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Bespitzelungsklima:

 

 

doku-logo.gif (3692 Byte)Melita Maschmanndoku-logo.gif (3692 Byte)Befehl 1136

 

 

 

 

Spitzeldienst

Als ich im Herbst 1937 aus dem Arbeitsdienst entlassen war, wollte mich die Gestapo zu einer Art Agententätigkeit zwingen. Einer ihrer Mitarbeiter erschien am Tag nach meiner Heimkehr aus Ostpreußen in der Wohnung meiner Eltern und kam von da an wochenlang täglich, um mich unter Druck zu setzen. Von ihm hörte ich, daß für den 1. November die illegale Neugründung einer Jugendgruppe geplant sei, die biindisch-kommunistiscbe Tendenzen vertreten werde. Die Gründung solle in deinem Elternhaus (Melita Maschmann schreibt an ihre üdische Freundin) stattfinden, weil deine Briider zu den Fiihrern der Gruppe gehörten. Diese Vorgänge sollte ich beobachten.

 

Der Gestapobeamte erklärte mir, es sei festgestellt worden, daß ich der einzige zuverlässige Nationalsozialist sei, der Kontakt mit eurer Familie gehabt habe, und man erwarte daher von mir, daß ich mich in die Gruppe einzuschleichen versuche, um sie zu überwachen.

Ich lehnte dieses Ansinnen schroff ab. Es sei mir unmöglich, ehemalige Freunde zu bespitzeln, außerdem sei ich auch nicht verschlagen und diplomatisch genug für eine solche Betätigung.

Mehrere Wochen lang wurde ich täglich von neuem bedrängt, schließlich wurde meine nationalsozialistische Gesinnung in Frage gestellt. Eines Tages wurde ich zu der höchsten Berliner BDM-Führerin gerufen, und ihr, die ich seit Jahren kannte und schätzte, gelang es, mich davon zu überzeugen, daß es meine Pflicht sei, den von mir geforderten Dienst zu leisten. Nichts sei verständlicher als mein Widerstreben, aber meine ehemaligen Freunde wirkten mit an der inneren Zersetzung der Jugend durch kommunistisch-bündiscben Geist. Wer die Jugend irremache in ihrer nationalsozialistischen Gesinnung, gefährde die Zukunft Deutschlands.

Ich habe dann einen Versuch gemacht, unter der Vortäuschung, daß ich mich vom Nationalsozialismus gelöst hätte, wieder Kontakt mit dir aufzunehmen. Einer großen Güte meines Schicksals verdanke ich, es, daß der Dienst, zu dem ich mich durchgerungen hatte, mißlang. Er scheiterte an meiner Unfähigkeit, als Agentin tätig zu werden. Wahrscheinlich stand es mir auf der Stirn geschrieben, daß ich log, als ich wieder bei euch auftauchte und über die Nazis zu schimpfen begann.. An dem Abend, für den die Neugründung der Gruppe geplant war, verschaffte ich mir unter einem Vorwand Einlaß in dein Elternhaus. Aber es gelang mir nur, mit dem Hausmädchen zu sprechen. Niemand sonst ließ sich blicken, und ich hatte nicht die Frechheit, dazubleiben, obwohl ich von dem Mädchen nicht abgewiesen wurde. Vor dem Haus wartete der Gestapobeamte auf mich und schickte mich schimpfend fort. Nie wieder hörte ich etwas von diesen Leuten. Meine Untauglichkeit zur Mitarbeit bei ihnen galt wohl als ausreichend erwiesen.

 

Erst nach 1945 erfuhr ich von meiner höchsten ehemaligen Vorgesetzten in der Reichsjugendführung, daß damals erwogen wurde, mich wegen dieses Mißerfolgs aus der Hitler-Jugend zu entfernen. Man behielt mich schließlich, wohl weil ich als Pressefachkraft gebraucht wurde. Die letzte Nachricht, die ich von dir bekam, brachte mir dein Vater am Morgen nach jener Nacht, in der euer Haus durchsucht und zwei von deinen Geschwistern verhaftet worden waren. 'Während ich es unterlassen hatte, euch vor der Gefahr, die ich auf euch zukommen sah, zu warnen, wolltest du mich vor Ungelegenheiten bewahren. Du ließest mir ausrichten, daß deine Tagebücher beschlagnahmt worden seien, in denen du aber unsere Gespräche berichtet hattest. Ich sollte keinen Versuch machen, die illegale Mitgliedschaft deiner Brüder in einer Gruppe der biindischen Jugend zu leugnen.

 

Es ist nachträglich kaum zu verstehen, daß mir diese Nötigung zum Spitzeldienst an meinen Freunden die Augen nicht geöffnet hat. Damals habe ich sehen können und hätte erkennen müssen, mit welchen Mitteln gegen alle Jugendgruppen vorgegangen wurde, die sich nicht in die Hitler-Jugend einreihten. Aber ich habe erst etwa fünfzehn Jahre später begriffen, welch einen Wert die Selbständigkeit des Denkens und die Freiheit des Handelns bedeuten.

(Melita Maschmann, Fazit. Kein Rechtfertigungsversuch)

 

 

 

 

Befehl I136

Für die Beauftragten:

Betrifft Bubenrudel. Wie ich bereits in der Führertagung vom 4. und 5. Juli ausgeführt habe, soll zukünftig das Bubenrudel weiter ausgebaut werden, um den Abwehrkampf gegen die Zersetzungsarbeit der katholischen Aktion besser fahren zu können. Da hierbei äußerst vorsichtig zu Werke gegangen werden muß, darf in der Auswahl der Führer keine Vorsichtsmaßnahme außer acht gelassen werden. Nur solche Führer, die vom SD überprüft wurden und außerdem, soweit es sich um Lehrer handelt, vom NSLB als geeignet beurteilt wurden, können für diese Arbeit verwendet werden.

Die Arbeit, die ihnen zufällt, ergibt sich aus der Aufgabe:

1. Unmerkliches überwachen des Religionsunterricbts bzw. der sog. Bibelstunden unter Feststellung der jeweiligen täglichen Tendenz.

2. Gründung sog. Erzählerkreise zur Erfassung derjenigen Altersstufen (7-9jährige), die durch die Gegenarbeit weltanschaulich am meisten gefährdet seid.

(Freiwillig - je besser d. Erzähler, desto größer sein Zuhörerkreis.)

3. Entgegenwirken einer Minderwertigkeitstendenz in der Bibelstunde am Vormittag durch Erzählen von Anekdoten, Sagen, Kurzgeschichten aus der Bewegung und der deutschen Geschichte nachmittags, die in der gleichen Weise heroische Weltanschauung vertreten.

4. Damit verbunden: Spiele, Bastelarbeit, Singen von Klotzliedern usw.

5. Auftreten als Autoritätspersonen gegenüber den Eltern als Ausgleich des Einflusses unseres Gegners. -

Deshalb einwandfreie Lebensführung und absolutes Vorbild für die Kleinen im Hinblick auf die schwere

Verantwortung. Zwang darf in keiner Weise angewendet werden.

Die Beauftragten sehen sich um geeignete Leute um, holen über dieselben bei obenbezeichneten Stellen vertrauliche Beurteilung ein. Behörden und sonstige Stellen sind unter gar keinen Umständen mit dieser Sache vertraut zu machen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich anführen, daß alle Beobachtungen, auch die kleinsten, aber die Arbeit der katholischen Aktion an mich persönlich unter Umgehung des Dienstweges von allen Führern zu melden sind. Von mir aus werden sie dann allen in Frage kommenden Stellen zusammengestellt zugeleitet.

Nur belegte Ereignisse sind brauchbar ...

Dieses Rundschreiben ist absolut vertraulich zu behandeln.

gez. Otto Würschinger

Der Führer des Jungbannes 306

 

 

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