
Hallo Frau Weis
Um Ihnen mal einen kleinen Einblick in mein Studium zu geben schicke ich Ihnen meinen Beitrag an einen österreichische Architekturzeitschrift.
März 1999
ARCHITEKTUR & BAUFORUM
Sehr geehrte Redaktion,
ich bin seit nun mehr zweieinhalb Jahren Student der Architektur an der TU Wien.
Ich bin also in einer staatlichen Institution, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich zu einem Architekten heranzubilden.Auch wenn die Lehrenden mir jetzt sagen, ich sei nun für mich selbst verantwortlich, was jedoch fast nur auf meine finanzielle Lage zutrifft, will ich nun mal Architekt werden und brauche dafür Menschen die mich dazu ausbilden.
Die Lehrer hierzu nennen sich nun halt Lehrende, Vortragende oder gar Meister, sehen sich also nicht in der Tradition des Lehrers, obwohl sie genau betrachtet genau dies sind.Menschen, also auch wir Studenten, lernen das, was man uns beibringt, und wir lernen, wie man es uns beibringt.
Die Art und Weise über Architektur zu denken, sie zu hinterfragen und sie schließlich zu entwerfen, ist abhängig von dem, WIE man sie uns vorstellt.
Wäre es nun nicht unendlich spannend, dieses WIE
auf Universitäten etwas mehr zu betrachten, darüber zu diskutieren oder zumindest öffentlicher damit umzugehen?Und ich meine hiermit zuerst nicht die organisatorischen Schwierigkeiten einer Universität, auch nicht einzelne, wenn auch interessante Hochschulübungen wie Topogenesis (Nr. 196/5), sondern die stundenplanerischen Massenübungen mit ihren Inhalten und Zielen, wie z.B. die Hochbauübungen am Institut für Hochbau (1) an der TU-Wien, die sogenannten Studios im ersten Abschnitt, usw...
Ich glaube es sind diese Übungen die Studenten sehr stark formen und beeinflussen.
Ich wende mich also als selbständiger lernender Architekturstudent an Sie als Architekturzeitschrift und hoffe, Sie können etwas mit meinem Beitrag anfangen.
Mit freundlichen Grüßen
Jochen Hoog
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Mein Studium
teil 1: inhalte
Liebe Mami, lieber Papi,
Alles an meiner Uni ist einfach toll: die Organisation, der man anmerkt, daß es ihr Ziel ist mich mindestens zehn Jahre zu behalten, freundliche Sekretärinnen, die nur darauf warten mir Antworten oder Auskünfte zu geben, riesige Räume in denen ich arbeiten kann, wie z.B. das Café Museum oder der super billige Uni-Shop gleich gegenüber.
Aber heute will ich euch ja von meinen Projekten erzählen.
Meine neueste Übung des Instituts für Hochbau nennt sich FLIEGENDE ARCHITEKTUR.
Ich kann euch leider nicht sagen, um was es inhaltlich geht, das weiß auch niemand so genau, wenn es auch keiner zugeben mag.Unsere Betreuerin hat uns ein Bild mitgebracht, das von Magritte mit dem fliegenden Fels mit der Burg darauf, und sie meinte, das würde ja eh alles
sagen;sie hat uns auch schon ermahnt wir sollen ja fleißig sein und bei der nächsten Korrektur schon unsere Idee präsentieren, am besten mit Modell, weil sie Modelle sehr mag, aber so richtig weiß ich ehrlich
gesagt noch nicht, was ich machen soll.Das Institut mag sehr gerne ganz moderne flippige Sachen, von denen ich aber nichts verstehe, eigentlich niemand, aber die sehen immer ganz toll aus, bunt und flippig eben modern.
Der Herr Professor, der kommt aus dem Ausland und ist ein ganz berühmter toller Architekt. Ich habe ihn zwar erst einmal gesehen, aber das war ganz toll. Er hat geraucht und Wein getrunken, während er erzählt hat, daß er sich mal mit Freunden in einen Raum eingeschlossen hat, für ganz lange, und da haben sie mit roter Farbe sich gegenseitig angemalt, ganz nackt. Warum er das aber gemacht hat, weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall können wir aber alle stolz sein, daß wir ihn haben sagt man zu mir, also wird das wohl auch so sein. Wenn ich mal Architekt bin, verstehe ich das aber bestimmt.
Wir haben auch einen Zettel bekommen, da stehen so Angaben darauf wie: Laß deiner Kreativität freien Lauf oder jedes Projekt hat seine eigene Geschichte, so wie du sie bestimmst. Die Projekte sind ebenso komplex wie du selbst.
Toll oder? Ich darf also total kreativ sein und ganz tolle abgefahren moderne Dinge machen! Ich weiß nur noch nicht was! Aber das ist wohl auch gar nicht so wichtig. Ich hab das auch schon mit der Farbe probiert, zwar mit Grün und auf meinem Klo, aber irgendwie ist mir da auch nicht mehr eingefallen. Aber mein Klo sieht in grün auch ganz gut aus. Zuerst dachte ich ja an ein Flugzeug, oder so einen Drachen oder so was, aber so was Stupides wollen die ja gar nicht, glaube ich.
Vielleicht sollte ich mich ja mal so fragen, was Fliegen so für mich bedeutet und so, ich meine so psychologisch und emotional, obwohl ich ja
fürchterliche Höhenangst habe Oh ja, dann könnte ich ja meine Angst irgendwie zum Thema machen, so mit ganz viel Farbe, ganz moderne flippige Höhenangst, ganz toll dargestellt.
Tolle Idee oder?Ich muß mich jetzt auch beeilen mit meiner Idee, weil ich ja noch ein Modell bauen muß, weil das ja ganz wichtig für mich ist, da lerne ich ganz viel sagen alle.
Und morgen muß ich meine Idee dann vorstellen bei meiner Betreuerin, so ganz selbstbewußt und selbstsicher, das lernen wir hier sehr gut. Man muß ganz wichtig tun, ganz toll und modern, am besten muß man sich schwarz anziehen das machen Architekten so oder eben ganz flippig, eben ganz individuell anders als die anderen. Wir sind nämlich Künstler. Wirklich, ist ein ganz tolles Studium!
Wir haben da auch noch ein anderes Projekt vom Institut für Wohnbau, da müssen wir so einen Wohnbau entwerfen. Aber das ist ganz komisch: der Betreuer will noch gar kein total kreativ flippiges Modell von uns haben, sondern will das Projekt mit uns zusammen analysieren, diskutieren, entwickeln und bearbeiten komisch oder?
Aber wir vermuten alle, daß der gar kein richtiger Architekt ist!
Bis bald...aus Wien
Euer Student
Jochen Hoog