähren und selbst hungerte, waren diese darauf bedacht, sich ablenken zu lassen, mit dem „Saft von zwei Indien“, Jagden, Springbrunnen und Feuerwerken, in denen „das Mark seiner Untertanen“ verpuffte (alles S. 27/18ff). Eine Herrschaft, die das eigene Volk ausnimmt wie eine Weihnachtsgans, hat nichts mit irgendwelchen Prinzi-pien des Sturm und Drang gemein sam; die Verschwendungssucht macht die Ausbeu-tung des Volkes zum himmelschreienden Frevel und wird deshalb von Schiller in „Ka-bale und Liebe“ aufs Schärfste angeprangert.
 

Der Fürst selbst tritt zwar in Schillers Drama nie persönlich auf, aber er scheint doch in manchen Szenen im Hintergrund präsent. Seine Taten geben Anlaß zur Kritik von mehreren Personen aus. Insbesondere in der Kammerdienerszene (2. Szene, 2. Akt) tritt die Willkürherrschaft und Unmenschlichkeit absolutistischer Herrscher deutlich zu Tage.
Ein alter Kammerdiener offenbart Lady Milford (und den Lesern, bzw. Zuschauern), wer für die teure Hofhaltung aufkommen muß: „Gestern sind siebentausend Landes-kinder nach Amerika fort - Die zahlen alles.“ (S. 29/24f). Als das ihnen das Geld aus-geht und aus dem Volk einfach nicht mehr herauszupressen ist, verkaufen zahlreiche deutsche Fürsten ihre Untertanen an England, das gegen die nach Freiheit strebenden amerikanischen Kolonien kämpft. Eine willkommene Gelegenheit, um sich wieder Geld für weitere Jahre der Verschwendung bei Hofe zu verschaf-fen. 
Und wenn die Untertanen nicht gehen wollten, in die Neue Welt, dann griff man hart durch. Ihr „gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmar-schieren und die Maulaffen niederschießen“, die hilflosen Angehörigen müssen zuse-hen, wie „die Büchsen knallen“ und das „Gehirn auf das Pflaster“ spritzt (alles S.30/1ff). Mit dem Verständnis eines aufgeklärten Absolutismus, eines Fürsten als ersten Die-ner des Staates, hat so etwas nicht im Geringsten zu tun. Und gerade für einen frei-heitsliebenden Menschen, wie Friedrich Schiller müssen diese Handlungsweisen deu-tscher Fürsten ein Greuel gewesen sein; als „teutscher Jüngling“ (S. 25/28) an eine fremde Macht verkauft zu werden - eine Schande!
 

Die Person, die in „Kabale und Liebe“ stellvertretend für den damaligen Adel im Zen-trum der Anklage steht, ist Ferdinands Vater, der Präsident von Walter. Das Gesamt-urteil über ihn muß vernichtend ausfallen, er ist das genaue Gegenbild zum Leitmotiv des bürgerlichen Ehrgefühls.

Auch er versucht, wie schon viele Adelsgeschlechter vor ihm, durch geschickte Hei-ratspolitik seine Machtstellung bei Hofe zu vergrößern. Hier finden wir es nun jedoch nicht nur bei Königshäusern vor, sondern auch schon in kleineren Kreisen. „Damit nun der Fürst im Netz“ seiner „Familie bleibe, soll“ sein „Ferdinand die Milford heuraten“(S. 18/ 4ff). 
Denn er weiß genau, „wie sehr sich“ sein „Ansehen auf den Einfluß der Lady stützt“ (S. 17/38f). Ein Präsident in der Rolle des Kupplers! Für ihn zählen also nicht die Gefühle seines Sohnes, sondern einzig und allein der eigene Vorteil.

Die vom Präsidenten betriebene Heiratspolitik weist auch schon auf seine Skrupel-losigkeit und moralische Verkommenheit hin, bei der ihm alle Mittel recht sind, ja, er sogar buchstäblich über Leichen geht (nämlich die von Ferdinand und Luise), nur um einen Machtgewinn zu erreichen. Ein Fortkommenwollen um jeden Preis. Es zeigt sich schon in ganz banalen Äus serungen von ihm. 
Seine Definition von rechter Qualifikation für das Amt des Präsidenten: wenn man „Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen“, so kann man „Präsident werden“ (S.16/ 32f). Er selbst gelangte schon durch eine Intrige, anscheinend sogar einen Mord in seine Position; er spricht von der „Hinwegräumung“ seines Vorgängers im Amt. Und als ihm die Gefühle seines Sohnes seine Pläne zu durchkreuzen drohen, intrigiert er sogar gegen diesen. Er zerstört absichtlich das Glück von Luise und Ferdinand, um seine eigenen Ziele durchzusetzen. Er spannt geschickt den Hofmarschall für seinen Plan ein, um selbst seine Hände in Unschuld zu waschen.
Er läßt Luises Vater verhaften, um sie zu zwingen, den falschen Liebesbrief zu schrei-ben. Hier zeigt sich auch noch einmal die Willkür, mit der die Mächtigen verfahren kon-nten. All dies zeigt, mit welchen Mitteln der Präsident arbeitet und Schiller konnte sich gewiß sein, daß das Volk verstehen würde, was er mit der Darstel lung der verdorbe-nen Welt des Adels zur Sprache bringen wollte.
 

Friedrich Schiller zeichnet also mit seinem Drama „Kabale und Liebe“ nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, die an den widrigen Umständen einer absolutistischen Gesellschaft scheitert, scheitern muss, sondern prangert vor allem immer wieder nach-drücklich die Verkommenheit der höfischen Gesellschaft an. 
Er bleibt dabei immer im Rahmen des Denkbaren und mußte um so authentischer für das damalige Publikum wirken, als in der Tat eine Reihe der Mißstände in vielen der kleinen Territorialstaaten, mit ihren absolutistischen Fürsten an der Spitze, so oder so ähnlich bestanden.
Jedoch scheint ihm und auch allen anderen Schriftstellern, die sich gegen den Absolu-tismus und seine Auswüchse wandten, relativ wenig Erfolg mit ihrer politischen Bot-schaft beschieden gewesen zu sein, da sich in Folge dieser Werke und nicht einmal unter dem Eindruck der Französischen Revolution in Deutschland das Volk erhob, um die Tyrannei abzuschütteln.
Soviel sie also literarisch für die deutsche Geistes- und Kulturgeschichte bedeuten, die erhofften politischen Veränderungen brachten sie leider nicht.


 

Joachim Johannsen: Sieben Thesen zu »Kabale und Liebe«

1. Schiller zeigt hoffnungsvolle junge Leute in einer Zeit großer Hoffnungslosigkeit. Der Adel ist unfähig, die Gesellschaft zu regieren und ihr eine Perspektive zu geben. Das Bürgertum entwickelt Selbstbewußtsein, aber es hat noch nicht die Macht in den deutschen Kleinstaaten.

2. Luise Miller und Major von Walter setzen alle Kraft und Hoffnungen in ihre Liebe zu einander. Ihr gemeinsamer Aufschwung bringt ihnen kurzes Glück und läßt sie auf die Grenzen stoßen, die der Verwirklichung des einzelnen im aufgeklärten Absolutismus gesetzt waren. Die Liebenden reagieren verschieden: Ferdinand ist bereit, die Schranken seines Standes zu durchbrechen; Luise als Mädchen und bürgerliches Mädchen kann und will sich diese Selbständigkeit nicht nehmen. Sie widersetzt sich den Fluchtplänen Ferdinands.

3. Der Sekretär Wurm gehört ebenfalls zu den Liebenden in diesem Stück: Sein Mittel zum Glück wird die Kabale, als er feststellt, daß der Major ihn ausstach bei dem Mädel seiner Wahl. Sein Aufstieg Richtung Hof hat ihn heimatlos gemacht; sein Einstieg in die Intrige macht ihn kurz erfolgreich. Zu spät bemerkt er, daß sein Anschlag auf die Luise Millerin sich gegen ihn selbst richtet.

4. Lady Milford will ihre adligen Privilegien nutzen, um ihre Bedürfnisse nach Liebe und Menschlichkeit durchzusetzen. Eine Heirat mit dem Major von Walter soll ihr Leben als Kurtisane beenden. Ferdinand lehnt ab. Die Enttäuschung überwindet die Lady erst in der Begegnung mit dem Bürgermädchen: Luises vermeintlicher großzügiger Verzicht bewegt sie zum Aufbruch aus dem Sumpf von Politik und Korruption. Sie als einzige und einzelne überschreitet Grenzen zu einem Ungewissen aber neuen Leben.

5. Adel und Bürgertum verhindern die Verbindung von Ferdinand und Luise. Gewaltsam reißen sie die Liebenden auseinander: der Präsident, weil ihm die Affäre nicht in die politische Karriere paßt; Vater Miller, weil er Leben und Moral der (Klein-)Bürger abgrenzen will gegen Despotismus und Korruption des Adels.

6. Schiller zeigt neben den äußeren Hindernissen die inneren. In solch barbarischer Zeit haben die Verliebten in sich selber Schwierigkeiten, eine Liebe zu entwickeln, die den Partner auch erkennt. Ferdinands Bekenntnisse gehen oft über Luise hinweg: Luise reklamiert Ferdinand erst fürs Leben im Jenseits. Beide sind so sehr Kinder ihrer Zeit, daß sie die Vernichtung ihrer Liebe und ihres Lebens selber besorgen.

7. Was zu diesem Liebestod führt, können wir nicht abtun als Krankheit der Jugend. Ferdinands Sturm und Drang zielt gegen die Väter, die Verhinderer seines Glücks. Schillers Stück richtet sich gegen die verkommene Gesellschaftsform, die ihren Mitgliedern das Leben (und Sterben!) verbietet. Ferdinands Protest ist nicht in der Lage, konkrete Pläne für eine neue Gesellschaft zu entwerfen. Schillers Stück - wenige Jahre vor der Französischen Revolution - sagt, wie notwendig es ist, Utopien zu entwickeln. Das totale Scheitern menschlicher Ansprüche zeigend, behauptet es deren Richtigkeit und Berechtigung.

Joachim Johannsen: Sieben Thesen zu >Kabale und Liebe<. In :Programmheft zur Düsseldorfer Inszenierung, 1977.

 


 

 

Ian McEwan: Abbitte.






  


Kabale und Liebe in England

 

Ian McEwan legt mit "Abbitte" sein absolutes Meisterwerk vor.

Vergessen wir alles, was wir bisher von Ian McEwan gelesen haben - die "Schwarzen Hunde", "Liebeswahn" oder "Amsterdam". Alles gute Romane, zurecht gelobt für ihre fesselnde Erzählweise, für den schwarzen Humor, für die psychischen Grenzsituationen, in denen sich die Figuren permanent bewegen, und nicht zuletzt für die stets garantierten Überraschungen mit Schockwirkung.

Doch nun hat der 54-jährige in Oxford lebende Ian McEwan sein absolutes Meisterwerk vorgelegt, das wie eine Summe aus allen vorangegangenen Romanen daherkommt. Noch nie zuvor hat der Booker-Preisträger des Jahres 1998 ein so weites Themenareal beackert und seine Figuren über einen derart langen Zeitraum unter die sezierende Lupe genommen - trotz des riesigen Umfangs ein einziges Lesevergnügen, wie ein Sprinter hechelt man atemlos von Seite zu Seite dem Ziel entgegen.

Jane Austen und Virginia Woolf werden häufig als McEwans Paten für diesen Roman zitiert. Das ist ziemlich offenkundig, aber bei einem solchen Meisterwerk darf man ungeniert noch höher greifen und Dostojewskijs "Schuld und Sühne" und Schillers "Kabale und Liebe" anführen.

Eine unstandesgemäße Beziehung wie in Schillers "bürgerlichem Trauerspiel" spielt nämlich auch bei McEwan eine zentrale Rolle. Cecilia Tallis, Tochter aus wohlhabendem Haus, hat sich in Robbie Turner verliebt, den Sohn einer Putzfrau. Nicht etwa Cecilias Eltern hadern mit dieser Beziehung, sondern ihre 13-jährige Schwester Briony - ein aufgewecktes Mädchen, vom Wunsch beseelt, Schriftstellerin zu werden und mit einer entsprechenden Fantasie ausgestattet. Dem kleinen Luder fallen Liebesbriefe des Paares in die Hände, und sie heftet sich wie eine Detektivin an ihre Schwester.

Fast die Hälfte des kapitalen Umfangs hat Ian McEwan ("mich interessiert das menschliche Innenleben, das nicht von oberflächlicher Logik angetrieben ist") der Schilderung eines einzigen heißen Sommertags im Jahr 1935 gewidmet. Die flirrende Hitze auf dem Anwesen in Surrey (40 km südlich von London gelegen) lässt nichts Gutes ahnen. Es entlädt sich nicht etwa ein kräftiges Sommergewitter, sondern eine üble Denunziation zerstört das großbürgerliche Idyll. Eine Cousine der Tallis-Schwestern wird vergewaltigt, und Briony behauptet, Robbie - den Freund ihrer Schwester - als Übeltäter erkannt zu haben.

"Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, dass die Welt genau so und nicht anders zu sein hat." Ins Weltbild der englischen Zwischenkriegsgesellschaft passt auch Robbies Vita, denn nur ein "social underdog" scheint zu einer solch scheußlichen Tat fähig. Robbie wandert ins Zuchthaus, Cecilia glaubt an dessen Unschuld und sagt sich von ihrer Familie los - die kleine Briony hat Schicksal gespielt, eine folgenschwere Kabale inszeniert, ohne dass sie sich zunächst der Tragweite bewusst wird.

Aus der Sicht von Robbie (inzwischen Mitglied der Armee) wird der zweite Teil des Romans erzählt, in dessen Mittelpunkt die Schlachten des Zweiten Weltkriegs stehen, der Rückzug der britischen Truppen nach Dünkirchen, wo einst McEwans Vater kämpfte. So anatomisch detailliert wie der Autor eingangs Cecilias Entjungferung beschrieben hat, so schockierend präzise geht er auch mit entsetzlich verstümmelten Soldatenkörpern, abgeschossenen Gliedmaßen und zerfetzten Köpfen um.

Briony will unterdessen Schuld abtragen und arbeitet als Krankenschwester. Ist es eine unterschwellige Form der Sühne, als ihr bei der Behandlung eines Kriegsverletzten plötzlich dessen Hirnmasse entgegen tritt? Mit Fortschreiten der Handlung entwickelt sich ein ambivalentes Verhältnis zur Protagonistin. Briony kämpft schwer mit ihrer Schuld, von der sie niemand befreien kann. Die Irreversibilität der schwerwiegenden infantilen Verfehlung schwebt wie ein Damoklesschwert über Brionys Leben.

Zuletzt erleben wir sie als erfolgreiche, betagte Schriftstellerin von fast achtzig Jahren, die bald (wie McEwans Mutter) von einer Altersdemenz heimgesucht wird. "Es gibt niemanden, kein Wesen, an das sie appellieren könnte, mit dem sie sich versöhnen, das ihr verzeihen könnte."

So konnte sie nur schreibend versuchen, die Schuld zu bekämpfen, Abbitte zu leisten (englisch: atonement), oder - um McEwans implizites Wortspiel aufzunehmen - eins zu werden ("at one ment"), mit sich selbst ins Reine zu kommen. Nur große Literatur vermag es, den Leser durch ein Wechselbad der Gefühle zu schicken, in Wellenbewegungen die Figuren zu verachten und zu lieben. Ian McEwan hat dies mit großer psychologischer Raffinesse geschafft.

Porträt Ian McEwan

 


Peter Mohr

 
Ian McEwan: Abbitte. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 2002, 534 Seiten, 24,90 €