dokumentation

der foren-diskussion, die ich zu meinen essays geführt habe:

 

April 99 //  reaktion auf    /weltordnungsbau:

 

 

Sehr geehrte Frau Weis,

was ist Ihrer Meinung nach das Kennzeichen des Nationalstaates ? Mir scheint da, dass Sie das romantische Bild des Nationalstaates als quasi Stammesverband vor Augen haben und deswegen inhaerente schwierigkeiten sehen, die im Rahmen des Nationalstaates nicht zu loesen sind.
Fuer mich bezeichnet "Nationalstaat", einen Staat, in dem die Regierung fuer das Wohlergehen der Bevoelkerung verantwortlich ist und ihre Handlungen mit dem Ziel der Erhaltung und Vergroesserung dieses Wohlergehens vornimmt.
Ein Supranationales Staatsgebilde kann nichts, was kooperierende souveraene Nationalstaaten nicht auch koennten. Ein Supranationales Staatsgebilde sorgt fuer Frieden und Freiheit etc. hoert man allen Ortens, was offensichtlicher Unsinn ist: das was wir jetzt Krieg nennen wird man in einem Weltstaat dann Aufstand oder Buergerkrieg nennen, was nichts an seinem Vorhandensein aendert. Im unterschied zum Buergerkrieg, ist aber , zumindest prinzipiel, klar auszumachen, wann ein Krieg zwischen souveraenen Staaten beendet ist. Eine wesentliche Errungenschaft, der Nationalstaaten, im Gegensatz zur Kriegsfuehrung wie z.B .im 30jaehrigen Krieg. Eine Errungenschaft, die die Nato gerade eben ueber Bord wirft.

Eine Anmerkung zu ihrem Schreibstil: wenn Sie das, was Sie sagen wollen in klare Worte fassen und nicht durch zehn Nebensaetze und fuenf Appositionen zerhacken, nur um es dann in so allgemeinen abstrackten Begriffen auszudruecken, dass man sich fragt wovon sie ueberhaupt reden, dann werden Sie sicherlich mehrere Rueckmeldungen auf ihre Beitraege erhalten, als sie das bisher tun.

Mit freundlichem Gruss N

 

meine antwort vom 24.4.99 : // keine erwiderung

 

 

Sehr geehrter N,

Sie stören sich an meinem Schreibstil. Das ist Ihr gutes Recht. Sie sind nicht der erste, der ihn als sperrig empfindet. Aber er entspricht nun einmal meinen Möglichkeiten und Grenzen, mir etwas zu erschließen und es zu durchdenken. Wie Ihrer selbstredend den Ihren. Auch stößt er keineswegs nur auf Ablehnung.

Zu Ihren Anmerkungen zum Thema ´Nationalstaat´:

1. Ich habe keineswegs gesagt, Nationalstaaten böten den menschlichen Gesellschaften unserer Tage keinen geeigneten Rahmen mehr für die Organisation ihrer Lebensverhältnisse.

2. Ich habe lediglich im Anriß referiert, daß die Konzeption ´Nationalstaat´ keineswegs nur in der Französischen Revolution ihre Wurzeln hatte, sondern ebenso in manchen Romantizismen und in ethnischen Chauvinismen. Verkürzt gesagt: es gab und gibt demokratische Versionen dieses Modells von Staatlichkeit und undemokratische (autoritäre bis totalitäre).
Es ist überdies ein Modell, das sich den Horizonten neuzeitlichen europäischen Denkens namentlich der letzten beiden Jahrhunderte verdankt. Als solches paßt es keineswegs auf alle Regionen der Welt. Wo sich u.a. noch Feudal-, Clan- oder Stammesstrukturen finden, paßt es nicht.

3. Ich sehe nicht, daß wir bisher Weltverhältnisse hätten, in denen souveräne Nationalstaaten frei miteinander kooperierten, wo staatenübergreifender Regelungsbedarf besteht.

Ich wünsche mir allerdings (und das vielleicht ganz in Ihrem Sinne?!), daß wir eines Tages dahin kämen, genau solche Weltverhältnisse zu haben.

4. Auf dem augenblicklichen Weg der NATO-Staaten kommen wir meiner Überzeugung nach genau zu einer freien Kooperation souveräner Nationalstaaten aber keineswegs.


Das Konzept, das die NATO-Staaten dabei verfolgen, entspricht dem, was die Weltgeschichte bis heute über weite Strecken immer wieder geprägt hat: es ordnet sich ein in die lange Kette mehr oder minder ausgreifender Bestrebungen, Vorherrschaften zu errichten. - Ihr eben erst untergegangenes und vorderhand jüngstes Produkt: das System feindlicher Blöcke seit 1945.

Was die NATO-Staaten augenblicklich gegenüber Rest-Jugoslawien durchexerzieren, dient in meinen Augen der Errichtung einer Unangreifbarkeits- und neuen Vorherrschafts-Position der bisher führenden Staaten der Nordhalbkugel - angesichts der macht- und wirtschaftspolitischen Bewegung, in die die Welt seit 1990 geraten ist.

Die ´Kampfbegriffe´ der NATO-Staaten (nicht meine!) sind dabei in meinen Augen: ´Supranationalität´ und ´Implementierung´ und ´Menschenrechte´.


Die genannte Bewegung vollzieht sich in den Formen eines weltweiten Wettlaufs um die besten oder wenigstens nicht allzu benachteiligte Ränge im ´Zeitalter der Globalisierung´, von dem ja nun allenthalben die Rede ist. Da gibt es für meine Begriffe überdeutliche Parallelen zum Imperialismus der Jahre zwischen 1870 und 1918...

5. Ich halte es nicht grundsätzlich für falsch, daß sich Staaten in einer Weise mit anderen zusammentun, die neue staatenübergreifende Souveränitäten entstehen läßt - solange sie das wollen und einander zugestehen, daß sie ggf. eines Tages aus einem Verbund, auf den sie sich eingelassen haben, auch wieder ausscheren können...

Ich halte es dort, wo Interessenübereinstimmungen solche staatenübergreifenden Souveränitätsbildungen nahelegen, sogar für wirklich sinnvoll - solange diese Interessenübereinstimmungen nicht auf die Bildung von Vorherrschaftspositionen hinauslaufen.

Man könnte über Macht, ihren möglichen Sinn wie ihren fatalen Widersinn auch einmal anders nachdenken als macchiavellistisch. Und man sollte es. Dafür jedenfalls möchte ich werben.

6. Von einem Weltstaat, wie er heute nicht selten in den Köpfen der verschiedensten Zeitgenossen als das große Fortschritts- und Arbeitsziel der Menschheit herumspukt, halte ich - wie Sie offenbar auch - überhaupt nichts.

Ihren Anmerkungen freilich zu den kriegsbezogenen "Errungenschaften des Nationalstaats", wie Sie es nennen, kann ich in keiner Weise folgen. Zum Nationalstaat gehört der ´im Namen des Volkes´ erklärte und geführte und dann so oder so, aber keineswegs immer mit der von Ihnen behaupteten Klarheit und Endgültigkeit auch abgeschlossene Krieg.
Halten Sie ihn (in seinen Erscheinungsformen von Napoleons Feldzügen bis zum Vietnamkrieg etwa, zwei unsäglich brutale Weltkriege eingeschlossen) tatsächlich für eine Errungenschaft, verglichen mit den Metzeleien jener Zeiten, die noch keine modernen ´Volkskriege´kannten?


Mit freundlichen Grüßen

Gabriele Weis