dokumentation
der foren-diskussion, die ich zu meinen essays geführt habe:
April 99 // reaktion auf /thesen:
Guten Tag, Frau Weis!
Ich kenne Ihren Beitrag und er war inkludiert, als ich eingangs - meinen wirklich ernst gemeinten - Respekt vor dem pazifistischen Standpunkt bekundet habe. Was allerdings die Alternativen anbelangt (einer Diskussion derselben werde ich mich nicht entziehen) so bitte ich nicht zu übersehen, daß mit Serbien seit a c h t Jahren und seit weißgott wieviel Vertriebenen und Ermordeten (erinnern Sie sich, bitte, an die feigen, serbischen Heckenschützen in Sarajewo, die alles beschossen haben - auch Zivilisten, die nur Wasser holen wollten) verhandelt wurde.
Das heißt im Klartext, daß ich Sie bei einer eventuellen Diskussion bitten würde, Ihre Bereitschaft zur kritischen Bewertung des Erfolges der bisher auf friedliche Mittel setzenden westlichen Politik mitzubringen. Mit "Srebrenica" wollte ich eben andeuten, woran ich diese Kritik festmachen würde und worin ich die "Schuld" der Pazifisten erblicke.
meine antwort am 26.4.99 / nicht erwidert:
Guten Tag, HR,
Sie haben ohne Einschränkung recht: an der Erfolglosigkeit der bisherigen nichtkriegerischen Mittel und Maßnahmen der westlichen Jugoslawienpolitik bestehen wohl kaum bei jemandem Zweifel.
Sie ist frag- und darüber hinaus auch restlos, ja geradezu unausbleiblicherweise gescheitert.
Aber nicht, weil es keine friedlichen Mittel gäbe, über die Raum entstünde für Alternativen zur Raserei namentlich auch der Serben. Sondern weil solche Mittel bisher keine Anwendung gefunden haben:
Solange die Regierungen des Westens Außenpolitik als Einmischungspolitik betreiben und dabei die Rolle einer Weltpolizei anstreben und einnehmen - und ausschließlich aus solchen Horizonten ist man für meine Begriffe seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes mit den Konflikten der südslawischen Völker untereinander umgegangen: solange bediente und bedient sich die Politik des Westens in meinen Augen keiner Mittel, die den Namen ´friedlich´ verdienten.
Bedenken Sie doch bitte: auch Verhandeln-Wollen, ist Einmischung, solange nur einer von beiden etwas zu verhandeln sieht und hat!
Also kann wohl keine Rede vom Scheitern friedlicher Mittel überhaupt sein!
Ich halte es für denkbar undemokratisch, wenn Demokratien, die eine demokratische Weltordnung anstreben, eine kriegerische Polizeigewalt über Unrechtsregime aller Art in aller oder auch nur in Teilen der Welt in Anspruch nehmen.
Denn wir haben den Weltstaat mit demokratisch legitimierter Exekutive noch nicht einmal in Ansätzen!
Und es kann nur Krieg und immer wieder Krieg bedeuten, wenn ein Teil der Welt sich aus scheinbaren Notwendigkeiten heraus eine rechtlich, also auch demokratisch durch nichts legitimierte Exekutivrolle anmaßt, mit der Begründung, nur so ließe sich angesichts der unendlich vielen Greuel in der Welt ein solcher Weltstaat auf den Weg bringen oder auch nur in ausgewählten Teilen dieser Welt Unrecht ´stoppen´.
Nicht nur ist bisher nichts von dem ´gestoppt´, was zu stoppen man angetreten war. Man wiegt einfach die Leichenberge in Ansätzen aus. Dabei wird nichts als summiert!
Und darüber hinaus hat man auch noch alles Demokratische überall auf der Welt gründlich in Verruf gebracht!
Denn wo Menschen einander zu Feinden erklären und sich wechselseitig als solche behandeln, versteifen sie sich darauf, daß es zwischen ihnen nur noch Gewalt gibt, bis der (angeblich oder tatsächlich im Augenblick) ´ungerechtfertigter´ Gewalttätige, zumindest aber der Schwächere sich unterwirft oder zur Unterwerfung gezwungen wird.
Das aber evoziert den Tod jeder Demokratie und auch jeder demokratischen Weltordnung. (Ganz gleich übrigens, ob auf rein innerstaatlicher oder auch auf zwischenstaatlicher Ebene).
Polizisten/Gefängniswärter und Festgenommene/Gefangene stehen doch nie, auch nicht bei noch so demokratischer Legitimation, in einem demokratischen Verhältnis zueinander. Und so etwas wie Partnerschaft kann zwischen ihnen doch nur entstehen, wenn neue Feinde den Graben zwischen ihnen vergessen lassen. Und so fort und so fort und so fort... An denkbaren Feinden herrscht schließlich kein Mangel.
Was also tut der Westen mit seiner Einmischungspolitik, ob er nun bombt oder nicht?
Er handelt in meinen Augen mit dieser Politik extrem kontraproduktiv da, wo es ihm um Menschenrechte und Frieden tatsächlich geht!
Es bewegt sich also in gefährlicher Nähe zur Heuchelei, beides im Wege einer ausgesprochenen Hegemonialpolitik durchsetzen zu wollen.
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele Weis