Albers Paris Gütersloh  /  gespräch im wasser

(1887-1973)

 

 

Der eine stand auf der Brücke, welche zwei Stadtteile miteinander verbindet. Er hatte kein Geld, keine Arbeit, keine Geliebte und kaum einen Anzug. Nur Hose und Hemd. Die Schuhe waren vor einem Jahrzehnt elegant gewesen und nun um so erbärmlicher. Er wollte sterben. Um nicht von einem lästigen Anhänger des Lebens aufgehalten zu werden, mußte man den Sprung übers Geländer und in den Tod ausführen, als ob man noch bei Kräften wäre und die Mädchen einem zusähen. Aus Turnerzeiten erinnerte er den Sprung über die Barre und wie man in der tiefen Kniebeuge auf der Matratze des Jenseits landet.

Der andere lustwandelte am Ufer des gelben Stromes, den die Lieder der Betrunkenen blau nennen. Er hatte zwei Anzüge, ein bißchen Arbeit, zwar keine Geliebte, aber eine Frau und gerade so viel Geld, als genügt, die Schale des Lebens etwas steigen zu lassen. Er hatte - nicht der üppigen Nahrung, sondern der Zustimmung wegen zum Dasein - ein Bäuchlein und freute sich der kümmerlichen Dinge eines Uferdammes und jener, die man von diesem aus sieht. Niedergedrückte Dotterblumen geschliffene Gräser. Denn überall schon ist ein Freibadender gelegen oder liegt eben einer neben leergewordenem Platze. Hie und da eine Person weiblichen Geschlechtes, die, ob jung oder ältlich, doch ewig anders geartete Formen durchs Trikot offenbart. Ferne Häuser, in denen man lieber wohnte. Ab und zu eine Zille, welche die träge Richtung des Stromes quert. Und ums Gebetläuten herum den weißen Dampfer, der mit Schaufelrädern, stolz auf seine Nichtleistung und geweitet von dreihundert winkenden Ausflüglern, wie eine Schüssel voll Vergißmeinnicht herangleitet.

Plötzlich gab es den Plumps einer mächtigen Flasche, die entkorkt wird. Äußerste Strahlen eines überschießenden Elementes tauften von hoch her des Spaziergängers rechte Schulter – etliche Tropfen auf der Wange empfand er sogleich wie Blut, das gegen seinen Willen, vor seinem Angesicht, verspritzt wird -, unterste Rundung der Weste und linken Schuh, auf welchem der irdische Staub entsetzt gerann. Eine Sekunde später erblickte er etwa zehn Meter weiter draußen im Strom die Ursache solcher Belästigung: Den Kopf des Selbstmörders, der dort, nach physikalischen Gesetzen oder weil er noch einmal zögerte zu sterben, auftaurote. Er schnitt allen schönen Dingen eine abscheuliche Grimasse. Den niedergedrückten Dotterblumen, den abgeschliffenen Gräsern, den Urformen, ältlichen und jungen, des weiblichen Geschlechts, den fernen Häusern, der schwarzgelb gestreiften Zille, die ein vergangenes Jahrhundert über den Strom setzt, und dem modernen Dampfer, der trotzdem wie eine weiße Schüssel voll Vergißmeinnicht herangleitet.

Unser Spaziergänger war empört. Er hätte diesem, dem eben die Zunge herausstreckenden Kopf am liebsten eine Ohrfeige geknallt, wenn nur das ideale Müssen den konkreten Arm verlängert hätte. So aber blieb dem tief Beleidigten nichts übrig, als zur Strafe den feixenden Buben zu retten und sein wasserhustendes Ressentimentgesicht in den Ufersand der schönen Dinge zu drücken, daß er  fühlte, wie wohl oder wie angenehm weh nach dem schon halb gefundenen Nichts das harte Etwas tut.

Man weiß, was Lebensretter abwerfen, und so erübrigt sich die Beschreibung. Merkwürdig ist nur, daß sie alle die Hose anbehalten, selbst dann, wenn noch Zeit genug gewesen wäre, sie auszuziehen. Wahrscheinlich wollen sie mit wenigstens einem, für die Straße bestimmten Kleidungsstücke, ihre Rückkehr aufs Trockene sich selbst verbürgen.

Wütend schwamm er auf den Selbstmörder zu, der, als er den Anwalt des Lebens anschäumen sah, rasch drei begeisterte Schlucke von dem gelben Wasser nahm, wie ein Fliehender drei mächtige Sprünge tut, seinen Verfolgern hinter einer langgezogenen Hecke zu entkommen.

Unser Spaziergänger wußte die Brücke voller Leute. Er sah's am Wasser unter seiner Nase, an den Schatten, welche die Schatten

des Geländers löschten und, Buckel über Buckel, überwölbten. Er hörte es am Gemurmel einer großen Arena, welche dem zufällig öffentlichen Schauspiel des Stierkampfes zwischen Tod und Leben zufällig beiwohnt. Das setzte seinen natürlichen

Kräften noch jene des Komödianten zu. Feurig im gegenteiligen Elemente, spielte er, was er ohnehin war: ein Held. Nicht sein  Wissen um die Rettung Ertrinkender, sondern sein Ehrgeiz, über einen wesentlichen Nichtschwimmer und über die Torheit alles Sterbens (solange es noch pfirsichförmige und – farbene Fleischteile gibt und aufrecht stehende Dotterblumen und unabgeschliffene Gräser und einen goldenen Schluck Abendsonne im Becher des Tages) zu triumphieren, lehrte ihn, den gefährlichen Feind am Nacken zu fassen wie ein Reptil. Das bissige Gesicht aus den Fluten zu heben, unter welchen es bereits gelegen hatte, wie unter trübem Glas. Prasselndes Klatschen der sportlich befriedigten Zuschauer schlug rund um ihn ein.

In diesem erhabenen Augenblicke ließen sich drei verdächtige Gestalten harmlos bei den Kleidungsstücken des Spaziergängers

nieder. Bald lag der eine auf dem Bauche, als bliese er ein Feuer an, lagen die beiden andern auf ihren verschiedenen Seiten, ihre

verdrückte Länge zu trocknen. Sie hielten Kinn oder Wange nachdenklich in die eine Hand gestützt und die andere in die entsprechenden Taschen des fremden Eigentums versenkt. Man konnte nicht grüblerischer und zugleichgedankenloser aussehen. Die Uhrkette an der Weste des beleibten Mannes schien immer kürzer zu werden und die Brieftasche aus der Innenseite des Rockes zu steigen, ohne nach oben zuzunehmen.

Wenige Sekunden später hörte der Lebensmüde, trotz des Wassers in den Ohren, seinen Retter um Hilfe schrein. Er schnellte auf und entlang wie ein geangelter Fisch, der schon still gelegen hatte. Aber wie dieser vergeblich. So konnte der Ruf nichts mit schwindenden Kräften zu tun haben. Verzweifelt über ein interessantes Rätsel, welches so kurz vor dem Tode das nicht mehr interessante Leben ihm setzte, schlug er die von der Schmutzflut brennenden Augen zum staubgrauen Bauche der Brücke auf, unter welchem sie eben hintrieben. Und das war ein Glück für alle fünf. Für den einen, der nur Unglück gehabt hatte und sterben wollte, für den andern, der hier, den begeisterten Menschen unsichtbar, anders sich entscheiden konnte, und für die drei Gentlemen, welche gerade das nicht am Leibe trugen, woneben sie saßen. Denn unhörbar für droben und draußen wegen des grottenhaften Rauschens verhallte des Rätsels Lösung. »Diebe! Gauner! Meine Uhr! Mein Geld!"

»Laß mich los, Idiot!" sprudelte aus seinem nassen Grabe ein Kenner der Ufersitten. Er brauchte nicht zu sehen. Er wußte alles. Es war sozusagen ein Schulfall.

»Ich denk nicht dran", schnaubte der Menschenfreund. Und strebte übermächtig aus der Strömung nach dem Ufer. Beladen mit einem unnötigen lieben Nächsten und mit der Sorge ums so nötige liebe Geld.

»So bitte ich dich, Bruder, laß mich sterben", wimmerte die verfluchte Last, die das Wimmern beim Betteln gelernt hatte.

»Ich kann nicht!" stöhnte der Starke, wie jemand, der in einer verdammt entscheidenden Auseinandersetzung plötzlich ein weiches Herz bekommt und viel drum gäbe, wirklich schwach werden zu dürfen.

»Noch erwischst du sie, du Esel", log oder prophezeite das nach oben gekehrte Antlitz.

»Es ist die goldene Uhr, die im versetze, wenn's auf den Zins fehlt!" so teilte sich der Retter dem Geretteten mit, nicht ohne die Absicht, ihn noch härter zu stimmen. »Es ist der Lohn des ganzen Monats." Er horchte nach hinten, indes er vorwärts strebte. »Und, o Gott, noch eine große Summe, die im heute einkassierte fürs Geschäft."

»So wirst du morgen oben stehen und dich herabstürzen", weissagte das nachgeschleifte Orakel.

»Aber ich kann dich doch nicht wegen des Geldes untergehen lassen?" schrie der gequälte Held.

»Ja, weswegen denn?" brüllte, nicht wie im Wasser, sondern wie am Spieß der Verzweifelte. Und. mit den Füßen schlug er den Schaum seiner Wut. Denn die Stärke dieses Beweggrundes hatte er ja in seinem Leben so tief empfunden, daß ihm endlich nichts sonst zu suchen übriggeblieben war als der Tod. Und nun kam dieser Fremde und wollte ihm die einzige Erfahrung, die ihn zu einem

ins Nichts bohrenden Denker gemacht hatte, rauben.

Diese Worte waren für unsern armen Helden - oder heldenhaften Armen -, der es gewagt hatte, sich zum Anwalt eines Lebens zu machen, das zum Dank dafür ihn nun selber im Stich läßt, so überzeugend, und sie waren so beruhigend für seine Seele, die nur auf das Signal wartet, wieder zum Kleinmut zurückkehren zu dürfen, daß er so leise, wie man gestohlenes Gut in fremde Taschen und zu Boden gleiten läßt in einem Gedränge, welches die Polizisten bereits teilen, von dem Nebenmenschen sich entfernte. Der eine Sekunde lang wie ein Brett dalag, weil er den Atem anhielt und in der nächsten Sekunde senkrecht verschwand wie ein Kindskopf, der im Strombett für ewig Verstecken spielt.

Der Retter hatte noch unter den Ohren der Zuschauer um Hilfe gerufen, und so war klar, daß nur die physischen Kräfte ihn verlassen haben. Als er triefend die Böschung hinanstolperte und in die erhobenen Hände derer, die ihm Beifall geklatscht und nun einen ehrenvoll Besiegten stumm weitergaben, wußte er zum ersten Mal in seinem Leben deutlich, wer er sei. Ein Mann nämlich, der froh sein muß, daß er lebt, und dort lebt, wo das Schicksal ihn angesiedelt. Nicht also in den fernen Häusern, wo man gerne leben möchte! Und daß dieses gewaltige Leben Verteidiger ablehnt, die nur aus seiner Gnade überhaupt leben und zwei Anzüge ihr eigen nennen, am Ersten ein Gehalt einstreichen, keine Geliebte haben, nur eine Frau, kurz: solche, die zu einem Kriegszuge gegen die grausamen Urteile, die es fällt, durchaus nicht gerüstet sind.

Seine Brieftasche und seine Uhr wiederzufinden, hoffte er nicht, obwohl er den Unglücklichen hatte sterben lassen, auf daß er sie fände. Als die Verwirklichungen seines Traumes musterte oder erkannte er, ohne sonderliche Lustgefühle allerdings, die kettenlose Weste und den abgeschwollenen Rock. Und gab dem Polizisten/der ihm gerne glaubte, zu Protokoll, was fehlte.

Da legte ihm, unter dem Lächeln der Menge, ein Mädchen, welches über sein Bäuchlein hinwegsehen konnte, einen Mantel um. Es war nicht mehr jung. Es war am Einschrumpfen. Seine Schlankheit ging eben zur Dürre ein, das heißt, sie balancierte gerade auf dem Punkte, von wo aus sie noch zurückschwellen könnte, wenn es bald Regen gäbe. In schon tiefen Augenhöhlen saßen die smarten, tiberklugen Augen eines allzulang jungfräulich gebliebenen Wesens.

Sie gingen, natürlich des geliehenen Mantels wegen und zuerst begleitet von den Bewunderern der vergeblichen Heldentat, dann aber allein, bis zu dem gewöhnlichen, gar nicht fernen Hause, in welchem er wohnte. Obwohl sie ihn, seiner nassen Kleidung wegen, bat, hinaufzugehen, standen sie doch eine Stunde lang und in der Abendluft vor dem Tore. Sie besaß Ersparnisse und bot sie ihm an. Er sagte nicht »Nein«. Und wird sie morgen holen. Jetzt hatte er also eine Geliebte.

Und auf dem nun schon grüneren Flusse fuhren noch immer etliche Zillen langsam hin und her und stachen mit langen Stangen nach jenem, der in die Fundamente des Glücks der beiden hinabgesunken war. Der letzte Ausflugsdampfer kam breithüftig sitzend auf der Strömung und umschwirrt von den Stahlfliegen der Mandolinen daher und furchte groß die nassen Schollen eines frischen Grabes. Der alte, von den Narben aller Liebe besetzte Mond tauchte auf.

Rund wie er, und so vollkommen in seiner erdennahen Kleinheit und genauso unschuldig in seiner kleinen Verkommenheit, schlief der Retter neben seiner dicken Frau, die ihn beschimpft hatte, weil er so blöde gewesen war, dem Falotten nach ins Wasser zu springen. Ihre Lippen waren noch immer verächtlich gekräuselt. Die seinen blühten, zeigten die Staubgefäße der Zähne.