"Auf, lasst uns gehen!"

April 2005

 

 

"Es ist das Leiden, welches das Böse mit der Flamme der Liebe verbrennt und aufzehrt und sogar aus der Sünde einen mannigfaltigen Reichtum an Gutem hervorbringt."

"Ich bin froh. Seid Ihr es auch."

"Habt keine Angst!"

 

Johannes Paul II.

 

"Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

(aus dem 12. Kapitel des zweiten Briefes des Paulus an die Korinther)

 

"Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist."

(Petrus, Apg 10, 34f).

Vier Könige, fünf Königinnen und zumindest 70 Präsidenten und Ministerpräsidenten sind unter den etwa 2500 prominenten Gästen

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Requiem-Predigt von Joseph Kardinal Ratzinger im Wortlaut

"Die Liebe zu Christus war die beherrschende innere Kraft in unserem lieben Heiligen Vater"

 

 

ROM, 8. April 2005 (ZENIT.org).- Wir dokumentieren die Predigt, die Joseph Kardinal Ratzinger, Dekan des Kardinalkollegiums, am Freitag auf dem Requiem für Papst Johannes Paul II. in Rom gehalten hat. Der Kurienkardinal betonte vor allem die große Treue des vor einer Woche verstorbenen Papstes, der nie sich selbst, sondern immer das Wohl der Kirche und der Menschen im Auge hatte. Sein Leben habe er stets am Ruf Jesu Christ "Folge mir nach" ausgerichtet.

* * *



"Folge mir nach!", so sprach der Auferstandene zu Petrus, zu dem Jünger, den er auserwählt hatte, ihm nachzufolgen. "Folge mir nach!", so sprach er auch zu Johannes Paul II., den wir heute zu Grabe tragen. Ein Samen der Unsterblichkeit, mit Trauer aber auch Dankbarkeit. Die Stadt Rom hat in diesen Tagen eine unglaubliche Menge betender Menschen aufgenommen, die gekommen sind, um unseren geliebten Papst zu verabschieden. Sie begrüße ich alle. Mein Gruß geht an die Oberhäupter der Staaten, Kirchen und Religionen. Dann grüße ich auch alle Bischöfe und Erzbischöfe, Priester, Ordensleute und alle Gläubigen, unter ihnen besonders alle jungen Leute. Mein Gruß gilt auch denen, die in allen Teilen der Welt über Radio und Fernsehen mit uns wie mit einem großen Chor verbunden sind beim feierlichen Ritus des Abschieds von unserem geliebten Papst.

"Folge mir nach!" Als junger Student begeisterte sich Karol Wojtyla für Literatur, Theater und Dichtung. Als Arbeiter in einer Chemiefabrik mitten im bedrohlichen Naziterror hat er die Stimme des Herrn vernommen: "Folge mir nach!" In dieser sehr besonderen Umgebung und in diesem speziellen Umfeld fing er an, philosophische und theologische Bücher zu lesen und trat dann in das vom Kardinal gegründete geheime Priesterseminar ein. Und nach dem Krieg konnte er seine Studien an der theologischen Fakultät der Universität zu Krakau abschließen.

So oft hat er in seinen Briefen an die Priester und in seinen autobiographische Schriften von seinem Priestertum gesprochen, das mit der Priesterweihe am 1. November 1946 begonnen hat. In diesen Schriften deutet er sein Priestertum besondern im Lichte dreier Herrenworte: An erster Stelle steht dieses: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt" (Joh 15,16).

Das zweite Herrenwort lautet: "Der gute Hirt gibt das Leben hin für seine Schafe!" (Joh 10, 11). Und schließlich: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe" (Joh 15,9).

In diesen drei Worten erkennen wir das ganze Wesen unseres Heiligen Vaters. Er ging überall hin, um Frucht zu bringen – eine Frucht, die bleibt. "Auf, lasst uns gehen" ist der Titel seines vorletzten Buches. "Auf, lasst uns gehen!" Mit diesen Worten hat er unseren müden Glauben aufgeweckt, wie die Jünger vom Schlaf – die von damals und die von heute: "Auf, lasst uns gehen!" Das sagt er auch heute zu uns. Der Heilige Vater ist also Priester gewesen bis zum Äußersten, weil er wie Gott sein Leben für seine Schafe aufgeopfert hat und für die ganze Menschenfamilie.

Er hat sich jeden Tag ganz seinem Dienst für die Kirche hingegeben, vor allem in den schweren Prüfungen der letzten Monate. So ist er eins geworden mit Christus. So ist er mit Christus eins geworden, dem guten Hirten, der seine Schafe liebt. Und schließlich heißt es da: "Bleibt in meiner Liebe." Der Papst hat die Begegnung mit allen gesucht. Er konnte allen verzeihen und ihnen sein Herz öffnen. Er spricht zu uns auch heute mit diesen Worten des Herrn: Wenn wir in der Liebe Christi bleiben, lernen wir in seiner Schule die Kunst der wahren Liebe.

"Folge mir nach!" Im Juli 1958 steht der junge Priester Karol Wojtyla vor einem neuen Abschnitt seines Weges mit dem Herrn und in der Nachfolge des Herrn. Karol hatte sich wie üblich mit einer Gruppe junger Kanusportler zu gemeinsamen Ferien an die Masurischen Seen begeben. Aber er hatte einen Brief bei sich, der ihn aufforderte, zum Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszynski, zu kommen. Und er konnte sich den Grund des Treffens denken: seine Ernennung zum Weihbischof von Krakau. Sollte er nicht mehr an der Universität lehren, sollte er die anregende Gemeinschaft mit jungen Menschen entbehren, nicht mehr teilnehmen am geistigen Wettkampf um das Wissen und um die Deutung des Geheimnisses der Schöpfung Mensch, um in der Welt von heute die christliche Sicht unserer Existenz gegenwärtig zu machen? All das musste ihm wie ein Verlieren seiner selbst erscheinen, ein Verlust all dessen, was zur menschlichen Identität dieses jungen Priesters geworden war.

"Folge mir nach!" Karl Wojtyla nahm an. Er hörte im Ruf der Kirche die Stimme Christi und er begriff, wie wahr das Wort des Herrn ist: "Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren, wer es dagegen verliert, wird es gewinnen" (Joh 12,25). Unser Papst, das wissen wir alle, hat nie sein eigenes Leben retten, es für sich behalten wollen.

Er hat sich selbst ohne Rückhalt geben wollen, bis zum Ende. Er hat sich selbst ohne Rückhalt geben wollen bis zum Ende für Christus und damit auch für uns. Und so hat er erfahren können, dass alles, was er in die Hände des Herrn gelegt hatte, auf neue Weise zurückgegeben worden ist. Die Liebe zum Wort, zur Dichtung, zu schöngeistigen Dingen wurde zu einem wesentlichen Teil seiner pastoralen Sendung und hat der Botschaft des Evangeliums neue Frische, neue Aktualität und neue Anziehungskraft gegeben, gerade auch dann, wenn sie Zeichen des Widerspruchs ist.

"Folge mir nach!" Im Oktober 1978 hörte Kardinal Stefan Wyszynski wieder die Stimme des Herrn, wieder kommt es zu einem Zwiegespräch, wie dem des Petrus, von welchem das Evangelium dieser Feier berichtet: "Simon Bar Jona liebst du mich? (…) Weide meine Schafe" (Joh 21,15 ). Auf die Frage des Herrn, Karol liebst du Mich?, konnte der Erzbischof von Krakau aus tiefstem Herzen antworten: "Herr, Du weißt alles, Du weißt auch, dass ich Dich liebe."

Die Liebe zu Christus war die beherrschende innere Kraft in unserem lieben Heiligen Vater. Wer ihn hat beten sehen, wer ihn hat predigen hören, weiß das. Und so, dank dieser tiefen Verwurzelung in Christus konnte er eine Last tragen, wie sie über nur menschliche Kraft hinausgeht: Hirte der Herde Christi, seiner gesamten Kirche zu sein.

Es ist hier nicht der Augenblick, von den einzelnen Inhalten eines so reichen Pontifikats zu sprechen. Ich möchte nur zwei Texte aus der heutigen Liturgie verlesen, in denen zentrale Elemente seiner Botschaft erscheinen: In der ersten Lesung spricht der heilige Petrus zu uns, und mit ihm tut es der Papst: "Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus. Dieser ist der Herr aller" (Apg 10, 34-36).

Und in der zweiten Lesung ermahnt uns der heilige Paulus und mit ihm unser verstorbener Papst mit lauter Stimme: "Meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude, mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder" (Phil 4,1).

"Folge mir nach!" Mit dem Auftrag, seine Herde zu weiden, kündigte Christus dem Petrus auch sein Martyrium an. Mit diesem abschließenden und alles zusammenfassenden Wort des Zwiegesprächs über die Liebe und den Auftrag als allgemeiner Oberhirte erinnert der Herr an einen anderen Dialog, der in den Umkreis des letzten Abendmahls gehört. Hier hatte Jesus gesagt: "Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Petrus sagte darauf: Herr, wohin gehst du? Und Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen" (Joh 13, 36).

Jesus geht vom letzten Abendmahl zum Kreuz und zur Auferstehung. Er tritt ein in das österliche Geheimnis. Petrus kann ihm noch nicht folgen. Jetzt, nach der Auferstehung, ist dieser Augenblick gekommen, dieses "Später". Als Hirte der Herde Christi tritt Petrus ein in das österliche Geheimnis, geht auch er zum Kreuz und zur Auferstehung. Der Herr sagte es ihm mit diesen Worten: "Als du noch jung warst, konntest du gehen, wohin du wolltest, wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst" (Joh 21, 18).

Am Anfang seines Pontifikats ging der Heilige Vater noch jung und voller Kraft unter Christi Führung bis an die Grenzen der Erde. Aber dann trat er immer mehr in eine Gemeinschaft des Leidens mit Christus ein und verstand immer mehr die Wahrheit im Wort "Ein anderer wird dich gürten". Und in dieser Gemeinschaft mit dem leidenden Herrn hat er das Evangelium unermüdlich und mit neuer Stärke verkündet: das Geheimnis der Liebe, die bis zur Vollendung geht. Er hat für uns das österliche Geheimnis als Geheimnis des göttlichen Erbarmens gedeutet. In seinem letzten Buch schreibt er: "Die dem Übel gesetzte Grenze ist eindeutig die göttliche Barmherzigkeit."

Und mit Blick auf den Anschlag auf sein Leben sagt er: "Christus hat für uns alle gelitten und hat dem Leiden einen neuen Sinn gegeben. Er hat es in eine neue Dimension gesetzt, in eine neue Ordnung, die Ordnung der Liebe. Das Leiden verbrennt und verzehrt das Übel mit der Flamme der Liebe und zieht auch aus der Sünde viele Formen von Blüten des Guten." Beseelt von dieser Sicht hat der Papst zusammen mit Christus gelitten und geliebt, deshalb ist die Botschaft seines Leidens und seines Schweigens so sprechend und fruchtbar gewesen.

Göttliches Erbarmen. Der Heilige Vater hat den reinsten Abglanz der Barmherzigkeit Gottes in der Gottesmutter gesehen. Er hatte in früher Jugend die Mutter verloren und umso mehr die Gottesmutter geliebt. Er hat die Worte des Herrn am Kreuz als an sich selbst gerichtet empfunden: "Siehe da, deine Mutter!" Und er hat gehandelt wie der Lieblingsjünger. Er hat sie in sein innerstes Wesen aufgenommen, ganz ihr gehörend. Und von der Mutter hat er gelernt, Christus gleichförmig zu werden.

Uns allen bleibt unvergesslich, wie sich der Heilige Vater an diesem letzten Ostersonntag seines Lebens vom Leiden gezeichnet noch einmal am Fenster des Apostolischen Palastes gezeigt und ein letztes Mal den Segen "Urbi et Orbi" erteilt hat.

Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster im Hause des Vaters steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segnen Sie uns, Heiliger Vater! Deine liebe Seele vertrauen wir an der Mutter Gottes, Deiner Mutter, die Dich Tag für Tag geleitet hat und Dich jetzt zur ewigen Herrlichkeit ihres Sohnes führen wird, zu Jesus Christus, unserem Herrn.
Amen.

 

 

 

 

SPIEGEL ONLINE - 07. April 2005, 15:21
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,350160,00.html

Dokumentation
 
Das Testament Johannes Pauls II.

Der Vatikan hat das Testament von Johannes Paul II. in italienischer und polnischer Sprache veröffentlicht. "Radio Vatikan" hat das Dokument ins Deutsche übersetzt.

Testament vom 6. März 1979 (mit späteren Hinzufügungen)

 



Totus tuus ego sum. Im Namen der Heiligsten Dreifaltigkeit. Amen.

"Wachet, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird" (cf. Mt 24, 42) - diese Worte erinnern mich an den letzten Ruf, der mich in dem Augenblick, den der Herr dafür bestimmt hat, ereilen wird. Ich will ihm folgen, und ich wünsche, dass alles, was Teil meines irdischen Lebens ist, mich auf diesen Moment vorbereiten möge. Ich weiß nicht, wann er kommen wird, aber wie alles andere lege ich auch diesen Moment in die Hände der Mutter meines Meisters: Totus Tuus. In den gleichen mütterlichen Händen lasse ich alles und alle, mit denen mich mein Leben und meine Berufung in Kontakt gebracht haben. In diesen Händen lasse ich vor allem die Kirche und auch meine Nation und die ganze Menschheit. Ich danke allen. Ich bitte alle um Verzeihung. Ich bitte auch um Gebet, damit die Barmherzigkeit Gottes sich größer erweisen möge als meine Schwächen und Unwürdigkeiten.

Während der geistlichen Exerzitien habe ich das Testament des Heiligen Vaters Pauls VI. wieder gelesen. Diese Lektüre hat mich dazu gedrängt, dieses Testament zu verfassen.

Ich hinterlasse keinen Besitz irgendwelcher Art, für den Anweisungen nötig wären. Was die Dinge des täglichen Gebrauchs betrifft, die mir gedient haben, bitte ich darum, sie zu verteilen, wie es angemessen erscheint. Die privaten Notizen mögen verbrannt werden. Ich bitte darum, dass über all dies Don Stanislao (Dziwisz) wachen möge, dem ich für die so langjährige und verständnisvolle Zusammenarbeit und Hilfe danke. Alle anderen Danksagungen hingegen behalte ich im Herzen vor Gott selbst, denn es ist schwierig, sie auszudrücken.

Was die Beerdigung betrifft, wiederhole ich die gleichen Verfügungen, die der Heilige Vater Paul VI. gegeben hat.
(Hier eine Notiz am Rand: das Grab in der Erde, nicht in einem Sarkophag, 13.3.92). "apud Dominum misericordia
et copiosa apud Eum redemptio"
Johannes Paul II.
Rom, 6.III.1979
Nach dem Tod bitte ich um Heilige Messen und Gebete
5.III.1990


***

Undatiertes Blatt:

Ich drücke mein tiefstes Vertrauen aus, dass der Herr mir trotz all meiner Schwäche jede nötige Gnade verleihen wird, um seinem Willen entsprechend jeder Aufgabe, Prüfung und Leiden zu begegnen, die er von seinem Diener im Laufe des Lebens wird fordern wollen. Ich vertraue auch darauf, dass er nie zulassen wird, dass ich durch meine Haltung in Worten, Gedanken oder Werken meine Pflichten auf diesem Heiligen Stuhl des Petrus verraten könnte.

***

24.II - 1.III.1980

Auch während dieser geistlichen Exerzitien habe ich nachgedacht über die Wahrheit des Priestertums Christi, aus der Perspektive dieses Hinübergangs, der für jeden von uns der Augenblick des eigenen Todes sein wird. Das eloquente (darüber geschrieben: entschiedene) Zeichen für den Abschied von dieser Welt - um zur anderen geboren zu werden, zur künftigen Welt, ist für uns die Auferstehung Christi.

Ich habe also die Aufzeichnung meines Testamentes vom letzten Jahr gelesen, die ebenfalls während der geistlichen Exerzitien gemacht wurde - ich habe sie verglichen mit dem Testament meines großen Vorgängers und Vaters Pauls VI., mit diesem sublimen Zeugnis vom Tod eines Christen und eines Papstes - und ich habe in mir das Bewusstsein der Fragen erneuert, auf die sich die Aufzeichnung vom 6.III. 1979, die ich (in eher provisorischer Weise) vorbereitet habe, verglichen.

Heute möchte ich dem nur das Eine hinzufügen, dass jedem die Perspektive des Todes klar sein muss. Und er muss bereit sein, vor dem Herrn und Richter - und gleichzeitig Erlöser und Vater zu stehen. So denke auch ich ständig daran und vertraue diesen entscheidenden Moment der Mutter Christi und der Kirche an - der Mutter meiner Hoffnung.

Die Zeiten, in denen wir leben, sind unsagbar schwierig und beunruhigend. Schwierig und angespannt ist auch der Weg der Kirche geworden, eine charakteristische Prüfung dieser Zeit - für die Gläubigen wie für die Hirten. In einigen Ländern (wie z. B. in denen, über die ich während der geistlichen Exerzitien gelesen habe) erlebt die Kirche eine derartige Epoche der Verfolgung, dass sie jener der ersten Jahrhunderte in nichts zurücksteht, ja sie im Grad der Erbarmungslosigkeit und des Hasses sogar noch in den Schatten stellt. Sanguis martyrum - semen christianorum. Und dann - wie viele unschuldige Personen verschwinden, auch in diesem Land, in dem wir leben ...

Ich will mich noch einmal vollkommen der Gnade des Herrn anvertrauen. Er selbst wird entscheiden, wann und wie ich mein irdisches Leben und den Hirtendienst beenden soll. Im Leben wie im Tod Totus Tuus durch die Unbefleckt Empfangene. Ich akzeptiere schon jetzt diesen Tod und hoffe, dass Christus mir die Gnade für den letzten Übergang, das heißt für (mein) Ostern geben möge. Ich hoffe auch, dass er ihn auch für diese wichtigere Sache gewinnbringend machen wird, der ich zu dienen versuche: das Heil der Menschen, die Bewahrung der Menschheitsfamilie, und darin aller Nationen und Völker (unter ihnen wende ich mich auch in besonderer Weise an mein irdisches Vaterland), gewinnbringend für die Personen, die er mir besonders anvertraut hat, für die Frage der Kirche, für die Ehre Gottes selbst.

Ich will dem nichts hinzufügen, was ich vor einem Jahr geschrieben habe - nur diese Bereitschaft und gleichzeitig dieses Vertrauen ausdrücken, die mir die derzeitigen geistlichen Exerzitien von neuem gegeben haben.

Johannes Paul II.
Totus Tuus ego sum
5.III.1982


Im Lauf der geistlichen Exerzitien dieses Jahres habe ich (mehrmals) den Text des Testaments vom 6.III.1979 gelesen. Obwohl ich es derzeit für provisorisch (nicht definitiv) halte, lasse ich es in der Form, die es hat. Ich ändere (im Moment) nichts und füge auch nichts hinzu, was die darin enthaltenen Verfügungen betrifft.

Das Attentat auf mein Leben vom 13.V.1981 hat in gewisser Weise bestätigt, dass die während der geistlichen Exerzitien von 1980 geschriebenen Worte (24.II - 1.III) zutreffend waren.

Umso tiefer fühle ich, dass ich völlig in den Händen Gottes bin - und ich bleibe ständig zur Verfügung meines Herrn, dem ich mich auch in seiner unbefleckten Mutter (Totus Tuus) anvertraue.

Johannes Paul II.


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5.III.82

Im Zusammenhang mit dem letzten Satz meines Testaments vom 6.III. 1979 (: "Über den Ort / Den Ort nämlich des Begräbnisses / möge das Kardinalskollegium und meine Landsleute entscheiden") - kläre ich hiermit, was ich im Sinn habe: Der Erzbischof von Krakau oder der Generalrat der polnischen Bischöfe - das Kardinalskollegium bitte ich derweil, soweit wie möglich die Bitten der oben Aufgeführten zu erfüllen.

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1.III.1985 (während der geistlichen Exerzitien)

Noch einmal - was den Begriff "Kardinalskollegium und meine Landsleute" betrifft: Das "Kardinalskollegium" ist in keiner Weise verpflichtet, in dieser Frage "meine Landsleute" zu befragen; es kann das tun, wenn es das aus irgendeinem Grund für gerecht hält.

JPII


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Die geistlichen Exerzitien im Jubeljahr 2000

(12-18.III)

(für das Testament)

1.
Als am 16. Oktober 1978 das Kardinals-Konklave Johannes Paul II. wählte, sagte mir der polnische Primas, Kardinal Stefan Wyszyński: "Die Aufgabe des neuen Papstes wird es sein, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen." Ich weiß nicht, ob ich den Satz genau wiedergebe, aber das war zumindest der Sinn dessen, was ich damals hörte. Das sagte der Mann, der als der Primas des Millenniums in die Geschichte eingegangen ist. Ein großer Primas. Ich war Zeuge seiner Mission, seiner totalen Hingabe. Seiner Kämpfe: seiner Siege. "Wenn der Sieg kommt, wird er ein Sieg sein durch Maria" - diese Worte seines Vorgängers, des Kardinals August Hlond, pflegte der Primas des Millenniums zu wiederholen.

Auf diese Weise war ich in gewisser Hinsicht vorbereitet auf die Aufgabe, die sich mir am 16. Oktober 1978 stellte. Im Moment, in dem ich diese Worte schreibe, ist das Heilige Jahr 2000 schon eine Realität. In questo modo sono stato in qualche maniera preparato al compito che il giorno 16 ottobre 1978 si è presentato davanti a me. In der Nacht des 24. Dezember 1999 ist die symbolische Tür des Heiligen Jahres in der Petersbasilika geöffnet worden, anschließend die von San Giovanni in Laterano, dann die von Santa Maria Maggiore - an Silvester, und am 19. Januar die Hl. Pforte der Basilika von Sankt Paul "vor den Mauern". Dieses letzte Ereignis ist wegen seines ökumenischen Charakters in besonderer Weise im Gedächtnis geblieben.

2.
Je mehr das Heilige Jahr 2000 fortschreitet, schließt sich hinter uns das zwanzigste Jahrhundert und öffnet sich das 21. Jahrhundert. nach den Plänen der Vorsehung wurde es mir gegeben, im schwierigen Jahrhundert zu leben, das jetzt in die Vergangenheit eingeht, und jetzt, in dem Jahr, in dem mein Leben das achtzigste Jahr erreicht ("octogesima adveniens"), muss man sich fragen, ob es nicht Zeit ist, mit dem biblischen Simeon zu sagen: "Nunc dimittis". (Erklärung des Übersetzers: "Nun lässt du, Herr, deinen Diener, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen ...")

Am 13. Mai 1981, dem Tag des Attentats auf den Papst während der Generalaudienz auf dem Petersplatz, hat mich die Göttliche Barmherzigkeit auf wunderbare Weise vor dem Tode bewahrt. Er, der der einzige Herr des Lebens und des Todes ist, hat mir dieses Leben verlängert, in gewisser Weise hat er es mir neu geschenkt. Seit diesem Augenblick gehört es ihm noch mehr. Ich hoffe, er wird mir helfen, zu erkennen, bis wann ich diesen Dienst fortführen soll, zu dem er mich am 16. Oktober 1978 berufen hat. Ich bitte ihn, mich zurückzurufen, wann er selbst es will. "Im Leben und im Tod gehören wir dem Herrn ... sind wir des Herrn" (cf. Rm 14, 8). Ich hoffe auch, dass die Göttliche Barmherzigkeit mir die nötigen Kräfte für diesen Dienst geben wird, solange es mir gegeben sein wird, den Petrusdienst in der Kirche auszuüben.

3.
Wie jedes Jahr während der geistlichen Exerzitien habe ich mein Testament vom 6.III.1979 gelesen. Ich halte die darin enthaltenen Verfügungen weiter aufrecht. Das, was jetzt und auch während der früheren geistlichen Exerzitien hinzugefügt worden ist, stellt eine Betrachtung über die schwierige und angespannte allgemeine Lage dar, die die achtziger Jahre geprägt hat. Seit dem Herbst 1989 hat sich diese Lage geändert. Das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war frei von den früheren Spannungen; das heißt nicht, dass es nicht neue Probleme und Schwierigkeiten mit sich gebracht hätte. In besonderer Weise sei der Göttlichen Vorsehung Lob dafür, dass die Zeit des so genannten "Kalten Kriegs" vorüber ist ohne den gewaltsamen Atomkonflikt , dessen Gefahr in der vorübergegangenen Epoche auf der Welt lastete.

4.
Auf der Schwelle des dritten Jahrtausends "in medio Ecclesiae" stehend, will ich noch einmal dem Heiligen Geist Dankbarkeit ausdrücken für das große Geschenk des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dessen Schuld ich mich zusammen mit der ganzen Kirche - und vor allem dem ganzen Episkopat - fühle. Ich bin davon überzeugt, dass noch lange die neuen Generationen aus dem Reichtum schöpfen werden, die dieses Konzil des 20. Jahrhunderts uns angehäuft hat. Als 'Bischof, der am Konzilsereignis vom ersten bis zum letzten Tag teilgenommen hat, will ich dieses große Erbe allen anvertrauen, die jetzt und in Zukunft dazu gerufen sein werden, es umzusetzen. Ich für mein Teil danke dem ewigen Hirten, der mir erlaubt hat, dieser großen Sache in all diesen Jahren meines Pontifikates zu dienen.

"In medio Ecclesiae" ... von den ersten Tagen des bischöflichen Dienstes an ist es mir - dank dem Konzil - gegeben worden, die brüderliche Gemeinschaft im Bischofsamt zu erleben. Als Priester des Erzbistums Krakau hatte ich erfahren, was die brüderliche Gemeinschaft der Priester untereinander bedeutet - das Konzil hat eine neue Dimension dieser Erfahrung eröffnet.

5.
Wie viele Personen müsste ich hier aufzählen! Vielleicht hat der Herr, unser Gott, die Mehrheit von ihnen zu sich gerufen - was die betrifft, die sich noch auf dieser Seite befinden, mögen die Worte dieses Testaments an sie erinnern, sie alle, überall, wo sie sich befinden mögen.

Im Lauf der mehr als zwanzig Jahre, in denen ich den Petrusdienst "in medio Ecclesiae" leiste, habe ich die großzügige und um so fruchtbarere Mitarbeit von so vielen Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen erfahren, so vielen Priestern, so vielen geweihten Personen - Brüdern und Schwestern - schließlich so vielen Laien, in der Kurie, im Vikariat des Bistums Rom und außerhalb dieser Kreise.

Wie könnte ich nicht mit dankbarer Erinnerung alle Episkopate in der Welt umarmen, mit denen ich mich in den einander ablösenden Besuchen "ad limina Apostolorum" getroffen habe! Wie könnte ich nicht an die vielen christlichen Brüder erinnern - die nicht-katholischen! Und den Rabbiner von Rom und so viele Vertreter der nicht-christlichen Religionen! Und die vielen Vertreter der Welt der Kultur, der Wissenschaft, der Politik, der Medien!

6.
Jetzt, wo sich das Ende meines irdischen Lebens nähert, kehre ich in meiner Erinnerung zum Anfang zurück, zu meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester (die ich nicht kennen gelernt habe, weil sie vor meiner Geburt starb), zur Pfarrei von Wadowice, wo ich getauft worden bin, zu jener Stadt meiner Liebe, zu meinen Altersgenossen, zu meinen Mitschülerinnen und Mitschülern in der Grundschule, im Gymnasium, an der Uni, bis zu den Zeiten der Besetzung, als ich als Arbeiter tätig war, und dann an zur Pfarrei von Niegowić, zu der von St. Florian in Krakau, zur Akademiker-Seelsorge, zum Kreis ... zu allen Kreisen ... in Krakau und Rom ... zu allen Personen, die mir der Herr in besonderer Weise anvertraut hat. Allen möchte ich das eine sagen: "Gott vergelte es euch"

"In manus Tuas, Domine, commendo spiritum meum"
A.D.
17.III.2000

 

 

 

 

Offenbarungen Jesu an die hl. Faustyna:


Im Alten Testament habe Ich zu Meinem Volk, Propheten mit Blitz und Donner gesandt, heute sende Ich dich zu der ganzen Menschheit mit Meiner Barmherzigkeit. Ich will die wunde Menschheit nicht strafen, sondern sie gesund machen, sie an Mein barmherziges Herz drücken.

Das ist das Zeichen der Endzeit. Danach kommt der Tag der Gerechtigkeit. Solange noch Zeit ist, sollen sie zur Quelle Meiner Barmherzigkeit Zuflucht nehmen; sie sollen das Blut und das Wasser, das für sie entsprang, nutzen. Ehe Ich als gerechter Richter komme, öffne Ich weit die Tür Meiner Barmherzigkeit. Wer durch die Tür der Barmherzigkeit nicht eingehen will, muß durch die Tür Meiner Gerechtigkeit...

Unbegreifliche Gnaden - versprach Jesus - will ich jenen Seelen erteilen, die Meiner Barmherzigkeit Vertrauen schenken. Mögen sich alle Seelen dem Meer der Barmherzigkeit mit großem Vertrauen nahen. Die Sünder werden Rechtfertigung erfahren und die Gerechten Festigung im Guten. Wer sein Vertrauen in Meine Barmherzigkeit gelegt hat, dessen Seele werde Ich in der Stunde des Todes mit Meinem Frieden erfüllen.

Aus Meiner Barmherzigkeit - sagte Jesus zur Schwester Faustyna - schöpft man Gnaden mit nur einem Gefäß, und das ist das Vertrauen. Je mehr eine Seele vertraut, um so mehr bekommt sie. Seelen, die unbegrenzt vertrauen, sind Mir eine große Freude, denn in solche Seelen gieße Ich alle Meine Gnadenschätze. Es freut Mich, daß sie viel verlangen, denn es ist Mein Wunsch, viel zu geben. Die glücklichste Seele ist jene, die sich Meiner Barmherzigkeit anvertraut, denn Ich Selbst kümmere Mich um sie.
Keine einzige Seele, die Meine Barmherzigkeit anrief, ist enttäuscht oder beschämt worden. An einer Seele, die Meiner Güte vertraut, habe ich besonderes Wohlgefallen.

Jesus zur Schwester Faustyna:
Ich verlange von dir Taten der Barmherzigkeit, die aus deiner Liebe zu Mir hervorgehen sollen. Barmherzigkeit sollst du immer und überall deinen Nächsten erweisen, du kannst dich davor weder drücken, noch ausreden oder entschuldigen. Ich gebe dir drei Möglichkeiten, dem Nächsten Barmherzigkeit zu erweisen: erstens - die Tat; zweitens - das Wort; drittens -das Gebet. In diesen drei Stufen ist die Fülle der Barmherzigkeit enthalten; sie ist ein unumstößlicher Beweis der Liebe zu Mir. So preist und verehrt die Seele Meine Barmherzigkeit.

Wenn die Seele nicht in irgendeiner Weise Barmherzigkeit übt, wird sie am Tage des Gerichts Meine Barmherzigkeit nicht erfahren. Wenn doch die Seelen ewige Schätze ansammeln wollten, sie würden Meinem Urteil mit Barmherzigkeit zuvorkommen und nicht gerichtet werden.

Wisse Meine Tochter, sagte Jesus zur Schwester Faustyna - daß mein Herz lauter Barmherzigkeit ist. Aus diesem Meer der Barmherzigkeit ergießen sich Gnaden über die ganze Welt (...). Ich wünsche, daß dein Herz zur Wohnstätte Meiner Barmherzigkeit wird. Ich wünsche, daß diese Barmherzigkeit sich durch dein Herz auf die ganze Erde ergießt. Wer sich dir nähert, soll nicht ohne Vertrauen auf meine Barmherzigkeit, die ich so sehr für die Seelen wünsche, fortgehen.

Tod Papst Johannes Pauls II. in der Vigil zum Barmherzigkeitssonntag

Weisser Sonntag als Fest der Barmherzigkeit  

( Seit dem Heiligen Jahr 2000 wird der ehemals "Weiße Sonntag" von der Kirche weltweit als Barmherzigkeitssonntag begangen. )

MARIA FAUSTYNA KOWALSKA

1905-1938

 

Schwester Maria Faustyna, die Apostelin der Barmherzigkeit Gottes, gehört heute zu den bekanntesten Heiligen der Kirche. Durch sie vermittelt Jesus Christus der Welt die große Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes und zeigt ein Vorbild christlicher Vollkommenheit, das sich auf Vertrauen zu Gott und eine Haltung der Barmherzigkeit gegenüber den Nächsten gründet.

Sie wurde am 25. August 1905 als drittes von zehn Kindern der Familie von Mananna und Stanis»aw Kowalski, Bauersleuten aus dem Dorf G»ogowiec. geboren. Bei der heiligen Taufe in der Pfarrkirche in Ðwinice Warckie erhielt sie den Vornamen Helena. Seit ihrer Kindheit zeichnete sie sich durch Liebe zum Gebet, Fleiß, Gehorsam und ein großes Mitgefühl mit menschlicher Armut aus. Im neunten Lebensjahr empfing sie die erste heilige Kommunion, die sie im Bewußtsein der Gegenwart des Göttlichen Gastes in ihrer Seele tief erlebte. Die Schule besuchte sie nur knappe drei Jahre und als junges Mädchen von 16 Jahren verließ sie ihr Elternhaus, um im Dienste bei wohlhabenden Familien in Aleksandrów, ºódï und Ostrówek für ihren eigenen Unterhalt zu verdienen und um ihren Eltern zu helfen.

Die Stimme der Berufung vernahm sie in ihrer Seele bereits seit dem siebten Lebensjahr. Aber da ihre Eltern dem Eintritt in ein Kloster nicht zustimmten, versuchte sie, diese Stimme in sich zu betäuben. Unter dem Eindruck einer Vision des Leidenden Christus fuhr sie jedoch nach Warschau und trat dort am 1. August 1925 in die Kongregation der Schwestern der Muttergottes der Barmherzigkeit ein. Im Kloster verbrachte sie als S. Maria Faustyna dreizehn Jahre, in denen sie als Köchin, Gärtnerin und Pförtnern in vielen Häusern der Kongregation tätig war, am längsten in P»ock, Wilna und Krakau.

Nach außen verriet nichts ihr äußerst reiches mystisches Leben. Voller Hingabe verrichtete sie alle Arbeiten und hielt treu die Ordensregeln ein, sie war gesammelt und schweigsam, dabei natürlich, voller wohlwollender und selbstloser Liebe. Ihr Leben, das dem Anschein nach gewöhnlich, eintönig und grau war, barg eine ungewöhnliche Tiefe der Vereinigung mit Gott in sich.

Das Fundament ihrer Geistigkeit bildet das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes, das sie im Worte Gottes zu ergründen suchte und in das sie sich im Alltag ihres Lebens vertiefte. Die Erkenntnis der Barmherzigkeit Gottes und die Vertiefung in sie entwickelten in ihr die Haltung eines kindlichen Vertrauens zu Gott und der Barmherzigkeit gegenüber den Nächsten. O mein Jesus — schrieb sie — jeder Deiner Heiligen trägt eine Deiner Eigenschaften. Ich will von Deinem gütigen Herzen geprägt sein und will es lobpreisen. Deine Barmherzigkeit, o Jesus, soll meinem Herzen und meiner Seele als Siegel aufgeprägt sein, als mein Zeichen in diesem und im künftigen Leben (TB 1242). Schwester Maria Faustyna war eine treue Tochter der Kirche, die sie wie eine Mutter und als den Mystischen Leib Jesu Christi liebte. Sie war sich ihrer Rolle in der Kirche bewußt und arbeitete mit der Barmherzigkeit Gottes im Werke der Rettung verlorener Seelen zusammen. Auf den Wunsch von Jesus Christus hin und seinem Beispiel folgend, brachte sie deshalb ihr Leben zum Opfer dar. In ihrem geistigen Leben zeichnete sie sich auch durch die Liebe zur Eucharistie und eine tiefe Verehrung der Muttergottes der Barmherzigkeit aus.

Die Jahre ihres Ordenslebens waren von außergewöhnlichen Gnaden erfüllt: von Erscheinungen, Visionen, verborgenen Stigmata, der Teilnahme an der Passion Christi, der Gabe der Bilokation, dem Lesen in den menschlichen Seelen. Prophezeiungen und der seltenen Gabe der mystischen Verlobung und Vermählung. Der lebendige Kontakt mit Gott, der Muttergottes, den Engeln, Heiligen, den Seelen im Fegefeuer — die ganze übernatürliche Welt war für sie nicht weniger real und wirklich als die mit den Sinnen wahrnehmbare Welt. Obwohl sie so reich mit außergewöhnlichen Gnaden beschenkt wurde, wußte sie, daß diese nicht über das Wesen der Heiligkeit entscheiden. Im Tagebuch schrieb sie: Weder Gnaden, noch Eingebungen, noch Entzückungen wie auch andere verliehene Gaben machen die Seele vollkommen, sondern nur die innere Vereinigung meiner Seele mit Gott. Die Gaben sind lediglich Schmuck für die Seele, doch bilden sie weder ihren Inhalt noch die Vollkommenheit. Meine Heiligkeit und Vollkommenheit beruht auf der engen Vereinigung meines Willens mit dem Willen Gottes (TB 1107).

Jesus wählte S. Maria Faustyna als Seine Sekretärin und Apostelin Seiner Barmherzigkeit, um durch sie der Welt die große Botschaft zu verkünden. Im Alten Testament — sprach Er zu ihr — habe Ich zu Meinem Volk Propheten mit Blitz und Donner gesandt, heute sende Ich dich zu der ganzen Menschheit mit Meiner Barmherzigkeit. Ich will die wunde Menschheit nicht strafen, sondern sie gesund machen, sie an Mein barmherziges Herz drücken (TB 1588).

Die Sendung von S. Maria Faustyna beruht auf drei Aufgaben:

– Der Welt die in der Heiligen Schrift geoffenbarte Wahrheit von der barmherzigen Liebe Gottes zu jedem Menschen näherzubringen und zu verkünden.

– Die Barmherzigkeit Gottes für die ganze Welt, insbesondere für die Sünder zu erbitten, u. a. durch die von Jesus empfohlenen neuen Kultformen der Barmherzigkeit Gottes: das Bild des Barmherzigen Jesus mit der Unterschrift: Jesus, ich vertraue auf Dich, das Fest der Barmherzigkeit Gottes am ersten Sonntag nach Ostern, der Rosenkranz zur Barmherzigkeit Gottes, das Gebet in der Stunde der Barmherzigkeit (15 Uhr). An diese Kultformen sowie an die Verbreitung der Verehrung der Barmherzigkeit Gottes knüpfte Jesus große Versprechungen, unter der Bedingung, daß sie mit Vertrauen zu Gott und tätiger Nächstenliebe verbunden sind.

– Die dritte Aufgabe in der Sendung der S. Faustyna besteht in der Inspiration einer apostolischen Bewegung der Barmherzigkeit Gottes, die die Aufgabe übernimmt, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden und für die Welt zu erbitte, und die — auf dem von der sel. S. Maria Faustyna gezeigten Weg — nach Vollkommenheit strebt. Dieser Weg beruht auf einer Haltung kindlichen Vertrauens zu Gott, das sich in der Erfüllung Seines Willens ausdrückt sowie auf einer Haltung der Barmherzigkeit gegenüber den Nächsten. Heute umfaßt diese Bewegung in der Kirche Millionen von Menschen in aller Welt: Ordensgemeinschaften, Laieninstitutionen, Priester, Bruderschaften, Vereine, verschiedene Gemeinschaften der Apostel der Barmherzigkeit Gottes und Einzelpersonen, die die Aufgaben übernehmen, die Jesus Christus durch S. Faustyna übermittelte.

Die Sendung der S. Maria Faustyna wurde in ihrem Tagebuch beschrieben, das sie auf Wunsch von Jesus und ihren Beichtvätern führte. Sie schrieb dort alle Wünsche, die Jesus ihr gegenüber äußerte, getreulich nieder und beschrieb auch die Begegnungen ihrer Seele mit Ihm. Sekretärin Meines tiefsten Geheimnisses — sprach Jesus zu S. Faustyna — du hast die Aufgabe, alles aufzuschreiben, was Ich dich über Meine Barmherzigkeit erkennen lasse und zwar zum Nutzen der Seelen, die diese Schriften lesen. Sie erfahren in ihrer Seele Trost und Mut, sich Mir zu nähern (TB 1693). Dieses Werk bringt uns das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes auf außergewöhnliche Weise näher. Es begeistert nicht nur einfache Menschen, sondern auch Wissenschaftler, die in ihm eine zusätzliche Quelle für ihre theologischen Forschungen entdecken. Das Tagebuch wurde in viele Sprachen übersetzt, u. a. ins Englische, Deutsche, Italienische, Spanische, Französische, Portugiesische. Arabische, Russische, Ungarische, Tschechische und Slowakische.

Schwester Maria Faustyna starb in Krakau am 5. Oktober 1938 im Alter von nur 33 Jahren, aufgezehrt durch Krankheit und verschiedene Leiden, die sie als freiwilliges Opfer für die Sünder auf sich genommen hatte, voll geistiger Reife und mystisch mit Gott vereint. Der Ruf der Heiligkeit ihres Lebens wuchs mit der Ausbreitung der Andacht zur Barmherzigkeit Gottes und in dem Maße, in dem Gnaden durch ihre Fürbitte gewährt wurden. In den Jahren 1965-1967 wurde in Krakau der Informationsprozeß über ihr Leben und ihre Tugenden durchgeführt, und 1968 begann in Rom der Seligsprechungsprozeß, der im Dezember 1992 beendet wurde. Am 18. April 1993 wurde sie auf dem Petersplatz in Rom von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Ihre Reliquien ruhen im Sanktuarium der Barmherzigkeit Gottes in Krakau-ºagiewniki.

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Gebet der hl. Faustyna:


Ich möchte mich ganz in Deine Barmherzigkeit umwandeln, um so ein lebendiges Abbild von Dir zu sein, o Herr, möge diese größte Eigenschaft Gottes, seine unergründliche Barmherzigkeit, durch mein Herz und meine Seele hindurch zu meinen Nächsten gelangen.

Hilf mir, o Herr, daß meine Augen barmherzig schauen , daß ich niemals nach äußerem Anschein verdächtige und richte, sondern wahrnehme, was schön ist in den Seelen meiner Nächsten und ihnen zu Hilfe komme.

Hilf mir, daß mein Gehör barmherzig wird, damit ich mich den Bedürfnissen meiner Nächsten zuneige, daß meine Ohren nicht gleichgültig bleiben für Leid und Klagen der Nächsten.

Hilf mir, Herr, daß meine Zunge barmherzig wird, daß ich niemals über meinen Nächsten abfällig rede, sondern für jeden ein Wort des Trostes und der Vergebung habe.

Hilf mir, Herr, daß meine Hände barmherzig und voll guter Taten sind, damit ich meinem Nächsten nur Gutes tue und schwierige, mühevollere Arbeit auf mich nehme.

Hilf mir, Herr, daß meine Füße barmherzig sind, daß sie meinen Nächsten immer zu Hilfe eilen und die eigene Mattheit und Ermüdung beherrschen. Meine wahre Rast ist im Dienst am Nächsten.

Hilf mir, Herr, daß mein Herz barmherzig ist, auf daß ich alle Leiden der Nächsten empfinde, daß ich niemandem mein Herz versage, aufrichtigen Umgang auch mit denen pflege, von denen ich weiß, daß sie meine Güte mißbrauchen werden. Ich selbst werde mich im barmherzigsten Herzen Jesu verschließen. Über eigene Leiden will ich schweigen. Deine Barmherzigkeit, o mein Herr, soll in mir ruhen (...).

O mein Jesus, verwandle mich in Dich, denn Du vermagst alles.

PAPSTMESSE ZUR HEILIGSPRECHUNG
DER SELIGEN MARIA FAUSTYNA KOWALSKA

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.

Sonntag, 30. April 2000

 

1. »Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig« (Ps 118,1). So betet die Kirche in der Osteroktav, indem sie diese Worte des Psalms geradezu von den Lippen Christi abliest; von den Lippen des auferstandenen Christus, der im Abendmahlssaal die große Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit überbringt und der die Apostel mit dem Auftrag betraut: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch […] Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20,21–23).

Bevor Jesus diese Worte ausspricht, zeigt er seine Hände und seine Seite. Er verweist also auf die Wundmale seines Leidens, insbesondere die Wunde seines Herzens. Es ist die Quelle, aus der die große Woge der Barmherzigkeit entspringt, die sich über die Menschheit ergießt. Aus diesem Herzen wird Schwester Faustyna Kowalska, die wir von nun an »Heilige« nennen, zwei Lichtstrahlen ausgehen sehen, die die Welt erleuchten: »Die beiden Strahlen – so erklärte ihr eines Tages Jesus selbst – bedeuten Blut und Wasser« (Tagebuch der Schwester Maria Faustyna Kowalska, Hauteville/Schweiz, 1990, S. 119).

2. Blut und Wasser! Unsere Gedanken richten sich auf das Zeugnis des Evangelisten Johannes: er sah, als auf dem Kalvarienberg einer der Soldaten mit der Lanze in die Seite Christi stieß, »Blut und Wasser« herausfließen (vgl. Joh 19,34). Und wenn das Blut an das Kreuzesopfer und das Geschenk der Eucharistie denken läßt, so erinnert das Wasser in der Symbolik des Johannes nicht nur an die Taufe, sondern auch an die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Joh 3,5; 4,14; 7,37–39).

Die göttliche Barmherzigkeit erreicht die Menschen durch das Herz des gekreuzigten Christus: »Sage, Meine Tochter, daß Ich ganz Liebe und Barmherzigkeit bin«, so wird Jesus Schwester Faustyna bitten (Tagebuch, a.a.O., S. 337). Diese Barmherzigkeit gießt Christus über die Menschheit durch die Sendung des Heiligen Geistes aus, der in der Dreifaltigkeit die »Person der Liebe« darstellt. Und ist denn nicht die Barmherzigkeit ein »anderer Name« für die Liebe (Dives in misericordia, 7), verstanden im Hinblick auf ihre tiefste und zärtlichste Seite, auf ihre Eigenschaft, sich um jedwede Not zu sorgen, und insbesondere in ihrer grenzenlosen Fähigkeit zur Vergebung?

Meine Freude ist fürwahr groß, der ganzen Kirche heute das Lebenszeugnis von Schwester Faustyna Kowalska gewissermaßen als Geschenk Gottes an unsere Zeit vorzustellen. Die göttliche Vorsehung hat das Leben dieser demütigen Tochter Polens ganz und gar mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden, das wir gerade hinter uns gelassen haben. So hat ihr Christus zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg seine Botschaft der Barmherzigkeit anvertraut. Diejenigen, die sich daran erinnern, weil sie Zeugen der Ereignisse jener Jahre waren und das schreckliche Leid von Millionen von Menschen miterlebten, wissen nur zu gut, wie notwendig die Botschaft von der Barmherzigkeit war.

Jesus sagte zu Schwester Faustyna: »Die Menschheit wird keinen Frieden finden, solange sie sich nicht mit Vertrauen an Meine Barmherzigkeit wendet« (Tagebuch, a.a.O., S. 119). Durch das Werk der polnischen Ordensfrau verband sich diese Botschaft für immer mit dem zwanzigsten Jahrhundert, dem letzten des zweiten Jahrtausends und der Brücke hin zum dritten Jahrtausend. Diese Botschaft ist nicht neu, obgleich sie als ein Geschenk besonderer Erleuchtung angesehen werden kann, die uns hilft, die österliche Frohbotschaft erneut intensiv zu erleben, um sie den Männern und Frauen unserer Zeit wie einen Lichtstrahl anzubieten.

3. Was werden die vor uns liegenden Jahre mit sich bringen? Wie wird die Zukunft des Menschen hier auf Erden aussehen? Dies zu wissen ist uns nicht gegeben. Dennoch ist gewiß, daß neben neuen Fortschritten auch schmerzliche Erfahrungen nicht ausbleiben werden. Doch das Licht der göttlichen Barmherzigkeit, das der Herr durch das Charisma von Schwester Faustyna der Welt gleichsam zurückgeben wollte, wird den Weg der Menschen des dritten Jahrtausends erhellen.

Es ist notwendig, daß – so wie seinerzeit die Apostel – auch die Menschheit von heute im Abendmahlssaal der Geschichte den auferstandenen Christus aufnimmt, der die Wundmale seiner Kreuzigung zeigt und wiederholt: Friede sei mit euch! Die Menschheit muß sich vom Geist, den der auferstandene Christus ihr schenkt, erreichen und durchdringen lassen. Es ist der Geist, der die Wunden des Herzens heilt, der die Schranken niederreißt, die uns von Gott entfernen und die uns untereinander trennen, und der die Freude über die Liebe des Vaters und über die brüderliche Einheit zurückschenkt.

4. Daher ist es wichtig, daß wir am heutigen zweiten Sonntag in der Osterzeit, der von nun an in der ganzen Kirche den Namen »Barmherzigkeitssonntag« haben wird, die Botschaft des Wortes Gottes in ihrer Gesamtheit erfassen. In den verschiedenen Lesungen scheint die Liturgie den Weg der Barmherzigkeit nachzuzeichnen: Indem sie diese Beziehung eines jeden zu Gott wiederherstellt, er weckt sie auch unter den Menschen ein neues Verhältnis brüderlicher Solidarität. Christus hat uns gelehrt, daß »der Mensch das Erbarmen Gottes nicht nur empfängt und erfährt, sondern auch berufen ist, an seinen Mitmenschen ›Erbarmen zu üben‹: ›Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden‹ (Mt 5,7)« (Dives in misericordia, 14). Sodann hat er uns die vielfältigen Wege der Barmherzigkeit aufgezeigt, die nicht nur Sünden vergibt, sondern die auch allen Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt. Jesus hat sich zu jedem menschlichen Elend hinabgebeugt, sei es materieller oder geistlicher Natur.

Seine Botschaft der Barmherzigkeit erreicht uns weiterhin durch die Geste seiner zum leidenden Menschen hin ausgestreckten Hände. So hat ihn Schwester Faustyna gesehen und ihn den Menschen aller Kontinente verkündet. Im Konvent von Lagiewniki, in Krakau, machte sie ihr Dasein zu einem Lobgesang auf die Barmherzigkeit: »Misericordias Domini in aeternum cantabo«. [Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen] (Ps 88 [89], 2.)

5. Die Heiligsprechung von Schwester Faustyna ist außerordentlich bedeutsam: durch diese Geste möchte ich heute dem neuen Jahrtausend diese Botschaft übermitteln. Ich übergebe sie allen, damit sie lernen, immer besser das wahre Antlitz Gottes und das wahre Antlitz der Brüder zu erkennen.

Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Brüdern sind nämlich untrennbar miteinander verbunden, wie uns der erste Brief des Johannes ins Gedächtnis gerufen hat: »Wir erkennen, daß wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote er füllen« (5,2). Der Apostel erinnert uns hier an die Wahrheit der Liebe, indem er uns die Befolgung der Gebote als deren Maß und Richtschnur aufzeigt.

Es ist nämlich nicht leicht, mit einer tiefen Liebe zu lieben, die in der wahrhaftigen Gabe der eigenen Person besteht. Diese Liebe erlernt man allein in der Schule Gottes, durch die Wärme seiner Liebe. Indem wir unseren Blick zu ihm hinwenden und uns auf sein Vaterherz hin ausrichten, werden wir befähigt, mit anderen Augen auf die Brüder zu schauen, in einer Haltung der Selbstlosigkeit und der Anteilnahme, der Großherzigkeit und Vergebung. All dies ist Barmherzigkeit!

Je nachdem wie die Menschheit es verstehen wird, das Geheimnis dieses barmherzigen Blickes zu erfahren, wird sich das idealisierte, in der ersten Lesung vorgestellte Bild als eine realisierbare Perspektive herausstellen: »Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam« (Apg 4,32). Hier wurde die Barmherzigkeit des Herzens auch zum Stil der Beziehungen untereinander, zum Projekt der Gemeinschaft und zur gemeinsamen Teilhabe an den Gütern. Hier sind die »Werke der Barmherzigkeit« geistiger und leiblicher Art aufgeblüht. Hier hat sich die Barmherzigkeit konkret zum »Nächsten« gegenüber den notleidenden Brüdern gemacht.

6. Schwester Faustyna Kowalska hat in ihrem Tagebuch geschrieben: »Ich empfinde furchtbaren Schmerz, wenn ich auf die Leiden meiner Nächsten schaue. Alle Leiden meiner Nächsten finden in meinem Herzen einen Widerschein. Ihre Qualen trage ich dermaßen im Herzen, daß ich sogar physisch ausgemergelt bin. Ich wünschte, daß alle Qualen über mich kämen, um meinen Nächsten dadurch Linderung zu verschaffen« (Tagebuch, a.a.O., S. 329). Hier wird deutlich, bis zu welchem Grad der Anteilnahme die Liebe führt, wenn sie sich an der Liebe Gottes mißt!

Von dieser Liebe muß sich die Menschheit von heute inspirieren lassen, um die Sinnkrise in Angriff zu nehmen, die Herausforderungen, die sich durch verschiedene Bedürfnisse stellen, besonders durch den Anspruch, die Würde einer jeden menschlichen Person zu wahren. Die Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit stellt somit implizit auch eine Botschaft vom Wert eines jeden Menschen dar. Jede Person ist in den Augen Gottes wertvoll, für jeden einzelnen hat Christus sein Leben hingegeben, jedem macht der Vater seinen Geist zum Geschenk und bietet Zugang in sein Innerstes.

7. Diese trostreiche Botschaft wendet sich vor allem an denjenigen, der – von harten Prüfungen gequält oder von der Last der begangenen Sünden erdrückt – jedes Vertrauen in das Leben verloren hat oder der versucht ist, zu verzweifeln. Ihm stellt sich das sanfte Antlitz Christi vor, über ihn kommen die Strahlen, die aus seinem Herzen hervorgehen, und sie erhellen, erwärmen, weisen den Weg und flößen Hoffnung ein. Wie viele Seelen hat die Anrufung »Jesus, ich vertraue auf dich«, die ihnen die Vorsehung durch Schwester Faustyna nahegelegt hat, bereits getröstet. Dieser schlichte Akt der Hingabe an Jesus reißt die dichtesten Wolken auf und läßt einen Lichtstrahl auf das Leben eines jeden herabkommen.

8. »Misericordia Domini in aeternum cantabo.« [Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen] (Ps 88 [89], 2.) Mit der Stimme der allerseligsten Maria, der »Mutter der Barmherzigkeit«, mit der Stimme dieser neuen Heiligen, die im himmlischen Jerusalem gemeinsam mit allen Freunden Gottes die Barmherzigkeit besingt, vereinen auch wir, die pilgernde Kirche, unsere Stimme.

Und du, Faustyna, Geschenk Gottes an unsere Zeit, Geschenk Polens an die ganze Kirche, hilf uns, die Tiefe der göttlichen Barmherzigkeit zu erfassen, von ihr eine lebendige Erfahrung zu machen und diese vor unseren Brüdern zu bezeugen. Deine Botschaft des Lichtes und der Hoffnung verbreite sich in der ganzen Welt, sie führe die Sünder zur Umkehr, sie besänftige die Rivalitäten und den Haß und öffne die Menschen für eine gelebte Brüderlichkeit. Indem wir mit dir den Blick auf das Antlitz des auferstandenen Christus richten, machen wir uns dein Gebet der vertrauensvollen Hingabe zu eigen und sprechen mit fester Hoffnung: »Jesus, ich vertraue auf dich!«

 

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...mein weniger mystischer Ansatz:

>>  "Auf, lasst uns gehen!"  >>

 

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Konklave ab 18.4.2005

 

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SPIEGEL ONLINE - 18. April 2005, 12:47
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,351926,00.html

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Dokumentation 18.4.2005

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Ratzingers Predigt zur Papstwahl

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Rom - Die Kardinäle des Konklaves, hohe kirchliche Würdenträger, viele Römer und Touristen haben am Gottesdienst "pro eligendo papa" (Messe zur Papstwahl) teilgenommen. Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zelebrierte die Messe und hielt die Predigt. Hier Auszüge daraus:

"Die Barmherzigkeit von Christus ist keine billige Gnade, sie darf nicht als Banalisierung des Bösen verstanden werden. Christus trägt in seinem Körper und in seiner Seele das ganze Gewicht des Bösen, dessen ganze zerstörerische Kraft. Er verbrennt und verwandelt das Böse durch sein Leiden, im Feuer seiner leidenden Liebe ...

... Wie viele verschiedene Glaubenslehren haben wir in den vergangenen Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Richtungen und wie viele Denkweisen (...) Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen geschüttelt und dabei von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter. Jeden Tag werden neue Sekten geboren und dabei verwirklicht sich, was der Heilige Paulus über die Täuschung der Menschen sagt (...). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgetan. Während der Relativismus, bei dem man sich von einer Glaubenslehre zur anderen hinreißen lässt, als die einzige, den heutigen Zeiten entsprechende Verhaltensweise erscheint. So entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als das letzte Maß aller Dinge nur das eigene Ich und dessen Gelüste versteht ...

... Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; ebenso wenig die Bücher. Nach einer gewissen, mehr oder weniger langen Zeit verschwinden all diese Dinge. Das Einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist deshalb diejenige, die wir in den menschlichen Seelen gesät haben - die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die es schafft, das Herz zu berühren; das Wort, das die Seele öffnet, hin zur Freude des Herrn. (...) Nur so wird sich die Erde vom Tal der Tränen in den Garten Gottes verwandeln ...

... Aber in dieser Stunde beten wir vor allem eindringlich zum Herrn, damit er uns nach dem großen Geschenk, das Papst Johannes Paul II. war, wieder einen Hirten ganz nach seinem Herzen schenkt, einen Hirten der uns zur Erkenntnis von Christus führt, zu seiner Liebe, zur wahren Freude. Amen."
 

 

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http://www.vatican.va 

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  SPIEGEL ONLINE - .20. April 2005, 14:23
.URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,352450,00.html

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Dokumentation

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Die erste Predigt Benedikts XVI.

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Papst Benedikt XVI. hat seinen ersten Gottesdienst gefeiert. Zehntausende verfolgten die Messe über Rundfunk und Fernsehen. "Radio Vatikan" hat die Predigt des neuen Pontifex aus dem Lateinischen übersetzt.

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Verehrte Brüder Kardinäle,
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
ihr alle Männer und Frauen guten Willens.


Gnade und Frieden im Überfluss an euch alle. In meiner Seele spüre ich in diesem Moment zwei sich widersprechende Gefühle. Auf der einen Seite ein Gefühl der menschlichen Unruhe wegen der Verantwortung, die mir gestern anvertraut wurde. Als Nachfolger des Apostels Petrus an diesem Sitz von Rom mitten in der Universalkirche. Auf der anderen Seite fühle ich in mir eine tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber, der, wie es uns die Liturgie singen lässt, seine Herde nicht verlässt, sondern sie durch die Zeiten führt - auch jene führt, die die Stellvertreter seines Sohnes sein sollen. Diese intime Anerkennung für ein Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit übertrifft alles in meinem Herzen. Und ich sehe das als eine große besondere Gnade, die mir von meinem verehrten Vorgänger Johannes Paul II. übergeben wurde. Ich fühle seine starke Hand, die meine hält. Ich spüre seine lächelnden Augen - zu sehen und seine Worte zu hören, die in diesem besonderen Moment an mich gerichtet sind: Hab keine Angst.

Wir können hinzufügen: Der Tod des heiligen Vaters Johannes Paul II. und die darauf folgenden Tage sind für die Kirche und für die ganze Welt eine Zeit außerordentlicher Gnade gewesen. Der große Schmerz wegen seines Todes und das Gefühl der Leere, das der Tod in uns allen hinterlassen hat, waren von der Aktion des auferstandenen Christus überschattet. Von der Liebe und von der spirituellen Solidarität, was in den feierlichen Beerdigungsreden seinen Gipfel hatte. Die Beerdigung von Johannes Paul II. war eine außerordentliche Erfahrung in uns, in der uns auf eine besondere Weise die Kraft Gottes klar wurde, der durch seine Kirche alle Völker in eine große Familie umwandeln möchte - durch die vereinigende Kraft der Liebe und der Wahrheit.

In der Stunde des Todes ist Johannes Paul II. seinem Meister und Herrn gleichgeworden. Er hat sein langes und fruchtbares Pontifikat gekrönt, indem er das christliche Volk im Glauben gestärkt, es immer um sich herum versammelt hat und die ganze Menschheitsfamilie vereinte. Wie sollen wir uns nicht von diesem Zeugnis unterstützt fühlen? Wie können wir nicht die Ermutigung feststellen, die aus diesem Moment der Gnade erwächst? Die göttliche Vorsehung hat mich durch das Votum der verehrten Kardinäle dazu berufen, diesem großen Papst zu folgen.

Ich denke in diesen Stunden an das, was in Caesareum von Philippi vor 2000 Jahren geschehen ist. Ich denke, die Worte des Petrus zu hören: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und die feierliche Aussage des Herrn: Du bist Petrus, und über diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Und ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Du bist Christus, du bist Petrus. Mir scheint diese evangelische Szene neu zu leben. Ich, der Nachfolger des Petrus, wiederhole mit zitternden Worten die Worte des Fischers aus Galiläa und höre noch einmal mit emotionaler Bewegtheit das Versprechen des göttlichen Meisters. Das Gewicht der Verantwortung, das sich auf meine Schultern gelegt hat, ist enorm. Es ist sicherlich außerhalb des Maßes. Es ist eine außergewöhnliche, göttliche Macht, auf die ich zählen kann. Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.

Als Bischof von Rom hat mich der Herr erwählt. Er wollte mich als seinen Stellvertreter. Er wollte mich als Fels, auf den er mit Sicherheit bauen kann. Ich bitte ihn, der Armut meiner Kräfte zu Hilfe zu kommen. Damit ich ein mutiger und treuer Hirte seiner Herde sei. Ich gehe nun daran, diesen besonderen Dienst auf mich zu nehmen. Den Petrusdienst, den Dienst der universalen Kirche und lege dazu mein Schicksal in die Hände der göttlichen Vorsehung. Vor allem an Christus wende ich mich mit einer totalen und vertrauensvollen Hingabe. Auf dich Herr habe ich gehofft, ich werde in Ewigkeit nicht zu Schande werden. Euch, Herr und Kardinäle, danke ich, für das Vertrauen, das ihr mir entgegengebracht habt, und ich bitte euch, mich mit dem Gebet und mit eurer Mitarbeit zu unterstützen. Ich bitte auch alle, Brüder im Bischofsamt, mir zur Seite zu stehen mit Gebet und Rat, damit ich wirklich der Diener - der Diener Christi sein kann. Wie Petrus und die anderen Apostel zusammenarbeiteten, um mit dem Herrn eine einzige Gemeinschaft der Apostel zu bilden, so auch muss der Nachfolger Christi mit den Bischöfen, als Nachfolger der Apostel, zusammenarbeiten. Sie müssen jetzt wirklich vereint sein. Diese kollegiale Gemeinschaft, die sich in der Verschiedenheit der Rollen, der Funktion des römischen Papstes und der Bischöfe zeigt, ist im Dienst für die Kirche und der Einheit des Glaubens. Von dieser Gemeinschaft hängt in besonderer Weise die Wirksamkeit der Evangelisierung in unserer Zeit ab.

Vor allem auf diesem Weg, auf den meine verehrten Vorgänger hingewiesen haben, möchte auch ich weitergehen, um der ganzen Welt die Lebendigkeit Christi zu verkünden. Vor mir steht in besonderer Weise das Zeugnis Papst Johannes Pauls II. Er hinterlässt uns eine mutigere, freiere, jüngere Kirche. Eine Kirche, die nach seiner Lehre und seinem Beispiel mit Fröhlichkeit in die Vergangenheit blickt und keine Angst hat vor der Zukunft. Mit dem großen Jubiläum hat sie sich in das neue Jahrtausend eingefügt, indem sie auf das Evangelium vertraute und der Welt noch einmal das zweite vatikanische Konzil vor Augen geführt hat. Papst Johannes Paul II. hat dieses Konzil als das Konzil hingestellt, an dem man sich im Dritten Jahrtausend orientieren kann. Auch in seinem spirituellen Testament merkte er an: Ich bin überzeugt, dass es noch lange Zeit - auch für die neuen Generationen - möglich sein wird, aus den Reichtümern des zweiten Vatikanischen Konzils zu schöpfen. Auch ich, der ich nun meinen Dienst als Nachfolger Petri aufnehme, möchte betonen, dass ich bei der Aktualisierung des zweiten Vatikanischen Konzils vorangehe. Auf der Spur meiner Vorgänger und in treuer Gemeinschaft mit der 2000-jährigen Geschichte der Kirche.

In diesem Jahr wird besonders der 40. Jahrestag des Endes des Konzils gefeiert werden. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Konzilsdokumente dennoch nicht an Aktualität verloren. Ihre Lehren offenbaren sich immer noch besonders bedeutsam in Bezug auf die neuen Einrichtungen der Kirche und der modernen globalisierten Gesellschaft. In bedeutungsvoller Weise beginnt mein Pontifikat, während die Kirche das besondere Jahr der Eucharastie lebt. Wie sollte ich nicht durch diese Vorsehung ein besonderes Element entdecken, dass den Dienst charakterisieren soll, zu dem ich berufen bin. Die Eucharistie, das Herz des christlichen Lebens und die Quelle der evangelisierenden Mission der Kirche, kann nichts anderes tun, als das bleibende Zentrum und die Quelle des Dienstes des Petrus zu sein, das mir anvertraut wurde. Die Eucharistie macht den auferstandenen Christus immer und konstant gegenwärtig. Der sich uns immer weiter schenkt, der uns an seinen Tisch ruft, um uns in der Eucharistie sein Leib und Blut zu schenken. Aus der vollen Gemeinschaft mit ihm, entsteht jedes andere Element der Gemeinschaft der Kirche - in erster Linie die Gemeinschaft zwischen allen Gläubigen. Sie zeigt sich im Einsatz der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums, im Brennen der Liebe allen gegenüber, besonders gegenüber den Armen und Schwachen.

In diesem Jahr muss mit besonderer Weise die Feierlichkeit des Fronleichnams gefeiert werden. Die Eucharistie wird im Zentrum stehen - sowohl im August, beim Weltjugendtag in Köln, als auch im Oktober bei der ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode, die sich mit dem Thema die Eucharistie als Quelle und Gipfel des Lebens und der Sendung der Kirche beschäftigen wird. Ich bitte alle, in den nächsten Monaten die Liebe und die Hingabe an Jesus in der Eucharistie zu intensivieren, um in mutiger Weise den Glauben an die Anwesenheit des Herrn klar auszudrücken und feierlich zu zelebrieren. Vor allem durch die Feierlichkeit und Richtigkeit der Zelebrationen. Das bitte ich vor allem die Priester, an die ich in diesem Moment mit großer Hingabe denke. Der priesterliche Dienst ist im Abendmahlssaal zusammen mit der Eucharistie entstanden, wie es Johannes Paul II. mehrmals unterstrichen hat. Die priesterliche Existenz muss als besonderen Titel eine eucharistische Form haben, hat er in seinem letzten Brief am Gründonnerstag geschrieben. Zu diesem Zweck ist vor allem die tägliche Zelebration der heiligen Messe wichtig. Das Zentrum und die Sendung im Leben eines jeden Priesters. Genährt und unterstützt von der Eucharistie können die Katholiken nichts tun, als sich angenommen zu fühlen. Diese volle Einheit mit Christus zu suchen, die er im letzten Abendmahl brennend erwartet hat. Aus dieser höchsten Verbindung mit dem göttlichen Meister weiß der Nachfolger Petri besonders, welches seine Aufgaben sind. Vor allem ist ihm die Aufgabe, die Brüder zu stärken, aufgegeben.

Mit vollem Bewusstsein am Anfang seines Dienstes in der Kirche in Rom, den Petrus mit seinem Blut gekrönt hat, möchte der Nachfolger Petri die Wiederherstellung der Einheit aller, die an Christus glauben, erreichen. Das ist seine Pflicht. Ihm ist bewusst, dass dafür nicht nur die Zeichen guten Willens reichen. Er braucht dazu konkrete Gesten, die in die Seelen eintreten und die Gewissen anrühren, indem sie jeden zur inneren Umkehr bewegen und ein Vorgehen auf dem Weg der Ökumene voranbringen. Der theologische Dialog ist notwendig. Die Vertiefung der historischen Motivationen ist doch nicht hinzugeben. Aber das zieht noch mehr zu dieser Reinigung des Gewissens, die Johannes Paul II. so oft angemahnt hat, die nur die Seelen führen kann die volle Wahrheit Christi anzunehmen. Es ist vor ihm, dem höchsten Richter alles Lebens, vor die sich ein jeder von uns stellen muss. Im Bewusstsein, dass er ihm eines Tages Rechenschaft ablegen muss für das, was er getan hat oder nicht getan hat, im Angesicht des großen guten, der vollen und sichtbaren Einheit aller seiner Jünger. Der aktuelle Nachfolger Petri lässt sich in erster Person von dieser Frage ansprechen und ist dazu bereit, alles dafür zu tun, was in seiner Macht steht, um die fundamentale Angelegenheit der Ökumene voranzubringen. Auf der Spur seiner Vorgänger ist er voll dazu bereit, jede Initiative einzubringen, die opportun erscheint, um die Kontakte und die Begegnung mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu fördern. An sie geht vor allem in diesem Moment mein herzlichster Gruß in Christus, dem einzigen Herrn aller.

In diesem Moment komme ich mit meiner Erinnerung an den Tod und die Beerdigung Johannes Pauls II. zurück. An seinen sterblichen Überresten haben sich die Staatschefs getroffen. Menschen aus allen sozialen Schichten und besonders Jugendliche. In einer unvergesslichen Umarmung von Liebe und Bewunderung. Ihn hat die ganze Welt mit Vertrauen angeschaut. Uns schien, dass diese intensive Teilnahme, die bis an die Grenzen des Planeten ging, verbreitet durch die moderne Kommunikation, wie eine einsame Bitte um Hilfe war, die an den Papst von allen Mitgliedern der heutigen Menschheit gerichtet wurde. Und die sich, von vielen Unsicherheiten und Ängsten durchwühlt, sich über die Zukunft fragt.

Die Kirche von heute muss in sich selbst das Bewusstsein der Aufgabe erneuern, die Christus selbst vorgestellt hat. Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Dunkelheit wandern, sondern wird das Licht des Lebens haben. Die Aufgabe eines neuen Papstes ist es vor allem, das Licht Christi strahlen zu lassen. Es ist nicht das eigene Licht, sondern das Licht Christi. Mit diesem Bewusstsein wende ich mich an alle, auch an diejenigen, die anderen Religionen folgen oder einfach eine Antwort auf die fundamentalen Fragen der Existenz stellen und sie noch nicht gefunden haben. An alle wende ich mich mit Einfachheit und Liebe, um zu versichern, dass die Kirche weitergehen wird. Ich werde mit ihnen einen offenen und ehrlichen Dialog führen auf dem Weg zu dem wahren Gut des Menschen und der Gesellschaft. Ich bitte von Gott für die Einheit und den Frieden für die menschliche Familie und erkläre die Bereitschaft aller Katholiken, für die authentische, soziale Entwicklung mitzuarbeiten, die sich auf die Würde eines jeden menschlichen Wesens stützt. Wir werden unsere Kräfte nicht schonen und den Dialog fortsetzen, den meine verehrten Vorgänger in verschiedenen Kulturen angefangen haben. Damit auf dem gegenseitigen Verständnis, die Bedingungen für eine bessere Zukunft aller herauskommen. Ich denke in besonderer Weise an die Jugendlichen. An sie, die privilegierten Gesprächspartner Johannes Pauls II., geht meine besondere liebevolle Umarmung in der Erwartung, dass, wenn es Gott gefällt, ich sie in Köln beim Weltjugendtag treffen kann. Mit euch, liebe Jugendliche, Zukunft und Hoffnung der Kirche und der Menschheit, werde ich weiter sprechen, indem ich auf eure Erwartungen höre, und ich möchte euch helfen, immer mehr in Tiefe mit Christus dem Lebendigen zu treffen, dem ewig Jungen.

Bleib bei uns, Herr. Diesen Anruf, der das dominante Thema des apostolischen Briefes Johannes Pauls II. für das Jahr der Eucharistie darstellt, ist das Gebet, das aus meinem Herzen spontan hervorkommt. Während ich anfange, diesen Dienst, zu dem Christus mich berufen, hat zu führen. Wie Petrus erneuere auch ich ihm gegenüber das bedingungslose Versprechen der Treue. Ihm möchte ich dienen, in dem ich mich völlig dem Dienst der Kirche widme. Zur Unterstützung dieses Versprechens erbitte ich die mütterliche Fürbitte der heiligen Maria. In ihre Hände lege ich die Zukunft und die Gegenwart meiner Person und der Kirche. Mit ihrer Fürbitte mögen auch die heiligen Apostel Petrus und Paulus und alle Heiligen für mich eintreten. Mit diesen Gefühlen spende ich euch, verehrte Brüder Kardinäle, und allen, die an diesem Ritus teilnehmen, und auch denjenigen, die über das Fernsehen teilnehmen, einen besonders liebevollen Segen.
 


Hl. MESSE ZUR AMTSEINFÜHRUNG
VON PAPST BENEDIKT
XVI.

 

 

 

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS BENEDICT XVI.

Sonntag, 24. April 2005

 

 

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Staatsoberhäupter, Mitglieder der offiziellen Delegationen und des Diplomatischen Corps,
liebe Brüder und Schwestern
!

Dreimal hat uns in diesen ereignisreichen Tagen der Gesang der Allerheiligenlitanei begleitet: beim Begräbnis unseres heimgegangenen Heiligen Vaters Johannes Pauls II.; beim Einzug der Kardinäle ins Konklave, und jetzt haben wir es soeben wieder gesungen mit der Bitte: Tu illum adiuva - sostieni il nuovo successore di S. Pietro. Jedes Mal habe ich auf eigene Weise dieses gesungene Gebet als großen Trost empfunden. Wie verlassen fühlten wir uns nach dem Heimgang von Johannes Paul II., der gut 26 Jahre unser Hirt und Führer auf dem Weg durch diese Zeit gewesen war. Nun hatte er die Schwelle ins andere Leben – ins Geheimnis Gottes hinein überschritten. Aber er ging nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht. Nun konnten wir die Heiligen aller Jahrhunderte herbeirufen – seine Freunde, seine Geschwister im Glauben. Und wir wußten, daß sie gleichsam das lebendige Fahrzeug sein würden, das ihn hinüber- und hinaufträgt zur Höhe Gottes. Wir wußten, wenn er ankommt, wird er erwartet. Er ist unter den Seinen, und er ist wahrhaft zu Hause. Wiederum war es so, als wir den schweren Zug ins Konklave gingen, um den zu finden, den der Herr erwählt hat. Wie sollten wir nur den Namen erkennen? Wie sollten 115 Bischöfe aus allen Kulturen und Ländern den finden, dem der Herr den Auftrag des Bindens und des Lösens geben möchte? Aber wieder wußten wir: Wir sind nicht allein. Wir sind von den Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. Und nun, in dieser Stunde, muß ich schwacher Diener Gottes diesen unerhörten Auftrag übernehmen, der doch alles menschliche Vermögen überschreitet. Wie sollte ich das? Wie kann ich das? Aber Ihr alle, liebe Freunde, habt nun die ganze Schar der Heiligen stellvertretend durch einige der großen Namen der Geschichte Gottes mit den Menschen herbeigerufen, und so darf auch ich wissen: Ich bin nicht allein. Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich. Und Euer Gebet, liebe Freunde, Eure Nachsicht, Eure Liebe, Euer Glaube und Euer Hoffen begleitet mich. Denn zur Gemeinschaft der Heiligen gehören nicht nur die großen Gestalten, die uns vorangegangen sind und deren Namen wir kennen. Die Gemeinschaft der Heiligen sind wir alle, die wir auf den Namen von Vater, Sohn und Heiligen Geist getauft sind und die wir von der Gabe des Fleisches und Blutes Christi leben, durch die er uns verwandeln und sich gleich gestalten will. Ja, die Kirche lebt – das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt – wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat.

Die Kirche lebt – so begrüße ich in großer Freude und Dankbarkeit Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, verehrte Kardinäle und Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und Katechisten. Ich grüße Euch, gottgeweihte Männer und Frauen, Zeugen der verwandelnden Gegenwart Gottes. Ich grüße Euch, gläubige Laien, die Ihr eingetaucht seid in den weiten Raum des Aufbaus von Gottes Reich, das sich über die Welt in allen Bereichen des Lebens ausspannt. Voller Zuneigung richte ich meinen Gruß auch an alle, die, im Sakrament der Taufe wiedergeboren, noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen; sowie an Euch, Brüder aus dem jüdischen Volk, mit dem wir durch ein großes gemeinsames geistliches Erbe verbunden sind, das in den unwiderruflichen Verheißungen Gottes seine Wurzeln schlägt. Schließlich gehen meine Gedanken – gleichsam wie eine Welle, die sich ausbreitet – zu allen Menschen unserer Zeit, zu den Glaubenden und zu den Nichtglaubenden.

Liebe Freunde! Ich brauche in dieser Stunde keine Art von Regierungsprogramm vorzulegen; einige Grundzüge dessen, was ich als meine Aufgabe ansehe, habe ich schon in meiner Botschaft vom Mittwoch, dem 20. April, vortragen können; andere Gelegenheiten werden folgen. Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte. Statt eines Programms möchte ich einfach die beiden Zeichen auszulegen versuchen, mit denen die In-Dienst-Nahme für die Nachfolge des heiligen Petrus liturgisch dargestellt wird; beide Zeichen spiegeln übrigens auch genau das, was in den Lesungen dieses Tages gesagt wird.

Das erste Zeichen ist das Pallium, ein Gewebe aus reiner Wolle, das mir um die Schultern gelegt wird. Dieses uralte Zeichen, das die Bischöfe von Rom seit dem 4. Jahrhundert tragen, mag zunächst einfach ein Bild sein für das Joch Christi, das der Bischof dieser Stadt, der Knecht der Knechte Gottes auf seine Schultern nimmt. Das Joch Gottes – das ist der Wille Gottes, den wir annehmen. Und dieser Wille ist für uns nicht eine fremde Last, die uns drückt und die uns unfrei macht. Zu wissen, was Gott will, zu wissen, was der Weg des Lebens ist – das war die Freude Israels, die es als eine große Auszeichnung erkannte. Das ist auch unsere Freude: Der Wille Gottes entfremdet uns nicht, er reinigt uns – und das kann weh tun – aber so bringt er uns zu uns selber, und so dienen wir nicht nur ihm, sondern dem Heil der ganzen Welt, der ganzen Geschichte. Aber die Symbolik des Palliums ist konkreter: Aus der Wolle von Lämmern gewoben will es das verirrte Lamm oder auch das kranke und schwache Lamm darstellen, das der Hirt auf seine Schultern nimmt und zu den Wassern des Lebens trägt. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem der Hirte in die Wüste nachgeht, war für die Kirchenväter ein Bild für das Geheimnis Christi und der Kirche. Die Menschheit, wir alle, sind das verlorene Schaf, das in der Wüste keinen Weg mehr findet. Den Sohn Gottes leidet es nicht im Himmel; er kann den Menschen nicht in solcher Not stehen lassen. Er steht selber auf, verläßt des Himmels Herrlichkeit, um das Schaf zu finden und geht ihm nach bis zum Kreuz. Er lädt es auf die Schulter, er trägt unser Menschsein, er trägt uns – er ist der wahre Hirt, der für das Schaf sein eigenes Leben gibt. Das Pallium sagt uns zuallererst, daß wir alle von Christus getragen werden. Aber er fordert uns zugleich auf, einander zu tragen. So wird das Pallium zum Sinnbild für die Sendung des Hirten, von der die zweite Lesung und das Evangelium sprechen. Den Hirten muß die heilige Unruhe Christi beseelen, dem es nicht gleichgültig ist, daß so viele Menschen in der Wüste leben. Und es gibt vielerlei Arten von Wüsten. Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. Die Kirche als Ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle. Das Symbol des Lammes hat aber auch noch eine andere Seite. Im alten Orient war es üblich, daß die Könige sich als Hirten ihrer Völker bezeichneten. Dies war ein Bild ihrer Macht, ein zynisches Bild: Die Völker waren wie Schafe für sie, über die der Hirte verfügt. Der wahre Hirte aller Menschen, der lebendige Gott, ist selbst zum Lamm geworden, er hat sich auf die Seite der Lämmer, der Getretenen und Geschlachteten gestellt. Gerade so zeigt er sich als der wirkliche Hirt. „Ich bin der wahre Hirte... Ich gebe mein Leben für die Schafe“, sagt Jesus von sich (Joh 10, 14f). Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe. Sie ist das Zeichen Gottes, der selbst die Liebe ist. Wie oft wünschten wir, daß Gott sich stärker zeigen würde. Daß er dreinschlagen würde, das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen. Alle Ideologien der Gewalt rechtfertigen sich mit diesen Motiven: Es müsse auf solche Weise zerstört werden, was dem Fortschritt und der Befreiung der Menschheit entgegenstehe. Wir leiden unter der Geduld Gottes. Und doch brauchen wir sie alle. Der Gott, der Lamm wurde, sagt es uns: Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst. Die Welt wird durch die Geduld Gottes erlöst und durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.

So muß es eine Haupteigenschaft des Hirten sein, daß er die Menschen liebt, die ihm anvertraut sind, weil und wie er Christus liebt, in dessen Diensten er steht. „Weide meine Schafe“, sagt Christus zu Petrus, sagt er nun zu mir. Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart, die er uns in den heiligen Sakramenten schenkt. Liebe Freunde – in dieser Stunde kann ich nur sagen: Betet für mich, daß ich den Herrn immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich seine Herde – Euch, die heilige Kirche, jeden einzelnen und alle zusammen immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe. Beten wir füreinander, daß der Herr uns trägt und daß wir durch ihn einander zu tragen lernen. 

Das zweite Zeichen, mit dem in der Liturgie dieses Tages die Einsetzung in das Petrusamt dargestellt wird, ist die Übergabe des Fischerrings. Die Berufung Petri zum Hirten, die wir im Evangelium gehört haben, folgt auf die Geschichte von einem reichen Fischfang: Nach einer Nacht, in der die Jünger erfolglos die Netze ausgeworfen hatten, sahen sie den auferstanden Herrn am Ufer. Er befiehlt ihnen, noch einmal auf Fang zu gehen, und nun wird das Netz so voll, daß sie es nicht wieder einholen können: 153 große Fische. „Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht“ (Joh 21, 11). Diese Geschichte am Ende der Wege Jesu mit seinen Jüngern antwortet auf eine Geschichte am Anfang: Auch da hatten die Jünger die ganze Nacht nichts gefischt; auch da fordert Jesus den Simon auf, noch einmal auf den See hinauszufahren. Und Simon, der noch nicht Petrus heißt, gibt die wunderbare Antwort: Meister, auf dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Und nun folgt der Auftrag: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fischen“ (Lk 5, 1 – 11). Auch heute ist es der Kirche und den Nachfolgern der Apostel aufgetragen, ins hohe Meer der Geschichte hinauszufahren und die Netze auszuwerfen, um Menschen für das Evangelium – für Gott, für Christus, für das wahre Leben – zu gewinnen. Die Väter haben auch diesem Vorgang eine ganz eigene Auslegung geschenkt. Sie sagen: Für den Fisch, der für das Wasser geschaffen ist, ist es tödlich, aus dem Meer geholt zu werden. Er wird seinem Lebenselement entrissen, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen. Aber beim Auftrag der Menschenfischer ist es umgekehrt. Wir Menschen leben entfremdet, in den salzigen Wassern des Leidens und des Todes; in einem Meer des Dunkels ohne Licht. Das Netz des Evangeliums zieht uns aus den Wassern des Todes heraus und bringt uns ans helle Licht Gottes, zum wirklichen Leben. In der Tat – darum geht es beim Auftrag des Menschenfischers in der Nachfolge Christi, die Menschen aus dem Salzmeer all unserer Entfremdungen ans Land des Lebens, zum Licht Gottes zu bringen. In der Tat: Dazu sind wir da, den Menschen Gott zu zeigen. Und erst wo Gott gesehen wird, beginnt das Leben richtig. Erst wo wir dem lebendigen Gott in Christus begegnen, lernen wir, was Leben ist. Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken. Die Arbeit des Hirten, des Menschenfischers mag oft mühsam erscheinen. Aber sie ist schön und groß, weil sie letzten Endes Dienst an der Freude Gottes ist, die in der Welt Einzug halten möchte.

Noch eins möchte ich hier anmerken: Sowohl beim Hirtenbild wie beim Bild vom Fischer taucht der Ruf zur Einheit ganz nachdrücklich auf. „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“ (Joh 10, 16), sagt Jesus am Ende der Hirtenrede. Und das Wort von den 153 großen Fischen endet mit der freudigen Feststellung: „Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht“ (Joh 21, 11). Ach, lieber Herr, nun ist es doch zerrissen, möchten wir klagend sagen. Aber nein – klagen wir nicht! Freuen wir uns über die Verheißung, die nicht trügt und tun wir das Unsrige, auf der Spur der Verheißung zu gehen, der Einheit entgegen. Erinnern wir bittend und bettelnd den Herrn daran: Ja, Herr, gedenke deiner Zusage. Laß einen Hirten und eine Herde sein. Laß dein Netz nicht zerreißen, und hilf uns Diener der Einheit zu sein!

In dieser Stunde geht meine Erinnerung zurück zum 22. Oktober 1978, als Papst Johannes Paul II. hier auf dem Petersplatz sein Amt übernahm. Immer noch und immer wieder klingen mir seine Worte von damals in den Ohren: Non avete paura: Aprite, anzi spalancate le porte per Cristo! Der Papst sprach zu den Starken, zu den Mächtigen der Welt, die Angst hatten, Christus könnte ihnen etwas von ihrer Macht wegnehmen, wenn sie ihn einlassen und die Freiheit zum Glauben geben würden. Ja, er würde ihnen schon etwas wegnehmen: die Herrschaft der Korruption, der Rechtsbeugung, der Willkür. Aber er würde nichts wegnehmen von dem, was zur Freiheit des Menschen, zu seiner Würde, zum Aufbau einer rechten Gesellschaft gehört. Und der Papst sprach zu den Menschen, besonders zu den jungen Menschen. Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz herein lassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei? Und wiederum wollte der Papst sagen: Nein. Wer Christus einläßt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, aprite, spalancate le porte per Cristo – dann findet Ihr das wirkliche Leben. Amen.

 

 

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APOSTOLISCHE REISE NACH KÖLN
ANLÄSSLICH DES XX. WELTJUGENDTAGES

BEGRÜßUNGSZEREMONIE
AUF DEM INTERNATIONALEN FLUGHAFEN KÖLN/BONN

 

 

Begrüßung Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. auf dem Konrad Adenauer Flughafen Köln-Bonn am 18. August 2005

 

Willkommen in der Heimat,
Willkommen in Deutschland!
Wir alle hier begrüßen Sie ganz herzlich.
Wir freuen uns, dass Sie da sind. Wir freuen uns, dass Sie Ihre erste Reise hierher nach Deutschland unternehmen. Das ist ein Freudentag für uns alle.
Der Weltjugendtag, zu dem Sie eingeladen haben, ist ein ganz wunderbarer Anlass. Ich finde es großartig, dass so viele junge Menschen bei uns zu Gast sind.
Es bewegt uns besonders, und das kann ich auch als protestantischer Christ sagen, dass ein Deutscher, also einer von uns, Papst geworden ist. Ich sage es Ihnen heute noch einmal, hier in der Heimat: Wir wünschen Ihnen für Ihr hohes Amt alles Gute und Gottes Segen.
Ihre Wahl zum Papst ist von historischer Bedeutung:
Nach dem Papst aus Polen, das als erstes Land im Zweiten Weltkrieg von Deutschland überfallen wurde, ist nun jemand aus der sogenannten Flakhelfergeneration zum Nachfolger des Heiligen Petrus gewählt worden. Dass es so gekommen ist, das gibt mir Zuversicht – sechzig Jahre nach dem Ende der menschen- und gottfeindlichen Ideologie, die in Deutschland herrschte.
Das ist auch weltweit als ein Zeichen der Versöhnung begriffen worden – und ich darf verraten, dass mich nur wenige Minuten nach Ihrer Wahl als erster der polnische Staatspräsident Kwaśniewski angerufen hat, um uns zu gratulieren.
Heiliger Vater,
vor bald fünfzig Jahren haben Sie hier ganz in der Nähe, an der Universität Bonn, als ganz junger Theologieprofessor Ihre akademische Karriere begonnen. Ihre Weise der Auslegung des Glaubens hat Ihre Hörer damals begeistert – und seitdem ist Ihr Ruf in der Wissenschaft ständig gewachsen. Der Glaube und die Theologie sind für Sie nie eine weltfremde Sache der akademischen Zirkel gewesen. Immer haben Sie dafür Sorge getragen, dass die zentralen Aussagen des Glaubensbekenntnisses auch für die säkulare Kultur und die Politik relevant werden.
Das konnte nicht ohne Widerspruch bleiben. Aber Widerspruch ist Ihnen mit Recht lieber als Gleichgültigkeit. Auch die Sätze des Glaubens sollen ja Salz der Erde sein. So haben auch Gelehrte aus aller Welt das Gespräch gerade mit Ihnen gesucht, vor nicht langer Zeit erst Ihr Generationengenosse Jürgen Habermas.
Ich denke, es ist auch eine Auszeichnung für die deutsche Theologie, ja für die deutsche Geisteswissenschaft insgesamt, dass einer aus ihren Reihen vom Katheder auf die cathedra Petri gewählt worden ist.
Als Sie 1992 in die ruhmreiche Akademie des Institut de France aufgenommen wurden, als Nachfolger des großen Andrej Sacharow, sagten Sie über ihn: Er war mehr als ein bedeutender Gelehrter, er war ein großer Mensch. Auch bei Ihnen verbinden sich Gelehrsamkeit und Weisheit. Und so suchen und finden die Menschen – weit über die katholische Kirche hinaus – in Ihnen eine moralische Autorität.
Heiliger Vater,
Sie kommen in ein Land, in dem die christlichen Kirchen eine lebendige Rolle spielen. Ich bin froh darüber.
Ich denke zum Beispiel an die katholischen und evangelischen Jugendverbände. Viele werfen ja Jugendlichen heute mangelndes Engagement oder Fixierung aufs eigene Ego vor. Damit können aber die vielen tausend ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter nicht gemeint sein, die bei den Pfadfindern, bei der Katholischen Jungen Gemeinde, beim CVJM oder anderswo Verantwortung für Kinder oder gleichaltrige Jugendliche übernehmen. Viele junge Menschen erfahren dort, wie wertvoll es ist, sich für andere einzusetzen – und wie erfüllend das sein kann.
Gerade in der kirchlichen Jugendarbeit erfahren junge Menschen Werte und üben verantwortliches Verhalten ein, das für die ganze Gesellschaft lebenswichtig ist. Orientierung, nach der heute so viel gerufen wird, kann nur von Orientierten kommen. Ich habe den Eindruck, dass in der Jugendarbeit der Kirchen hier sehr viel Gutes, ja Unverzichtbares geschieht.
In ihrem sozialen Engagement lassen sich die Kirchen von einem bestimmten Menschenbild leiten. Es ist das Bild vom Menschen, das nicht vom Pragmatismus und nicht vom Materialismus geprägt wird. Es sagt uns: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und der Mensch kommt nur am anderen, nur durch den anderen zu sich selber. Freiheit, Personalität und Solidarität gehören zusammen. So wird es in der Katholischen Soziallehre mit Recht gelehrt. Deswegen ist die karitative und diakonische Arbeit der Kirchen weit mehr als ein gesellschaftliches Reparaturunternehmen.
In diesem Engagement wird immer auch eine politische Aufforderung sichtbar: Nämlich die Schwachen, die Kranken, die Sterbenden, die Wettbewerbsverlierer nicht aus den Augen zu verlieren. Alle verbalen Appelle an Solidarität gewinnen Überzeugungskraft erst durch das tatkräftige Engagement, die tatkräftige Nächstenliebe.
Diese tatkräftige Nächstenliebe und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft sind in den Kirchen hierzulande, wie ich immer wieder erlebe, sehr groß. Die ehrenamtlichen Laien, die hingebungsvoll ihren freiwilligen Dienst tun, haben deswegen gerade den Zuspruch ihrer Kirchenleitungen verdient – und den Dank von uns allen.
Heiliger Vater,
Sie kommen zum Weltjugendtag, zu dem noch Ihr Vorgänger, der unvergessene Johannes Paul II., die Jugend der Welt eingeladen hatte. Der Weltjugendtag soll ein Zeichen der Hoffnung sein. Die weltweite Solidarität der jungen Menschen kann vieles Gute möglich machen. Sie macht uns die Verantwortung bewusst für die Eine Welt, in der wir leben.
Aber beim Weltjugendtag geht es, wie ich weiß, nicht zuerst um Aktionsprogramme oder Theoriediskussionen. Es geht um Spiritualität, um geistliche Erfahrung, um Gebet und um die Feier des Glaubens. Veränderung, wirkliche Veränderung, setzt immer die Umkehr der Herzen voraus. Mit ihrer Offenheit und ihrer Suche nach Orientierung geben die vielen hunderttausend Jugendlichen gerade auch uns Älteren ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht. Ich habe es in den vergangenen Tagen schon selber erlebt.
Gerade in diesen Zeiten, in denen viele Menschen Angst haben vor Terror und vor Gewalt, die aus angeblich religiösen Motiven verübt wird, ist es gut, Glaube und Religion als Wege zu Frieden und Menschlichkeit zu erfahren. Sie, Heiliger Vater, haben selber mehrfach davon gesprochen, dass es „Pathologien“, dass es Irrwege der Religion gibt – auch im Christentum –, so wie es Irrwege der aufgeklärten Vernunft gibt. Beide, Religion und Vernunft, müssen sich gegenseitig immer wieder korrigieren und reinigen, wie Sie sagen.
Ich hoffe, dass dieser Weltjugendtag, zu dem Sie eingeladen haben, ein unübersehbares Zeichen für einen menschlichen, einen menschenfreundlichen Glauben gibt. Für einen Glauben, dem die Welt und die Menschen nicht gleichgültig sind, für einen Glauben, der davon zeugt, dass wir alle Gottes Kinder sind in dieser Einen Welt.
Noch einmal: Herzlich Willkommen, Papst Benedikt!

 

 

 

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Donnerstag, 18. August 2005

 

Sehr verehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens,
verehrte Kardinäle, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Bürger der Bundesrepublik,
liebe Jugendliche!

Zum ersten Mal nach meiner Wahl auf den Stuhl Petri stehe ich heute voll Freude auf dem Boden meines lieben Vaterlandes, Deutschland. Und ich sage Gott meinen tief empfundenen Dank für die Fügung, daß ich meine Pastoralbesuche außerhalb der Grenzen Italiens mit dem Besuch gerade der Nation beginnen darf, in der ich geboren bin. Ich komme nach Köln aus Anlaß des XX. Weltjugendtags, den mein Vorgänger, der unvergeßliche Papst Johannes Paul II. seit langer Zeit geplant und vorbereitet hatte. Ihnen allen, die Sie hier anwesend sind, bin ich aufrichtig dankbar für den herzlichen Empfang, den Sie mir bereitet haben. Mein hochachtungsvoller Gruß gilt vor allem dem Bundespräsidenten, Herrn Horst Köhler, dem ich für seine freundlichen Worte danke, mit denen er mich im Namen aller Bürger der Bundesrepublik Deutschland willkommen geheißen hat. In Achtung und Dankbarkeit denke ich auch an die Regierungsvertreter, die Mitglieder des Diplomatischen Korps und die zivilen und militärischen Autoritäten. In brüderlicher Wertschätzung grüße ich den Hirten der Erzdiözese Köln, Kardinal Joachim Meisner. Gemeinsam mit ihm grüße ich die anderen Bischöfe, die Priester und Ordensleute und alle, die in den verschiedenen seelsorglichen Aktivitäten der deutschsprachigen Diözesen ihre wertvolle Mitarbeit leisten. Allen Bürgern der verschiedenen Bundesländer gilt in diesem Augenblick mein herzliches Gedenken.

In diesen Tagen der intensivsten Vorbereitung auf den Weltjugendtag haben sich die Diözesen Deutschlands, und im besonderen die Diözese und die Stadt Köln, durch die Anwesenheit so vieler Jugendlicher aus aller Welt mit Leben erfüllt. Ich danke allen, die durch ihre kompetente und großzügige Mitarbeit zur Organisation dieses kirchlichen Ereignisses von weltweiter Bedeutung beigetragen haben. Voller Dankbarkeit denke ich an die Pfarreien, die Ordensinstitute, die Vereine, die zivilen Organisationen und die Privatleute, die Einfühlsamkeit bewiesen haben in der Art, wie sie den Tausenden von Pilgern aus den verschiedenen Kontinenten eine herzliche und angemessene Gastfreundschaft geboten haben. Die Kirche in Deutschland und die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik können sich einer verbreiteten und gefestigten Tradition der Weltoffenheit rühmen, wie unter anderem die vielen Initiativen der Solidarität, besonders zugunsten der Entwicklungsländer, beweisen.

In diesem Geist der Aufnahmebereitschaft gegenüber denen, die aus anderen Traditionen und Kulturen stammen, schicken wir uns an, in Köln den Weltjugendtag zu erleben. Die Begegnung so vieler Jugendlicher mit dem Nachfolger Petri ist ein Zeichen für die Vitalität der Kirche. Ich bin glücklich, mitten unter den Jugendlichen zu sein, ihren Glauben zu stützen und ihre Hoffnung zu beleben. Zugleich bin ich sicher, daß ich auch etwas von den jungen Leuten empfangen werde, vor allem von ihrer Begeisterung, ihrer Einfühlsamkeit und ihrer Bereitschaft, sich mit den Herausforderungen der Zukunft auseinanderzusetzen. Ihnen und allen, die sie in diesen ereignisreichen Tagen aufgenommen haben, gilt schon jetzt mein herzlichster Gruß. Neben den eindringlichen Zeiten des Gebetes, der Reflexion und des Feierns mit den Jugendlichen und allen, die an den verschiedenen Veranstaltungen des Programms teilnehmen, werde ich Gelegenheit zu einer Begegnung mit den Bischöfen haben, an die ich schon jetzt meinen brüderlichen Gruß richte. Dann werde ich die Vertreter der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sehen, einen Besuch in der Synagoge machen, um die jüdische Gemeinde zu treffen, und auch die Vertreter einiger islamischer Gemeinden empfangen. Es handelt sich um wichtige Begegnungen, um den Weg des Dialogs und der Zusammenarbeit im gemeinsamen Einsatz für die Errichtung einer gerechten und brüderlichen, dem Menschen wirklich angemessenen Zukunft noch intensiver zu beschreiten.

Im Laufe dieses Weltjugendtags werden wir gemeinsam nachdenken über das Thema "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten" (Mt 2,2). Das ist eine nicht zu versäumende Gelegenheit, die Bedeutung des menschlichen Daseins als "Pilgerschaft" unter der Führung des "Sterns" auf der Suche nach dem Herrn zu vertiefen. Gemeinsam werden wir auf die Gestalten der "Heiligen Drei Könige" schauen, auf diese Sterndeuter, die aus verschiedenen fernen Ländern kamen und zu den Ersten gehörten, die in Jesus von Nazareth, dem Sohn der Jungfrau Maria, den verheißenen Messias erkannten und sich vor ihm niederwarfen (vgl. Mt 2,1-12). Dem Gedenken an diese beispielhaften Gestalten sind die Kirchengemeinden Kölns sowie die Stadt selbst in besonderer Weise verbunden. Ebenso wie die Heiligen Drei Könige sind alle Gläubigen, und besonders die Jugendlichen, dazu berufen, ihren Lebensweg zu gehen auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Es ist dies ein Weg, dessen endgültiges Ziel nur durch die Begegnung mit Christus zu finden ist, eine Begegnung, die sich ohne den Glauben nicht verwirklichen kann. Auf diesem inneren Weg können die vielgestaltigen Zeichen hilfreich sein, die die lange und reiche christliche Tradition unauslöschlich auf deutschem Boden hinterlassen hat: von den großen historischen Monumenten bis zu den zahllosen Kunstwerken überall im Land, von den in den Bibliotheken verwahrten Dokumenten bis zu den mit intensiver Teilnahme des Volkes gelebten Traditionen, vom philosophischen Gedankengut bis zur Theologischen Reflexion vieler deutscher Denker, vom geistigen Erbe bis zur mystischen Erfahrung einer ganzen Schar von Heiligen. Es handelt sich um ein äußerst reiches kulturelles und geistiges Erbe, das noch heute im Herzen Europas die Fruchtbarkeit des Glaubens und der christlichen Überlieferung bezeugt. Die Diözese und insbesondere die Region Köln bewahren die lebendige Erinnerung an große Zeugen der christlichen Kultur. Ich denke unter anderen an den hl. Bonifatius, an die hl. Ursula, den hl. Albertus Magnus und – in neueren Zeiten – an die hl. Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein) und den sel. Adolph Kolping. Diese unsere berühmten Glaubensbrüder und -schwestern, die im Laufe der Jahrhunderte die Fackel der Heiligkeit haben leuchten lassen, mögen "Vorbilder" und "Patrone" des Weltjugendtags sein, der hier abgehalten wird.

Während ich Ihnen allen, die Sie hier anwesend sind, noch einmal meinen herzlichsten Dank ausspreche für den freundlichen Empfang, bete ich zum Herrn für den zukünftigen Weg der Kirche und der gesamten Gesellschaft dieser mir so lieben Bundesrepublik Deutschland. Ihre Geschichte und die großen sozialen, ökonomischen und kulturellen Ziele, die sie erreicht hat, mögen ihr Ansporn sein, den Weg des authentischen Fortschritts und der solidarischen Entwicklung nicht allein für die deutsche Nation, sondern auch für die anderen Völker des Kontinents mit erneutem Engagement weiter zu verfolgen. Die Jungfrau Maria, die den Heiligen Drei Königen, als sie nach Betlehem gekommen waren, um den Retter anzubeten, das Jesuskind zeigte, möge weiterhin so für uns eintreten, wie sie schon seit Jahrhunderten von den vielen in den Bundesländern verstreuten Wallfahrtsorten aus über das Deutsche Volk wacht. Der Herr segne Sie alle, die Sie hier zugegen sind, sowie auch alle Pilger und die Bewohner des Landes. Gott schütze die Bundesrepublik Deutschland!

 

 

WILLKOMMENSFEST DER JUGENDLICHEN
AUF DEN POLLER RHEINWIESEN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Donnerstag, 18. August 2005

Liebe Jugendliche,

ich freue mich, Euch hier in Köln am Rheinufer zu treffen! Als Pilger in der Gefolgschaft der Heiligen Drei Könige seid Ihr aus verschiedenen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt gekommen. Indem Ihr ihren Spuren folgt, wollt Ihr Jesus entdecken. Ihr wart bereit, Euch auf den Weg zu machen, um selber ebenfalls dahin zu gelangen, persönlich und zugleich gemeinschaftlich das Angesicht Gottes zu betrachten, das sich in dem Kind in der Krippe offenbart. Wie Ihr habe auch ich mich auf den Weg gemacht, um zusammen mit Euch niederzuknien vor der weißen konsekrierten Hostie, in der die Augen des Glaubens die reale Gegenwart des Erlösers der Welt erkennen. Gemeinsam werden wir dann über das Thema dieses Weltjugendtags „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“ (Mt 2,2) meditieren.

Mit sehr großer Freude begrüße und empfange ich Euch, liebe Jugendliche, die Ihr von nah oder fern auf den Straßen der Welt und Eures Lebens hierher gepilgert seid. Einen besonderen Gruß richte ich an diejenigen, die wie die Sterndeuter aus dem „Orient“ gekommen sind. Ihr seid die Vertreter der zahllosen Menge unserer Brüder und Schwestern in der Menschheit, die, ohne es zu wissen, das Aufgehen des Sternes an ihrem Himmel erwarten, um zu Christus, dem Licht für die Völker, geführt zu werden und in ihm die befriedigende Antwort auf den Durst ihres Herzens zu finden. Herzlich begrüße ich auch diejenigen unter Euch, die nicht getauft sind, die Christus noch nicht kennen oder in der Kirche nicht zu Hause sind. Gerade an Euch hat Papst Johannes Paul II. eine besondere Einladung zu diesem Treffen gerichtet. Ich danke Euch, dass Ihr Euch entschlossen habt, nach Köln zu kommen. Einige unter Euch könnten vielleicht die Aussage auf sich beziehen, die Edith Stein über ihre Jugend machte – sie, die später im Karmel in Köln lebte –: „Ich hatte die Gewohnheit zu beten bewußt und freiwillig aufgegeben.“ In diesen Tagen werdet Ihr das Gebet wieder in bewegender Weise als ein Zwiegespräch mit Gott erfahren können – mit dem Gott, von dem wir uns geliebt wissen und den wir unsererseits lieben wollen. Allen möchte ich mit Nachdruck sagen: „Reißt Euer Herz weit auf für Gott, laßt Euch von Christus überraschen! Gewährt ihm in diesen Tagen das „Recht, zu Euch zu sprechen“! Öffnet die Türen Eurer Freiheit für seine barmherzige Liebe! Breitet Eure Freuden und Eure Leiden vor Christus aus und laßt zu, daß er Euren Geist mit seinem Licht erleuchtet und Euer Herz mit seiner Gnade berührt! Erfahrt in diesen gesegneten Tagen des Miteinander und der Freude die Kirche als einen Ort der Barmherzigkeit und der Zärtlichkeit Gottes gegenüber den Menschen. In der Kirche und durch sie werdet Ihr zu Christus gelangen, der Euch erwartet.

Da ich heute nach Köln komme, um mit Euch am XX. Weltjugendtag teilzunehmen, denke ich spontan mit Dankbarkeit und innerlich bewegt an den von uns allen so geliebten Diener Gottes, Johannes Paul II., der die glänzende Idee hatte, die Jugendlichen der ganzen Welt zusammenzurufen, um gemeinsam Christus, den einzigen Retter des Menschengeschlechts, zu feiern. Dank dem tiefen Dialog, der sich in über zwanzig Jahren zwischen dem Papst und den Jugendlichen entwickelt hat, konnten viele von ihnen den Glauben vertiefen, enge Bande der Gemeinschaft knüpfen sowie sich für die Gute Nachricht vom Heil in Christus begeistern und sie in vielen Teilen der Welt verkünden. Dieser große Papst hat es verstanden, die Herausforderungen zu begreifen, die sich den jungen Menschen von heute stellen, und als Bekräftigung seines Vertrauens auf sie hat er nicht gezögert, sie anzuspornen, mutige Verkünder des Evangeliums und unerschrockene Entwickler der Kultur der Wahrheit, der Liebe und des Friedens zu sein.

Heute ist es meine Aufgabe, dieses außerordentliche spirituelle Erbe, das Papst Johannes Paul II. uns hinterlassen hat, aufzugreifen. Er hat Euch geliebt, Ihr habt es begriffen und diese Liebe mit dem Elan Eurer Jugend erwidert. Nun haben wir alle zusammen die Aufgabe, seine Lehre in die Tat umzusetzen. Mit dieser Verpflichtung sind wir hier in Köln, als Pilger auf den Spuren der Heiligen Drei Könige. Nach der Überlieferung lauteten ihre Namen auf griechisch Caspar, Melchior und Balthasar. In seinem Evangelium gibt Matthäus die Frage wieder, die ihnen im Herzen brannte: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ (Mt 2,2). Die Suche nach ihm war der Grund, warum sie die lange Reise nach Jerusalem unternommen hatten. Dafür hatten sie Mühen und Entbehrungen ertragen, ohne den Mut zu verlieren und der Versuchung zu erliegen, umzukehren. Nun, da sie dem Ziel nahe waren, hatten sie keine andere Frage zu stellen als diese. Auch wir sind nach Köln gekommen, weil wir im Herzen – wenn auch in anderer Form – dieselbe drängende Frage spürten, die die Männer aus dem Orient auf den Weg trieb. Wir fragen heute zwar nicht nach einem König; aber wir sind unruhig über den Zustand der Welt, und wir fragen: Wo finde ich die Maßstäbe für mein Leben – wo die Maßstäbe, um an der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft der Welt verantwortlich mitzuwirken? Wem darf ich vertrauen – wem mich anvertrauen? Wo ist derjenige, der mir die befriedigende Antwort geben kann auf die Erwartungen meines Herzens? Solche Fragen zu stellen, bedeutet vor allem anzuerkennen, daß der Weg nicht vollendet ist, so lange man nicht dem begegnet ist, der die Macht hat, jenes universale Reich der Gerechtigkeit und des Friedens zu begründen, nach dem die Menschen streben, das zu errichten sie aber allein nicht imstande sind. Diese Fragen zu stellen bedeutet weiter, jemanden zu suchen, der sich nicht täuscht und andere nicht täuschen kann und der darum fähig ist, eine Sicherheit zu bieten, die so unerschütterlich ist, daß man von ihr leben und gegebenenfalls sogar für sie sterben kann.

Wenn sich am Horizont des Lebens diese Antwort abzeichnet, dann, liebe Freunde, muß man die nötigen Entscheidungen treffen. Es ist, wie wenn man sich an einem Scheideweg befindet: Welchen Weg soll man einschlagen? Den, zu dem die Leidenschaften anregen, oder den, welcher der Stern weist, der im Gewissen leuchtet? Als die Sterndeuter die Antwort hörten: „In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten“ (Mt 2,5), entschieden sie sich, von diesem Wort erleuchtet, den Weg fortzusetzen bis zum Ziel. Von Jerusalem gingen sie nach Betlehem, das heißt von dem Wort, das ihnen anzeigte, wo der König war, den sie suchten, bis zur Begegnung mit diesem König, der zugleich das Lamm Gottes war, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Dieses Wort ist auch an uns gerichtet. Auch wir müssen unsere Wahl treffen. In Wirklichkeit ist es, recht bedacht, genau dasselbe, was wir bei der Teilnahme an jeder Eucharistiefeier erfahren. In jeder Messe führt uns nämlich die Begegnung mit dem Wort Gottes zur Teilnahme am Geheimnis von Kreuz und Auferstehung Christi und so zum eucharistischen Mahl, zur Vereinigung mit Christus hin. Auf dem Altar ist der gegenwärtig, den die Sterndeuter im Stroh liegen sahen: Christus, das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, um der Welt das Leben zu geben, das wahre Lamm, das sein Leben hingibt für das Heil der Menschheit. Vom Wort erleuchtet, können wir – wiederum in Betlehem, dem „Haus des Brotes“ – die Erfahrung der überwältigenden Begegnung mit der unfaßbaren Größe eines Gottes machen, der sich so weit erniedrigt hat, sich in einer Krippe zu zeigen und sich auf dem Altar als Speise zu verschenken.

Wir können uns das Staunen der Sterndeuter vor dem Kind in Windeln vorstellen! Nur der Glaube ermöglichte ihnen, in der Gestalt dieses Kindes den König zu erkennen, den sie suchten, den Gott, zu dem sie der Stern geführt hatte. In ihm ist der Ewige in die Zeit eingetreten, indem er den Abgrund überbrückte, der zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren besteht; in ihm hat sich das Geheimnis zu erkennen gegeben, indem es sich in den zarten Gliedern eines kleinen Kindes an uns auslieferte. „Voller Staunen stehen die Sterndeuter vor dem, was sie sehen: den Himmel auf Erden und die Erde im Himmel; den Menschen in Gott und Gott im Menschen. In einem winzigen Leib sehen sie den eingeschlossen, den die ganze Welt nicht enthalten kann“ (Petrus Chrysologus, Sermo 160, 2). Mit demselben Staunen wollen wir uns während dieser Tage in diesem „Jahr der Eucharistie“ Christus zuwenden, der im Tabernakel der Barmherzigkeit, im Altarssakrament, gegenwärtig ist.

Liebe Jugendliche, das Glück, das Ihr sucht, das Glück, auf das Ihr ein Anrecht habt, hat einen Namen, ein Gesicht: Es ist Jesus von Nazareth, verborgen in der Eucharistie. Er allein schenkt der Menschheit Leben in Fülle! Sagt gemeinsam mit Maria Euer „Ja“ zu dem Gott, der sich Euch schenken will. Ich wiederhole Euch heute, was ich zu Beginn meines Pontifikats gesagt habe: „Wer Christus [in sein Leben] eintreten läßt, verliert nichts, gar nichts – absolut nichts von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, nur in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens weit. Nur in dieser Freundschaft erschließen sich wirklich die großen Möglichkeiten des Menschseins. Nur in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön ist und was frei macht (Homilie zur Amtseinführung des Papstes, 24. April 2005). Seid völlig überzeugt davon: Christus nimmt nichts weg von dem, was Ihr an Schönem und Großem in Euch habt, sondern zur Ehre Gottes, zum Glück der Menschen und zum Heil der Welt führt er alles zur Vollendung.

In diesen Tagen lade ich Euch ein, Euch rückhaltlos dem Dienst Christi zu widmen, koste es, was es wolle. Die Begegnung mit Jesus Christus wird Euch ermöglichen, innerlich die Freude über seine lebendige und lebensspendende Gegenwart zu genießen, um sie dann in Eurer Umgebung zu bezeugen. Möge Eure Anwesenheit in dieser Stadt schon das erste Zeichen einer Verkündigung des Evangeliums sein durch das Zeugnis Eures Verhaltens und Eurer Lebensfreude. Lassen wir aus unserem Herzen Dank- und Lobgesänge zum Vater aufsteigen für die vielen Wohltaten, die er uns erwiesen hat und für das Geschenk des Glaubens, den wir gemeinsam feiern wollen, indem wir ihn der Welt von diesem Land aus kundtun, das in der Mitte Europas liegt – eines Europas, das dem Evangelium und seinen Zeugen im Laufe der Jahrhunderte viel verdankt.

Ich werde mich nun als Pilger zum Kölner Dom begeben, um dort die Reliquien der Heiligen Drei Könige zu verehren, die bereit waren, alles zu verlassen, um dem Stern zu folgen, der sie zum Retter des Menschengeschlechts führte. Auch Ihr, liebe Jugendliche, hattet schon die Gelegenheit oder werdet sie noch haben, dieselbe Wallfahrt zu machen. Diese Reliquien sind nur das hinfällige und ärmliche Zeichen dessen, was die Sterndeuter waren und was sie vor schon so vielen Jahrhunderten erlebten. Die Reliquien führen uns zu Gott selbst: Er ist es nämlich, der mit der Kraft seiner Gnade schwachen Menschen den Mut verleiht, ihn vor der Welt zu bezeugen. Wenn die Kirche uns einlädt, die sterblichen Reste der Märtyrer und der Heiligen zu verehren, vergeßt sie nicht, daß es sich letztlich zwar um armselige menschliche Gebeine handelt; aber diese Gebeine gehörten Menschen, die von der transzendenten Macht Gottes durchdrungen worden sind. Die Reliquien der Heiligen sind Spuren jener unsichtbaren aber realen Gegenwart, welche die Finsternis der Welt erhellt, indem sie das Reich Gottes sichtbar macht, das in uns ist. Mit und für uns rufen sie: „Maranatha!“ – „Komm, Herr Jesus!“ Meine Lieben, mit diesen Worten verabschiede ich mich von Euch und sage Euch allen ein herzliches „Auf Wiedersehen“ in der Vigilfeier am Samstagabend!

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BESUCH IM DOM

GRUSSWORT VON BENEDIKT XVI.

Köln, Roncalliplatz
Donnerstag, 18. August 2005

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, heute Abend bei Ihnen zu sein in dieser Stadt Köln, die ich aufgrund vieler Erinnerungen liebe, die mich an sie binden. Für einige Jahre habe ich in der Nachbarstadt Bonn als Professor gelebt, und von dort aus kam ich oft nach Köln, wo ich viele Freunde gefunden habe. Als besondere Fügung betrachte ich es, daß sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis zum damaligen Erzbischof, Kardinal Joseph Frings, bildete, der mir sein ganzes Vertrauen geschenkt und mich als seinen Konzilstheologen berufen hat, so daß ich an dem historischen Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils tätig teilnehmen durfte. Seit den Konzilstagen kannte ich auch seinen Nachfolger, Kardinal Joseph Höffner, mit dem ich lange Jahre in brüderlich-kollegialem Kontakt stand, zuerst in der Deutschen Bischofskonferenz und dann in der allgemeinen Zusammenarbeit in verschiedenen Dikasterien der Römischen Kurie. Ein echter Freund ist auch Ihr jetziger Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, dem ich dankbar bin für den herzlichen Willkommensgruß und für das große Engagement in diesen Monaten der Vorbereitung des Weltjugendtags. Auch Kardinal Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, möchte ich meinen herzlichen Dank für all sein Mühen ausdrücken, und über ihn den Bischöfen und allen, die sich dafür eingesetzt haben, die lebendigen Kräfte der Kirche dieses Landes im Hinblick auf das heutige große kirchliche Ereignis zu mobilisieren. Ich danke all denen, die monatelang diesen großen, von allen so sehr erwarteten Augenblick vorbereitet haben: im besonderen dem Organisationskomitee von Köln, doch auch den Diözesen und den örtlichen Gemeinden, die in diesen letzten Tagen die Jugendlichen aufgenommen haben. Ich kann mir vorstellen, wie viel Einsatz das alles gekostet hat und wie viele Opfer zu bringen waren, und ich wünsche mir, daß es Frucht bringen möge für das geistliche Gelingen dieses Weltjugendtags. Und schließlich ist es mir ein Anliegen, den zivilen und militärischen Autoritäten, den Verantwortlichen auf kommunaler und regionaler Ebene, den Polizeikorps und den Sicherheitsbeamten Deutschlands und des Landes Nordrhein-Westfalen meinen tief empfundenen Dank auszusprechen. In der Person des Bürgermeisters dieser Stadt danke ich der gesamten Bevölkerung Kölns für das Verständnis, das sie angesichts der „Invasion“ so vieler Jugendlicher aus aller Welt bewiesen hat.

Ohne die Heiligen Drei Könige, welche die Geschichte, die Kultur und den Glauben Kölns so sehr beeinflußt haben, wäre die Stadt nicht das, was sie ist. Hier feiert die Kirche in gewisser Weise das ganze Jahr hindurch das Fest der Erscheinung des Herrn! Darum wollte ich, bevor ich Sie vor diesem großartigen Dom begrüße, mich für einige Augenblicke vor dem Reliquiar der Heiligen Drei Könige im Gebet sammeln und Gott danken für ihr Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Im Jahre 1164 haben die Reliquien dieser weisen Sterndeuter aus dem Orient in Begleitung des Erzbischofs von Köln, Reinald von Dassel, von Mailand kommend die Alpen überquert, um nach Köln zu gelangen, wo sie mit großem Jubel empfangen wurden. Bei ihrer Reise durch Europa haben diese Reliquien deutliche Spuren hinterlassen, die noch heute in den Ortsnamen und in der Volksfrömmigkeit fortbestehen. Für die Heiligen Drei Könige ließen die Kölner das kostbarste Reliquiar der gesamten christlichen Welt anfertigen, und als ob das noch nicht genügte, haben sie darüber ein noch größeres Reliquiar errichtet, diesen herrlichen gotischen Dom, der sich nach den Zerstörungen durch den Krieg den Augen der Besucher wieder im vollen Glanz seiner Schönheit darbietet. Mit Jerusalem, der „Heiligen Stadt“, mit Rom, der „Ewigen Stadt“ und mit Santiago de Compostela in Spanien ist Köln dank der Heiligen Drei Könige im Laufe der Jahrhunderte zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des christlichen Westens geworden.

Dennoch ist Köln nicht nur die Stadt der Heiligen Drei Könige. Sie ist tiefgehend geprägt von der Gegenwart vieler Heiliger, die durch das Zeugnis ihres Lebens und durch die Spuren, die sie in der Geschichte des deutschen Volkes hinterlassen haben, zur Entfaltung Europas auf christlichen Wurzeln beigetragen haben. Ich denke besonders an die Märtyrer und Märtyrinnen der ersten Jahrhunderte, wie die junge heilige Ursula mit ihren Gefährtinnen, die nach der Überlieferung unter Diokletian das Martyrium erlitten. Und wie könnte man den heiligen Bonifatius unerwähnt lassen, der 745 mit Zustimmung von Papst Zacharias zum Bischof von Köln erwählt wurde!? Doch mit dieser Stadt ist auch der Name des heiligen Albertus Magnus verbunden, dessen Gebeine hier in der Nähe in der Krypta der Sankt-Andreas-Kirche ruhen. Ein Schüler des Albertus Magnus in Köln war der heilige Thomas von Aquin, der dann auch als Professor in dieser Stadt wirkte. Doch auch der 1865 in Köln gestorbene selige Adolph Kolping soll nicht vergessen werden, er, der vom Schuster zum Priester wurde und zahlreiche Sozialwerke gründete, vor allem auf dem Gebiet der Berufsausbildung. Und unserer Zeit noch näher ist Edith Stein, eine herausragende jüdische Philosophin des 20. Jahrhunderts, die mit dem Namen Teresia Benedicta a Cruce in den Kölner Karmel eintrat und im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben kam. Papst Johannes Paul II. sprach sie heilig und erklärte sie neben Birgitta von Schweden und Katharina von Siena zur Mitpatronin Europas.

Mit diesen und all den anderen bekannten und unbekannten Heiligen entdecken wir das innerlichere und wahrere Gesicht dieser Stadt und werden uns bewußt, welch einen Schatz an Werten uns die christlichen Generationen hinterlassen haben, die uns vorausgegangen sind. Es ist ein sehr reiches Erbe. Uns obliegt es, dem ebenbürtig zu sein – eine Verantwortung, an die selbst die Steine der antiken Bauwerke der Stadt uns erinnern. Auf den geistigen Werten kann man im übrigen ein gegenseitiges Verständnis unter den Menschen und den Völkern, sogar zwischen unterschiedlichen Kulturen und Zivilisationen entwickeln. In diesem Zusammenhang richte ich einen herzlichen Gruß an die Vertreter der verschiedenen christlichen Konfessionen und der anderen Religionen. Allen danke ich für ihre Anwesenheit in Köln aus Anlaß dieses großen Treffens und hoffe, daß es einen Fortschritt auf dem Weg der Versöhnung und der Einheit unter den Menschen kennzeichnen möge. Köln spricht zu uns nämlich nicht nur von Europa, sondern es öffnet uns auf die Universalität der Kirche und der Welt hin. Hier geschah es, daß einer der drei Sterndeuter als ein schwarzer König gesehen wurde, also als ein Vertreter des afrikanischen Kontinents. Hier haben nach der Überlieferung der heilige Gereon und seine Gefährten aus der Thebaischen Legion den Märtyrertod erlitten. Unabhängig von der streng historischen Glaubwürdigkeit dieser Traditionen bezeugt die durch die Jahrhunderte erblühte Verehrung dieser Heiligen die weltweite Offenheit der Kölner Gläubigen und ganz allgemein der Kirche, die dank dem apostolischen Wirken des heiligen Bonifatius in Deutschland gewachsen ist. Diese Offenheit wurde in jüngeren Zeiten durch große karitative Initiativen wie „Misereor“, „Adveniat“, „Missio“ und „Renovabis“ bestätigt. Diese ebenfalls in Köln entstandenen Werke lassen die Liebe Christi in allen Kontinenten gegenwärtig werden.

Nun seid Ihr hier, ihr Jugendlichen der ganzen Welt, Vertreter jener fernen Völker, die Christus durch die Sterndeuter kennenlernten und im neuen Gottesvolk vereinigt wurden: in der Kirche, die Menschen aller Kulturen versammelt. Euch kommt heute die Aufgabe zu, den universalen Atem der Kirche zu leben. Laßt Euch vom Feuer des Geistes entflammen, damit ein neues Pfingsten Eure Herzen erneuere. Mögen durch Euch Eure Altersgenossen in allen Teilen der Erde dahin gelangen, in Christus die wahre Antwort auf ihre Erwartungen zu finden und sich zu öffnen, um das menschgewordene Wort Gottes aufzunehmen, das gestorben und auferstanden ist zum Heil der Welt.

 

 

 

BESUCH IN DER SYNAGOGE

GRUSSWORT VON BENEDIKT XVI.

Köln, Synagoge
Freitag, 19. August 2005

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern!

Schalom lêchém! Es war mir ein tiefes Anliegen, anläßlich meines ersten Besuches in Deutschland nach der Wahl zum Nachfolger Petri der Jüdischen Gemeinde von Köln und den Vertretern des deutschen Judentums zu begegnen. Mit diesem Besuch möchte ich an das Ereignis des 17. Novembers 1980 anknüpfen, als mein verehrter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., auf seiner ersten Deutschland-Reise in Mainz dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Rabbinerkonferenz begegnete. Auch bei dieser Gelegenheit möchte ich versichern, daß ich beabsichtige, den Weg zur Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk, auf dem Papst Johannes Paul II. entscheidende Schritte getan hat, weiterzuführen (vgl. Ansprache an die Delegation des International Jewish Committee on Interreligious Consultations: L’Osserbatore Romano, 10. Juni 2005, S. 5).

Die jüdische Gemeinde von Köln darf sich in dieser Stadt wirklich „zu Hause“ fühlen. Tatsächlich ist dies der älteste Sitz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden: Sie reicht zurück bis in das Köln der Römerzeit. Die Geschichte der Beziehungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde ist komplex und oft schmerzlich. Es gab Perioden guter Nachbarschaft, doch es gab auch die Vertreibung der Juden aus Köln im Jahr 1424. Im 20. Jahrhundert hat dann in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte eine wahnwitzige neuheidnische Rassenideologie zu dem staatlich geplanten und systematisch ins Werk gesetzten Versuch der Auslöschung des europäischen Judentums geführt, zu dem, was als die Schoah in die Geschichte eingegangen ist. Diesem unerhörten und bis dahin auch unvorstellbaren Verbrechen sind allein in Köln 7.000 namentlich bekannte – in Wirklichkeit sicher erheblich mehr – Juden zum Opfer gefallen. Weil man die Heiligkeit Gottes nicht mehr anerkannte, wurde auch die Heiligkeit menschlichen Lebens mit Füßen getreten.

In diesem Jahr gedenken wir des 60. Jahrestags der Befreiung aus den national-sozialistischen Konzentrationslagern, in deren Gaskammern Millionen von Juden – Männer, Frauen und Kinder –umgebracht und in den Krematorien verbrannt worden sind. Ich mache mir zu eigen, was mein verehrter Vorgänger zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz geschrieben hat und sage ebenfalls: „Ich neige mein Haupt vor all denen, die diese Manifestation des mysterium iniquitatis erfahren haben.“ Die fürchterlichen Geschehnisse von damals müssen „unablässig die Gewissen wecken, Konflikte beenden und zum Frieden ermahnen“ (Botschaft zur Befreiung von Auschwitz, 15. Januar 2005). Gemeinsam müssen wir uns auf Gott und seinen weisen Plan für die von ihm erschaffene Welt besinnen: Er ist – wie das Buch der Weisheit mahnt – „ein Freund des Lebens“ (11, 26).

Ebenfalls in diesem Jahr sind es vierzig Jahre her, daß das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung Nostra aetate promulgiert und damit neue Perspektiven in den jüdisch-christlichen Beziehungen eröffnet hat, die durch Dialog und Partnerschaft gekennzeichnet sind. Im vierten Kapitel erinnert diese Erklärung an unsere gemeinsamen Wurzeln und an das äußerst reiche geistliche Erbe, das Juden und Christen miteinander teilen. Sowohl die Juden als auch die Christen erkennen in Abraham ihren Vater im Glauben (vgl. Gal 3,7; Röm 4,11f) und berufen sich auf die Lehren Moses und der Propheten. Die Spiritualität der Juden wird wie die der Christen aus den Psalmen gespeist. Mit dem Apostel Paulus sind die Christen überzeugt, daß "Gnade und Berufung, die Gott gewährt, unwiderruflich sind" (Röm 11,29; vgl. 9, 6.11; 11,1f). In Anbetracht der jüdischen Wurzeln des Christentums (vgl. Röm 11,16-24) hat mein verehrter Vorgänger in Bestätigung eines Urteils der deutschen Bischöfe gesagt: "Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum" (Insegnamenti, Bd. III/2, 1980, S. 1272; deutsche Übersetzung in: Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, Paderborn/München 1989, S. 74).

Deshalb beklagt die Konzilserklärung Nostra aetate "alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemand gegen das Judentum gerichtet haben" (Nr. 4). Gott hat uns alle "als sein Abbild" (Gen 1, 27) geschaffen und uns dadurch mit einer transzendenten Würde ausgezeichnet. Vor Gott besitzen alle Menschen die gleiche Würde, unabhängig davon, welchem Volk, welcher Kultur oder Religion sie angehören. Aus diesem Grund spricht die Erklärung Nostra aetate auch mit großer Hochachtung von den Muslimen (vgl. Nr. 3) und den Angehörigen anderer Religionen (vgl. Nr. 2). Aufgrund der allen gemeinsamen Menschenwürde "verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen" als einen Akt, der im Widerspruch zu dem Willen Christi steht (vgl. Ebd., Nr. 5). Die Kirche weiß sich verpflichtet, diese Lehre in der Katechese und in jedem Aspekt ihres Lebens an die nachwachsenden Generationen, die selbst nicht mehr Zeugen der schrecklichen Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkriegs waren, weiterzugeben. Das ist insofern eine Aufgabe von besonderer Bedeutung, als heute leider erneut Zeichen des Antisemitismus und Formen allgemeiner Fremdenfeindlichkeit auftauchen. Sie sind Grund zur Sorge und zur Wachsamkeit. Die katholische Kirche – das möchte ich auch bei dieser Gelegenheit wieder betonen – tritt ein für Toleranz, Respekt, Freundschaft und Frieden unter allen Völkern, Kulturen und Religionen.

In den vierzig Jahren seit der Erklärung Nostra aetate ist in Deutschland und auf internationaler Ebene vieles zur Verbesserung und Vertiefung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen getan worden. Neben den offiziellen Beziehungen sind besonders dank der Zusammenarbeit unter den Bibelwissenschaftlern viele Freundschaften entstanden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die verschiedenen Erklärungen der Deutschen Bischofskonferenz und an die segensreiche Tätigkeit der "Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, die dazu beigetragen hat, daß sich die jüdische Gemeinde seit 1945 hier in Köln wieder "zu Hause" fühlen kann und zu einem guten nachbarschaftlichen Zusammenleben mit den christlichen Gemeinden gefunden hat. Vieles bleibt freilich noch zu tun. Wir müssen uns noch viel mehr und viel besser gegenseitig kennenlernen. Deshalb ermutige ich zu einem aufrichtigen und vertrauensvollen Dialog zwischen Juden und Christen. Nur so wird es möglich sein, zu einer beiderseits akzeptierten Interpretation noch strittiger historischer Fragen zu gelangen und vor allem Fortschritte in der theologischen Einschätzung der Beziehung zwischen Judentum und Christentum zu machen. In diesem Dialog kann es ehrlicherweise nicht darum gehen, die bestehenden Unterschiede zu übergehen oder zu verharmlosen: Auch und gerade in dem, was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung voneinander unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren.

Schließlich sollte unser Blick nicht nur zurück in die Geschichte gehen, er sollte ebenso vorwärts auf die heutigen und morgigen Aufgaben gerichtet sein. Unser reiches gemeinsames Erbe und unsere an wachsendem Vertrauen orientierten geschwisterlichen Beziehungen verpflichten uns, gemeinsam ein noch einhelligeres Zeugnis zu geben und praktisch zusammenzuarbeiten in der Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und der Heiligkeit des menschlichen Lebens, für die Werte der Familie, für soziale Gerechtigkeit und für den Frieden in der Welt. Der Dekalog (vgl. Ex 20; Dtn 5) ist für uns gemeinsames Erbe und gemeinsame Verpflichtung. Die "Zehn Gebote" sind nicht Last, sondern Wegweiser zu einem geglückten Leben. Sie sind es besonders für die Jugendlichen, die ich in diesen Tagen treffe und die mir so sehr am Herzen liegen. Ich wünsche mir, daß sie den Dekalog als die Leuchte für ihre Schritte und als Licht für ihre Pfade (vgl. Ps 119,105) erkennen. Die Erwachsenen tragen die Verantwortung, den jungen Menschen die Fackel der Hoffnung weiterzureichen, die Juden wie Christen von Gott geschenkt worden ist, damit die Mächte des Bösen "nie wieder" die Herrschaft erlangen und die künftigen Generationen mit Gottes Hilfe eine gerechtere und friedvollere Welt errichten können, in der alle Menschen das gleiche Bürgerrecht besitzen.

Ich schließe mit den Worten aus Psalm 29, die ein Glückwunsch und zugleich ein Gebet sind: "Der Herr gebe Kraft seinem Volk. Der Herr segne sein Volk mit Frieden."

Möge er uns erhören!

 

 

 

TREFFEN MIT DEN SEMINARISTEN
IN DER KIRCHE DES HL. PANTHALEON IN KÖLN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Freitag, 19. August 2005

 

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Seminaristen!

Ich begrüße Euch alle sehr herzlich und danke Euch für Euren freudigen Empfang und vor allem dafür, daß Ihr zu diesem Treffen aus zahlreichen Ländern der fünf Kontinente gekommen seid, so daß wir hier wirklich ein Spiegelbild der weltweiten katholischen Kirche sind. Ich danke vor allem dem Seminaristen, dem Priester und dem Bischof, die uns ihr persönliches Zeugnis geschenkt haben, und ich muß sagen, es ist mir zu Herzen gegangen, diese Wege zu sehen, auf denen der Herr Menschen unerwartet und gegen ihr eigenes Vorhaben zum Priestertum geführt hat. Ganz herzlichen Dank! Ich freue mich über diese Begegnung. Ich wollte – das ist ja auch gesagt worden –, daß in das Programm dieser Kölner Tage ein spezielles Treffen mit den jungen Seminaristen eingeplant werde, damit die Dimension der Berufung, die in den Weltjugendtagen eine immer größere Rolle spielt, auch wirklich hier in ihrer ganzen Bedeutung sichtbar wird. Der Regen von oben zeigt uns doch auch Segen an, denke ich. Ihr seid Seminaristen, das heißt junge Männer, die sich im Hinblick auf eine wichtige Aufgabe in der Kirche in einer intensiven Zeit der Suche nach persönlicher Beziehung zu Christus, nach der Begegnung mit ihm befinden. Denn das ist das Seminar: weniger ein Ort als vielmehr ein bedeutsamer Abschnitt im Leben eines Jüngers Jesu. Ich stelle mir vor, welche Resonanz die Worte des Themas dieses XX. Weltjugendtags – "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten" – und die ganze bewegende Geschichte von diesen suchenden Weisen und von ihrem Finden in Euren Herzen auslöst. Jeder auf seine Weise – denken wir an die drei Zeugnisse, die wir gehört haben – ist so einer, der einen Stern sieht, der sich auf den Weg macht, der auch Dunkel erleben muß und der mit den Führungen Gottes dann an das Ziel kommen kann. Dieser Evangelien-Abschnitt über das Suchen und Finden der Weisen hat eine einzigartige Bedeutung gerade für Euch, liebe Seminaristen, weil ihr ja im Begriff seid, den Weg der Unterscheidung – es ist ein wirklicher Weg – und der Prüfung der Berufung zum Priestertum zu vollenden. Darüber möchte ich noch ein paar Gedanken vorlegen.

Warum gingen die Sterndeuter aus fernen Ländern nach Betlehem? Die Antwort ist mit dem Geheimnis der "Sterns" verbunden, den sie "aufgehen" sahen und den sie als den Stern des "Königs der Juden" identifizierten, das heißt als Zeichen der Geburt des Messias (vgl. Mt 2,2). Ihre Reise war also durch eine Kraft der Hoffnung ausgelöst, die nun im Stern ihre Bestätigung und Wegweisung erhielt – hin zum "König der Juden", zum Königtum Gottes selbst. Die Sterndeuter brachen auf, weil sie ein tiefes Sehnen in sich verspürten, das sie drängte, alles zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. Es war, als hätten sie diesen Stern schon immer erwartet, als sei diese Reise schon von Ewigkeit her in ihr Schicksal eingeschrieben gewesen und käme jetzt endlich zur Verwirklichung. Liebe Freunde, das ist das Geheimnis des Rufes, der Berufung – ein Geheimnis, welches das Leben jedes Christen angeht, das aber bei denen deutlicher hervortritt, die Christus einlädt, alles zu verlassen, um ihm in engerer Verbindung nachzufolgen. Der Seminarist erlebt die Schönheit der Berufung in dem Moment, den wir als die Zeit des "Verliebtseins" bezeichnen könnten. Sein Inneres ist erfüllt von einem Staunen, das ihn betend sagen läßt: "Herr, warum gerade ich?" Doch die Liebe kennt kein "Warum", sie ist ungeschuldetes Geschenk, auf das man mit dem Geschenk seiner selbst antwortet.

Das Seminar ist eine Zeit, die zur Aus-Bildung und zur Unterscheidung bestimmt ist. Die Ausbildung hat, wie Ihr wißt, verschiedene Dimensionen, die in der Einheit der Person zusammenlaufen: Sie umfaßt den menschlichen, den geistig-geistlichen und den kulturellen Bereich. Ihr tiefstes Ziel ist es, den Gott von innen her kennenzulernen, der uns in Jesus Christus sein Gesicht gezeigt hat. Darum ist ein gründliches Studium der Heiligen Schrift sowie des Glaubens und des Lebens der Kirche notwendig, in der diese Schrift lebendiges Wort bleibt. All dies muß in Zusammenhang stehen mit dem Fragen unserer Vernunft und so mit dem Kontext unseres menschlichen Lebens heute. Dieses Studium mag manchmal mühsam erscheinen, aber es ist ein unersetzlicher Teil unserer Begegnung mit Christus und unserer Berufung, ihn zu verkündigen. Alles soll dazu dienen, eine kohärente und ausgeglichene Persönlichkeit zu entfalten, die imstande ist, die priesterliche Aufgabe gültig zu übernehmen und dann verantwortlich zu erfüllen. Entscheidend ist die Rolle der Ausbildenden: Die Qualität des Priesterkollegiums in einer Teilkirche hängt zum guten Teil von der des Seminars ab und damit von der Qualität derjenigen, die für die Ausbildung verantwortlich sind. Liebe Seminaristen, gerade aus diesem Grund beten wir heute mit herzlicher Dankbarkeit für all Eure Oberen, Professoren und Erzieher, deren geistige Anwesenheit hier bei unserem Treffen wir spüren. Bitten wir den Herrn, daß sie die ihnen anvertraute so wichtige Aufgabe auf beste Weise erfüllen können. Das Seminar ist eine Zeit des Weges, der Suche, vor allem aber der Entdeckung Christi. Tatsächlich kann der junge Mensch nur in dem Maße, wie er Christus persönlich erfährt, dessen Willen und damit die eigene Berufung in Wahrheit erkennen. Je besser Du Jesus kennst, um so mehr zieht Dich sein Geheimnis an; je tiefer Du ihm begegnest, um so mehr drängt es Dich, ihn zu suchen. Das ist eine Bewegung des Geistes, die das ganze Leben hindurch fortdauert und die im Seminar eine Zeit voller Verheißungen erfährt, sozusagen ihren "Frühling".

In Betlehem angekommen, gingen die Sterndeuter "in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an" (Mt 2,11). Das ist endlich der so sehr erwartete Augenblick: die Begegnung mit Jesus. "Sie gingen in das Haus": Dieses Haus stellt in gewisser Weise die Kirche dar. Um dem Retter zu begegnen, muß man in das Haus eintreten, das die Kirche ist. Während der Seminarzeit vollzieht sich im Bewußtsein des jungen Seminaristen ein ganz bedeutender Reifungsprozeß: Er sieht die Kirche nicht mehr "von außen", sondern empfindet sie sozusagen "von innen", als sein "Haus", weil sie das Haus Christi ist, wo "Maria, seine Mutter" wohnt. Und gerade die Mutter ist es, die ihm Jesus, ihren Sohn zeigt, ihn ihm vorstellt und ihm ermöglicht, ihn gewissermaßen zu sehen, zu berühren und in die Arme zu nehmen. Maria lehrt ihn, Jesus mit den Augen des Herzens zu betrachten und von ihm zu leben. In jedem Augenblick des Seminarlebens kann man diese liebevolle Gegenwart der Mutter des Herrn spüren, die jeden in die Begegnung mit Christus einführt, im Schweigen der Meditation, im Gebet und in der Brüderlichkeit. Maria hilft, dem Herrn vor allem in der Eucharistiefeier zu begegnen, wenn er im Wort und im verwandelten Brot zu unserer täglichen geistigen Nahrung wird.

"Da fielen sie nieder und beteten es an … Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar" (Mt 2,11-12). Das ist der Höhepunkt des ganzen Weges: Die Begegnung wird zur Anbetung, mündet in einen Akt des Glaubens und der Liebe, der in dem von Maria geborenen Jesus den menschgewordenen Sohn Gottes erkennt. Ist nicht in der Geste der Sterndeuter bereits der Glaube des Simon Petrus und der anderen Jünger, der Glaube des Paulus und aller anderen Heiligen, insbesondere der heiligen Seminaristen und Priester vorgebildet, die die zweitausend Jahre der Geschichte der Kirche gekennzeichnet haben? Das Geheimnis der Heiligkeit ist die Freundschaft mit Christus und die treue Zustimmung zu seinem Willen. "Christus ist für uns alles", sagte der heilige Ambrosius, und der heilige Benedikt ermahnte, der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen. Möge Christus für Euch alles sein. Vor allem Ihr, liebe Seminaristen, bringt ihm das Kostbarste dar, was Ihr besitzt, wie der verehrte Johannes Paul II. in seiner Botschaft für diesen Weltjugendtag vorschlug: das Gold Eurer Freiheit, den Weihrauch Eures Gebets, die Myrrhe Eurer tiefsten Liebe (vgl. Nr. 4).

Das Seminar ist die Zeit der Vorbereitung auf die Sendung. Die Weisen aus dem Orient "kehrten zurück" in ihr Land, und sicher legten sie Zeugnis ab von ihrer Begegnung mit dem König der Juden. Auch Ihr werdet nach dem langen und notwendigen Ausbildungsgang des Seminars ausgesendet werden, um geweihte Diener Christi zu sein; jeder von Euch wird als ein "alter Christus" zu den Menschen zurückkehren. Auf ihrer Heimreise mußten die Sterndeuter sich sicher mit Gefahren, Mühen, Verirrungen und Zweifeln auseinandersetzen… Der Stern, der sie geführt hatte, war nicht mehr da! Inzwischen trugen sie das Licht in sich. Ihnen oblag es nun, es zu hüten und zu nähren in der ständigen Erinnerung an Christus, an sein heiliges Angesicht, an seine unbeschreibliche Liebe. Liebe Seminaristen! So Gott will, werdet auch Ihr eines Tages, vom Heiligen Geist geweiht, Eure Sendung beginnen. Erinnert Euch immer an die Worte Jesu: "Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9). Wenn Ihr bei Christus, mit Christus und in Christus bleibt, werdet Ihr, wie er verheißen hat,  reiche Frucht bringen. Nicht Ihr habt ihn erwählt – das haben wir gerade in den Zeugnissen gehört –, sondern er hat Euch erwählt (vgl. Joh 15,16): Das ist das Geheimnis Eurer Berufung und Eurer Sendung! Es ist im unbefleckten Herzen Marias bewahrt; sie wacht mit mütterlicher Liebe über jeden von Euch. Wendet Euch oft und vertrauensvoll an Maria. Ich versichere Euch allen meine Liebe und mein tägliches Gebet und erteile Euch von Herzen den Segen.

 

 

 

ÖKUMENISCHES TREFFEN IM ERZBISCHÖFLICHEN SITZ IN KÖLN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Köln, Erzbischöfliches Palais
Freitag, 19. August 2005

 

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, unserem gemeinsamen Herrn!

Es erfüllt mich mit Freude, anläßlich meines Besuches in Deutschland Ihnen, den Vertretern der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu begegnen. Ich grüße Sie alle sehr herzlich! Da ich selbst aus diesem Land komme, weiß ich um die Tragik, welche die Glaubensspaltung über viele Menschen und über viele Familien gebracht hat. Auch deshalb habe ich gleich nach meiner Wahl zum Bischof von Rom als Nachfolger des Apostels Petrus den festen Vorsatz geäußert, die Wiedererlangung der vollen und sichtbaren Einheit der Christen zu einer Priorität meines Pontifikats zu erheben. Damit wollte ich bewußt in die Fußstapfen zweier meiner großen Vorgänger treten: Papst Pauls VI., der vor nunmehr über vierzig Jahren das Konzilsdekret über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio, unterzeichnete und Johannes’ Pauls II., der dann dieses Dokument zur Richtschnur seines Handelns machte. Deutschland kommt im ökumenischen Dialog eine besondere Bedeutung zu. Es ist nämlich nicht nur das Ursprungsland der Reformation; es ist auch eines der Länder, von denen die ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts ausging. Infolge der Wanderungsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts haben auch orthodoxe und altorientalische Christen in diesem Land eine neue Heimat gefunden. Das hat zweifellos die Gegenüberstellung und den Austausch gefördert. Gemeinsam freuen wir uns festzustellen, daß der Dialog im Laufe der Zeit zu einer Wiederentdeckung der Brüderlichkeit geführt und unter den Christen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ein offeneres und vertrauensvolleres Klima geschaffen hat. Mein verehrter Vorgänger hat in seiner Enzyklika Ut unum sint (1995) gerade das als ein besonders bedeutendes Ergebnis des Dialogs bezeichnet (vgl. 41f; 64).

Die Brüderlichkeit unter den Christen ist nicht einfach ein vages Gefühl, und ebensowenig entspringt sie aus einer Art Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Sie ist in der übernatürlichen Wirklichkeit der einen Taufe begründet, die uns in den einen Leib Christi einfügt (vgl. 1Kor 12,13; Gal 3,28; Kol 2,12). Gemeinsam bekennen wir Jesus Christus als Gott und Herrn; gemeinsam erkennen wir ihn als einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen an (vgl. 1 Tim 2,5) und unterstreichen unser aller Zugehörigkeit zu ihm (vgl. Unitatis redintegratio, 22; Ut unum sint, 42). Auf dieser Grundlage hat der Dialog seine Früchte gebracht. Ich möchte die Untersuchungen der beiderseitigen Verwerfungen nennen, die von Johannes Paul II. bei seinem ersten Deutschlandbesuch im Jahr 1980 angestoßen wurden, und vor allem die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" (1999), die ein Resultat dieser Untersuchungen war und eine Einigung in Grundfragen brachte, die seit dem 16. Jahrhundert Gegenstand von Kontroversen waren. Dankbar anzuerkennen sind auch die Ergebnisse, die in einer Reihe von gemeinsamen Stellungnahmen zu wichtigen Themen wie den Grundfragen zum Schutz des Lebens und zur Förderung von Gerechtigkeit und Frieden bestehen. Ich weiß sehr wohl, daß viele Christen in diesem Land – und nicht nur in diesem – sich weitere konkrete Schritte der Annäherung erwarten. Auch ich erwarte sie. In der Tat, es ist das Gebot des Herrn, aber auch ein Gebot der gegenwärtigen Stunde, den Dialog auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens entschieden weiterzuführen. Das muß natürlich in Wahrhaftigkeit und Realismus geschehen, mit Geduld und Ausdauer in Treue zur Stimme des eigenen Gewissens. Es darf keinen Dialog um den Preis der Wahrheit geben; der Dialog muß in Liebe und in der Wahrheit geführt werden. Ich möchte hier kein Programm für die nun anstehenden Themen des Dialogs entwickeln – das ist Sache der Theologen im Kontakt mit den Bischöfen. Nur eine Anmerkung sei mir gestattet: Die ekklesiologischen Fragen, besonders die Frage des geistlichen Amtes – des Priestertums – sind untrennbar verbunden mit der Frage nach dem Zusammenhang von Schrift und Kirche, nach der Instanz der rechten Auslegung des Gotteswortes und seiner Entfaltung im Leben der Kirche.

Eine dringende Priorität im ökumenischen Dialog bilden die großen ethischen Fragen, die unsere Zeit stellt; hier erwarten die fragenden Menschen von heute mit Recht eine gemeinsame Antwort der Christen. Gottlob gelingt sie in vielen Fällen, aber leider nicht immer. Durch Widersprüche in diesem Bereich verlieren das Zeugnis für das Evangelium und die ethische Orientierung, die wir den Menschen und der Gesellschaft geben müßten, an Kraft und nehmen oft vage Formen an, so daß wir unserer Zeit das nötige Zeugnis schuldig bleiben. Unsere Spaltungen stehen im Kontrast zum Willen Jesu und machen uns vor den Menschen unglaubwürdig.

Worum geht es bei der Wiederherstellung der Einheit aller Christen? Die katholische Kirche erstrebt das Erreichen der vollen sichtbaren Einheit der Jünger Christi, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil in verschiedenen Dokumenten definiert hat (vgl. Lumen gentium, 8; 13; Unitatis redintegratio 2; 4 u. a.). Diese Einheit besteht nach unserer Überzeugung unverlierbar in der katholischen Kirche (vgl. Unitatis redintegratio, 4). Sie bedeutet jedoch nicht Einheitlichkeit in allen Ausdrucksformen der Theologie und der Spiritualität, in den liturgischen Formen und in der Disziplin. Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit: In der Predigt am Hochfest der heiligen Petrus und Paulus am vergangenen 29. Juni habe ich hervorgehoben, daß volle Einheit und wahre Katholizität zusammengehen. Die notwendige Bedingung, damit dieses Miteinander sich verwirklichen kann, ist, daß der Einsatz für die Einheit ständig geläutert und erneuert wird, daß er beständig wächst und reift. Dazu kann der Dialog beitragen. Er ist mehr als ein Gedankenaustausch: er ist ein Austausch von Gaben (vgl. Ut unum sint, 28), in dem die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften die ihnen eigenen Reichtümer einbringen können (vgl. Lumen gentium, 8; 15; Unitatis redintegratio, 3; 14f; Ut unum sint 10-14). Dank diesem Einsatz kann der Weg Schritt für Schritt fortgesetzt werden bis zum Erreichen der vollen Einheit, wenn schließlich "wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen" (Eph 4,13). Es ist offensichtlich, daß ein solcher Dialog sich im Grunde nur in einer Atmosphäre wahrhaftiger und angemessener Spiritualität entfalten kann. Allein mit unseren eigenen Kräften können wir die Einheit nicht "machen". Wir können sie nur empfangen als Geschenk des Heiligen Geistes. Darum bildet der geistliche Ökumenismus, das heißt das Gebet, die Umkehr und die Heiligung des Lebens das Herz der ökumenischen Bewegung (vgl. Unitatis redintegratio, 8; Ut unum sint, 15f; 21 u. a.). Man könnte auch sagen: Die beste Form des Ökumenismus besteht darin, nach dem Evangelium zu leben.

Einen tröstlichen Grund zu Optimismus sehe ich in der Tatsache, daß sich gegenwärtig eine Art geistliches "Netzwerk" bildet zwischen Katholiken und Christen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften: Jeder Einzelne setzt sich ein durch Gebet, Überprüfung des eigenen Lebens, Reinigung des Gedächtnisses und Öffnung in der Nächstenliebe. Der Vater des geistlichen Ökumenismus, Paul Couturier, hat in diesem Zusammenhang von einem "unsichtbaren Kloster" gesprochen, das in seinen Mauern diese für Christus und seine Kirche begeisterten Menschen versammelt. Ich bin überzeugt: Wenn sich eine wachsende Anzahl von Menschen dem Gebet des Herrn, "daß alle eins seien" (Joh 17,21), anschließt, dann wird ein solches Gebet in Jesu Namen nicht ins Leere gehen (vgl. Joh 14,13; 15,7.16 u. a.). Mit der Hilfe von Oben werden wir in den verschiedenen noch offenen Fragen durchführbare Lösungen finden, und die Sehnsucht nach Einheit wird schließlich ihre Erfüllung finden, wann und wie Er will. Ich lade Sie alle ein, gemeinsam mit mir diesen Weg zu gehen.

 

 

BEGEGNUNG MIT VERTRETERN
MUSLIMISCHER GEMEINDEN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Köln
Samstag, 20. August 2005

 

Liebe muslimische Freunde!

Es bereitet mir große Freude, Sie zu empfangen und herzlich zu begrüßen. Ich bin hier, um die Jugendlichen zu treffen, die aus allen Teilen Europas und der Welt gekommen sind. Die Jugendlichen sind die Zukunft der Menschheit und die Hoffnung der Nationen. Mein geliebter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., sagte einmal zu den jungen Muslimen, die im Stadion von Casablanca (Marokko) versammelt waren: "Die Jugendlichen können eine bessere Zukunft bauen, wenn sie sich vor allem im Glauben auf Gott ausrichten und sich dann bemühen, diese neue Welt nach dem Plan Gottes zu errichten, mit Weisheit und Vertrauen" (Insegnamenti, VIII/2, 1985, S. 500). Aus dieser Blickrichtung wende ich mich an Sie, liebe muslimische Freunde, um mit Ihnen meine Hoffnungen zu teilen und Sie in diesen besonders schwierigen Zeiten unserer aktuellen Geschichte auch an meinen Sorgen teilhaben zu lassen.

Ich bin sicher, auch Ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, wenn ich unter allen Sorgen diejenige hervorhebe, die aus dem sich immer weiter ausbreitenden Phänomen des Terrorismus entspringt. In verschiedenen Teilen der Welt wiederholen sich fortlaufend terroristische Aktionen, die Tod und Zerstörung verbreiten und viele unserer Brüder und Schwestern in Kummer und Verzweiflung stürzen. Die Ersinner und Planer dieser Attentate zeigen, daß sie unsere Beziehungen vergiften wollen. Sie bedienen sich aller Mittel, sogar der Religion, um jedem Bemühen um ein friedliches, loyales und entspanntes Zusammenleben entgegenzuwirken. Der Terrorismus, welcher Herkunft er auch sei, ist eine perverse und grausame Entscheidung, die das unantastbare Recht auf Leben mit Füßen tritt und die Fundamente jedes geordneten Zusammenlebens untergräbt. Wenn es uns gemeinsam gelingt, das Haßgefühl aus den Herzen auszurotten, uns gegen jede Form von Intoleranz zu verwahren und uns jeder Manifestation von Gewalt zu widersetzen, dann werden wir die Welle des grausamen Fanatismus aufhalten, die das Leben so vieler Menschen aufs Spiel setzt und den Fortschritt des Friedens in der Welt behindert. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unmöglich. Der gläubige Mensch weiß nämlich, daß er sich trotz der eigenen Schwäche auf die geistige Kraft des Gebetes verlassen kann.

Liebe Freunde, ich bin zutiefst davon überzeugt, daß wir, ohne dem negativen Druck der Umgebung zu weichen, die Werte der gegenseitigen Achtung, der Solidarität und des Friedens bekräftigen müssen. Das Leben jedes Menschen ist heilig, für die Christen wie auch für die Muslime. Wir haben ein großes Aktionsfeld, in dem wir uns im Dienst an den moralischen Grundwerten vereint fühlen können. Die Würde der Person und die Verteidigung der Rechte, die sich aus dieser Würde ergeben, muß Ziel und Zweck jedes sozialen Planes und jedes Bemühens zu dessen Durchsetzung sein. Das ist eine Botschaft, welche die leise, aber deutliche Stimme des Gewissens in unverwechselbarer Weise skandiert. Es ist eine Botschaft, die man hören und zu Gehör bringen muß: Würde ihr Widerhall in den Herzen verstummen, wäre die Welt der Finsternis einer neuen Barbarei ausgesetzt. Nur über die Anerkennung der Zentralität der Person kann man eine gemeinsame Verständigungs-Grundlage finden, eventuelle kulturelle Gegensätze überwinden und die explosive Kraft der Ideologien neutralisieren.

In der Begegnung, die ich im April mit den Delegierten der Kirchen und kirchlichen Vereinigungen und mit den Vertretern verschiedener religiöser Traditionen hatte, habe ich gesagt: "Ich versichere Ihnen, daß die Kirche fortfahren will, Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen, mit dem Ziel, das echte Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft im Ganzen zu suchen" (vgl. L'Osservatore Romano, 25. April 2005, S. 4). Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt uns, daß sich die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht immer durch gegenseitige Achtung und durch Verständnis ausgezeichnet haben. Wie viele Seiten der Geschichte verzeichnen Schlachten und Kriege, die auf der einen wie auf der anderen Seite unter Anrufung des Namens Gottes begonnen wurden, als ob die Bekämpfung des Feindes und die Tötung des Gegners etwas sein könnte, das ihm gefällt! Die Erinnerung an diese traurigen Ereignisse müßte uns mit Scham erfüllen, denn wir wissen sehr wohl, was für Grausamkeiten im Namen der Religion begangen worden sind. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns davor bewahren, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir wollen die Wege der Versöhnung suchen und lernen, so zu leben, daß jeder die Identität des anderen respektiert. Die Verteidigung der Religionsfreiheit ist in diesem Sinne ein ständiger Imperativ, und die Achtung der Minderheiten ein unanfechtbares Zeichen wahrer Zivilisation.

In diesem Zusammenhang ist es immer angebracht, an das zu erinnern, was die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bezug auf die Beziehungen zu den Muslimen gesagt haben: "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie bemühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft… Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen" (Erklärung Nostra aetate, 3).

Sie, verehrte Freunde, vertreten einige muslimische Gemeinschaften, die in diesem Land existieren, in dem ich geboren bin, studiert und einen Gutteil meines Lebens verbracht habe. Gerade darum war es mein Wunsch, Sie zu treffen. Sie führen die Gläubigen des Islam und erziehen sie im muslimischen Glauben. Die Lehre ist das Mittel zur Weitergabe von Vorstellungen und Überzeugungen. Das Wort ist der Hauptweg in der Erziehung des Geistes. Sie tragen deshalb eine große Verantwortung in der Erziehung der nachwachsenden Generationen. Gemeinsam müssen wir – Christen und Muslime – uns den zahlreichen Herausforderungen stellen, die unsere Zeit uns aufgibt. Für Apathie und Untätigkeit ist kein Platz, und noch weniger für Parteilichkeit und Sektentum. Wir dürfen der Angst und dem Pessimismus keinen Raum geben. Wir müssen vielmehr Optimismus und Hoffnung pflegen. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt. Die Jugendlichen aus vielen Teilen der Erde sind hier in Köln als lebendige Zeugen für Solidarität, Brüderlichkeit und Liebe. Ich wünsche Ihnen, liebe muslimische Freunde, von ganzem Herzen, daß der barmherzige und mitleidige Gott Sie beschütze, Sie segne und Sie immer erleuchte. Der Gott des Friedens erhebe unsere Herzen, nähre unsere Hoffnung und leite unsere Schritte auf den Straßen der Welt.

 

 

 

VIGIL MIT DEN JUGENDLICHEN AUF DEM MARIENFELD

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Köln, Marienfeld
Samstag, 20. August 2005

 

Liebe Jugendliche!

Auf unserem Pilgerweg mit den geheimnisvollen Weisen aus dem Orient sind wir jetzt an der Stelle angelangt, die uns Matthäus in seinem Evangelium so beschreibt: „Und sie gingen in das Haus (über dem der Stern stehengeblieben war) und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Der äußere Weg dieser Männer war zu Ende. Sie waren an ihrem Ziel. Aber an dieser Stelle beginnt für sie ein neuer Weg, eine innere Pilgerschaft, die ihr ganzes Leben ändert. Denn sie hatten sich diesen neugeborenen König gewiß anders vorgestellt. Sie hatten ja in Jerusalem Halt gemacht und beim dortigen König nach dem verheißenen Königskind gefragt. Sie wußten, daß die Welt in Unordnung war, und deswegen war ihr Herz unruhig geblieben. Sie waren gewiß, daß es Gott gebe, einen gerechten und gütigen Gott. Und sie hatten wohl auch von den großen Prophezeiungen gehört, in denen die Propheten Israels einen König vorhersagten, der im innersten Einklang mit Gott stehen und von ihm her die Welt in Ordnung bringen würde. Diesen König waren sie suchen gegangen: Sie waren im tiefsten auf der Suche nach dem Recht, nach der Gerechtigkeit, die von Gott kommen mußte und wollten diesem König zu Diensten sein, sich ihm zu Füßen werfen und so selbst der Erneuerung der Welt dienen. Sie gehörten zu denen, die „Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5, 6). Diesem Hunger und Durst waren sie mit ihrer Pilgerschaft gefolgt – sie waren Pilger zur Gerechtigkeit, die sie von Gott erwarteten und in deren Dienst sie selber treten wollten.

Auch wenn die anderen Menschen, die zu Hause Gebliebenen, sie für Phantasten und Träumer halten mochten – sie waren durchaus Realisten und wußten, daß zur Änderung der Welt Macht gehört. Deshalb konnten sie das Kind der Verheißung zunächst nur im Königspalast suchen. Aber nun beugen sie sich vor einem Kind armer Leute, und sehr bald erfuhren sie, daß Herodes – der König, den sie aufgesucht hatten – mit seiner Macht ihm nachstellen würde und daß der Familie nur die Flucht und das Exil verblieben. Der neue König, den sie anbeteten, war ganz anders, als sie erwartet hatten. So mußten sie lernen, daß Gott anders ist, als wir ihn gewöhnlich uns vorstellen. Nun begann ihre innere Wanderung. Sie begann in dem Augenblick, in dem sie sich vor diesem Kind niederwarfen und es als den verheißenen König anerkannten. Aber diese freudigen Gesten mußten sie erst innerlich einholen.

Sie mußten ihren Begriff von Macht, von Gott und vom Menschen ändern und darin sich selbst ändern. Sie sahen nun: Die Macht Gottes ist anders als die Macht der Mächtigen der Welt. Die Art, wie Gott wirkt, ist anders als wir es uns ausdenken und ihm gerne vorschreiben möchten. Gott tritt in dieser Welt nicht in Konkurrenz zu den weltlichen Formen der Macht. Er stellt nicht seine Divisionen anderen Divisionen gegenüber. Er schickt Jesus auf dem Ölberg nicht 12 Legionen Engel zu Hilfe (vgl. Mt 26, 53). Er stellt der lauten, auftrumpfenden Macht dieser Welt die wehrlose Macht der Liebe gegenüber, die am Kreuz – und dann in der Geschichte immer wieder – unterliegt und doch das Neue, das Göttliche ist, das nun dem Unrecht entgegentritt und Gottes Reich heraufführt. Gott ist anders – das erkennen sie nun. Und das bedeutet, daß sie nun selbst anders werden, Gottes Art erlernen müssen.

Sie waren gekommen, sich in den Dienst dieses Königs zu stellen, ihr Königtum nach dem Seinen auszurichten. Das war der Sinn ihrer Huldigungsgebärde, ihrer Anbetung. Zu ihr gehörten auch die Geschenke – Gold, Weihrauch, Myrrhe – Gaben, die man einem für göttlich angesehenen König spendete. Anbetung hat einen Inhalt, und zu ihr gehört auch eine Gabe. Die Männer aus dem Orient waren durchaus auf der richtigen Spur, als sie mit der Gebärde der Anbetung dieses Kind als ihren König anerkennen wollten, in dessen Dienst sie ihre Macht und ihre Möglichkeiten zu stellen gedachten. Sie wollten durch den Dienst für ihn und die Gefolgschaft mit ihm der Sache der Gerechtigkeit, des Guten in der Welt dienen. Und da hatten sie recht. Aber nun lernen sie, daß das nicht einfach durch Befehle und von Thronen herunter geschehen konnte. Nun lernen sie, daß sie sich selber geben müssen – kein geringeres Geschenk verlangt dieser König. Nun lernen sie, daß ihr Leben von der Weise geprägt sein muß, wie Gott Macht ausübt und wie Gott selber ist: Sie müssen Menschen der Wahrheit, des Rechts, der Güte, des Verzeihens, der Barmherzigkeit werden. Sie werden nicht mehr fragen: Was bringt das für mich, sondern sie müssen nun fragen: Womit diene ich der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie müssen lernen, sich zu verlieren und gerade so sich zu finden. Indem sie weggehen von Bethlehem, müssen sie auf der Spur des wahren Königs bleiben, in der Nachfolge Jesu.

Liebe Freunde, fragen wir uns, was das alles für uns bedeutet. Denn was wir eben über die andere Art Gottes gesagt haben, die unsere Lebensart bestimmen soll, klingt uns schön, aber es bleibt doch blaß und unbestimmt. Deswegen hat Gott uns Beispiele geschenkt. Die Weisen aus dem Morgenland sind nur die ersten einer langen Prozession von Menschen, die nach dem Stern Gottes mit ihrem Leben Ausschau gehalten, den Gott gesucht haben, der uns Menschen nahe ist und uns den Weg zeigt. Es ist die große Schar der Heiligen, der bekannten und der unbekannten, in denen der Herr das Evangelium die Geschichte hindurch aufgeblättert hat und aufblättert. In ihrem Leben kommt wie in einem großen Bilderbogen der Reichtum des Evangeliums zum Vorschein. Sie sind die Lichtspur Gottes, die er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht. Mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. hat eine große Schar von Menschen vergangener und naher Zeiten selig- und heiliggesprochen. Er wollte uns in diesen Gestalten zeigen, wie es geht, ein Christ zu sein; wie es geht, das Leben recht zu machen – nach der Weise Gottes zu leben. Die Seligen und Heiligen waren Menschen, die nicht verzweifelt nach ihrem eigenen Glück Ausschau hielten, sondern einfach sich geben wollten, weil sie vom Licht Jesu Christi getroffen waren. Und so zeigen sie uns den Weg, wie man glücklich wird, wie man das macht, ein Mensch zu sein. Im Auf und Ab der Geschichte waren sie die wirklichen Erneuerer, die immer wieder die Geschichte aus den dunklen Tälern herausgeholt haben, in denen sie immer neu zu versinken droht und immer wieder so viel Licht in sie brachten, daß man dem Wort Gottes, wenn vielleicht auch unter Schmerzen, zustimmen kann, der am Ende des Schöpfungswerkes gesagt hatte: Es ist gut. Denken wir nur an Gestalten wie Sankt Benedikt, wie Franz von Assisi, wie Teresa von Avila, Ignatius von Loyola, Karl Borromäus, an die Ordensgründer des 19. Jahrhunderts, die der Sozialen Bewegung ihr Herz gegeben haben oder an Heilige unserer Zeit – Maximilian Kolbe, Edith Stein, Mutter Teresa, Pater Pio. Wenn wir diese Gestalten ansehen, dann lernen wir, was „anbeten“ heißt und was es heißt, nach den Maßstäben des Kindes von Bethlehem, den Maßstäben Jesu Christi und Gottes selbst zu leben.

Die Heiligen sind die wahren Reformer, hatten wir gesagt. Ich möchte es nun noch radikaler ausdrücken: Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution, die grundlegende Änderung der Welt. Wir haben im abgelaufenen Jahrhundert die Revolutionen erlebt, deren gemeinsames Programm es war, nicht mehr auf Gott zu warten, sondern die Sache der Verfassung der Welt ganz selbst in die Hände zu nehmen. Und wir haben gesehen, daß damit immer ein menschlicher, ein parteilicher Standpunkt zum absoluten Maßstab genommen wurde. Das Absolutsetzen dessen, was nicht absolut, sondern relativ ist, heißt Totalitarismus. Es macht den Menschen nicht frei, sondern entehrt ihn und versklavt ihn. Nicht die Ideologien retten die Welt, sondern allein die Hinwendung zum lebendigen Gott, der unser Schöpfer, der Garant unserer Freiheit, der Garant des wirklich Guten und Wahren ist. Die wirkliche Revolution besteht allein in der radikalen Hinwendung zu Gott, der das Maß des Gerechten und zugleich die ewige Liebe ist. Und was könnte uns denn retten wenn nicht die Liebe?

Liebe Freunde! Laßt mich nur noch zwei kurze Gedanken anfügen. Von Gott reden viele; im Namen Gottes wird auch Haß gepredigt und Gewalt ausgeübt. Deswegen kommt es darauf an, das wahre Antlitz Gottes zu finden. Die Weisen aus dem Orient haben es gefunden, als sie sich vor dem Kind in Bethlehem beugten. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, hat Jesus zu Philippus gesagt (Joh 14, 9). In Jesus Christus, der sich für uns das Herz hat durchbohren lassen, ist uns das wahre Gesicht Gottes erschienen. Ihm folgen wir mit der großen Schar derer, die uns da vorangegangen sind. Dann gehen wir recht.

Das bedeutet, daß wir uns nicht einen privaten Gott und nicht einen privaten Jesus zurechtmachen, sondern dem Jesus glauben, vor dem Jesus uns beugen, den uns die Heiligen Schriften zeigen und der sich in der großen Prozession der Gläubigen, die wir Kirche nennen, als lebendig, als immer gleichzeitig mit uns und zugleich immer uns voraus zeigt. An der Kirche kann man sehr viel Kritik üben. Wir wissen es, und der Herr hat es uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut. Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Verzeihung gebeten für das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bösem in der Geschichte geschehen ist. So hält er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwächen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat. Im Grund ist es doch tröstlich, daß es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern dürfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Sünder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, daß wir zu dieser großen Familie gehören; daß wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben es hier in Köln, wie schön es ist, einer welt-weiten Familie anzugehören, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.

„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Liebe Freunde – das ist nicht eine weit entfernte, lang vergangene Geschichte. Das ist Gegenwart. Hier in der heiligen Hostie ist ER vor uns und unter uns. Wie damals verhüllt er sich geheimnisvoll in heiligem Schweigen, und wie damals offenbart er gerade so Gottes wahres Gesicht. Er ist für uns Weizenkorn geworden, das in die Erde fällt und stirbt und Frucht bringt bis zum Ende der Zeiten (vgl. Joh 12, 24). Er ist da wie damals in Bethlehem. Er lädt uns ein zu der inneren Wanderschaft, die Anbetung heißt. Machen wir uns jetzt auf diesen inneren Weg und bitten wir ihn, daß er uns führe. Amen.

 

 

 

BEGEGNUNG MIT DEN DEUTSCHEN BISCHÖFEN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Köln, Erzbischöfliches Palais
Sonntag, 21. August 2005

 

Liebe Brüder im Bischofsamt!

Ich danke dem Herrn, der mir am Ende dieses XX. Weltjugendtags die Freude einer Begegnung mit Ihnen hier auf deutschem Boden schenkt. Mir scheint, wir dürfen sagen, daß die Vorsehung mit ihren für uns erkennbaren Fügungen dieser Tage nicht nur mir, dem Nachfolger Petri, eine Ermutigung schenken, sondern auch der Kirche in diesem Land und vor allem Ihnen, ihren Hirten, ein Zeichen der Hoffnung bieten wollte. Allen sage ich erneut meinen tief empfundenen Dank für ihren Einsatz bei der Vorbereitung dieses Ereignisses, insbesondere Kardinal Joachim Meisner und seinen Weihbischöfen, sowie dem Präsidenten der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, und allen seinen Mitarbeitern.

Wie ich schon heute Morgen am Ende der großen Eucharistiefeier auf dem Marienfeld sagte, war Deutschland in diesen Tagen Zeuge einer eindrucksvollen Wallfahrt, und zwar nicht irgendeiner Wallfahrt, sondern einer Wallfahrt von Jugendlichen! Dieses Ereignis, zu dessen Vorbereitung die Diözese Köln und Sie alle unter Aufbringung aller Kräfte beigetragen haben, steht uns jetzt vor Augen – welch ein Grund zu Dankbarkeit gegenüber Gott, zu Nachdenken und erneutem Einsatz! Papst Johannes Paul II., der von uns allen so geliebte Initiator der Weltjugendtage, betonte gern, daß in dieser Art von Wallfahrt die Jugendlichen die Protagonisten sind und der Papst ihnen gewissermaßen folgt. Eine scherzhafte Bemerkung, die jedoch eine tiefe Wahrheit in sich birgt: Die Jugendlichen, die sich auf die Suche nach einer Fülle des Lebens begeben, führen trotz ihrer Schwächen und Fehler die Hirten dazu, ihre Fragen anzuhören und sich darum zu bemühen, daß die einzig wahre Antwort, nämlich die Antwort Christi, ihnen verständlich wird. Uns obliegt es also, dieses Geschenk, das Gott der Kirche in Deutschland bereitet hat, nutzbar zu machen, indem wir seine Herausforderung annehmen und seine Möglichkeiten auswerten.

Es ist wichtig, hervorzuheben, daß dieses Ereignis, auch wenn es außerordentlich ist, nicht isoliert dasteht. Der Weltjugendtag in Köln ist nicht – wie man so sagt – "eine Kathedrale in der Wüste". Ich denke nämlich an die vielen Gaben, welche die Kirche in Deutschland in reichem Maße besitzt. Es ist mir eine Freude, sie vor Ihnen kurz aufzuzählen, und zwar in dem Geist des Lobes und des Dankes, der diese Gnadentage beseelt hat. Nicht wenige Menschen in diesem Land leben ihren Glauben in vorbildlicher Weise, mit einer großen Liebe zur Kirche, zu ihren Hirten und zum Nachfolger Petri. Zahlreiche Gläubige übernehmen freiwillig sogar anspruchsvolle Verantwortungen im Leben der Diözese und der Pfarrei, in Vereinigungen und Bewegungen, besonders zugunsten der Jugendlichen. Viele Priester, Ordensleute und Laien erfüllen treu ihren Dienst in oft schwierigen pastoralen Situationen. Beachtlich ist auch die Großzügigkeit der deutschen Katholiken gegenüber den Ärmsten. Viele deutsche Donum-Fidei-Priester und Missionare sind in fernen Ländern beschäftigt. Durch vielfältige Institutionen ist die katholische Kirche im öffentlichen Leben gegenwärtig. Bemerkenswert ist die von zahlreichen karitativen Einrichtungen geleistete Arbeit: von Misereor, Adveniat, Missio, und Renovabis bis zur Caritas auf Diözesan- und Pfarrei-Ebene. Weitläufig ist auch das erzieherische Wirken der katholischen Schulen und anderer katholischer Einrichtungen und Organisationen zugunsten der Jugend. Das sind einige, wenn auch nicht erschöpfende, so doch bezeichnende Hinweise, die sozusagen das Bild einer lebendigen Kirche skizzieren – der Kirche, die uns im Glauben gezeugt hat und der zu dienen wir die Ehre und die Freude haben.

Wir wissen, daß es auf dem Gesicht dieser Kirche leider auch Falten gibt, Schatten, die ihren Glanz verdunkeln. Aus Liebe und mit Liebe wollen wir uns auch sie in diesem Augenblick des Feierns und des Dankens vergegenwärtigen. Verweltlichung und Entchristianisierung schreiten unaufhörlich fort. Der Einfluß der katholischen Ethik und Moral wird immer geringer. Nicht wenige Menschen verlassen die Kirche oder akzeptieren, wenn sie in ihr bleiben, nur einen Teil der katholischen Lehre. Besorgniserregend bleibt die religiöse Situation im Osten, wo die Mehrheit der Bevölkerung nicht getauft ist und keinerlei Kontakt zur Kirche hat. Wir erkennen in diesen Gegebenheiten ebenso viele Herausforderungen, und Sie selbst sind sich dessen am besten bewußt, wie aus Ihrem Pastoralbrief vom 21. September 2004 anläßlich des 1250. Jahrestags des Martyriums des heiligen Bonifatius hervorgeht. Darin bestätigen Sie mit den Worten des Jesuitenpaters Alfred Delp: "Wir sind zum Missionsland geworden." Da ich selbst aus diesem mir so lieben Land komme, fühle ich mich von seinen Problemen besonders berührt. So möchte ich Ihnen heute meine Zuneigung und meine Solidarität kundtun, zusammen mit der des gesamten Bischofskollegiums, und Sie ermutigen, vereint und zuversichtlich in Ihrer Sendung standzuhalten. Die Kirche in Deutschland muß immer missionarischer werden und sich bemühen, Wege zu finden, um den kommenden Generationen den Glauben zu vermitteln.

Das ist das Situationsbild, das der Weltjugendtag uns vor Augen hält: Er lädt uns ein, unseren Blick in die Zukunft zu richten. Die Jugendlichen sind für die Kirche und insbesondere für die Hirten, die Eltern und die Erzieher ein lebendiger Aufruf zum Glauben und zur Hoffnung. Mein verehrter Vorgänger hat bei der Wahl des Themas für diesen XX. Weltjugendtag – "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten" (Mt 2,2) – diesen Aufruf bekräftigt. Er hat eine klare Orientierungslinie für den Weg der Jugendlichen vorgezeichnet: Er hat sie angeregt, Christus zu suchen und sich dabei die Sterndeuter zum Vorbild zu nehmen; er hat sie eingeladen, dem Stern zu folgen, der ein Widerschein Christi am Firmament des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens ist. Mit seinem liebenswürdigen und starken Beispiel hat er sie erzogen, vor dem menschgewordenen Gott, dem Sohn der Jungfrau Maria, niederzuknien und in ihm den Erlöser des Menschen zu erkennen. Dieses selbe Vorbild, auf das er die Jugendlichen verwies, hat Johannes Paul II. auch den Hirten angeboten, um ihrem Dienst unter den nachwachsenden Generationen und in der gesamten Familie der Kirche die Richtung zu weisen. Tatsächlich ist dieser Weg, diese Wahrheit und dieses Leben – das, was jeder Mensch, und in beispielhafter Weise der Jugendliche, sucht – uns Hirten von Christus selbst anvertraut worden, der uns zu seinen Zeugen und zu Dienern seines Evangeliums gemacht hat (vgl. Mt 28,18-20). Darum dürfen wir weder das Suchen geringschätzen, noch die Wahrheit verbergen, sondern die fruchtbare Spannung, die zwischen beiden Polen herrscht, beibehalten: Es ist eine Spannung, die der Natur des heutigen Menschen zutiefst entspricht. Mit dem Licht und der Kraft dieser Gabe, nämlich des Evangeliums, das der Heilige Geist unaufhörlich belebt und aktuell werden läßt, können wir Christus ohne Furcht verkünden und alle auffordern, keine Angst zu haben, ihm ihr Herz zu öffnen, denn wir sind überzeugt, daß er die Fülle des Lebens und des Glücks ist.

Das bedeutet, zukunftsoffene Kirche zu sein, als solche reich an Verheißungen für die nachwachsenden Generationen. Die jungen Leute suchen nämlich keine künstlich sich jung gebende Kirche, sondern eine Kirche, die jung ist im Geist, eine Kirche die Christus, den Neuen Menschen, durchscheinen läßt. Genau das ist es, was wir uns heute zur Aufgabe machen wollen, in diesem wirklich einzigartigen Augenblick – einzigartig, insofern er ein großes Jugendereignis abschließt, das uns drängt, auf das Morgen der Kirche und der Gesellschaft zu schauen. In diesem positiven, hoffnungsvollen Licht können wir sogar die schwierigsten Fragen, die sich heute der kirchlichen Gemeinschaft in Deutschland stellen, zuversichtlich aufgreifen. Wieder einmal erweisen sich die Jugendlichen als eine heilsame Provokation für uns Hirten, weil sie von uns erwarten, daß wir gradlinig, einig und mutig sind. Wir müssen sie unsererseits zur Geduld erziehen, zum Unterscheidungsvermögen und zu einem gesunden Realismus. Jedoch ohne falsche Kompromisse, um das Evangelium nicht zu verwässern.

Liebe Brüder, die Erfahrung dieser zwanzig Jahre hat uns gelehrt, daß jeder Weltjugendtag in gewissem Sinne einen Neuanfang für die Jugendpastoral des jeweiligen Gastgeber-Landes darstellt. Die Vorbereitung des Ereignisses mobilisiert Menschen und Kräfte, und die Feier selbst bringt eine Welle der Begeisterung mit sich, die es bestmöglich zu unterstützen gilt. Es ist ein enormes Potential an Energie, das noch weiter zunehmen kann, wenn es sich im Land ausbreitet. Ich denke an die Pfarreien, die Vereinigungen, die Bewegungen; ich denke an die Priester, die Ordensleute, die Katecheten und an die in der Jugendseelsorge Tätigen. Ich nehme an, daß in Deutschland sehr viele in dieses Geschehen einbezogen waren. Ich bete, daß für jeden von ihnen damit ein Wachsen in der Liebe zu Christus und zur Kirche verbunden sein möge, und ermutige alle, gemeinsam die pastorale Arbeit unter den jungen Generationen mit einem erneuerten Geist des Dienens voranzutreiben.

Der größte Teil der deutschen Jugendlichen lebt in guten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, doch fehlt es nicht an schwierigen Situationen. In allen sozialen Schichten nimmt die Zahl der Jugendlichen aus zerbrochenen Familien zu. Leider hat in Deutschland die Jugendarbeitslosigkeit zugenommen. Außerdem sind viele junge Männer und Mädchen orientierungslos, ohne gültige Antworten auf die Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod, und auf die Fragen in Bezug auf ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Viele Angebote der modernen Gesellschaft führen ins Leere, und zahlreiche junge Menschen enden im "Fließsand" des Alkohols und der Drogen oder in den Spiralen extremistischer Gruppierungen. Ein Teil der deutschen Jugendlichen, vor allem im Osten, hat die Frohbotschaft Jesu Christi nie persönlich kennengelernt. Selbst in den traditionell katholischen Gebieten gelingt es dem Religionsunterricht und der Katechese nicht immer, dauerhafte Bindungen der Jugendlichen an die kirchliche Gemeinschaft herzustellen. Darum ist die Kirche in Deutschland darum bemüht, neue Wege zu finden, um die jungen Leute zu erreichen und ihnen Christus zu verkündigen. Der Weltjugendtag ist in dieser Hinsicht immer ein außerordentliches "Laboratorium" (um einen beliebten Ausdruck Johannes’ Pauls II. zu benutzen). Ein Laboratorium auch in Bezug auf Berufungen, denn in diesen Tagen versäumt es der Herr nicht, seinen Ruf kraftvoll im Herzen nicht weniger junger Menschen zu Gehör zu bringen. Ein Ruf, der natürlich angenommen und verinnerlicht werden muß, um tiefe Wurzeln zu schlagen und so gute und dauerhafte Früchte zu tragen. Viele Zeugnisse von Jugendlichen und Ehepaaren beweisen, daß die Erfahrung dieser weltweiten Treffen, wenn sie in einem Weg des Glaubens, der Unterscheidung und des kirchlichen Dienstes fortgesetzt wird, in reife Entscheidungen für ein Leben in der Ehe, im Ordensstand, als Priester oder als Missionar münden kann. In Anbetracht des inzwischen dramatisch werdenden Mangels an Priestern und Ordensleuten auch in Deutschland möchte ich Sie, liebe Brüder, bitten, mit neuem Schwung eine Berufungspastoral voranzutreiben, welche die Pfarreien, die Erziehungszentren und die Familien erreichen kann. Die Jugend- und die Berufungspastoral knüpft unvermeidlich an die Familienpastoral an. Ich sage nichts Neues, wenn ich hervorhebe, daß sich die Familie heute vor vielfältige Probleme und Schwierigkeiten gestellt sieht. Ich bitte Sie herzlich, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern vertrauensvoll Ihren Einsatz für die christliche Familie fortzusetzen. Das Ziel, das wir anstreben, ist, dafür zu sorgen, daß die Eheleute imstande sind, ihre Aufgabe – besonders in der christlichen Erziehung der Kinder und Jugendlichen – in vollem Umfang zu erfüllen.

Eine wichtige Rolle in der Welt der jugendlichen spielen die Vereinigungen und Bewegungen, die zweifellos einen Reichtum darstellen. Die Kirche muß diese Realitäten nutzbar machen und sie zugleich mit pastoraler Weisheit leiten, damit sie mit ihren verschiedenen Gaben auf beste Weise zum Aufbau der Gemeinden beitragen und nie in Konkurrenz zueinander treten, sondern in gegenseitiger Achtung zusammenarbeiten, um in den jungen Leuten die Freude am Glauben, die Liebe zur Kirche und die Leidenschaft für das Reich Gottes zu wecken. Zu diesem Zweck ist es unverzichtbar, daß alle, die mit den Jugendlichen und für sie arbeiten, persönlich überzeugte Zeugen Christi sind, die treu zur Lehre der Kirche stehen. Dasselbe gilt für die katholische Erziehung und die Katechese: Ich bin sicher, daß Sie nicht versäumen werden, aufmerksam darauf zu achten, daß für die Aufgaben in Religionsunterricht und Katechese Personen ausgewählt werden, die entsprechend vorbereitet und dem kirchlichen Lehramt treu sind. Eine wertvolle Hilfe für diese Aufgabe der Erziehung der nachwachsenden Generationen ist sicher das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, in dem alle wesentlichen Elemente des Glaubens und der katholischen Morallehre klar und allgemeinverständlich zusammenfassend dargestellt sind.

Liebe Brüder im Bischofsamt, so Gott will, werden sich uns noch weitere Gelegenheiten bieten, um die vielen Fragen zu vertiefen, die Ihre und meine pastorale Sorge betreffen. Dieses Mal wollte ich mit Ihnen die Botschaft aufgreifen, die uns die große Wallfahrt der Jugendlichen hinterlassen hat. Mir scheint, daß am Ende dieses Ereignisses die Bitte der jungen Leute an uns im Wesentlichen etwa so lautet: "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten. Wir sind ihm begegnet. Helft uns jetzt, seine Jünger und Zeugen zu werden!" Das ist ein anspruchsvoller Aufruf, jedoch für das Herz des Seelsorgers äußerst tröstlich! Möge die Erinnerung an die hier in Köln unter dem Zeichen der Hoffnung verbrachten Tage Ihren, ja unseren Dienst unterstützen. Ich hinterlasse Ihnen meine liebevolle Ermutigung, die zugleich eine herzliche und brüderliche Bitte ist, immer einmütig voranzuschreiten und zu wirken, auf dem Fundament einer Gemeinsamkeit, die in der Eucharistie ihren Höhepunkt und ihre unerschöpfliche Quelle besitzt. Ich vertraue Sie alle Maria an, der Mutter Christi und der Kirche, während ich jedem Einzelnen von Ihnen und Ihren jeweiligen Gemeinschaften aus ganzem Herzen einen besonderen Apostolischen Segen erteile.    

 

 

 

ABSCHIEDSZEREMONIE

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Köln, Flughafen
Sonntag, 21. August 2005

 

Am Ende meines ersten Deutschland-Besuchs als Bischof von Rom und Nachfolger Petri ist es mir noch einmal ein Bedürfnis, meinen herzlichen Dank auszudrücken für die freundliche Aufnahme, die ich selbst und meine Mitarbeiter und besonders die zahlreichen Jugendlichen erfahren durften, die anläßlich des Weltjugendtages aus allen Kontinenten in Köln zusammengekommen sind. Der Herr hat mich berufen, die Nachfolge des geliebten Papstes Johannes Paul II. anzutreten, des genialen Initiators der Weltjugendtage. Freudig habe ich dieses Erbe aufgegriffen, und ich danke Gott, daß er mir die Gelegenheit gegeben hat, gemeinsam mit so vielen Jugendlichen diese weitere Etappe ihres geistlichen Pilgerweges zu erleben, der sie von Kontinent zu Kontinent dem Kreuz Christi folgen läßt.

Ich danke allen, die sich tatkräftig dafür eingesetzt haben, daß jede Phase und jeder Moment dieses außerordentlichen Treffens geordnet und entspannt ablaufen konnte. Die gemeinsam verbrachten Tage haben vielen jungen Leuten aus aller Welt ermöglicht, Deutschland besser kennenzulernen: Wir wissen alle um das Böse, das im 20. Jahrhundert von unserem Vaterland ausgegangen ist, und bekennen es mit Scham und Trauer. Aber in diesen Tagen ist gottlob weithin sichtbar geworden, daß es auch das andere Deutschland gab und gibt – ein Land einzigartiger menschlicher, kultureller und spiritueller Werte. Ich wünsche mir, daß diese Werte auch dank dem Ereignis dieser Tage neu in die Welt ausstrahlen mögen. Nun können die jungen Menschen aus aller Welt bereichert durch die Kontakte und durch die Erfahrung des Dialogs und der Geschwisterlichkeit, die sie in verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes gemacht haben, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ich bin gewiß, daß ihr von dem für ihre Altersstufe typischen Enthusiasmus gekennzeichneter Aufenthalt bei den Menschen, die sie großzügig beherbergt haben, eine gute Erinnerung zurückläßt und so auch für Deutschland ein Zeichen der Hoffnung ist. Man kann nämlich sagen, daß Deutschland in diesen Tagen der Mittelpunkt der katholischen Welt war. Die Jugendlichen aller Kontinente und Kulturen haben, indem sie sich glaubensvoll um ihre Hirten und um den Nachfolger Petri scharten, eine junge Kirche sichtbar gemacht, die mit Fantasie und Mut das Gesicht einer gerechteren und solidarischeren Menschheit entwerfen will. Nach dem Beispiel der Heiligen Drei Könige haben sich die Jugendlichen – entsprechend dem Thema des Weltjugendtags – auf den Weg gemacht, um Christus zu begegnen. Nun reisen sie wieder zurück in ihre Regionen und Städte, um das Licht, die Schönheit und die Kraft des Evangeliums zu bezeugen, die sie erneut erfahren haben.

Es ist mir ein Bedürfnis, all denen zu danken, die diesen zahlreichen jugendlichen Pilgern ihr Herzen und Ihre Häuser geöffnet haben. Ich danke den Regierungsvertretern, den Verantwortlichen aus der Politik und den verschiedenen Zivil- und Militärverwaltungen sowie den Sicherheitsdiensten und den vielen Organisationen des Volontariats, die mit großer Hingabe für die Vorbereitung und für den positiven Verlauf aller Initiativen und Kundgebungen dieses Weltjugendtages gearbeitet haben. Ich danke denen, die die Meditations- und Gebetstreffen betreut und die liturgischen Feiern gestaltet haben, in denen uns aussagekräftige Beispiele der freudigen Vitalität des Glaubens dargeboten wurden, der die Jugendlichen unserer Zeit beseelt. Außerdem möchte ich in meinen Dank auch die Verantwortlichen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie die Vertreter der anderen Religionen einbeziehen, die bei diesem bedeutenden Treffen zugegen sein wollten. Ich wünsche mir, daß sich der gemeinsame Einsatz verstärkt, die jungen Generationen in jenen menschlichen und geistigen Werten zu erziehen, die zur Gestaltung einer Zukunft in wahrer Freiheit und in Frieden unverzichtbar sind.

Mein tief empfundener Dank gilt Kardinal Joachim Meisner, dem Erzbischof von Köln, der Diözese, die dieses weltweite Treffen beherbergt hat, ferner dem deutschen Episkopat mit seinem Vorsitzenden, Kardinal Karl Lehmann, sowie den Priestern und Ordensleuten, den Pfarrgemeinden, den Laienverbänden und den Bewegungen, die sich darum bemüht haben, den Aufenthalt der Jugendlichen so zu gestalten, daß er für sie einen geistlichen Gewinn bringen konnte. Einen von Herzen kommenden Dank richte ich an die deutschen Jugendlichen, die sich auf verschiedene Weise zur Aufnahme ihrer Altersgenossen bereitgefunden und gemeinsam mit ihnen Augenblicke des Glaubens erlebt haben, die wir als unvergeßlich bezeichnen können. Mein Wunsch ist, daß dieses kirchliche Ereignis in das Leben der Katholiken Deutschlands eingeschrieben bleibe und sie zu neuem geistlichen und apostolischen Schwung motiviere! Möge das Evangelium von allen Jüngern Christi unverkürzt aufgenommen sowie mit aller Kraft bezeugt werden und sich so als ein Ferment echter Erneuerung der gesamten Gesellschaft in Deutschland erweisen, auch dank dem Dialog mit den verschiedenen christlichen Gemeinschaften und den Anhängern anderer Religionen!

Mein ehrerbietiger und dankbarer Gruß richtet sich schließlich an die politischen, zivilen und diplomatischen Vertreter, die bei dieser Verabschiedung zugegen sein wollten. Im besonderen danke ich Ihnen, Herr Bundeskanzler, und bitte Sie, dem Präsidenten der Republik, den Regierungsmitgliedern und dem ganzen deutschen Volk meinen Dank zu übermitteln. Das Herz erfüllt von den Erlebnissen und Erinnerungen dieser Tage, trete ich die Rückreise nach Rom an und rufe auf alle die Fülle des göttlichen Segens herab für eine Zukunft sorgenfreien Wohlstands in Frieden und Eintracht.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1.Katechese zum Weltjugendtag

Joachim Kardinal Meisner, Erzbischofs von Köln
in der Eissporthalle in Neuss am 17. August 2005

Die Wahrheit als tiefen Sinn menschlicher Existenz suchen
Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben sein Stern aufgehen sehen (Mt 2,2).

Liebe Jugendliche!

1. Die Katechesen bilden gleichsam das Rückgrat des Weltjugendtages. Hier werdet ihr und auch die Katecheten mit der Thematik des Weltjugendtages konfrontiert. Gott ist Wort. „Im Anfang war das Wort, und Gott war das Wort“ (Joh 1,1), heißt es im Prolog des Johannesevangeliums. Und darum ist Gott aussprechbar und hörbar. Und das ereignet sich in den Katechesen. Gott lässt sich aussprechen, und er lässt sich hören.

Vergessen wir nicht die Benediktinerregel! Sie ist eines der Grunddokumente des Abendlandes und beginnt mit den Worten: „Höre, mein Sohn!“. Der Apostel Paulus sagt: Der Glaube kommt vom Hören (vgl. Röm 10,17). Im Anfang ist das Wort und nicht das Bild. Darum hat uns der Schöpfer zwei Ohren und nur einen Mund gegeben, damit wir doppelt so viel hören wie reden. Nun hat es der Satan, der Feind der Menschen, von Anfang an darauf angelegt, den Menschen das Gehör zu rauben. Wenn der Mensch nicht mehr hört, weiß er nicht mehr, zu wem er gehört und wohin er gehört. Und darum ist er jedem gesellschaftlichen Rattenfänger ausgeliefert.

Alle totalitären Systeme haben immer damit begonnen, den Menschen das Gehör zu rauben. Ich kann mich noch gut an meine Kindheit und Jugend erinnern: Die Kindheit im Nazireich. Dort gab es an den Sonntagen die großen Aufmärsche der SA und SS mit nazistischer Marschmusik, und im Kommunismus gellten den ganzen Samstag und Sonntag über die Lautsprecher mit sozialistischen Kampfparolen und sozialistischen Kampfliedern. Das war schlimmer als die Fabriksirenen an den Werktagen. Darum muss die Katechese ein Raum der inneren Stille werden, indem wir fähig sind, das Wort Gottes zu vernehmen und dann auch zu befolgen.

2. Nach einem außerbiblischen Christuswort wird uns der gute Rat gegeben: „Wer mit Gott zu tun haben will, braucht 10 Dinge. Neun Teile Schweigen und einen Teil Einsamkeit“. Schweigen ist unabdingbar, um nicht Gottes Wort mit seinen eigenen Worten zu verwechseln. Denn beim Gebet in der Wüste oder auf der Höhe eines Berges oder in anderen Einsamkeiten hält der betende Christus nicht Gott einen Vortrag, sondern er schweigt, bis er Gott reden hört. Neun Teile Schweigen, d.h. wir fangen dann wieder an, unsere Worte als reife Früchte zu begreifen, so wie es Jesus tut, wenn er zu unseren Worten sagt, sie seien wie Disteln oder Trauben. Trauben müssen lange reifen, bevor sie genießbar sind. Auch in der Stille der Katechesen im Weltjugendtag können Worte reifen, die wir dann zu Hause wieder den anderen sagen müssen. Jesus hat dreißig Jahre geschwiegen, ehe er dann drei Jahre gepredigt hat. Und hier gilt das Wort von Friedrich Nietzsche: „Wer einst das Wort will künden, hört still in sich selbst hinein. Und wer einst als Blitz will zünden, muss lange Wolke sein“. 

3. Wir alle sind Träger des Wortes, so wie wir alle Träger unseres Glaubens sind. Aber mein Glaube ist nicht mein Glaube, sondern mein Glaube ist dein Glaube. Und das Wort Gottes in mir ist nicht mein Wort Gottes, sondern es ist dein Wort Gottes. Wenn wir uns unseren gegenseitigen Glauben nicht zusprechen, nicht zubeten, nicht zulieben, demontieren wir den Glauben des anderen oder wir werden zum Dieb des Glaubens im anderen. Das Wort, das mir weiterhilft, kann ich mir nicht selbst sagen, es muss mir von anderen gesagt werden. Ich kann auch als Bischof nicht bei mir selbst beichten und mir selbst das Wort der Sündenvergebung sagen, sondern es muss mir ein anderer Priester sagen. Das Wort der Vergebung für mich trägt der andere in mir, nicht ich. Ich aber trage es in mir für die anderen. Und darum begegnen wir einander mit der oft unausgesprochenen Bitte: „Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Aber ich muss das Wort zunächst hören. „Höre mein Sohn! Höre meine Tochter!“, so beginnt die Benediktusregel.

4. Der Satan wird der „Diabolos“ genannt, der „Durcheinanderwirbeler“, der „Krachmacher“, der darauf aus ist, uns das Gehör zu rauben. Sein Geschäft besteht darin, den Menschen pausenlos mit Informationen zu füttern, dass er fast gehörlos wird und keine wirkliche Wegweisung empfangen kann, besonders nicht das Wort des Lebens selbst. Das Gegenbild zum Satan, der nach der Himmelfahrt Christi die Apostel aus Angst in die verschiedensten Ecken zerstreut hat, ist Maria, die die Apostel aus der Zerstreuung sammelt, sie zusammenführt: unter dem gleichen Dach, im gleichen Haus, am gleichen Tisch, nämlich im Abendmahlssaal von Jerusalem, und dort wird sie die Vorbeterin der ersten Pfingstnovene, an deren Ende das Ereignis des Pfingstwunders steht. Maria sammelt aus der Zerstreuung. Sie ist darum die „Symbola“, d.h. die „Sammlerin“, die gegen den Diabolos, den Verwirrer, antritt. Wir bitten Maria gerade in dieser Stunde der Katechese.

Von den Heiligen Drei Königen heißt es: „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm“ (Mt 2,11). Maria reicht uns auch heute das Kind, Christus, die Mitte unseres Lebens, dar. Und darum wollen wir die Regeln für wirkliches christliches Hören beachten:
1.  Setze dich still hin!
2.  Falte deine Hände, d.h. hole sie aus der Zerstreuung in die Sammlung!
3. Schließe deine Augen!
4. Neige deinen Kopf  –  und
5. leite deinen Verstand vom Kopf ins Herz!
Bei der wunderbaren Brotvermehrung, als 5.000 ausgewachsene Männer dem Herrn in die Wüste gefolgt sind, und kein Brot dabei haben, kommt es zur Krise. Sie sind am verhungern. Und Jesus sagt den Aposteln: „Lasst die Leute sich lagern!“ Dann wird Jesus das große Brotwunder wirken. Aber die Fünftausend wissen gar nicht, dass Jesus dazu fähig ist. Und auf das Wort des Herrn: „Lasst die Leute sich lagern!“, setzen sie sich tatsächlich hin ins Gras. Mit hungrigem Magen und leeren Taschen sich in der Wüste ins Gras zu setzen, kommt einem Selbstmord gleich. Aber sie glauben dem Worte Jesu, dass er sie satt machen kann. Hier ist eigentlich vor der wunderbaren Brotvermehrung das viel größere Wunder geschehen, nämlich das Wunder ihres Glaubensgehorsams: Sie setzen sich hungrig ins Gras in der Hoffnung, dass er sie satt machen kann. Und wie wir aus dem Bericht wissen, sind sie alle satt geworden und von den übrig gebliebenen Stücken wurden noch 12 große Körbe gefüllt. Das ist das Wunder der Wüste. Das ist das Wunder jetzt hier der ersten Katechese: „Lasst die Leute sich lagern!“ – „Und spricht nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott euch das Wort in diesen Tagen geben wird, das ihr vielleicht zu einer Umorientierung eures Lebens braucht. Ihr dürft nur jetzt noch nicht wissen, was es für ein Wort ist, dann würde eure Einbildung sich das einreden, sondern ihr müsst jetzt wirklich in diesen Tagen innerlich mit der Bitte leben: „Herr, sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

5. In der Stille machen wir uns auf einen Weg nach Innen. Wie hieß unsere Meditationsanleitung: „Setze dich still hin! Falte deine Hände! Schließe deine Augen! Neige deinen Kopf! Leite deinen Verstand vom Kopf ins Herz!“ Wir müssen zu dem Punkt zurück, der der Kern unseres Daseins ist. Und das ist mein Ich als Ebenbild Gottes. Dieses macht sich bemerkbar in den Sehnsüchten meines tiefsten Lebens. Und diese Sehnsüchte gilt es freizulegen. Lasst mich das an einigen Beispielen fest-machen:

Mir begegnete vor Jahrzehnten ein intelligenter Mann, der aber völlig ungläubig war. Und er bekannte mir frei und offen, dass er eigentlich an mir, dem er auch einige intellektuelle Fähigkeiten zumaß, nicht verstehen könnte, wie ich an Gott glauben könnte. Ich versuchte ihm einen Zugang zu seinem eigenen Ich zu verschaffen, indem ich ihm zwei Fragen gestellt habe. Die erste Frage lautete: „Möchtest du schlecht sein? So schlecht, dass die anderen sagen, der taugt keinen Schuss Pulver. Der ist wirklich abgrundtief böse“. Darauf gab er die Antwort: „Das möchte ich auf keinen Fall“. Dann fragte ich nach: „Aber jede Wirkung braucht eine Ursache. Du möchtest nicht schlecht sein. Worin liegt dafür die Ursache?“ Darüber hätte er noch nie nachgedacht, gab er mir zu Antwort, und er wisse auch nicht, warum das so ist. Und er fragte mit einer Gegenantwort, ob ich das wüsste? Ich sagte: „Ich weiß das“. Und als er fragte, ob ich ihm mein Wissen mitteilen könnte, sagte ich: „Auf jeden Fall! Wir sind gar nicht Originale, Urbilder, sondern wir sind Abbilder. Unser Original ist Gott selbst. Wir sind seine Abbilder. Und weil Gott als mein Urbild das höchste Gut ist, kann ich als Abbild gar nicht schlecht sein wollen. Selbst wenn ich es manchmal bin. Es ist wie bei einer Kerze, die den Kopfstand macht. Die Flamme macht den Kopfstand nicht mit. Sie brennt und leuchtet weiter immer nach oben hin. Ich kann sie drehen und wenden, wie ich will, sie wird niemals nach unten strahlen, sondern immer nach oben hin. So ist es mit den Menschen. Der Mensch kann gar nicht böse sein wollen, selbst wenn er es manchmal ist, weil sein Urbild, sein innerster Kern das Abbild Gottes ist. Und dieser Gott ist das höchste Gut. Und wenn wir manchmal nicht gut sind und wir dabei ertappt werden, dann bäumt sich gleichsam das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf. Und das wird körperlich sichtbar, indem wir anfangen zu schwitzen oder rot zu werden. Weil also unser tiefstes Ich als Abbild Gottes auf das Urbild bezogen bleibt und dieser Gott das höchste Gut ist, kann ich nicht ungut sein wollen. Ich müsste mir dann eigentlich die eigene Haut abziehen“.

Und die zweite Frage geht in die gleiche Richtung, nämlich: „Möchtest du ungeliebt sein?“ Auf diese Frage antwortete der Atheist: „Das wäre ja die Hölle“. Das ist präzise die theologische Definition dessen, was die Hölle ist. Aber woher weiß ein Atheist ohne Glaubensunterweisung und ohne Religionsunterricht die Wesensbestimmung der Hölle? Also wo liegt die Ursache für die Wirkung im Leben jedes Menschen: „Ich möchte nicht ungeliebt sein!“? – Sie liegt wiederum in unserer Gottebenbildlichkeit, weil Gott als mein Grundriss, als mein Urbild die Liebe in Person ist. Der von sich sagt: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“ (Jer 31,3), kann nicht wollen, dass sein Abbild ungeliebt ist. Das geht gar nicht. Wir müssen uns von der Oberfläche in die Tiefe unseres Lebens hineinbegeben. Das ist so wie bei einem Fluss. Wer die Qualität des Rheinwassers kosten möchte, der sollte das nicht hier im Rheinland tun, dann schmeckt der Rhein nicht mehr, sondern er muss rheinaufwärts pilgern, d.h. gegen den Strom schwimmen, zur Quelle hin. Dort kann er Geschmack am Rheinwasser finden. Aber – wie bekannt ist – können tote Fische nur mit dem Strom schwimmen. Gegen den Strom zu schwimmen, vermögen nur lebende, gesunde Fische.

Wir müssen zum Ursprung, zu unserem Urbild zurück, zu Gott, der die Liebe ist. Wem begegne ich am Ursprung meines Lebens? Gott, dem Lebendigen, der der Schöpfer von Milliarden von Milchstraßen ist. Er sagt zu seinem Volk Israel: „Mit ewiger Liebe habe ich dich  geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt“. Das gilt nicht nur für das Volk Israel, das gilt für mich ganz persönlich! Und immer wieder kann es Israel nicht fassen, dass Gott ausgerechnet dieses Volk liebt, das doch traditionell mehr Feinde hat als Volksmitglieder, so wie heute das Volk Gottes. Es hat oft mehr Feinde als Freunde. Und Gott hat dieses Volk erwählt und sagt: „Nur dich will ich“. Gott will im Kern nur Liebe. Auch im Johannesevangelium wird das ganz gut sichtbar: In Fortsetzung der Schöpfung durch das Wort wird dann das Wort, nämlich Jesus Chris-tus, Mensch, es wird Fleisch, es wohnt als Mensch gewordenes Wort unter uns Menschen, um uns leibhaft und greifbar zu lieben.

Die Kirchenväter hatten noch den Mut zu sagen: „Gott, das ewige Wort, wird Mensch, damit der Mensch wie Gott werde“. Die Schöpfung ist Größe, Schönheit und Wahrheit. Und Liebe ist Leben erhaltene Zuwendung. Wie viel Zuwendung braucht ein Menschenkind, um erwachsen zu werden? Und nun dürfen wir uns sagen lassen: Gottes Liebe sprengt alle Begriffe. Sie ist schier ohne Maß, wie der Weltraum ohne Zahl ist. Das Geheimnis aller Dinge ist Liebe, wie Gott sie meint. „Liebst du mich?“, fragt Jesus den Petrus in Johannes 21. Und Petrus antwortet: „Ja, Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe, obwohl ich doch der bin, der dich verleugnet hat, der nicht die Kraft hatte, in der Stunde der Anfechtung durchzuhalten und treu zu sein“. Die Liebe des Petrus ist ungebrochen geblieben. Das ist sehr wichtig. Jesus nimmt diese Liebe des untreuen Jüngers ebenso an wie die Liebe der sündigen Frau Maria Magdalena. Die Liebe des Jüngers zu Jesus ist eine arme Liebe, aber sie ist eine Liebe, die trotz Untreue wieder durchbrechen kann und ihren Sinn, ihren Ort, ihren Ursprung sucht. Und Jesus nimmt sie an. Dass nur „Du“ ist daher gegenseitig und es heißt Liebe.

Jeder begegnet Gott zunächst allein. So lebt auch jeder zunächst allein und stirbt einmal allein und muss sich allein verantworten. Die anderen, auch der liebste Mensch, können nur dabei sein, können mich nur stützen. Aber jeden Einzelnen liebt Gott. Für jeden Einzelnen ist er Mensch geworden. Jedem Einzelnen ist er näher als dieser sich selbst nahe ist. Wenn Gott, der Schöpfer von Milliarden Planetensystemen, so unendlich groß ist, darf auch jeder Einzelne damit rechnen, dass ein unfassbar großes Stück Liebe Gottes nur ihm gehört. Und das verbindet uns miteinander. Darum sagt Petrus: „Ihr seid ein auserwähltes Volk, eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9). Uns verbindet mit den Heiligen Drei Königen nicht nur das Suchen, sondern auch unsere Herkunft. Wir sind wie sie von königlicher Herkunft und königlicher Würde. Wir können gar nicht hoch genug von uns selbst denken.

6. Auch die Heiligen Drei Könige wurden von dieser inneren Unruhe, von ihrer Sehnsucht, die im Kern ihres Wesens seinen Ursprung hat, auf die Beobachtungstürme getrieben, um den Himmel nach Zeichen der Liebe Gottes abzusuchen. Und dann fanden sie den Stern. Und dann ging das große Abenteuer los. Sie brachen auf, sie machten sich auf den Weg, sie orientierten sich am Stern. Und wenn er vor ihren Augen verschwand, suchten sie, fragten sie, beobachteten sie aufs Neue, bis sie wieder ihres Leitsternes ansichtig wurden und zum Ziele kamen.

 Der Weltjugendtag in Köln ist zunächst die Einladung zum Hineinhorchen in meinen Ursprung, dort wo das Ebenbild Gottes mein Ich geprägt hat, und aus dem alle Sehnsucht, Unruhe und Heimweh nach dem Heiligen, nach dem Guten, nach dem Schönen, letztlich nach Gott, aufbricht. Und ihr als junge Menschen seid noch nicht so weit von der Schöpferhand Gottes entfernt wie wir Älteren. In euch wirkt darum die nähere Gegenwart der Schöpferhand viel stärker nach dem Reinen, Guten und Schönen, d.h. nach Gott nach als bei uns Älteren. Und wenn wir dann wieder nach Hause fahren, geht es so wie bei den Heiligen Drei Königen. Wir brechen auf zu mehreren. Wir haben dann, was wir in Köln an Orientierung empfangen haben, bei uns zu Hause anzustreben. Ich weiß das mit Glaubensgewissheit, mit jedem von uns hat Gott etwas Bestimmtes, Einmaliges, nicht Wegdelegierbares im Leben vor. Das Gelingen unseres Lebens hängt davon ab, das zu erkennen und zu vollbringen.

 Wir alle haben nur ein Leben. Im Leben, Glauben und Lieben gibt es nicht wie beim Autofahren-Lernen eine verantwortungsfreie Zeit der Fahrschule. Nein, im Leben, Glauben und Lieben ist man sofort vollverantwortlicher Verkehrsteilnehmer. Es gibt Leben, Glauben und Liebe nicht auf Probe. Hier ist gleich der Ernstfall da.

 Wie bekomme ich mit, was Gott von mir will? Hier rate ich jedem dringend in diesen Tagen zu einer guten Beichte, vielleicht zu einer Lebensbeichte. Das geschieht bei den Weltjugendtagen immer sehr häufig. Wir müssen die Seele, das Herz entrümpeln von aller Sünde, von allem Schmutz und Schutt, der sich in uns angesammelt hat, damit wir den Überblick wieder über uns selbst finden. Gott möchte in Köln beim Weltjugendtag jeden seiner Berufung gewiss machen, damit die Welt nicht zu lange auf die kommenden Mutter Teresas warten muss, auf die schon erwählten Edith Steins in eurer Mitte, auf die Maximilian Kolbes und wie sie alle heißen.

Aber lasst mich noch einige andere Zugänge von der Oberfläche unseres Lebens in die Tiefe unseres Daseins zum Ursprung, wo das Gottesbild spürbar wird, suchen. Es gehört zu unserem Dasein, dass wir unseren inneren Hunger nach Ewigkeit, nach Unendlichkeit, nicht stillen können. Mir ist es in meinem Leben immer so ergangen: Wenn ich irgendetwas erstrebte – etwa ein schönes Bild haben wollte – und es dann mit mehr oder weniger Schwierigkeiten erreichte, hat es mich 14 Tage bis 4 Wochen fasziniert, und dann ist es wieder alltäglich geworden. Dann richtete sich mein Begehren schon wieder auf andere Objekte. Und wenn ich das andere gefunden hatte, ging der gleiche Prozess weiter: Es wurde alltäglich, und mein Sehnen war nicht gestillt. Unsere Sehnsucht ist hier in dieser Welt unstillbar. Sie treibt uns von einem Ziel zum anderen. Wie der große Augustinus sagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“. Dann haben wir nicht etwas, sondern dann haben wir IHN, der unser ein und alles ist.

Oder das Gesetz der Enge unseres Daseins zeigt uns ebenfalls, dass der Zuschnitt unserer Person Gott ist und nicht der Mensch. Das wird mir auch immer wieder deutlich, wenn ich mir zum Beispiel ein bekanntes Musikstück anhöre und mich dort schon auf ein ganz spezielles Stück freue, dann entgleitet es mir sofort. Ich möchte es festhalten, aber es ist nicht festzuhalten. Es hat mich glücklich gemacht und zugleich schmerzlich berührt. Ich möchte es vergegenwärtigen, aber es geht nicht. Es fließt weiter. Darin zeigt sich die Beschränktheit unseres irdischen Daseins, an dem sich die Sehnsucht unseres Herzens reibt. Die Musik ist sehr intensiv, aber wenig extensiv. Ein Bild dagegen ist sehr extensiv, es hängt immer vor mir, aber es ist wenig intensiv.

Wer etwa in 14 Tagen ganz Italien bereist, der hat einen großen Erlebnisumfang, aber einen ganz kleinen Erlebnisinhalt. Wer etwa dagegen 14 Tage lang nur in der italienischen Stadt Florenz bleibt, der hat einen kleinen Erlebnisumfang und einen großen Erlebnisinhalt. Je größer der Erlebnisumfang, desto kleiner ist immer der Erlebnisinhalt. Beides ist in dieser Welt nicht zu haben. Und daran reibt sich meine Unendlichkeitssehnsucht. Und das zeigt an, dass wir nach einem anderen Maß geschaffen sind als nach dem Maß des Menschen oder nach dem Maß der Welt. Die Welt und der Mensch sind als Maß für den Menschen immer zu klein.

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Gott.“ – Wozu seid ihr nach Köln gekommen? – Die Antwort gibt das Weltjugendtagsmotto: „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“. Uns treibt die innere Sehnsucht nach einem großen, erfüllten und gelungenen Leben auf die Straßen, wie die Heiligen Drei Könige, um den zu suchen und den zu finden, der der Ursprung und das Ziel unseres Lebens ist:  Gott, der alles in allem ist; Gott, der mein Leben groß macht.

Wenn ein Hochspringer über die Messlatte springen möchte, dann muss er auf Höheres ansetzen als auf sich selbst. Wer glaubt, der setzt auf Höheres an als auf sich selbst, nämlich auf Gott. Und wenn er dann über die Messlatte gesprungen ist, dann hört er am liebsten das Lob: „Da hast du dich aber selbst übertroffen!“. Wer glaubt, der übertrifft sich selbst. Dazu sind wir berufen, wie Maria, die dann im Magnifikat bekennt: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan“ (Lk 1,49). Großes tut an euch der Mächtige.  

   Joachim Kardinal Meisner
   Erzbischof von Köln