zugetragenes
: Ihr herkunftsland hat - Sie selbst haben - eine geschichte und gehen Ihr leben hier von horizonten aus an, die Sie nur zu gerne vermitteln möchten...
Sie treffen hier auf ersehnte und entbehrungsreich erworbene wie auf versperrte spielräume...
- darüber, wie es Ihnen dabei ergeht, wissen die mit den älteren rechten hierzulande viel zu wenig...
hier ist raum für Ihre erfahrungen und ideen, für gegenseitige hilfs-hinweise und und und!
Beitrag juli 2000
HERKUNFT
Ich hatte einmal eine Freundin. Sie hieß Réka und kam aus dem selben Land wie ich aus Rumänien. Wie meine Familie, so sind auch sie etwa um 1987 vor dem grausamen kommunistischen Regime unter dem Diktator Nicolae Ceausescu geflohen. Wir lernten diese Familie in Heidelberg kennen, als wir noch im sogenannten "Assoviertel" (Emmertsgrund) wohnten. Dort wohnten alle neuen Gäste der BRD, die in dieser wunderschönen Stadt ein Heim suchten.
Dieses Mädchen war damals noch ziemlich jung, etwa sechs oder sieben Jahre alt. Sie war eine hervorragende Turnerin und sehr fleißig, was die Schule anbetrifft. Ein liebes Mädchen mit verspielten blonden Löckchen und einem siebenbürgisch-ungarischen Akzent. Ihr Vater war zu Hause in Rumänien in der Stadt Arad ein junger, angesehener Arzt, die Mutter kümmerte sich eifrig um die gute Erziehung der Kleinen.
Dann gingen sie nach Deutschland. Ich habe nie so genau erfahren, wie sie geflohen sind (und würde das im Übrigen auch nie hier niederschreiben das Regime keucht noch), aber jede Flucht damals war verbunden mit einer Todesangst, einer Paranoia, einem Warten darauf, dass jemand einem die Hand auf die Schulter legt und man unter heftigsten Vorwürfen, das Regime verraten zu haben, verhaftet wird (diese Verhaftungen und ihre Auswirkungen möchte ich nicht näher erläutern).
Als man es dann doch endlich geschafft hatte, irgendwie nach Deutschland zu kommen, war alles unglaubwürdig. Freiheit...FREIheit, man war FREI. Was aber bedeutete diese Freiheit?
Diese Freiheit bedeutete, in ein Aussiedlerheim geschickt zu werden, wo man nach Recht und Ordnung registriert wurde und wo über das spätere Schicksal der Aussiedler entschieden wurde. Réka und ihre Familie waren damals in einem Nürnberger Übergangslager, einem sehr hohen Gebäude, wie sich das kleine Mädchen noch erinnert, und diese eine Woche der Registrierung kam ihr vor wie ein halbes Leben. Und dann gab es noch ganz viele Geschenke und Kleider von der Caritas. Réka fand das ganz toll, denn sie hatte noch nie zuvor eine solch schöne blonde Barbiepuppe gesehen makellos! Daß sie gebraucht war, störte sie nicht, zu Hause hatte sie auch immer das alte Spielzeug und die abgetragenen Kleider ihrer Cousins und Cousinen bekommen.
Réka und ihre Eltern wurden schließlich nach Heidelberg geschickt. Dort bekamen sie eine Sozialwohnung, und das Mädchen wurde gleich drei Tage nach der Ankunft im neuen Heim in die erste Klasse eingeschult.
Unglaublich, wie schnell Kinder eine Sprache lernen können! Schon nach einigen Wochen konnte sie in verständlichen Sätzen deutsch sprechen und bereits nach einem halben Jahr hatte sie auch den lieben schwäbischen Akzent ihrer Grundschullehrerin gespeichert. Tja, und ihre Eltern staunten natürlich, wie schnell sich das Kindchen in seiner neuen Umgebung zurechtfand.
So sollte sich das Ganze dann auch weiterentwickeln, in der Familie Szabó wurde ab dem Zeitpunkt nur noch deutsch gesprochen, die Kinder nach deutschem Modell erzogen (was man halt so im Fernsehen mitbekommt). Und so kam es, daß meine liebe Freundin Réka heute der ungarischen Sprache ihrer Muttersprache kaum mehr mächtig ist, ihr Name seinen Akzent verloren hat, sie jetzt Schneider statt Szabó heißt (der neue Name klingt irgendwie deutscher) und sie jetzt ´gar net mehr auf Rumänien steht´ (beh, da, wo es so dreckig is? Da, wo nach 89 Einschusslöcher in unserer Hauswand waren?). Ibiza ist angesagt, ein Platz an der Sonne. Mal schauen, haben wir auch alles eingepackt? Sonnencreme, Badeanzug, Fotoapparat (gaaanz wichtig!), Zahncreme, Adressbuch zum Postkartenschreiben...hm, was noch?...ach, das hätten wir ja fast vergessen: unsere Identität! Hat die da noch Platz? Na ja, wenn nicht, dann quetschen wir sie eben in unser Handgepäck neben das Spanisch-Wörterbuch (für den Fall, daß doch nicht alle Spanier so gut deutsch können, wie die Reiseführer es versprechen).
Rekas Vater wurde leider nicht als Arzt in Deutschland eingestellt, da seine Deutschkenntnisse und sein Diplom nicht ausreichten, die Mutter bekam ebenfalls keinen Arbeitsplatz. Dies erschwerte den Aufbau einer neuen Existenz in FREIheit sehr und brachte zahlreiche familiäre Probleme mit sich.
Ich habe heute leider gar keinen Kontakt mehr zu Reka, wir haben jetzt nach fast vierzehn Jahren in Deutschland - ganz verschiedene Interessen. Ich kann nicht beurteilen, ob sie glücklicher wäre, wenn sie heute noch ihren wahren Namen tragen würde oder wenn sie trotz alldem, was "zu Hause" geschehen ist, auch jetzt noch dort Ferien machen würde. Ich kann nur eines sagen: in seinen ersten sechs Jahren wird der Mensch enorm von seiner Umwelt geprägt. Er kann seine Vergangenheit weder vergessen noch leugnen, denn sie ist ein Teil seiner Identität.
Und wenn das kleine Mädchen sich an die Nase fasst und etwas ehrlich zu sich selbst ist, dann muss sie schon zugeben, dass sie eine wunderschöne Kindheit hatte. Sie wird sich dann an den Duft des Sonntagskuchens ihrer Großmutter erinnern (diesen Duft hat sie seitdem nie wieder gerochen), sie wird sich an ihre alten Nachbarn erinnern, mit denen sie stundenlang in einem alten Traktorreifen ( = Sandkasten) gespielt hatte, ihr wird auch die Nachmittagssonne einfallen, wie sie durch die rot-weiß karierten Vorhänge in der alten Küche schien und diese in warmes, orangefarbenes Licht tauchte, als die Kleine ihr Nickerchen hielt. Und sie wird vor allem nie vergessen können, wo ihre Heimat ist. Jedes Mal, wenn sie danach gefragt wird und "Deutschland" antwortet, wird sie Gewissensbisse und Reue in sich tragen.
Nein, sie war nicht schuld daran, dass es soweit kam. Schließlich hat sie heute alles, was sie braucht. Ihre Eltern haben für alles gesorgt. Aber eines haben sie ihr weggenommen: die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Das Mädchen hat seine Freiheit zur Identität verloren.
Erziehung muss Grenzen haben. Sie darf nicht soweit gehen, dass sie einem Menschen Raum abschnürt, dass sie ihm einen Teil seiner Identität vorenthält. Ein Mensch muß wissen, woher er kommt und wohin er immer gehören wird.
Erziehung muss die Freiheit der Person gewährleisten!
Barbara Kinga Hajdú
Der Name der Hauptperson ist abgeändert.