AMOK - DER VERZWEIFELTE EFFIZIENZ-AKT GEGEN EIN LEBENSGEFÜGE ZWISCHEN EFFIZIENZ-WAHN UND EFFIZIENZ-FLUCHT
gedanken zur erfurter bluttat vom 26.4.2002 / gabriele weis
... PLÄDOYER FÜR EINE WIEDERBELEBUNG UNSERER EHRFURCHTS-POTENTIALE
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allem, was existiert, uns eingeschlossen, begegnen wir am ende entweder in uns - oder wir begegnen ihm nie.
mit unserem inneren sinn entwerfen wir uns,
was immer wir mit unseren äußeren sinnen wahrnehmen und in uns hineinlassen...
- - wofern es bloße zerrbilder sind, die dabei heraus kommen, ...
... gibt nicht selten ein selbstempfinden den zerrspiegel ab,
das um die als hochschmerzlich erlebte vorstellung kreist, ...
... ihre kleinheit, unbedeutenheit und gefährdetheit ...
- in einer welt, in der alle sich selbst und einander darauf polen, die wege zu anerkennung verschaffenden zielen tag für tag in ihrer effizienz beherrschbarer zu machen -,
... könnten nur diejenigen in irgendeine art von größe wandeln,
die für sich ein aktionsfeld fänden
- ganz gleich welches -,
wo auch ihnen der gewinn durchschlagender effizienz winke - -
- - wo so motivierte zerrbilder im spiel sind, ...
- und machen wir uns nichts vor, wir alle basteln tagtäglich und keineswegs nur medial kräftig an ihnen ! -
... entsteht der glaube
- und auch ihn pflegen wir wieder und wieder aufs verhängnisvollste ! -,
... auf´s fürchten setzen zu müssen,
/ statt auf ehrfurcht
- auf jenes achtungsvolle erschauern vor den ebenso furcht- wie fruchtbaren kräften der wohl antast-, aber nicht aufhebbaren unverletzlichkeit in allem existenten also, das alle kulturen kennen - ...
... auf angstfixierte, scheinbar machtvolle abwehr,
/ statt auf offenheit, zugewandtheit und spielfreudiges räume-schaffen
...auf die angeblich unschlagbare effizienz von fäusten und waffen, noch einmal steigerbar durch automatisierungs-trainings, die alle übrigen komplexitäten ausblenden (helfen),
/ statt auf unser volles menschsein und die kraftfülle, die uns in unserm innern und im wege eines lebendigen wechselspiels mit der welt um uns herum erwartet, sobald wir ernst nehmen, was alles denn wir zu geben hätten und gerne in uns hineinlassen würden, würden wir darauf bestehen, mehr zu sein als hier und da mehr oder minder effizient agierende rollen-exekutoren - -
( nicht nur einzelne laufen über solchem fürchten und kraftmeiern dann fallweise amok - - ganze gesellschaften oder weltteile tun es zuweilen nicht minder! )
nichts aber
nährt unsere lebendigkeit mehr
als eine uns selbst und einander befreiende
ehrfurcht
vor der immensen wahrnehmungs- und gestaltungsfähigkeit in allem,
was einen jeden von uns auf jeweils einmalige weise ausmacht...
nie sind wir kraft- und machtvoller, als wenn wir
voller ehrfurcht vor den möglichkeiten und grenzen in und um uns
dahin finden,
unseren frieden zu machen mit dem,
was uns und anderen schiefgeht - uns ´kleiner´ erscheinen oder ´erschreckender´ werden läßt als andere.
und nie sind wir verzagter und ohnmächtiger,
als wenn wir unsere zuflucht zu abschätzigkeiten, verurteilungen und gewalttätigkeiten nehmen
- um ´größe´ und ´kraft´, notfalls auch ´zwingherrschaft´ zu markieren und zu beanspruchen.
alles verdient unsere ehrfurcht...
... und also unsere demütige aufmerksamkeit jenseits wohlfeiler verurteilungen:
unsere stärken wie unsere schwächen, unsere schönheit wie unsere fratzenhaftigkeit, unser reichtum wie unsere ärmlich- und erbärmlichkeit, unsere taten wie unsere untaten ...
- - denn nur vermittels unserer ehrfurcht ballancieren wir uns selbst und einander aus ohne fatal sich verfestigende über- und unterschätzungen ...
- - nur vermittels unserer ehrfurcht gewinnen wir uns ein gespür dafür, daß ein jeder von uns nichts hat und ist und tut, was er nicht zugleich auch nicht hat und nicht ist und nicht tut ...
- - und nur vermittels unserer ehrfurcht öffnet und weitet sich unser blick für die immer neuen dimensionen unserer kein vielfalts-ende kennenden je individuellen wie gemeinsamen spielräume.
- wir alle haben immer mehr größe und würde, als wir wahrzunehmen pflegen -
gewiß: da ist zuweilen unerträglichste enge, da ist verlust... da ist wieder und wieder unsicherheit - besonders selbstredend dort, wo menschen einander beeinträchtigen oder gar vernichten ...
... und die bange frage, wie wir schutz finden und geben können - und wie leben und sterben, wo niemand und nichts zu schützen vermochte...
dergleichen durchmachen zu müssen, stößt uns in beklemmung und atemlosigkeit, einsamkeit und blindheit...
... und manchmal geraten wir darüber in erstarrungen voller explosivität ...
aber: enge, verlust, unsicherheit behalten und potenzieren ihren schrecken nur, ...
... solange wir sinne und sinn verschließen
für die weite, den gewinn und die sicherheit, mit denen sie uns zugleich bekannt zu machen vermögen - und nichts wie sie - ...
... nichts ersetzt dabei ein anderes ... es schließt sich an ... wird uns zuteil, ob wir wollen oder nicht - die verwandlung unserer existenz im tod fallweise inbegriffen ...
... und es erschließt uns altes und neues gleichermaßen ...
- - hilflos wütend oder perspektivlos niedergeschlagen sind wir,
wo wir in grenzenlos unvertrautes zu fallen meinen,
weil wir uns und anderen abverlangen,
als unvereinbar zu erleben, was uns doch sekündlich
- seinerseits unaufhebbar ineinanderschwingend -
in immer neu belebender schwingung hält:
trauer und freude, schmerz und lust, angst und mut, langeweile und begeisterung, schwäche und stärke, entsetzen und angerührtsein, distanz und nähe, rache und versöhnung, begrenztheit und freiheit, blindheit und hellsichtigkeit ...
keiner, dem dieses vielschichtige ineinander nicht tief vertraut wäre und dennoch zugleich auch immer neu befremdlich, ...
... weil im wechsel all der augenblicke, aus denen der fluß unseres lebens besteht, hochbeweglich und hochverläßlich wieder und wieder mit der unendlichen vielfalt unserer je aktuellen und nie versiegenden anverwandlungskraft verknüpft...
wir können zwar allerlei verspielen, anderen uns oder auch etwas versagen und so bis dahin durchschrittener resonanzräume verlustig gehen, wir können verletzen und töten (und tun es) sowie unsererseits verletzt oder gar getötet werden (und werden es) - ...
... in allem, was uns solcherweise unterläuft und zustößt, bleibt unser potential das von
- mindestens ebenso findigen und liebesfähigen wie fehlbaren und rücksichtslosen -
m e n s c h e n ,
nicht das von so oder so gefesselten, auf das eine oder das andere fixierten rollen-exekutoren...
daß wir uns oft genug versteigen in unseren bedürfnissen, in unseren aktionsfeldern, in den blickwinkeln, die wir anstreben oder aus denen wir lange nicht herausfinden, gehört zu unserem menschsein...
daß wir gar unglaublich viel hilfe füreinander haben, sobald wir auch nur ein stückchen begegnung in ehrfurcht suchen, nicht minder...
daß wir am ende nicht alle zu halten und heilen vermögen, die dessen bedürften, oder zu geben und zu nehmen, wonach uns der sinn steht, daran hängen die last wie die lust unserer tage gleichermaßen ... und darüber hinaus überhaupt die möglichkeit unserer existenz...
frieden machen ...
... mit unserer fehlbarkeit...
...und dem je individuellen spannungsgefüge widersprüchlichster empfindungen,
dem wir unsere bewegungsfähigkeit verdanken,...
... mit unseren begrenzten kräften :
... heißt begreifen, daß wir keine drängenderen lehrmeister für unsere findigkeit haben als unsere untaten und sonstigen verirrungen und den vielfältigen schmerz, den sie bereiten - und keinen schwungvolleren und beglückenderen als den mut zu uns selbst und zu einander ...
... heißt begreifen, daß wir nichts lindern und weder uns selbst noch einander erreichen, allenfalls einen zumeist höchst explosionsgefährdeten schutz,
wenn wir angesichts welchen unrechts auch immer glauben eintreiben und abstrafen zu dürfen oder gar zu müssen,
was andere uns (tatsächlich oder vermeintlich) vorenthalten oder angetan haben ...
--- und heißt lernen, daß keineswegs nothandlungen solcher art
- seien sie rechtsstaatlich noch so sozialverträglich abgefedert -
unser zusammenleben entscheidend tragen, ...
... sondern jene unter unseren aktivitäten,
über die wir unsere freude am schenken und beschenkt-werden, am befördern von wachsen und gedeihen sowie an uns selbst und einander belebendem gestalten ins spiel bringen und sie ins zentrum möglichst vieler unserer lebensspiele rücken...
... heißt begreifen, daß schließlich nichts uns nur zu oft schutzloser und nichts uns aggressiver macht
als die zäune unserer diversen meßlatten,
mittels deren wir uns der kontrolle verschreiben ...
--- statt einem regel-offenen wechselseitigen antwortspiel,
in dem wir einander grenze s i n d , statt grenzen zu setzen.
- - - und es heißt lernen:
j e w e n i g e r wir
das immer neu sich rhythmisierende aufeinander-zu, das miteinander wie voneinander-weg und selbst das gegeneinander unserer mal einsameren, mal gemeinschaftlicheren lebensbewegungen
durch die fatalsten gegenseitigen verurteilungsspiele
e n t z a u b e r n ,
desto s e h e n d e r werden wir
gegenüber unseren möglichkeiten...
stattdessen jedoch ...
... agieren wir in unzähligen lebensbereichen mehr oder minder verbissen,
als hielten wir einäugigkeit für eine besonders kultivierte form von effizienz,
als könnte uns jeder schweifend-aufnahmebereite und in vielfältiger zugewandtheit alternativen visionierende blick
von dem ablenken,
was uns anscheinend zuerst und zuletzt zu beschäftigen hat, wenn wir im bewußtsein anderer einen ungestörten platz und in unseren taschen mehr als nur kleingeld gewinnen wollen:
von einem ständigen rangeln um noch die brüchigsten kreditvorteile nämlich ...
dabei sollten wir unablässig erschrecken über die unmenge an wechselseitigen diskreditierungen, die sich in unser privates wie öffentliches kommunikationsgebaren eingeschlichen haben!
und wir sollten tag für tag heftiger darüber stolpern, in welchem ausmaß uns aneinander offenbar vorrangig beschäftigt, was wir uns wechselseitig vorzuwerfen oder voneinander einzufordern haben!
- ganze kataloge von leistungsdefiziten und verfehlungen machen wir doch weitenteils vor allem anderen tagtäglich zum unerschöpflichen gegenstand unserer privaten wie öffentlichen auseinandersetzungen ...
aufrütteln sollte uns schließlich die alltagserfahrung und -praxis,
daß wir geeigneten schutz vor den verbreiteten forderungs- und vorwurfs-übergriffen unserer umgebung dadurch zu finden hoffen,
daß wir so stromlinienförmig aufzutreten versuchen, daß allfälliger reibungsstreß sich möglichst minimiert,
zugleich aber so, daß wir möglichst viele der gängigen aufmerksamkeits-rituale, so weit es geht, zu unseren gunsten bedienen
- auch wenn wir uns ein tieferes wechselseitiges berühren und berührt-werden damit versagen ...
... denn zu fragen ist doch,
wie weit uns das alle unter eine spannung setzt,
über der sich die elastizität unseres empfindungsvermögens je länger je mehr verhängnisvoll zermürbt ...
... und unsere seelen sich in so etwas wie gepanzerte dampfdruckkessel mit viel zu ungeeigneten ventilen verwandeln für den überdruck, den wir vermittels solcher lebenspraktiken mehr und mehr in uns aufstauen!
sind wir uns wirklich im klaren darüber, wie viele gnadenlos-blinde wechselseitige vereinzelungs-, abwertungs- und verunsicherungs-spiele wir da in viel zu vielen bereichen unseres alltäglichen privaten wie öffentlichen lebens betreiben?
die ja ganz zurecht so vielbeschworene würde ´des´ menschen,
unsere würde ...
- angeblich haben wir sie ja ins zentrum unseres abendländisch-kulturellen strebens gestellt -
... verliert sie
über den vielen varianten von verirrtem effizienz- und korrespondierendem wegtauch-gebaren,
mit denen wir uns arrangiert haben, ja arrangieren zu müssen glauben,
nicht tag für tag ein stückchen mehr
an evidenz ?
wissen wir wirklich nicht,
wieviel vernichtungssehnsucht wir in einander zu krebsartigem wachstum bringen,
wenn wir einander jenen kredit für unsere gestaltungs- und austausch-sehnsüchte vorenthalten,
der da ehrfurcht, staunen, neugier, anregung und bitte, wunsch und variations-offenes angebot, ja spielfreude heißt?
/ ... und eben nicht: abwertung, verurteilung, diskreditierung, strafe?
glauben wir uns wirklich in unseren wechselseitigen vorwurfs- und forderungsspielen entlasten zu können dadurch,
daß wir
ein vergewisserungsspiel über das andere
betreiben darüber,
daß wir auf schritt und tritt ja schließlich (alles andere angeblich weit in den hintergrund drängend) auf ein nicht endendes ausmaß an menschlicher schäbigkeit stoßen?
und glauben wir wirklich, daß d o r t ,
wo alle mehr und mehr auf die kraft des prangers (wenn auch im koordinatensystem wohlaustrarierter rechtsstaatlichkeit) setzen zu müssen glauben, ...
... menschen, deren verbindungen zu ihrer umwelt sich verzweiflungsvoll minimiert haben, ...
... sich am ende ihrer kraft einfach nur mehr sang- und klanglos aus einer ihnen zu eng gewordenen welt verabschieden...?
natürlich können wir alle viel von dem kredit,
den wir einander in unserem menschsein zu gewähren vermögen
und auf den wir uns mindestens so sehr angewiesen sehen wie auf materiell geliehenes, auch verspielen...
... soweit jedoch ehrfurcht den unverlierbaren grund unseres wechselseitigen vertrauens in unser menschsein abgäbe,
geriete niemand
über irgendeiner der verirrungen, in die er sich u.u. sogar gravierend verstricken, und über den reaktionen, die er sich damit einhandeln mag,
in ein abseits scheinbar ohne perspektive ...
... wo immer menschen ihr zusammenleben fühlbar auf jenes stück unkündbarkeit gründeten, das die wiederbelebung ihrer ehrfurchtspotentiale sie lehren kann, ...
... lebte soviel wissen um die ureigenen kräfte in einem jeden und soviel wissen um das licht neuer gemeinsamkeit am ende jeden tunnels noch im verirrtesten unter ihnen,
daß seine sehnsucht nach vernichtungs-effizienten finalen paukenschlägen,
erwachsen aus dem verfallen in einen tunnelblick, der am ende niemanden mehr sucht,
erheblich weniger nahrung fände ...
... als seine sehnsucht nach leben und die lust auf neue wege ...
...
heidelberg, den 3.5.2002 gabriele weis
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--- rest noch in arbeit!
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