1.6.a-MITTELMEERRAUM um 375 n.chr.
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1.6.b4-fiktiver reisebrief-aus konstantinopel
1.6.b3 fiktiver reisebrief:
´REISENDER ÄGYPTER KAINOFER´AUS ANTIOCHIA NACH ALEXANDRIA
Die beiden Endvierziger sind in den 30er und 40er Jahren des 4. nachchristlichen Jahrhunderts in Alexandria als unmittelbare Nachbarskinder aufgewachsen - in der Grenzzone zwischen dem prächtigsten Quartier der Stadt, Bruchium, und dem sich östlich anschließenden Judenviertel.Seit den Zeiten ihrer Gründung im Jahre 331 v.Chr. durch Alexander den Großen beherbergt Alexandria eines der buntesten Völkergemische der spätantiken Welt in ihren Mauern - Griechen vor allem, Ägypter und Juden, Händler von allen Enden der Erde, und Römer selbstredend.
Beider Familien sind in Teilen schon seit Generationen Christen. - Die christliche Gemeinde Alexandrias beruft sich auf eine mittlerweile mehr als 200jährige Existenz: sie soll im ersten nachchristlichen Jahrhundert durch den Evangelisten Markus gegründet worden sein. Und: Dank seiner wissenschaftlichen Bedeutung aus hellenistischer Zeit ist Alexandria von allem Anfang an einer der Hauptsitze des Christentums.
Der Weg der urchristlichen Gemeindekirchen zu einer Großkirche: der katholischen=allumfassenden Weltkirche - hier wird er entscheidend mitentwickelt.
Denn hier sitzt einer der 4 großen Kirchenprovinzleiter, zu der die neue Großkirche es mittlerweile gebracht hat - ´ Patriarch´ sein Titel. Die 3 übrigen residieren jeweils in Jerusalem, Antiochia und Rom.
Und das Ringen der jungen Großkirche um Glaubensfragen - hier in Alaxandria hat es einen seiner Haupt-Austragungsorte. - Denn hier hatte der antiochianische Presbyter (Priester) Arius vor rund einem halben Jahrhundert entscheidend zum Ausbruch des ersten großen Lehrstreites innerhalb der sich immer fester durchorganisierenden christlichen Großkirche beigetragen. Es ging darum, wie göttlich oder wie menschlch Jesus denn nun gewesen sei. ´Arianischen Streit´ hatte man die erbittert geführte Auseinandersetzung nach ihrem Urheber genannt.
Das Konzil von Nicäa 325 n.Chr. hatte die Lehre von der ´Wesensgleichheit Jesu mit dem Vater´ gegen die Arianer für verbindlich erklärt. Arius war verbannt worden.
Der Streit schwelte gleichwohl namentlich in Ägypten und Syrien weiter. Die ägyptischen Arianer waren sogar so weit gegangen, einen Gegenpatriarchen zu wählen! (=Wurzel des späteren, auf Ägypten beschränkten koptischen Christentums)
Kainofer und sein Jugendfreund Antonius sind sich in den Fragen dieses Streites keineswegs einig. Gleichwohl lieben sie es sich darüber wieder und wieder die Köpfe heiß zu reden.
Antonius hält es mit der Masse seiner ägyptischen Landsleute - er ist Arianer oder Monophysit: Jesus könne nur ein Mittelwesen (= ein mono-physisches Wesen) zwischen Mensch und Gott gewesen sein. Als Wesen mit gleichzeitig zwei völlig verschiedenen Naturen (= ein di-physisches Wesen) - Gott und Mensch könne er nicht gedacht werden. Jesus könne demzufolge nur vom Vatergott verschieden gewesen sein. Er sei damit weder göttlich noch ewig.
Kainofer dagegen mißt den von Konstantinopel immer wieder geförderten diphysitischen Auffassungen eine größere Anziehungskraft bei: in Jesus sei ein geheimnisvolles Zusammenspiel zweier Naturen am Werke gewesen.
Für beide Freunde ist Kainofers Aufenthalt im syrischen Antiochia - der zweiten großen Patriarchats-Stadt ihrer spätantiken Mittelmeerwelt - also nicht zuletzt von religiosngeschichtlichem bzw. religionspolitischem Interesse.
Antiochia, den 18.4.375
Mein lieber streitbarer Freund,
wie rein und überschaubar sie mir gerade in diesen Tagen meiner Reise wieder einmal vorkommen - all die Jahrtausende der ehrwürdig in sich ruhenden ägyptischen Geschichte und Kultur!
Regelhaft wie die jährliche Flußschwemme regierten unsere Pharaonen und Priester mal gemeinsam, mal gegeneinander das Land. Die religiösen Vorstellungen unseres Volkes machten dabei so manchen faszinierenden Wandel durch.
Religion und Politik waren in jenen Tagen jedoch auf eine ungleich gemächlichere, überschaubarere und unschuldigere Weise als mittlerweile miteinander verknüpft: Denn Verfolgungen religiöser Minderheiten um ihres Glaubens willen gab es nicht!
Wo solche Minderheiten unter unseren Vorfahren lebten, waren sie allenfalls Sklaven, phönikische Händler oder Angehörige dieses oder jenes Kolonialvolkes. Ihr von unseren ägyptischen Vorstellungen abweichender Glaube beeinträchtigte uns in keiner Weise.
Und innere Kämpfe um Glaubensfragen hat es in Ägypten nur ein einziges Mal zu den Zeiten des großen, aber unglücklich agierenden Echnaton im 14. vorchristlichen Jahrhundert gegeben - ein kurzes religionsgeschichtliches Gewitter gleichsam, nicht mehr. Zudem eine rein innerägyptische Angelegenheit. Kein außenpolitischer Konflikt hatte damals in di e inneren Auseinandersetzungen mit hineingespielt.
Was mein Bruder Keti uns Christen immer wieder vorhält, ist ja nun wirklich so gänzlich nicht von der Hand zu weisen: Erst seit das Christentum sich auszubreiten begonnen hat und in ganz Eurasien eine wachsende Zahl von Anhängern um sich schart, ist Religion zu einer auf neue Weise sprudelnden Quelle inner- wie zwischenstaatlicher Streitigkeiten geworden!
So haben noch zu Beginn unseres Jahrhunderts die Römer - zum letzten Mal freilich - vergeblich versucht, mit härtester staatlicher Verfolgung auf die unbeugsame Weigerung der Christen zu reagieren, sich zumindest formal am römischen Staatskult zu beteiligen.
Schließlich bildete die Verehrung des Kaisers als eines göttergleichen Wesens bis zum Anfang unseres Jahrhunderts einen der Brennpunkte des politischen Lebens im gesamten Mittelmerreraum! Für jeden Christen ein Unding!
Die neue, seit der Zeitenwende aus dem Judentum herausgewachsene Eingott-Religion hat ja in der Tat den traditionellen römischen Ahnen- und Götterkult mit seinen zahllosen privaten und öffentlichen Alltags- und Staats-Ritualen besonders im Zusammenhang des Kaiserkultes allzu grundlegend infrage gestellt.
Auch wir beide sind oft genug darüber gestolpert, in welchem Maße alle staatstragenden Kräfte und Einrichtungen des gleichfalls seit der Zeitenwende kaiserlichen Römerreichs ihr Ansehen und ihre Macht an nicht unbedeutender Stelle eben auf den Vollzug dieser Rituale gründeten.
Immer hat uns die Art nur wenig eingeleuchtet, in der der römische Staat von seinen Anfängen an auf Religion gebaut war.
Die Griechen kannten dergleichen nicht, geschweige denn wir Ägypter. Nicht einmal ein Wort hatte auch der Hellenismus für das, was die Römer mit ´religio´ bezeichnen: eine streng formale Rückbindung allen menschlichen, namentlich allen staatlichen Handelns an das Göttliche nämlich.
Denn Übereinstimmung galt es römischem Denken zufolge allenthalben herzustellen zwischen dem Willen der Menschen und jenem der Götter.
Der Wille der Götter sei es, der alles Geschehen zu Zeitphasen ordne und Ablaufgesetze erzeuge. Gesetzliches, streng zeremonialisiertes Verhalten auf Seiten der Menschen sei deshalb geboten, wenn man dem Willen der Götter gemäß handeln, sie gnädig stimmen, ja, sie den Menschen verpflichten wolle. Alle Außerordentlichkeiten in der Natur waren in diesem Zusammenhang als Winke der Götter zu behandeln, die die Macht und das Recht hatten, die Frömmigkeit der Menschen einzufordern, damit geschehe, was nach ihrem Willen geschehen solle.
Fromm war folglich, wer vorherzusehen trachtete, was die Götter als naturgesetzlichen Zeitenlauf bestimmt hatten; und: wer sein Verhalten danach ausrichtete, also den günstigsten Zeitpunkt für sein Handeln abzuwarten und zu ergreifen wußte.
Fromm war nicht minder, vor allem aber klug, wer es nicht versäumte, den Gesetzlichkeiten erzeugenden Götterwillen durch die strenge Einhaltung ritualgesetzlicher Normen, also jeweils vorgeschriebener Zeremonien, gleichsam vertraglich an das eigene Wollen und Streben zu binden.
Auch wir Alexandriner sind ja seit Jahrhunderten ausgiebigst bekannt mit dem ausgefeilten Zeremonienwesen, das die Römer zur Unterstützung nicht zuletzt der Handlungen sämtlicher öffentlicher Amtsträger ersonnen haben und bis heute praktizieren.
Von der einstmals vielleicht durchaus strahlkräftigen politischen Frömmigkeit der Römer ist jedoch im Laufe der Jahrhunderte wohl so manches verloren gegangen.
Unter uns, den zum Christentum übergetretenen Bürgern und Untertanen des 4. nachchristlichen Jahrhunderts lebt die Überzeugung, daß die Römer ihre religiösen Traditionen zunehmend ausgehöhlt haben, als sie sie im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einem nichts als prunkhaft inszenierten Instrument bloßer Staatsklugkeit verkommen ließen.
Heilig in seinem ursprünglichen Sinne war ihnen der Wille ihrer Götter wie ihrer vergöttlichten Kaiser schon lange nicht mehr. Aber als unverzichtbar für die Aufrechterhaltung ihres gesamten gesellschaftlichen und staatlichen Lebens galten ihnen ihre kultischen Traditionen. Deren Theatralik war und ist vielfach noch immer das Salz ihres Gemeinschaftslebens.
Und selbst wenn die Römer ihre Politik auch heute noch in der alten, frommen Weise ihrer Väter betreiben würden:
Für uns Christen wäre das Römischen Imperium auch dann ein auf falsche religiöse Grundlagen gestellter Staat.
Als solcher interessiert er uns entweder nicht, und wir trachten, uns ihm möglichst zu entziehen.
- Das war vor allem in den letzten Jahrhunderten der Fall.
Denn für die meisten unserer christlichen Vorfahren war noch alles darauf angekommen, ein brüderlich-geistbewegtes Leben in der drängenden Erwartung des nahenden Weltendes zu führen. Jedes auf die Weiterentwicklung tragfähiger weltlicher Ordnungen gerichtete kulturelle Bemühen war in ihren Augen unzeitgemäß:
Denn in Jesus, dem Sohn des einen und einzigen Gottes, ist den Menschen - unserer neuen christlichen Überzeugung zufolge - ein wunderbarer und unverbrüchlicher Beweis der fortwährenden Liebe ihres Schöpfers erschienen.
Das verloren geglaubte Paradies - so die Frohbotschaft/das Evangelium Jesu - sei offen! Der Tod nicht das perspektivlose Gegenstück zu einem mühseligen Leben, sondern das Tor zur Auferstehung in die den Menschen von jeher zugedachte paradiesische Existenz - wenn der einzelne auf Gott und sein Paradies hin lebe!
Zwar hätten die Menschen einst ihre paradiesisches Dasein voll hochmütigen Erkenntnisstrebens verspielt (=Sündenfall: der Griff nach dem Apfel vom ´Baum der Erkenntnis´ durch Eva im Paradies). Damit hätten sie sich selbt und ihr Leben beschädigt (=Erbsünde).
Aber der Schöpfer habe ihr Leben von Ewigkeit zu Ewigkeit als heil gedacht und geschaffen. Heilung alles Geschädigten bleibe sein ewiges Anliegen. Er halte die Geschichte der so vielfältig gottvergessenen Menschheit nach wie vor als Heilsgeschichte in seinen liebevollen Händen (Heilsgeschichte=Eschatologie).
Deshalb habe er ´seinen geliebten Sohn´ in ein ganz und gar fleischliches Leben und Sterben gestellt, wie es seinen in falschen Sichtweisen befangegen Geschöpfen seit dem Verlust des Paradieses allein sicht- und erlebbar sei.
Die Art des in seine Auferstehung zu verklärter Existenz mündenden Lebens und Sterbens Jesu sollte verdeutlichen, daß das Leben und Sterben eines jeden sich in Auferstehung statt Tod wandele - wenn es Gott zu seinem Angelpunkt habe bzw. mache. Gott werde hier vollenden, was der Mensch in seiner Schwäche trotz besten Bemühens verfehle.
Die je persönliche Auferstehung allen Gott zugewandten Lebens sei Teil des gewaltigen Erneuerungswerkes, das Gott in ´seinem gelieben Sohn´ seinen Geschöpfen angekündigt habe. Auf dessen Erwartung sollten sie ihr Leben stellen. Es werde schon bald - in ´einer kleinen Weile´ einen ´Jüngsten Tag´ geben, an dem auch für die jetzt noch ´gehaltenen´ Augen und Herzen der Menschen das ewige Reich Gottes wie in einem Anbruch sichtbar werde.
So die Botschaft, mit der ´der Sohn´ seine Jünger zurückgelassen abe, ´um zum Vater heimzugehen´.
Die ´kleine Weile´, von der der verklärte Jesus in diesem Zusammenhang nach seiner Auferstehung seinen Jüngern gesprochen hatte, hatten die frühen Christen - mit denen Du ja in vieler Hinsicht noch stärker sympathisierst als ich - im Sinne menschlicher Zeitvorstellungen durchaus wörtlich genommen.
Wenn aber das Ende der Welt wirklich so nahe war wie erhofft, dann konnte die Sorge um geeignete politische Ordnungen nicht das sein, worauf es im Leben eines Gläubigen anzukommen hatte.
Kein Wunder also, daß sich die Römer daran störten, in welchem Maße die bald schon sichtlich wachsende Zahl von Christen unter den Bürgern, Untertanen und Sklaven öffentliche Angelegenheiten aus ihrem Leben auszublenden trachtete.
Schließlich war der überwältigende Herrschaftserfolg des römischen Stadtstaates über die Jahrhunderte hinweg fraglos das Ergebnis entschlossener Ausrichtung auf einen zentralen Grundsatz gewesen: ein über das unter Umständen kleinliche oder dem Ganzen gefährliche Einzelinteresse gestellter, wohlorganisierter Staat sei die Voraussetzung für die Möglichkeiten, die der einzelne habe.
Das Imperium lebe von der Bereitschaft aller seiner Bürger und Untertanen, besonders natürlich seiner adeligen Eliten, dem Ganzen Kraft und Vermögen zur Verfügung zu stellen, öffentliche Angelegenheten (res publica) also zu ihrer auch persönlichen Sache zu machen. Nur dann funktioniere es und verschaffe dem einzelnen bessere Lebensmöglichkeiten als andernorts.
Aber auch in jüngerer Zeit war der römische Staat mit uns Christen, wie ich eingestehen muß, nicht besser bedient als zuvor - ganz im Gegenteil!
Je mehr wir begonnen haben, in ausgedehnteren Zeitkategorien zu denken als unsere so unendlich erwartungsfrohen frühchristlichen Vorfahren - schließlich ließ der verheißene Jüngste Tag nun schon allzu lange auf sich warten - desto gefährlicher wurden wir den römischen Staatstraditionen:
Jetzt nämlich wurde die Wandlung des Römerreiches in ein christliches Imperium zu einer der Grundideen christlicher Lebensbewältigung.
Was Wunder, daß die erschlaffende Kultur des Römerreiches sich einem solchen, im Bewußtsein welt- und menschheitsgeschichtlichen Neuanfangs immer kraftvoller vorangetriebenen kulturellen Umgestaltungsanspruch mit streckenweise hilfloser Wut entgegenzustemmen versucht hatte.
Keti sieht das richtiger, als ich es zugeben möchte:
Der uns vom Auferstandenen so ausdrücklich verheißene ´Friede des Reiches Gottes´ hat uns Christen in seinen nun freilich irdischen - Bann gezogen.
Denn jüdisch, persich, hellenistisch und römisch geprägt, wie alles Denken der Christen ja von Anfang an ist, hat es das unterstreicht Keti zurecht - die bis dahin entwickelten Reichs- und Weltreichsvorstellungen früh benutzt, um sich die Botschaft Jesu verständlich zu machen. So war die Idee entstanden, es sei Aufgabe der Christen in der Welt, jenes Gottesreich, dessen Frieden namentlich der österliche Christus den Menschen wieder und wieder zugesagt hatte, in einem noch zu schaffenden Weltreich nach besten Kräften vorbreitend abzubilden.
Nicht Frieden freilich bringen wir deshalb heute mehr noch als früher, sondern das Schwert!
Bislang noch fordern wir es heraus, bereit, ihm zum Opfer zu fallen.
- Das der Römer noch bis gestern.
An die Stelle einer verantwortlichen Mitwirkung an der Erhaltung und Weiterentwicklung der Lebensgrundlagen des Reiches haben wir anfangs unsere Weltabgewandtheit gesetzt. Da die Römer dergleichen nicht kampflos hinnehmen konnten, mußte Unfrieden die Saat unseres neuen Glaubens werden. Aber Jesus selbst war es ja nicht anders gegangen.
Seit wir uns jedoch neu auf die Welt ausgerichtet, uns in ihr langfristig einzurichten begonnen haben, großkrichliche Heilsanstalt und monarchische Bischofskirche zu werden uns anschickten, seit wir gar auf die Errichtung eines christlichen Staatswesens hinzuwirken suchen, haben wir das Schwert entschlossener Gegenwehr selbstredend noch um vieles stärker herausgefordert.
Immer noch unvermeidbar? - Eine Deiner Lieblingsfragen, ich weiß. Es wird Dich freuen, daß mich meine bisherige Reise in diesen Dingen nachdenklicher gemacht hat als bisher!
Die Römer haben ihren Kampf gegen uns Christen zwar seit mehr als einem halben Jahrhundert eingestellt:
Seit rund 60 Jahren ist unser Glaube im Reich ausdrücklich geduldet. Kaiser Konstantins Toleranzedikt (311 n.chr.) und sein Übertritt zum Christentum (337 n.chr.) auf dem Sterbebett haben unseren Gemeinden einen denkbar goßen Entfaltungsspielraum verschafft. Ihre organisatorische Überformung zu einer monarchischen Grundsätzen verpflichteten Bischofskirche ist so gut wie abgeschlossen.
Entstanden ist auf diese Weise eine Institution, die je länger je mehr danach trachtet, den Gläubigen Heilsanstalt zu sein - anfangs nur ´in ´der Welt als Wegbegleiterin der die Gemeinschaft der Gläubigen suchenden einzelnen, mittlerweile aber ausdrücklich auch ´für´ die Welt als machtvolle Führerin der Menschheit auf ihrem Weg zum Heil des Jüngsten Tages.
Außerhalb des Römischen Reiches hat diese sogenannte Konstantinische Wende aber zu neuem Unglück für die Christen geführt.
Nun ereilt viele Christen gar das Schwert der bisher so toleranten Perser!
Denn zu Knechten jenes Weltreiches, mit dem Parther und Perser in jahrhundertealtem Rivalitätsstreit liegen, haben wir Christen uns durch unsere Annäherung an Konstantin in ihren Augen gemacht.
Nie werden Irunifer und ich Bahrams nur mühsam verhehlten Haß auf uns Christen als so etwas wie die geistigen Ziehväter jenes Manichäismus vergessen, der sehr viel Unruhe in das Leben seiner Familie bringt! Nie, wie uns Artabanos den Stolz und die Verächtlichkeiten erklärt hatte, in die sich viele seiner Landsleute zu verwickeln pflegen, sobald die Rede auf die unverkennbare kulturgeschichtliche Kraft des Christentums kommt.
Der Tag sei nicht mehr fern, davon sei man im Sassanidenreich überzeugt, an dem aus dem einst römischen Weltreich ein vor allem anderen christliches Weltreich geworden sei.
Wer schütze dann noch die Perser vor der gleichen politischen Umwälzung, der heute die Römer zu unterliegen im Begriffe seien? Die altehrwürdigen eigenständigen Glaubenstraditionen der Perser seien um vieles lebenskräftiger als die der Römer und verdienten es, bewahrt und mit radikaler Entschlossenheit gegen die Unterwanderungswirkungen des Christentums verteidigt zu werden. Entschiedene Unterdrückung, Erstickung im Keim sei das Gebot der Stunde!
Verfolgung provozieren wir also auch hier - nicht minder unvermeidlich wohl als in jedem Staatswesen, das sich im Rahmen überkommener Stammes- und Volks- bzw. Reichsreligionen zu organisieren trachtet.
Du und Keti, Ihr habt in dieser Beziehung ganz recht:
Daß Christen im bis vor wenigen Jahrzehnten toleranten Persien wie vordem im Römerreich unsägliche Verfolgungen zu erleiden haben, sollte unseren Blick nicht verstellen!
Denn mittlerweile drängt nicht mehr die Beunruhigung, die ganz unmittelbar von den Lehren Jesu ausgeht, traditionelle politische Führungseliten zu Abwehrmaßnahmen. Längst stiftet der kulturpolitische und geschichtliche Machtanspruch, auf den wir Christen uns seit längerem auszurichten begonnen haben, innen- wie außenpolitische Unruhe!
Eines vermutlich nicht allzu fernen Tages werden wir es sein, die zum Schwerte greifen!
Denn die Verführung ist groß, die Wirksamkeit unserer auf die gesamte Menschheit hin gedachten großkirchlichen Heilsanstalt auf das Schwert christlicher Herrscher zu stützen! Wie bald schon wohl werden wir es führen (lassen) gegen inner- wie außerkirchliche Widersacher und innere wie äußere Feinde unseres christlichen Pilgerstaates?
Gewiß, wer ordnen will, darf den Zwang nicht scheuen.
Diesem Problem entkommt niemand auf dieser Erde, nicht der heiligste, also in seinem Wirken und Auftreten denkbar heilsame Mensch, keiner unserer alten Götter und Gott- oder Priesterkönige, nicht einmal jener Jesus, dessen geheimnisvolle Natur uns gerade gegenwärtig soviel Kopfzerbrechen bereitet und in uferlose Streitigkeiten stürzt.
Welche Art von Zwang aber gilt es ohne falsche Scheu wirksam werden zu lassen?
Und Zwang welchen Umfangs? Zwang schließlich im Dienste welcher Lebens- und Staatsordnung?
Wie ist das denn? Ist ein weltliches Reich bereits dann die angestrebte und erhoffte Wegbereiterkraft des verheißenen Gottesreiches, wenn seine Bevölkerung vorwiegend aus Christen besteht und Christen seine Führung in Händen halten?
Dürfen Christen ihrerseits zu Verfolgern von Menschen werden, die etwas anderes wollen, als einen christlichen Staat, ein sich ausdehendes christliches Weltreich? Zu Verfolgern von Menschen, die vielleicht auch nur andere Glaubensmeinungen vertreten als die einmal für verbindlich erklärten? Und das alles im Namen, im Dienste und auf der Jagd nach einer Art Pilgerstaatsidee, die sich in unseren Tagen in vorläufigen Ansätzen bereits herauszubilden beginnt?
Je mehr die römischen Kaiser in den letzten Jahrzehnten danach trachten, ihrem Amt eine neu, von christlichem Heilsgeschichts-Denken geprägte Bedeutung zu geben, desto drängender werden die eben gestellten Fragen.
Mir schwindelt bei diesen Gedanken!
Aber ich bin es offenbar keineswegs allein, der sie denkt. In Ansätzen haben wir sie schon oft diskutiert.
Meine jüngsten Reiseerferahrungen gar haben mich drängender denn je auf sie gestoßen.
Du erinnerst Dich gewiß der Route, die bereits hinter Irunifer und mir liegen würde, wenn wir in Antiochia, der zweiten großen Patriarchatsstadt unserer christlichen Welt angelangt sein würden:
Die von Weihrauch und den Düften der betörendsten ätherischen Öle erfüllten Basare der arabischen Halbinsel haben wir auf unserem Weg ins Zweistromland punktuell gestreift. Das Menschengewimmel hier ist unbeschreiblich, das Warenangebot denkbar bunt und vielfältig.
Zu den auffallendsten Erscheinungen gehören die stolzen Beduinen der arabischen Wüste. In der Regel schreiten sie die Stände inmitten eines beeindruckend bewaffneten, manchmal äußerst rüde auftretenden Gefolges in unvergleichlicher Würde ab.
Dennoch sind diese Märkte vor Überfällen niemals sicher. Immer wieder unternehmen einzelne Scheichs oder Bandenführer nach alter Sitte Raubzüge. Wie Spukerscheinungen brechen sie in den Markttrubel hinein und nehmen Rache an einzelnen Händlern, von denen sie sich übervorteilt glauben. In solchen Fällen hinterlassen sie schlimme Verwüstungen. Oder sie bedienen sich schamlos in mehr oder minder großem Umfang aus dem reichhaltigen Angebot. - Das übrigens um so lieber, als die Perser seit geraumer Zeit die Hand auf einige ihrer wichtigsten Hafenstädte am Golf gelegt haben.
Das Bild kann hier sehr schnell wechseln. Eben noch lebhaftestes, aber im wesentlichen friedliches Treiben. Dann Waffenlärm und Entsetzensgeschrei. Gottes schützende Hand muß uns ganz nah gewesen sein, als Irunifer und ich bei einem unserer Basarbesuche Zeugen oder fast Opfer eines solchen Überfalls geworden sind!
Glanz und Elend der neben unserer Nilregion wohl ältesten Kulturlandschaft unserer Weltgegend haben uns dann für Wochen vor Augen gelegen:
Wie die Perlen einer Kette reihen sich die traditionsreichen Städte des Zweistromlandes die beiden Flüsse hinauf. Aber kein Ebenmaß in dem Glanz, zu dem sie in unseren Tagen noch oder wieder die Kraft haben!
Babylon zunächst vor allem, die berühmte Chaldäerstadt nicht mehr als ein schwacher Schatten seiner einstigen Größe!
Ktesiphon dann, die bedeutende Hauptstadt des heutigen Sassanidenreiches - glanzvoll und palastgeschmückt seit mittlerweise vielen hundert Jahren. Keiner der Großen des riesigen zentralasiatischen Weltreiches, der hier nicht ein möglichst prächtiges Haus unterhielte, um Teil zu haben am weithin berühmten Leben des persischen Königshofes, an den hier gepflegten Vergnügungen ebenso, wie an dem Wissen, das hier ausgetauscht wird, nicht zuletzt natürlich auch am politischen Leben, das hier seinen machtvollsten Brennpunkt hat.
Das nur wenige Kilometer nördlich gelegene Seleukia im Anschluß, die einstige hellenistische Diadochengründung mit ihren noch heute ins Auge springenden Zeugnissen griechisch beeinflußter Bau- und Lebenskultur - ein seiner alten Mittelpunkts-Aufgaben und Möglichkeiten kläglich beraubter Ort mit schrumpfender Bevölkerung!
Schließlich weiter euphrat-abwätrs die Reste der hellenistischen Gründungen: Dura-Europos, Tapsakos und Zeugma, die das Zweistromland seit ca. 600 Jahren an das nördliche Phönikien westlich des Libanongebirges anschließen. Ruinen die beiden letzteren - Opfer des mittlerweile zweihundertjährigen Kampfes der Römer um die östlichen Grenzen ihres Imperiums gegen die Weltreichsansprüche von Parthern und Persern.
Mich schaudert jedesmal, wenn ich mir die Erzählungen jenes Flußschiffers vergegenwärtige, dessen Navigationskünsten wir uns den stark befahrenen Euphrat hinauf anvertraut hatten. Taphos hieß er.
Er entstammte der assyrisch-parthischen Mischbevölkerung, wie sie bereits seit Jahrhunderten sie Hauptbevölkerung am Oberlauf des Euphrat ausmachte, war in Dura-Europos aufgewachsen und richtete seine händlerischen Aktivitäten vor allem nach Ktesiphon hin aus. Händler gleich ihm suchten ihre persische Kundschaft vor allem mit Wein, Olivenöl, Glas und Tonwaren aus dem Raum um das römische Antiochia herum zu beliefern - ein zuweilen abenteuerliches Geschäft, wollte man es so günstig wie möglich an den römischen Zolleintreibern vorbei betreiben.
Selbst in Zeiten, wo keine Kämpfe für ständige Grenzverschiebungen sorgten, hatte man sich zudem vor allem vor den römischen Legionären zu hüten. Mehr als einmal schon hatte Taphos seine gesamte Handelsware an einen jener Soldatentrupps verloren. Es gab keinen ausdrücklichen Befehl für deren Jagd auf persische Kaufleute. Aber es lag auch nicht im Interesse römischer Herführer, ihren Soldaten ihren Lieblingssport zu verbieten.
Mehrere von Taphos´ Freunden und Handelspartnern hatten anläßlich solcher Jagden Leben und Gesundheit eingebüßt. Aber in der persischen Hauptstadt zahlte man gute Preise für römische Waren. Also herrschte den gesamten schiffbaren Euphrat hinauf bis weit in das Römerreich hinein ein reger Verkehr.
Und außerdem: Was sollte man denn machen, wenn man nun einmal im oberen Euphratgebiet zuhause war? Die Region selbst war wirtschaftlich weitgehend ausgeblutet. Die Bevölkerung war dank jahrhundertelanger kriegerischer Auseinandersetzungen ausgedünnt. Der Handel somit die tragfähigste, allerdings in Teilbereichen hochgefährliche Lebensgrundlage.
Aber sich mit Mann und Maus, dem ganzen zig Personen zählenden Verwandtschaftsverband, oder gar allein auf Wanderschaft begeben? Wohin denn? Der Glanz des sassanidischen Hofes mochte ja gerade auch für einen Kaufmann seine Reize haben. Aber in seiner Nähe wäre es vollends aus mit den stadtkulturellen Traditionen helleinistsischer Prägung, wie sie im nördlichen Mesopotamien noch immer in Resten lebendig waren. Dort stand ausschließlich alles Persische hoch im Kurs.
Hier hingegen sprach man noch griechisch. Hier traf man sich noch von Zeit zu Zeit in den allerdings baulich stark heruntergekommenen Theatern, statt an Spieltischen und in Erzählrunden, hier war man vor allem aber nicht in der Gefahr, daß einen die Nachbarn an die Schergen Schapurs verrieten, der neuerdings Christen in seinem Reich nicht mehr dulden wollte.
Die seit alters in dieser Region blühenden Christengemeinden stützten sich gegenseitig und verstanden es, ihr nun notwendig gewordenes Untergrundleben so zu organisieren, daß man mittlerweile weitgehend sicher sein konnte, den anfänglich äu0erst rabiaten Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen.
Kaum ein Duraner, der nicht Verwandte oder Freunde zu beklagen hatte, als die ersten Verfolgungswellen sie überrascht hatten: Die meisten der Opfer waren einfach aus ihrer bisherigen Lebenswelt herausgerissen und versklavt wrden. Andere hatte man auf der Flucht erschlagen oder ihnen den Prozeß gemacht, um sie hnzurichten. Seine unmittelbare Familie, Frau und 7 Kinder, hatte Taphos so eines Tages nicht mehr vorgefunden, als er von einer seiner Reisen heimgekehrt war. Alle Bemühungn hatten nichts gefruchtet: Wo sie nun ihr eues Sklavendasein zu fristen hatten, war nicht herauszubekommen gewesen. Nur sein Glaube und die Liebe seiner christlichen Brüder und Schwestern hatte Taphos damals davon abgehalten, seiner Verzweiflung nachzugeben und seinem Leben selbst ein Ende zu setzen.
Die Gefahr und den Tod freilich fürchtete er seither nicht mehr. Und so war er bei seinem alten gefährlichen Geschäft geblieben. Unbeirrbar wollten diese bedrängten Menschen des oberen Zweistromlandes, namentlich soweit sie Christen waren, das ihnen in diesem Leben auferlegte Kreuz tragen.
Irunifer und ich waren beeindruckt von dem Gottvertrauen dieses Mannes wie von der besonnenen Tapferkeit, auf die er sein Leben seit jenen schweren Tagen noch mehr als frühr gestellt hatte.
Was wäre den Menschen gerade auch des oberen Zweistromlandes nicht alles erspart geblieben, wenn wir Christen des Römerreiches nicht den Ehrgeiz entwickelt hätten, selbst zu einer politischen Kraft des Imperiums und mit seiner Hilfe eines möglichst weiten Erdkreises zu werden?! Waren wir da wirklich auf dem richtigen Weg?
So hatten ja nur die einen von uns - die im Römerreich Lebenden - die Last der Verfolgung abzuschütteln vermocht. Nun lag sie auf den Schultern der Bewohner von Regionen, deren politische und religiöse Führer dem neuen Machtanspruch des gewandelten römischen Imperiums ihre ganze Kaft und Härte entgegenzusetzen gewillt waren! War das nun besser?
Stückwerk sind und bleiben sie, die Reiche der Menschen!
Auch das christliche Weltreich wie das, an dem viele unserer Zeitgenossen mit Entschlossenheit bauen, tritt nach außen hin nicht friedlicher auf als dessen noch heidnischer Vorläufer. Auch die christlichen Kaiser Roms sind nicht bereit, einen Zoll jenes seit Jahrhunderten heiß umkämpften voderasiatischen Bodens aufzugeben - um einer friedlichen Nachbarschaft mit dem persischen Weltreich willen , die ihnen wie ihren Vorgängern unvorstellbar bleibt.
Schließlich kann sich in unserem Imerium nach wie vor vor allem der als Anwärter auf den Kaiserthron durchsetzen, der militärische Erfolge vorzuweisen hat.
Traurig ist und bleibt sie allerdings in vieler Hinsicht, unsere sündige Welt.
Gleichwohl gibt es in ihr viel mehr als religionspolitisches Elend, seit das Christentum seinen religions- und kulturgschichtlichen, ja politischen Siegeszug in weiten Teilen der vorderasiatischen, griechischen und römischen Mittelmeerwelt angetreten hat:
Die geistbewegte Brüderlichkeit, wie sie gerde in den verfolgten Christengemeinden bis heute das Zusammenleben der Menschen froher und wärmer macht, als in unserer alten Welt bis dahin im Rahmen der verschiedensten heidnischen Kulte üblich, stellt gerade auch für Menschen wie jenen Taphos einen unverzichtbaren Gewinn dar.
Auch das Erlebnis, als Reisender noch in den entferntesten Weltgegenden als Bruder in Christo bei einem Glaubensgenossen Unterkunft zu finden und Aufnahme in die Abendmahlsgemeinde, der der christliche Obdachgeber, sei er nun Privatmann oder Gastwirt, angehört, hat in der traditionellen Gastfreundschaft der meisten Völker seinesgleichen bis heute nicht! Wer als Christ bei Christen einzukehren Gelegenheit hat, findet, wohin immer er kommt, ein Stück ihm tief vertraute Gemeinschaft, ein Stück Heimat gleichsam, wenn er, ja wenn er nicht zu den Eiferern dieses wunderbaren Glaubens zählt oder auf solche trifft!
Erlebnisse dieser zweiten Art haben unsere Reise so manches Mal, seit wir von Taphos Abschied nahmen, wohl noch mehr verdüstert als die bedrängten Lebensverhältnisse unserer christlichen Brüder im Perserreich.
Du, Antonius, Keti und ich - wir lieben ihn ja vielleicht allzu sehr, den theoretischen Streit um das richtige Verständnis der Frohbotschaft Jesu.
Entfernt haben wir auch wahrgenommen, daß viele unserer Landsleute zu einem radikalen Eigenweg neigen,getrennt vom breiten Pfad der offiziellen Bischofskirche, wie sie mittlerweile existiert.
Du sympathisierst mit ihnen, hast den Bruch aber im Unterschied zu vielen Deiner Priesterkollegen für Dich ganz persönlich noch nicht vollzogen und wirst es hoffentlich auch nicht tun.
Seit ich reise, merke ich, daß ich unsere gemeinsame Heimat bei weitem nicht aus so unmittelbarer Berührung kenne, wie ich nun mit diesem Syrien und seinen manchmal äußerst eifernd sich gebärdenden Christengemeinden Bekanntschaft machen konnte.
Irunifer ist fast noch erschrockener als ich über die Unduldsamkeit, mit der hierzulande die wie bei uns mehrheitlich arianisch ausgerichteten Christengemeinden allen begegnen, die die Lehre des Konzils von Nicäa für einleuchtender halten und ihr Geltung zu verschaffen trachten als die der Arianer.
Die Erbitterung ist manchmal so groß, daß jede brüderliche Herzlichkeit sofort versiegt, wenn zur Sprache kommt, daß einer der Gegenrichtung angehört.
Thaphos hatte uns vorgewarnt: Wir seien gut beraten, wenn wir uns in der Kundgabe unserer eigenen Meinungen in diesen Glaubensstreitigkeiten größte Zurückhaltung auferlegten, solange wir im syrischen Hinterland unterwegs wären. Es gäbe hier Fleckn mit einer geradezu sprichwörtlich engstirnigen Bevölkerung. Verpflegung und Unterkunft sollten wir möglchst nur dort suchen, wo die aus ihrer Minderheitenposition heraus immer rabiater auftretenden Konzilsanhänger, zu denen wir uns ja zählten, ein unangefochten starkes Gemeindeleben zu unterhalten in der Lage seien. Andersfalls liefen wir Gefahr, äußerst unfreundlich und saumselig behandelt zu werden.
In Antiochia selbst sei das wieder ganz anders. Dort in der Provinzmetroplole würde noch mit der alten hellenistischen Freude an kämferischen Auseinandersetzungen die Fäden für einen religionspolitisch möglichst einheitlichen Bau des künftig entschieden christlichen Römerreiches geknüpft. Wer dem entgegenzuwirken trachte, genieße, wie vermutlich in unserer Heimat Alexandria auch, in den meisten Fällen die volle Achtung seiner Gegner.
Etwa 90 Kilometer nördlich von Dura-Europos hatten wir vor gut drei Wochen dann mit einigem Bangen und gleichzeitig großer Neugier die Grenze zum Römerreich passiert. Circesium, ein kastellbewehrtes römisches Legionslager, beherrschte das Leben in diese Grenzregion.
Als Reichsbürger hatten Irunifer und ich keinerei Einreiseprobleme.
Kurz vor Erreichen der römischen Grenzbefestigung hatten wir - nicht anders als unser Freund Taphos - die Schiffsplanken mit dem Reisewagen vertauscht. Während wir jedoch die offiziellen Reichsstraßen benutzten, würde Taphos mit den arabischen Spezereien, auf die der sich spezialisiert hatte, auf Schleichwegen Richtung Westen bis an die Küste des Mittemeeres vorzudringen suchen.
Wir trennten uns also und nahmen mit der ganzen Herzlichkeit, die in den Tagen unserer gemeinsamen Flußfahrt zwischen uns entstanden war, von einander Abschied.
Als Anlaufstelle in Antiochia empfahl unser Freund uns noch einen seiner dortigen Freunde, einen Priester namens Arcadius.
Bei ihm sollten wir vorsprechen. Er leite die dem Patriarchen treu ergebene christliche Gemeinde der örtlichen Bischofsbasilika, ein wortgewandter Prediger mit einem großen Herzen für alle, die in Glaubensfragen anders dächten und andres wollten als er selbst.
Die Basilika des Patriarchen fänden wir unschwer. Sie erhebe sich innerhalb der mit mehr als 3000 Türmen bewehrten Stadt an exponierter Stelle über den Ufern des Orontes. Jeder könne uns dort Auskunft geben, wo des Arcadius Haus zu finden sei.
Es war eine beschwerliche Reise durch das Steppen- und Wüstenhochland im Nordosten Syriens, durch das unser Weg zunächst noch den Euphrat entlang bis Sura, dann über Land nach Hierapolis und schließlich wieder gebirgsabwärts nach Antiochia, unserem zweiten großen Etappenziel führte. Knapp 300 km staubige Straßen durch ein in sein östlichen Regionen im wesentlichen von Schafhirten besiedeltes Land hatten wir zu bewältigen. Irunifer war manchmal bis aufs Äußerste erschöpft.
Die Städte freilich bieten allen Komfort, der mittelrweile allenthalben im weiten Römerreich anzutreffen ist.
Nach all den Reisemonaten, die nun schon hinter uns lagen, war es eine unendliche Wonne und Labsal, unsere Glieder endlich in gewohnter Weise in den Thermen dieser östlichsten aller Römerstädte zu entspannen und uns pflegen zu lassen.
Nicht wenige Gasthäuser säumen übrigens die großen Verbindungsstraßen, die die Römer hier wie überall im Reich angelegt haben. Nicht alle sind hinreichend vertrauenerweckend. Aber wir hatten fast durchweg Gück.
Aus den genannten Grenzsicherungsgründen sind hier so große Heeresstärken erforderlich, daß viele der in wirtschaftliche Not Geratenen immer noch Aufnahme im kaiserlichen Berufsheer finden. Damit mag es zusammenhängen, daß die hiesigen Straßen als vergleichsweise sicher gelten und daß in den Tavernen des Landes herumlungernde Tagediebe die Ausnahme bilden. Ein ausgeprägtes Bandenunwesen gibt es deshalb hier nur in Ansätzen. Gefährlicher sind da schon die durch niemanden wirklich zu kontrollierenden Soldatentruppen, die sich immer wieder einmal das Recht herausnehmen, ihren in ihren Augen zu schmalen Sold durch Zwangsabgaben, die sie der Bevölkerung dieses oder jenes Ortes auferlegen, aufzubessern. Auch als Reisender ist man vor ihnen selbstredend keineswegs sicher.
Aber wir hatten, wie gesagt, Glück.
Die aramäisch-assyrische Mischbevölkerung der Provinz Syrien lebt nun schon seit 400 Jahren unter römischer Herrschaft.
Das seit der Zeitenwende kaiserliche Imperium hatte der Selbstverwaltung und der wirtschaftlchen Entfaltung der Provinzen einen beachtlichen Raum verschafft. Eine reiche Bürgerschicht aus Beamten und Kaufleuten vor allem hatte sich auch in Syrien auf die Seite des Reiches geschlagen und die wirtschaftliche Blüte des Landes vorangetrieben.
Der Westen dieser Römerprovinz ist im Grunde reich: Getreide, Wein und Olivenöl, Vieh und Fleisch, Holz, Ton- und Glaswaren und schließlich Silber sowie Wolle und Hanf aus dem östlichen Hinterland sorgen für ein auskömmliches Leben im Lande selbst und erlauben die Einfuhr alles dessen, wonach darüber hinaus dieser oder jener Luxuxbedarf besteht - solange die Steuerlasten erträglich bleiben und das gesamte Reich als ein einziger riesiger Markt funktioniert.
Seit mehr als 100 Jahren ist genau das nicht mehr so recht der Fall:
Hohe Kriegs- und Verteidigungskosten sind dem Reich an seinen immer unsicherer werdenden Grenzen erwachsen. Denn an sämtlichen Ostgrenzen, auch und gerade weiter im Norden, sind viele Völkerschaften, die sich bisher außerhalb angesiedlt gehabt hatten, ihrerseits in Bedrängnis geraten und suchen nun neue Lebensräume innerhalb der Grenzprovinzen des Imperium Romanum. Ihre Abwehr kostet die Kaiser nun schon überdimensional lange Unsummen. Die von den Reichsbewohnern aufzubringenden Militärkosten erhöhen sich noch einmal nicht unerheblich durch die Machtkämpfe unter Oberbefehlshabern der mittlerweile 4 großen Legionsstandorte des Reiches!
Der weiträumge Wirtschaftsaustausch früherer Jahrhunderte leidet unter den damit stetig gewachsenen Steuerbelastungen und unter der Entwertung des Geldes, die die Kaiser schon des 2., dann vor allem aber auch des 3. nachchristlichen Jahrhunderts mit wachsender Bedenkenlosigkeit betrieben hatten. Gerade ihr ist zwar seit Diokletian und Konstantin ein gewisser Einhalt geboten. Aber der alte Wohlstand will sich mit Ausnahme des Kaiserhofs und der ständg wachsenden Großgrundbesitzerschicht so recht nirgend mehr einstellen.
Noch mehr als in Ägypten versiegt hier die Arbeitsbereitschaft der Land- wie der Stadtbevölkerungen mehr und mehr. Die Einkünfte der verschiedenen Bevölkerungschichten halten mit den ihnen auferlegten Steuerlasten und ehrenamtlichen Organisationsverpflichtungen nicht mehr mit. Und die im östlichen Provinz-Grenzgebiet stationierten Soldatenmassen wissen sich immer wieder an der Bevölkerung schadlos zu halten, sobald ihre Feldherren sich infolge leerer Staatskassen gezwungen sehen, den Sold zu verknappen.
Nicht wenige sind darüber an den Bettelstab gekommen. Und auch sonst verläuft das gesellschaftliche Leben nicht mehr in den alten Bahnen. Die Städte verlieren viel von ihrer alten Lebendigkeit, und auf dem Land haben sich Großgrundbsitze mit weitgehender wirtschaftlicher Selbstversorgung in einem Maße ausgebreitet, daß in Stadt und Land von den alten Bürgerfreiheiten, wie sie seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert für alle Einwohner des Römerreiches Geltung erlangt gehabt hatten, immer weniger die Rede sein kann.
Als wir uns vor etwa einer Woche gebirgsabwärts Antiochia genähert hatten, hatten wir eine der lukrativsten dieser neuen Besitzungen liegen sehen.
Die Masse der sysrischen Landbevölkerung soll mittlerweise auf solchen Besitzungen beschäftigt sein. Gebiete mit schlechteren Boden- und Wetterverhältnissen dagegen, lägen zumeist brach, wußten uns die Gastwirte dieser Region zu erzählen.
Ihre persönliche Freiheit und eine eigene kleine Hofstelle seien den Menschen hier mittlerweile weniger wichtig als ein vor staatlichem Zugriff sicheres und einigermaßen auskömmliches Leben.
Nur die Latifundien-, also Großgrundbesitzer, seien stark genug, den kaiserlichen Steuereintreibern gegenüber begrenzte steuerliche Leistungen drchzusetzen. Kolonen, Halbfreie, seien deshalb hierzulande , wie andernorts auch, mittlerweile die meisten Bauern geworden. Ihr Patron, der Latifundienbesitzer, trage allein die Steuerlast für seinen Besitz und die Menschen, die sich unter seinen Schutz begeben hätten. Sie zahlten ihm dafür Abgaben und hätten sich ihm persönlich verpflichtet, insbesondere also ihr früheres Recht auf Freizügigkeit und Selbstbestimmung weitgehend geopfert.
Auf diese Weise habe sich die Steuerlast für alle Betroffenen auf ein erträgliches Maß herabdrücken lassen.
Insgesamt werde damit aber spürbar weniger produziert. Beim städtischen Gewerbe und auf den städtischen Märkten frage die Landbevölkerng schon lange keine Massengüter mehr nach. Gutshandwerker stellten das Notwenidge unmittelbar her. Kein Handel verteuere so die Waren für diese Bevölkerungsgrupen.
Aber das Leben selbst einer Riesenstadt wie Antiochia leide natürlich erheblich unter solchen Entwicklungen. Viele Handwerker und Händler hätten mit einem so stark schwindenden Kundenstamm zu kämpfen, daß sie nach Möglichkeiten suchten, der Stadt den Rücken zu kehren und ebenfalls als Kolonen Unterhalt zu finden.
Das wiederum sei seit Diokletian alles andere als leicht. Seit mehr als zwei Menschenaltern nämlich hätten die römischen Kaier versucht, dem Ausbluten der für den den Bestand des römischen Imperiums so unverzichtbar wichtigen Städte mit Hilfe von Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken: Jeder Berufsstand im Reich war erpflichtet worden, als einst die Wirtschafts- und Finanzkrise des ausgehendn 3. Jhds. n.Chr. auf ihrem Höhepunkt angelangt gewesen war, seinen leiblichen Nachkommen eine Ausbildung im jeweiligen väterlichen Gewerbe abzuverlangen. Niemand sollte mehr seinen Beruf frei wählen, auch nicht ihn wecheln dürfen. Staatlich festgesetzte Preise und Löhne sollten die Grundlage bilden für das auf diese Weise zwangsweise gestützte städtische Leben.
Das hatte hier in Antiochia ganz offenbar wesentlich schlechter funktioniert als in unserem ägyptischen Alexandria. Zwar leidet auch unsere Heimatstadt unter dem insgesamt im Reich zurückgegangenen Handelsaustausch zwischen den Provinzen und den mittlerweile zwei Hauptstädten Rom und Konstantinopel. Aber was dem Reich an weiträmigen Warenumschlägen geblieben ist, orientiert sich noch mehr als früher an der Lage der traditionellen Warenumschlagsplätze. Da ist Alexandria einfach besser dran als das syrische Antiochia.
Dem Reisenden wird das sofort deutlich: Verödete, heruntergekommene Stadtbezirke säumen seinen Weg ins immer noch quirlige Zentrum Antiochias. Heute soll es hier mehr als 100 000 Menschen weniger geben als noch vor 150 Jahren. Damals hatten mehr als eine halbe Million Menschen in der Metropole des reichen Syrien ihr Auskommen gefunden gehabt.
Auch heute noch freilich hielten Größe und baulich Anlage offenbar mit derjenigen Roms Schritt, wie allenthalben zu hören ist.
Als Sitz der kaiserlichen Provinzialverwaltung wie eines der christlichen Patriarchen ist die Stadt ein Brennpunkt des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens im östlichen Mittelmeerraum geblieben.
Hier war einst die erste Christengemeinde außerhalb Palästinas gegründet worden. Hier hatte der Heidenapostel Paulus seine Weihe empfangen. Hier war früher als in unserem Alexandria eines der bedeutendsten geistigen Zentren des Christentums entstanden. Hier kamen die Bischöfe in den letzten 1oo Jahren wieder und wieder zu Synoden (Ratsversammlungen) zusammen. Hier waren die einstigen Gemeindekirchen in ihren urchristlichen Organisatinsformen immer stärker infrage gestellt worden, als die Zahl der Christen im Reich beindruckende Größenordnungen angenommen gehabt hatte.
In der Folge waren hier die ersten organisatorischen Konsequenzen aus der Idee gezogen worden, es sei an der Zeit, den Nachfolgern der Apostel Jesu eine größere Verantwortung als bisher für das Leben der christlichen Gemeinden zuzuordnen: man begann damals viel stärker als ursprünglich zwischen krichlichen Amtsträgern, sogenannten Klerikern, und der Masse der theolgisch kaum gebildeten Laien zu unterscheiden und eine Hierarchie unter den kirchlichen Amtsträgern herauszubilden. Bischöfe, Erzbischöfe und schließlich Patriarchen, die geistlichen Führer ganzer Kirchenprovinzen, ordneten fortan das Leben der Christen. An all diesen Prozessen hatte Antiochia entscheidenden Anteil gehabt.
Wer hier theologische Wissenschaft betrieb, tat das mit Sicherheit in einem anderen kulturellen Klima als in unserem ägyptischen Alexandrien, dem zweiten geistigen Zentrum unseres christlichen Imperiums.
Hier befand man sich an einem der hervorragenden Sitze der kaiserlichen Provinzverwaltung, in der Hauptstadt jener Provinz, die seit Jahrzehnten die Feuerprobe im Kampf gegen Parther und Perser zu bestehen hatte, in einer Provinzmetropole gar, aus der eine ganze Reie jener Soldatenkaiser hervorgegangen waren, unter deren Regentschaft das Reich seit dem späten 2. Jhd.n.Chr. im Grunde bis heute steht.
Was lag also näher, als kirchenpolitische Fragen und staatspolitische Fragen zusammenzudenken und der Idee den Weg breiten zu helfen, aus dem Imperium Romanum solle eines Tages ein Imperium Christianorum werden?
Palmsonntag - der Tag unserer Ankunft hier. Unmengen von Volk war auf den Beinen. Sobald wir die ärmlichen Außenbezirke der Stadt hinter uns gelassen hatten, gab es für Eilige kaum ein Duchkommen. Prozessionen palmenschwenkender, singender und betender Menschen zogen durch alle Viertel, um den einstigen Einzug des Gottes- und Menschensohnes Jesus in Jerusalem zum Auftakt seiner Leiden in feierlich-freudigem Gedenken zu begehen.
Erst seit die Christen nicht mehr um ihre Glaubensfreiheit zittern müssen, seit rund einem halben Jahrundert also, konnten sich öffentliche Bräuche dieser Art allmählich entwickeln.
Eine vergleichbare vorösterliche Bewegtheit glaubensfroher Menschen wie hier am Tage unserer Ankunft habe ich in unserer Heimat noch nicht erlebt.
Diesen Syrern scheint ein ungezügelter leidenschaftliches Temperament eigen als den in der Disziplin ihrer uralten Flußkultur lebenden Ägyptern.
Irunifer und ich sind hier weder auf die lebensfroh-naturverbundene, allem Wüdigen aber besonders zugetane Heiterkeit unserer Landsleute gestoßen noch auf jene Formen mondäner Weltläufigkeit, wie sie in der alexandrinischen Oberschicht als selbstverständliches Muß gelten.
An einem feierlich und würdebewußt-gemessenen Auftreten scheint hier niemand so recht interessiert - weder hinsichtlich des Ablaufs solcher Palmprozessionen, in deren Sog wir uns gleich bei unserer Ankunft in der Stadt gezogen fanden und deren buntes Treiben uns nach Stunden wogenden Hin und Hers endlich ins Zentrum der Stadt in die Nähe de Basilika des Patriarchen spülte, noch in der Art, wie unser späterer Gastgeber Arcadius seinen seelsorgerischen Pflichten nachzukommen suchte, geschweige denn in den nur wenig gezügelten Umgangsformen, in denen man sich hier bis hinauf in die höchsten Familien der Stadt gefällt.
Der uns von Taphos empfohlende Arcadius bewohnt ein recht großes Haus in der Nachbarschaft der Basilika. Insgesamt zehn dienstbare Geister sorgen hier für sein eigenes wie das leibliche Wohl seiner meist zahlreichen Gäste. Die meisten Pfarrhäuser hier sind von ähnicher Größe. Kein Theologe innerhalb des weiten Römerreiches, der hinsichtlich seiner wissenschaftlchen Bildung und Interessen auf sich hält, der seinen Studien nicht im Klima deser geistigen Metropole den letzten Schliff zu geben sich wünschte. Kaum ein Tag, an dem nicht einer dieser Fremden eines dieser Antiochianer Pfarrhäuser als Anlaufstelle und Unterkunft aufsuchte - wie wir auf unseres Freundes Empfehlung hin nun ja auch.
Meist sind es verwitete oder unverheiratete Gemeindemitglieder und aus den unterschiedlichsten Gründen versprengte Existenzen, die das Leben in diesen Pfarrhäusern organisieren.
Ihnen begegneten wir zuerst, als wir an des Arcadius Tür klopften. Mehr als die Hälfte von ihnen waren jüdischer Herkunft.
Die römische Herrschaft über Palästina hatte seit dem letzten vergebichen Aufstand der Juden (70 n.Chr.) großen Teilen besonders der Jrusalemer Bevölkerung die Lebensgrundlagen entweder ganz geraubt oder diese doch eingeschränkt, daß viele gezwungen waren, in der Fremde ihr Auskommen zu suchen.
So auch die Vorsteherin des basilikalen Pfarrhaushaltes, in den Irunifer und ich dank der Empfehlung unseres Freundes hineingeraten waren. Elisabeth heißt sie, eine stattliche Frau von vielleicht 40 Jahren.
Einst hatte eine der die Gegend um das verarmte Jerusalem immer wider unsicher machenden Räuberbanden das junge Mädchen geraubt und in die Sklaverei verkauft. So war sie vor mehr als 20 Jahren in Antochia gestrandet und 10 Jahre später von ihrer syrischen Herrin freigelassen worden. Diese hatte sie dem Christentum zugeführt, und so war Elisabeth zur Gemeinde des Arcadius gestoßen. Der hatte gerade eine Küchenmagd gesucht und sie in Lohn und Brot genommen. Ihr Mann Markus, ein stämmiger Syrer, den Arcadius einst als Waisenknaben bei sich aufgenommen hatte, versieht schon seit Jahren die entsprechenden hausmeisterlichen Aufgaben und versorgt das Vieh. Beide sind kinderlos geblieben.
Nach ihrer Heimatstadt Jerusalem unterhält Elisabeth seit ihrer Aufnahme im Hause des Arcadius wieder regen Kontakt. Die vielen Fremden, die des Priesters Gastfreundschaft suchen, hatten damals den Brückenschlag nach der südlichen Heimat leicht gemacht.
Dort betreibt ihre Schwester Magdalene eine bescheidene Herberge. Die Wiedersehensfreude der beiden Schwestern war unbeschreiblich gewesen. Und bis heute verstehen sie sich gut, obwohl Magdalene unbeirrbar an ihrem jüdischen Glauben festhält.
Daß die beiden sich über ihrem unterschiedlichen Glauben nicht entzweit haben, verdanken sie vor allem der Unverkrampftheit, mit der Arcadius, Elisabeths brüderlicher Herr, alle Glaubensfragen handhabt.
Anders als viele seiner antiochianischen und auch sonstigen Priesterkollegen hält er es nämlich für vollkommen überflüssig, ja unchristlich, all jene unter seinen Mitmenschen mit Abschätzigkit zu behandeln, die nach wie vor ihren traditionellen jüdischen Glauben dem neuen christlichen vorziehen. Wann immer eines seiner christlichen Gemeindeglieder sich dazu versteigt, seinen jüdischen Nachbarn oder auch Konkurrenten nicht im Geiste christlicher Nächstenliebe, sondern in hochmütger Glaubensgewissheit oder gar mit dem Vorwurf zu begegnen, es seien schließlich Menschen jüdischen Glaubens gewesen, die Jesu Kreuzestod herbeigeführt hätten, staucht er es polternd zusammen.
Magdalena ist deshalb ihrerseits oft in Antiochia zu Gast. Gerade die Ostertage aber, das jüdische Pesachfest, verlangen ihre Anwesenheit in Jerusalem. Die Ruinen des Jerusalemer Tempels sind ihr und ihren im ganzen Reich verstreuten Glaubensgenossen heilig wie einst ihren Vorfahren sein unzerstörter Glanz. Wo immer ein jüdischer Kaufmann es einrichten kann, die bescheidenen Produkte Palästinas in seine Handelsgschäfte einzubeziehen, strebt er danach, die Zeit um das Pesachfest herum für solche Aktivitäten zu wählen.
Magdalenas Herberge geht eigentlich nur in diesen Tagen wirklich gut. Das Jahr über hat sie es vor allem mit römischen Besatzungssldaten zu tun.
Seit im Lande Friedhofsruhe herrscht, ist deren Dienst dort denkbar ruhig, aber auch so langweilig, daß die Trunksucht der römischen Soldateska schon sprichwörtlich geworden ist. Mehr als einmal haben sie Magdalena die ganze Herbergseinrichtung zusammengeschlagen. Ihr Mann war einigen dieser Randalierer einst verzweiflungsvoll entgegengetreten und hatte seine Unvernunft mit dem Leben gebüßt. Einen Monat zuvor hatte er seine letzten Ersparnisse in die bereits fünfte Wiederherstellung seiner bescheidenen Schankstube stecken müssen! Dieser Überfall würde ihn vollends ruinieren. Nun würde er sich Geld leihen müssen, das für arme Juden nur zu Wucherzinsen zu haben war. Wie sollte er je wieder auf die Beine kommen? Welche Alternative gab es also, als sich zu wehren? - Der Totschlag hatte die Randalierer zur Besinnung gebracht. Ein guter Teil der Einrichtung war verschont geblieben. Die Lebensgrundlage hatte Simon seiner Frau also gerettet. Aber um welchen Preis!
Seit sie Witwe ist, sind Magdalene und ihre Tochter Sarah nun darauf angewiesen, daß ihr Sohn Judas seine Aufmerkamket teilt zwischen der Tuchweberei, die er selbst unterhält, und dem elterlichen Gastwirtsgewerbe. Magdalena und Sarah gehen dafür umgekehrt ihrer Schwiegertochter und Schwägerin Rahel zur Hand in Zeiten, in denen die Soldaten Dienst haben und kaum Fremde jenes Land bereisen, dem die Römer einst wie keinem sonst das Rückgrat gebrochen haben. Ohne die Herbergseinnahmen müßten sie alle nur zu oft hungern.
Zwei andere von Magdalenas noch unverheirateten Töchtern haben sich als Mägde auf einer der Dattelplantagen in der Nähe des Jordans verdingen müssen, einem der Latifundienbesitze eines zu Geld gekommenen römischen Provinzbeamten. Magdalena bekommt sie kaum mehr zu Gesicht. Es wird ein kärgliches Leben bleiben, das vor den beiden Mägden liegt.
Besonders Irunifer hat Elisabeth über die Geschichte ihrer Familie und ihres Volkes während unseres Aufenthaltes in den Mauern Antiochias oft und oft ins Gespräch gezogen.
Nachdem wir es auf unserer bisherigen Reise vor alem mit Witwern zu tun hatten, und die einzige Perserin, mit der wir in nähere Kontakt gekommen waren, in ihrer Zugeknöpftheit uns Christen gegenüber kaum zu überbieten gewesen war, ist meine liebe Frau ganz ausgehungert n ach einer weiblichen Gespächspartnerin.
An der Seite ihrer resoluten Altersgenossin durchstreift sie seit unserer Ankunft die Märkte der Stadt und sie unterhält sich mit Wonne mit den vielen Schützlingen Elisabeths, die Arcadius auch als Katechetin zur Hand geht und die jüngsten Gemeindemitglieder mit dem Glauben ihrer oft zu beschäftigten Eltern näher bekannt macht, bis sie zu vollgültigen Mitgliedern der christlichen Abendmahlsgemeinde herangereift sind.
Arcadius selbst nun hat ein erheblich weiteres Aktionsfeld als Du, der Du eine unserer alexandrinischen Randgemeinden betreust.
Seine basilikale Gemeinde setzt sich vor allem aus den führenden Familien der Stadt zusammen. Deren Meinungen über den Weg, den ihre Kirche sinnvollerweise einschlagen solle, sind so strittig wie die der Alexandriner. Viele neigen hier, wie auch im syrischen Hinterland, zum Arianismus.
Die antiochianische Kirchenführung dagegen tritt für die Konzilsposition ein und setzt auf die einigende Kraft von Seelenfischern wie Arcadius.
Er versteht es, das ja auch mich so faszinierende Glaubensgeheimnis, auf dessen Wahrheit das Konzil von Nicäa in so ausdrücklicher Abwehr des Arianismus bestanden hatte, mit einer Inbrunst zu vermitteln, die viele hier nachdenklich stimmt. Und er vermeidet es, Andersdenkende zu verurteilen oder sonstwie vor den Kopf zu stoßen.
Als bedächtiger und liebevoller Beichtvater ist er in seiner Gemeinde ebenso geschätzt wie als Prediger. Und daß er zu denen gehört, die in der Armenfürsorge neue Akzente zu setzten versuchen, rechnet man ihm allseits hoch an:
Seit die Staatskassen, bzw. hier in den Provinzen die Privtschatullen der städtischen Dekurionen (Beamten ohne Gehalt), leerer geworden sind, ist es schwerer geworden, die städtischen Unterschichten ruhig zu halten.
Brot und Spiele - das lange Zeit so wirkungsvolle Herrschaftskonzept des Reiches den verarmten städtischen Unterschichten gegenüber, für die in den großen Städten niemals genügend Arbeit zur Verfügung stand - niemand kann sie so recht mehr bezahlen.
Außerdem hat nach christlicher Überzeugung die Sorge um die materielle Not der Mitmenschen nicht die Sache irgendwelcher städtischen Beamten zu sein. Teilen ist schließlich eines der zentralsten Gebote christlicher Lebensführung! Nur wer sein Herz nicht allzu sehr an irdische Güter hängt und sich einen wachen Blick für die Not seiner Brüder und Schwestern behält, darf schließlich für sich dereinst einen Anteil am Paradies erhoffen. Arcadius läßt deshalb keinen Gottesdienst vorübergehen, ohne Almosen zu sammeln, um mit ihrem Erlös die Armen der Stadt zu speisen und ein Haus zu unterhalten, in dem Gebrechliche Pflege finden können, die niemanden haben, der sich um sie kümmert.
Als einer der Gesandten des hiesigen Patriarchen hat Arcadius überdies nicht selten auch ganz offiziell mit den hier in Antiochia konzentrierten Amtsträgern von Stadt und Provinz zu tun.
Immer selbstbewußter dringt der Patriarch darauf, daß christliche Glaubensüberzeugungen, wie sie mittlerweile durch die großen Kirchenversammlungen erarbeitet seien, künftig die Grundlage politischer Entscheidungen und Zielsetzungen zu bilden hätten.
Es gälte, endlich die üblen Praktiken bei den überall im Reich so beliebten Gladiatorenspielen zu humanisieren. Es gälte, das so großartige römische Recht in christlichem Sinne weiterzuentwickeln. Es gälte, den Priestern bei der Beamtenschaft in Stadt und Land ein offenes Ohr zu verschaffen, wo unangemessene Beamten- und Soldatenwillkür den Gemeindemitgliedern das Leben erschwere.
Eine wichtige Informationsquelle für alles, was in der Residenz des Provizpräfekten vor sich geht, ist Arcadius bei seinen verschiedenen politischen Missionen sein Schwager Laertes. Als Leibgardist des obersten Provinzherrn hat er ein wachsames Auge auf jeden Besucher. Manchem der regelmäig hier eintreffenden kaiserlichen Legaten ist er freundschaftlich verbunden. So weiß er nicht zuletzt auch viel über alles, was aus Konstantinopel kommt: Krieg oder Frieden, neue Steuern, der Befehl, mehr Soldaten als bisher auszuheben, die Einforderung der verschiedensten, vom Kaiser nur denkbar niedrig bezahlten Warenliefrungen, aber auch Zuwendungen für diesen oder jenen Prunkbau, der der Bevölkerung die Macht und Strahlkraft ihres Kaisers verdeutlichen soll, oder für die Einrichtung neuer Legionslager mit entsprechenden Befestigungsanlagen - das alles wurde den Provinzen des Ostens zumeist per Erlaß aus Konstantinopel auferlegt bzw. angekündigt..
Arcadius hatte mit dafür zu sorgen, daß die Kirche Syriens nicht ungehört blieb, wenn es an die Ausführung der höchsten kaiserlichen wie auch der regional notwedig erscheinenden Vorhaben ging.
Mehr als einmal freilich, mein lieber Antonius, habe ich meinen Gastgeber in Fragen der Kirchenpolitik in Sonderheit einigermaßen verzweifelt erlebt:
In solchen Fällen vermag ihn offenbar seine Schwester Agnes am besten zu trösten. Ein ganzer Stall voll Kinder schart sich um die lebhafte Frau des drahtigen Laertes. Mit dem entwaffnendsten und fröhlichsten Humor, den Du Dir denken kannst, weiß sie jeden Streithahn, sei er Kind oder Erwachsener, so zu beschämen und ihn gleichzeitig aufs Herzlichste anzunehmen, daß für Verbissenheit und Verbitterung kein Raum mehr bleibt. Von ihr kann Arcadius sich, sobald er nicht mehr so recht weiter weiß, nicht oft genug sagen lassen, daß Gott nicht auf unsere Irrtümer schaue, sondern auf die Liebe, mit der wir noch dem in unseren Augen verirrtesten unserer mItgeschöpfe zu begegnen suchten. Dann würden selbst unsere Irrtümer die schönten Früchte tragen.
Du fragst, was Deinen antiochianischen Amtsbruder in solchen Momenten großer Niedergeschlagenheit umtreibt?
Er hat sich in hohem Maße einspannen lassen von den großen Theologen und Kirchenführern seiner Zeit für die viele Christen in ihren Bann ziehende Idee eines christlichen Weltreiches. Einen großen Teil seiner Kraft stellt er den entsprechenden Bemühungen seines Patriarchen zur Verfügung. Daß er dafür angefeindet wird, belastetet ihn persönlich nur in Maßen.
Was aber, wenn sich die Kluft zwischen den von kaiserlicher Seite immer wieder stark beeinflußten provinzialen Kirchenführungen und der Masse der syrischen wie auch ägyptischen Christen im Streit um die Natur Jesu nicht würde schließen lassen?
Was gar, wenn sich der Streit der Patriarchen untereinander um ihre Stellung in der Gesamtkirche eines Tages vertiefte? Heute schon beansprucht ja - in Alexandria findet das, wie Du weißt, fast noch weniger Zustimmung als hier in Antiochia - der Patriarch von Rom den ersten und einflußreichsten Platz unter den Patriarchen und Bischöfen der christlichen Kirche! Als Bischof der Stadt Rom sei er Nachfolger des heiligen Petrus, jenes Apostels, den Jesus einst als den ´Fels´ bezeichnet hatte, ´auf den er seine Kirche bauen wolle´. Wie Petrus einst, so sei jeder von dessen Nachfolgern im Amt des Bischofs von Rom nach dem Willen Gottes der erste unter den priesterlichen Stellvertretern Jesu auf Erden. Ihm obliege als ´papa´ die väterliche Führung der gesamten Christenheit einschließlich des Kaisers.
Die Patriarchen der drei Ostprovinzen sind damit, wie Du weißt, keineswegs einverstanden. Kirche sei und bleibe die Gemeinschaft aller Gläubigen. Diese müsse sich in einem kollegialen Miteinander der 4 Patriarchen abbilden.
Auch Arcadius ist dieser Auffassung, räumt aber ein, daß die Position des Papstes als die wohl konsequenteste Weiterentwicklung der mittlerweile reichlich monarchisch organisierten Bischofskirche unserer Tage gelten könne. Allzu sehr sei mittlerweile die Macht der Bischöfe und Patriarchen derjenigen weltlicher Könige nachgebildet.
Sei sie da wirklich besser, die Position, für die die konstantinopolitanischen Kleriker und Theologen mehr und mehr würben? Der noch über die Kirchenfürsten gestellte Kaiser als das in den Dienst des einen Gottes gestellte Haupt aller Christen?
Täten sich da nicht allenthalben endlose Führungsstreitigkeiten auf?
Würde die gerade zu beeindruckender Größe herangewachsene christlich Weltkirche über diesen kaum vereinbaren machtpolitischen Gegenpositionen gar eines Tages auseinanderbrechen? Ziehe da nicht schon von Ferne der Tag herauf, an dem sich alle heutigen Bemühungen um die Einheit der Christen als letztlich vergeblich herausstellen würden?
Gehe er, Arcadius, also nicht gerade den falschen Weg, wenn er sich in den Dienst eines allumfassenden Brückenschlags zwischen Kirche und Welt stelle? Vielleicht sei es ja doch das Richtige gewesen, die erwartungsfrohe Weltabgewandtheit der frühen Christen?
Umgekehrt sei es faszinierend, wie viele Menschen sich durch eine auf Weltreichsebene organisierte Großkirche von der Frohbotschaft Christi erreichen ließen. Jesus habe schließlich die gesamte Menschheit angesprochen mit dem, was er seinen Jüngern gepredigt hatte!
Es ist also rundum steiniger, als wir es uns zumeist klarmachen, das Leben von uns Christen in dieser Welt!
Nun, am Ende meines Antiochianer Aufenthalts, weiß ich weniger denn je, welche Entwicklung ich mir für unsere Kirche und für unsere Welt wünschen soll.
Unser Aufbruch steht übrigens unmittelbar bevor.
Paulus, der älteste Sohn des Laertes und der Agnes, brennt darauf, ein wenig Hauptstatdtluft zu schnuppern, bevor er beruflich in die Fußstapfen des Vaters tritt und Berufssoldat wird.
Außerdem lebt sein bester Freund seit zwei Jahren in der östlichen Reichshauptstadt. Der Vater, ein Kollege des Laertes, war in die kaiserliche Prätorianergarde berufen worden. Vielleicht schaffen es die beiden Freunde ja, von Konstantinopel aus ein und derselben Einheit zugeteilt zu werden! Vorläufig kennen die ehrgeizigen Träume der beiden keine Grenzen.
Irunifer und ich mögen den lebhaften Jungen. Er interessiert sich für die großen Glaubensstreitfragen, die seinem Onkel manchmal so schwer auf der Sele lasten, im Grunde überhaupt nicht. Er begnügt sich damit, nach besten Kräften einfach in Christ sein zu wollen, so gut er es seiner eher tatendurstigen, denn nachdenklichen Natur gemäß eben verstehe. Daß das römische Kaiserreich sich in ein christliches Weltreich zu wandeln begonnen hat, ist ihm nur recht. Jetzt hätten endlich auch Christen einen problemlosen Zugang zu Positionen, die ihnen früher oft verwehrt gewesen seien. Der Junge ist so von Grund auf hilfsbereit und freundlich, voll entschlossener Umsichtigkeit bei allem, was die Organisation unserer Schiffsreise beispielsweise anbetraf, so empörungsfähig, wenn er inbesondere von soldatischen Ausschreitungen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen wie einzelnen hört, daß wir alle froh sein können, wenn Menschen wie er es schaffen, in den Heeren des Imperiums führende Positionen einzunehmen.
Unterkommen werden wir in Konstantinopel bei einer Schwägerin des Laertes, Aurelia, und deren Mann Probus. Die beiden betreiben im früheren Byzanz eine nach allem, was zu hören ist, einträgliche Gastwirtschaft.
Die seit einer Reihe von Jahrhzehnten ausgebaute östliche Kaiserstadt unseres Römerreiches - das seit 328 n.Chr. auf den Trümmern des 199 n.Chr. zerstörten Byzanz errichtete Konstantinopel - wird für uns so manches vom Glanz wie vom Elend des Lebens in unseren Tagen sichtbar werden lassen, das sich von der Lebenswirklichkeit in den östlichen Reichsprovinzen Ägypten und Syrien einigermaßen unterscheiden dürfte.
Vor die Wahl gestellt , den Wasser- oder den Landweg einzuschlagen, haben Irunifer und ich uns für ersteren entschieden. Die Strapazen unserer Fahrt durch das syrische Hinterland sind uns noch in zu unangenehmer Erinnerung. Da nehmen wir lieber ein wenig Seekrankheit in Kauf.
Außerdem soll das Adriatische Meer so gänzlich anders sein als das Zusammenspiel von Land und Meer, wie es sich an den Gestaden Alexandrias beobachten läßt. Wir beide wollen ihn unbedingt erleben, den unvergleichlichen Himmel, unter dem das Griechentum, das unser ägyptsches Leben so von Grund auf geändert hat, einst gewachsen ist. Und die eine oder andere der hochberühmten kleinasaitischen Griechenstädte wollen wir auf unserem Wege wenigstens für jeweils eine Übernachtung schon anlaufen. Es drängt mich sehr, die unvergleichliche Leichtigkeit griechischer Stadtbaukultur einmal in möglichst großer Ursprünglichkeit auf mich wirken zu lassen.
So sei mir fürs erste auf das Herzlichste gegrüßt und zügele sie auch weiterhin, die manchmal übergroße Ungeduld, die Dich in den großen religionspolitischen Streitfragen unserer Zeit in Unruhe versetzt. Übereile nichts! Der Friede Jesu Christi sei mit Dir und Deiner Gemeinde!
Dein zuweilen etwas trauriger, dadurch in seiner Neugier auf die Welt und ihre Etwicklung aber keineswegs beeinträchtigter Freund
Kainofer